Donnerstag, 23 November 2017
UNRIC logo - Deutsch
                

Gastkommentar von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon zum G8-Gipfel in Heiligendamm in der International Herald Tribune vom 6. Juni 2007

Die Fronten sind dann also klar. Kurz vor der Begegnung der Industrieländer der Gruppe der Acht in Heiligendamm haben sich die Kräfte, die gegen die Klimaerwärmung angehen wollen, in zwei widerstreitende Lager gespalten. Deutschland und Großbritannien streben rasche Gespräche über einen neuen Klima-Vertrag an, der mit dem Auslaufen des Kyoto-Protokolls im Jahr 2012 in Kraft treten soll. Sie sprechen davon, mit strengen Maßnahmen die Kohlendioxid-Emissionen einzudämmen und den Anstieg der globalen Durchschnittstemperatur auf zwei Grad Celsius in den nächsten vier Jahrzehnten zu begrenzen. Die USA bieten eine eigene Initiative an und sprechen sich gegen die nach ihrer Auffassung willkürlichen Ziele und Zeitpläne aus.

Wir werden sehen, wie dies alles weitergehen wird. Doch während die USA und Europa debattieren, sind einige grundlegende Tatsachen unbestritten. Erstens sind die wissenschaftlichen Erkenntnisse eindeutig. An der Erderwärmung gibt es keinen Zweifel; wir Menschen sind dabei die Hauptverursacher. Mit jedem Tag werden neue Beweise vorgelegt, sei es der letzte Greenpeace-Bericht über das Abschmelzen der Gletscher von Mt. Everest oder die Entdeckung der vergangenen Woche, dass der Antarktische Ozean kein weiteres Kohlendioxid aufnehmen kann. Man stelle sich nur vor: die Kapazität des größten Kohlendioxidspeichers der Welt ist ausgelastet.

Zweitens besteht der Handlungsbedarf jetzt. Die meisten Wirtschaftsexperten sind sich darüber einig, dass es viel kostspieliger sein wird, nicht zu handeln als umgehend Maßnahmen zu ergreifen, und zwar wahrscheinlich um mehrere Größenordnungen. Der Schaden, den der Hurrikan Katrina in New Orleans angerichtet hat, steht vielleicht – oder vielleicht auch nicht – im Zusammenhang mit der globalen Erwärmung. Dennoch ist er eine nützliche Warnung vor den finanziellen und sozialen Gefahren, die mit Verzögerung einhergehen. Ebenso offenkundig ist es, dass wir es uns nicht länger leisten können, unsere Optionen unendlich lange abzuwägen. Die Lösung des Tages, der CO2-Handel, ist nur eine Waffe in unserem Arsenal. Neue Technologien, Energieeinsparung, Waldprojekte und erneuerbare Treibstoffe sowie private Märkte müssen allesamt Teil einer langfristigen Strategie sein. Das Gleiche gilt für die Anpassung. Schließlich können Maßnahmen zur Abschwächung des Klimawandels nur begrenzt viel bewirken.

Bei dem Dritten, in meinen Augen Wichtigsten, geht es um eine grundlegende Frage der Gerechtigkeit, eine Frage der Werte, die zu den großen moralischen Ansprüchen unserer Zeit gehört. Die Erderwärmung betrifft uns alle, doch betrifft sie uns auf unterschiedliche Weise. Die reichen Nationen verfügen über die Ressourcen und das Know-how, sich anzupassen. Ein afrikanischer Landwirt, der infolge von Dürre und Sandstürmen seine Ernte oder seine Herde einbüßt, oder ein Inselbewohner Tuvalus, der in der Angst lebt, dass sein Dorf bald unter den Wellen versinken könnte, ist sehr viel anfälliger. Es ist die bekannte Kluft zwischen Reich und Arm, zwischen Nord und Süd. Um es ganz deutlich zu sagen: die von den entwickelten Ländern vorgeschlagenen Lösungen für die globale Erwärmung dürfen nicht zu Lasten unserer weniger begünstigten Nachbarn gehen. Wie können wir unser auf früheren G8-Tagungen so feierlich festgelegtes Millenniums-Entwicklungsziel erreichen, die Armut in der Welt zu halbieren, wenn wir die Bestrebungen der Entwicklungsländer nach einen größeren Anteil am weltweiten Wohlstand missachten?

