Freitag, 24 November 2017
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Warum sich die Welt zum Vorteil der Vereinten Nationen verändert hat / von Ban Ki-moon --- Gastkommentar in Newsweek International vom 4. Juni 2007

Jeden Morgen geht es mir ähnlich wie vermutlich auch Ihnen. Wir greifen zur Zeitung oder schalten den Fernseher ein – ob in New York, in Lagos oder in Jakarta – und konsumieren Tagesmeldungen über menschliches Leiden. Libanon. Darfur. Somalia. Natürlich, als Generalsekretär der Vereinten Nationen bin ich wenigstens in der Lage zu versuchen, etwas in Bezug auf diese Tragödien zu tun. Und das tue ich auch, Tag für Tag.

  Als ich vor nahezu fünf Monaten dieses Amt antrat, machte ich mir keine Illusionen. Einer meiner verehrten Vorgänger tat den berühmten Ausspruch, es handle sich um „den unmöglichsten Job der Welt“. Ich selbst habe schon scherzhaft bemerkt, ich sei mehr Sekretär als General; der Generalsekretär ist ja genauso wenig mächtig wie der Sicherheitsrat einig ist. Einigkeit hat sich uns in der Vergangenheit wie auch heute oft entzogen. Und dennoch bin ich heute so optimistisch wie am Tag meines Amtsantritts.
     
Dies lässt sich vielleicht schwer verstehen, wenn man bedenkt, wie groß und wie unzugänglich viele der Probleme sind, denen wir uns gegenübersehen – am meisten wohl im Nahen Osten. Bei steigender Nachfrage an jeder Front, von der Friedenssicherung
über die humanitäre Hilfe bis zur Gesundheit, wird von den Vereinten Nationen heute mehr gefordert als je zuvor, während gleichzeitig die für diese Aufgaben zur Verfügung stehenden Mittel verhältnismäßig knapper werden. Überlegen Sie sich andererseits, wie sich die Welt in den letzten Jahren in mancher Hinsicht zum Vorteil der Vereinten Nationen verändert hat.

Von Irak abgesehen, lässt sich heute auch aus vielen anderen Gründen eine neue Wertschätzung für den Multilateralismus und die Diplomatie als Mittel zur Krisenbewältigung feststellen. Fragen der „weichen Macht“ – das natürliche Betätigungsfeld der Vereinten Nationen – stehen inzwischen ganz oben auf der globalen Agenda. Allein im letzten Jahr hat sich, um nur ein Beispiel zu nennen, ein Konsens über den Klimawandel und die Gefahren der globalen Erwärmung herausgebildet. Führende Persönlichkeiten von Bill Gates über Tony Blair bis zu Bono engagieren sich dafür, den Vereinten Nationen bei der Erreichung ihrer Millenniums-Entwicklungsziele behilflich zu sein, von der Verringerung der Armut bis zur Eindämmung von HIV/Aids und Malaria.
     
Was vielleicht am optimistischsten stimmt, ist die Tatsache, dass die Unterstützung der Vereinten Nationen in der Öffentlichkeit nach wie vor beachtenswert hoch ist. Aus einer neuen Umfrage von WorldPublicOpinion.org geht hervor, dass eine große Mehrheit (74 Prozent) der Auffassung ist, die Vereinten Nationen sollten eine stärkere Rolle in der Welt spielen, ob es nun um die Verhütung von Völkermord, den Schutz von Nationen vor Angriffen oder die energische Untersuchung von Menschenrechtsverstößen geht. Sogar in den Vereinigten Staaten, in denen sich in letzter Zeit Desillusionierung über die Vereinten Nationen breit gemacht hat, sind drei von vier Amerikanern für stärkere Vereinte Nationen, und nahezu gleich viele erwarten, dass die Außenpolitik des Landes in Partnerschaft mit ihnen betrieben wird. Für die VN macht all dies auch einen Klimawandel aus. Ich würde diesen Moment nicht unbedingt mit der Geburtsstunde der Vereinten Nationen in San Francisco gleichsetzen – aber weit davon entfernt sind wir vielleicht nicht, wenn wir nur die Gelegenheit nutzen.
     
Wir Koreaner sind energische Menschen. Wir sind von Natur aus geduldig, aber hartnäckig und entschlossen, das zu erreichen, was wir uns vorgenommen haben. Wie viele meiner Landsleute glaube ich an die Macht der Beziehungen. Jahrelang trug ich in meiner Brieftasche (neben Listen mit Handels- und Wirtschaftsstatistiken) ein abgegriffenes Stück Papier mit chinesischen Schriftzeichen, von denen jedes zu einem bestimmten Lebensalter und Lebensabschnitt gehörte. Mit 30 sind Sie im besten Alter. Mit 50, sagt man, kennen Sie Ihr Schicksal. Mit 60 besitzen Sie die Weisheit des „sanften Ohrs“.
     