Die menschliche Dimension sollte uns bei jedem Problem bewusst sein, dem wir, die Völker der Welt, heute gegenüberstehen, so auch beim Klimawandel. Ich halte dies für eine Pflicht, eine Erweiterung der heiligen Schutzverpflichtung, auf der die Vereinten Nationen aufbauen. Jeden Tag gehe ich durch die Eingangshalle am Amtssitz der Vereinten Nationen in New York, wo einige der weltberühmtesten Fotojournalisten gerade ihr Werk ausstellen. Mit ihren Bildern veranschaulichen sie die allzu oft ungesehenen Gesichter und ungehörten Stimmen von Menschen aus aller Welt, von denen viele tagtäglich schwere Not zu leiden haben, die durch den Klimawandel noch verschlimmert wird.

Unsere Debatten im Sicherheitsrat – oft langweilige, in undurchsichtiger Diplomatensprache geführte Veranstaltungen – erwachen manchmal überraschend zum Leben und sind dann für einige Augenblicke alles andere als diplomatisch. So erinnere ich mich an eine Debatte im April, bei der der Vertreter Namibias seine Meinung zu den Gefahren des Klimawandels sagte. „Dies ist keine akademische Übung“, rief er aus, „für mein Land ist es eine Sache von Leben oder Tod!“

Er erzählte davon, wie die Namib- und die Kalahari-Wüste sich ausbreiten, Ackerland zerstören und ganze Landstriche unbewohnbar machen. Ich musste dabei an mein Heimatland Korea denken, das immer häufiger an Sandstürmen zu ersticken droht, die von der immer weiteren Wüste Gobi aus über das Gelbe Meer hinwegfegen. Die Malaria habe Gebiete erfasst, in denen sie einst unbekannt war, fuhr der namibische Vertreter fort. In einem Land, das für seine biologische Vielfalt berühmt sei, stürben Tier- und Pflanzenarten aus. Entwicklungsländer wie Namibia seien zunehmend dem ausgesetzt, was er als „niederschwellige biologische oder chemische Kriegführung“ beschrieb.

Dies sind starke Emotionen, aus dem Leben gegriffen und nicht herbeifantasiert. Für die Menschen in den entwickelten Ländern ist es wichtig, sie zu hören und entsprechend zu handeln. Diese Botschaft werde ich im Laufe der kommenden Tage in Heiligendamm vortragen. Aus dem gleichen Grund werde ich bald eine Sondertagung auf hoher Ebene über den Klimawandel einberufen, die, wie von Bangladesch, den Niederlanden, Norwegen und Brasilien sowie Singapur, Barbados und Costa Rica gefordert, im September vor der Jahrestagung der VN-Generalversammlung stattfinden soll. Darum habe ich auch vor kurzem drei Sondergesandte ernannt, mit dem Auftrag, sich für die Interessen und Anliegen der Nationen einzusetzen, die am meisten durch den Klimawandel gefährdet sind und in denen die überwiegende Mehrheit der Weltbevölkerung lebt.

Ich begrüße die soeben von Präsident George Bush abgegebene Erklärung, dass er auch eine amerikanische Klimaschutzinitiative in die Wege leiten will. Ich spreche mich nachdrücklich dafür aus, dass dies in dem globalen Gesprächsforum der Vereinten Nationen geschieht, damit unsere Bemühungen sich ergänzen und gegenseitig verstärken können. Im Dezember werden die Führer der Welt in Bali erneut zusammentreffen, um auf dem aufzubauen, was in dieser Woche in Deutschland und auf diesen späteren Treffen beschlossen wird.

Eines müssen wir bedenken: von einer weniger als global ausgelegten G8-Vereinbarung lassen sich keine Lösungen für ein globales Problem erhoffen. Es ist an der Zeit für neue Denkansätze und neue Gemeinsamkeit. Wir können nicht länger so weitermachen wie bisher.

Der Verfasser ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.



Deutsche Übersetzung: Deutscher Übersetzungsdienst der Vereinten Nationen




Praktikant/-in für Bonner UNRIC-Büro gesucht

UNRIC bietet im Bonner Büro ein 8- bis 12-wöchiges Praktikum ab März 2018 an.
Bewerber/-innen sollten sich noch im Studium befinden, oder vor kurzem ihr Studium beendet haben und erste Erfahrungen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder im Journalismus besitzen.
Sehr gute Englisch- und Deutschkenntnisse sind Voraussetzung. Das Praktikum ist unbezahlt.
Bitte senden Sie Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen an:
[email protected]

UNRIC Verbindungsbüro in Deutschland, Bonn
Tel.: +49 (0)228 / 815-2773 / 2774
Fax: +49 (0)228 / 815-2777

UN Card 2016 DE 250px front