Ich befinde mich in dieser letzten Phase. Zu ihr gehört mehr als nur Zuhören, so wichtig das auch sein mag. Am besten lässt es sich vielleicht als Urteilsfähigkeit bezeichnen – man ist in der Lage, eine Person oder eine Situation in ihrer Gesamtheit zu sehen, das Gute wie auch das Schlechte, und trotz bestehender Meinungsverschiedenheiten, egal wie ausgeprägt diese sein mögen, ein persönliches Verhältnis und wirksame Arbeitsbeziehungen herzustellen. Ich hoffe, dass dies das Kennzeichen meiner Amtszeit als Generalsekretär sein wird. Ich glaube an das Zugehen auf andere, Dialog vor Konfrontation. Manchmal wird diese Art der Diplomatie öffentlich sein; mitunter wird sie hinter den Kulissen stattfinden, da dort die Chancen auf Erfolg oft am größten sind.
     
Beachten Sie, dass ich das Wort „Chancen“ benutze. Erfolg ist selten vorherbestimmt. Wichtig ist, es zu versuchen, so wie ich es in Darfur getan habe – einer meiner höchsten Prioritäten. Gemeinsam mit meinen Partnern in Washington und anderen habe ich auf mehr Zeit für Verhandlungen mit dem Präsidenten Sudans, Omar al-Baschir, über die Entsendung einer internationalen Friedenssicherungstruppe unter dem Dach der Afrikanischen Union gedrängt. Bislang lässt sich nur ein Teilerfolg verzeichnen – das Einverständnis der Regierung in Khartum, 3.500 Blauhelme zu akzeptieren, weit weniger als die 20.000, die für notwendig gehalten werden. Ich bin nach wie vor zuversichtlich, dass beharrliche Diplomatie noch zu zufriedenstellenderen Ergebnissen führen kann. Dennoch sterben weiterhin Unschuldige, und es ist auch klar, dass die zur Verfügung stehende Zeit nicht unbegrenzt ist.

In ebendiesem Geiste habe ich innerhalb von vier Monaten ebenso viele Male den Nahen Osten besucht, wo ich unter anderem mehrfach persönlich und am Telefon mit dem syrischen Präsidenten Baschar al-Assad gesprochen habe, zuletzt in Damaskus. Auch hier besteht mein Ziel im Aufbau einer Beziehung, die dazu beitragen könnte, die Ereignisse im Libanon zu entschärfen und Syrien schließlich wieder voller in die internationale Gemeinschaft zu integrieren. Stille Diplomatie funktioniert nicht immer, wie ich zu sagen pflege. Doch sie kann funktionieren, selbst in Situationen höchster Anspannung, wie wir vor nicht allzu langer Zeit an der hinter den Kulissen zustande gekommenen Beilegung der Geiselkrise zwischen Großbritannien und Iran gesehen haben.
     
Nächste Woche treffen die Industrienationen der G-8 in Deutschland zusammen, um unter anderem den Klimawandel zu erörtern, ein Anliegen, das ich mir voll zu eigen machen will. Allzu oft reden wir von der globalen Erwärmung als von etwas technischem. Wir sprechen von CO2-Handel, globalen Emissionsgrenzwerten, neuen Technologien, von kraftstoffsparenderen Autos bis zur Solarkraft. Dass diese alle wichtig sind, braucht nicht betont zu werden.
     
Es ist jedoch der unmittelbarere menschliche Aspekt des Klimawandels, den ich in den Vordergrund stellen würde, nämlich die dem Phänomen innewohnende Ungleichheit. Obschon die globale Erwärmung uns alle betrifft, betrifft sie uns alle in unterschiedlichem Maße. Reiche Nationen verfügen über die Ressourcen und das Know-how, sich anzupassen. Eines Tages mag es in Schweizer Skiorten keinen Schnee mehr geben – wie ein Kollege, gerade von Ferien in den Alpen zurückgekehrt, mir erzählt –, doch könnten ihre Täler durchaus zu einer „neuen Toskana“ werden, umgeben von sonnigen Weinbergen. Für Afrika, das schon heute ein Opfer der Wüstenbildung ist, oder für die Inselbewohner Indonesiens, die in Angst davor leben, dass ihre Inseln im Meer versinken werden, sind die zu erwartenden Auswirkungen weitaus prekärer.

Wenn es ein Leitmotiv für meine Arbeit gibt, eine Vision gleichsam, dann ist es diese menschliche Dimension – der Wert, den das Sich-Auseinandersetzen mit anderen und vertrauensvolle, aber klarblickende diplomatische Beziehungen letztlich besitzen, verbunden mit dem Bewusstsein dafür, wie globale Politik – unsere Politik – sich auf die einzelnen Menschen und unser tägliches Leben auswirken. Wenn wir auch jeden Morgen in der Zeitung Berichte über menschliche Tragödien lesen: Wie oft hören wir wirklich die Stimmen der Betroffenen, und wie oft versuchen wir mit unserer ganzen Kraft und Entschlossenheit, ihnen zu helfen? Ich verspreche Ihnen, dass ich das tun werde.

Ban Ki-moon, ehemaliger Außenminister der Republik Korea, legte im Dezember letzten Jahres seinen Amtseid als achter Generalsekretär der Vereinten Nationen ab.

Der Verfasser ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.


Deutsche Übersetzung: Deutscher Übersetzungsdienst der Vereinten Nationen


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