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Gastbeitrag in DIE ZEIT von John Holmes: "Hoffnung statt Hass"

Gastbeitrag in : DIE ZEIT vom 5.3.2008

"Hoffnung statt Hass"

Der Hilfskoordinator der Vereinten Nationen fordert in einem Gastbeitrag von Israel humanitäre Erleichterungen für die Not leidenden Palästinenser im Gazastreifen, damit der Frieden noch eine Chance hat

Von John Holmes

Kürzlich war ich in Gaza, einem der am dichtesten besiedelten Gebiete, die es gibt. Das zunehmende Elend der Menschen, das ich dort sah, zeigt nur zu klar das zunehmende Auseinanderdriften zwischen den Zielen und Hoffnungen des wiederbelebten Friedensprozesses im Nahen Osten und der harten Realität der sich verschlechternden Lage vor Ort. Dieses Auseinanderdriften kann sich als verheerend für die Friedensanstrengungen erweisen und einer der größten Flüchtlingsgruppen dieser Welt schweren Schaden zufügen, wenn jetzt nicht schnell gehandelt wird.

Die 1,5 Millionen Menschen in Gaza – mehr als die Hälfte von ihnen ist unter 18 Jahre alt – leiden unter der eingeschränkten Bewegungsfreiheit, die von Israel seit der Machtübernahme der Hamas im Juni 2007 weiter verschärft worden ist. Im September erklärte die israelische Regierung das Gebiet zum „feindlichen Territorium“, was den Weg ebnete, die wirtschaftliche Schlinge noch enger zu ziehen. Die Bevölkerung muss mit den abnehmenden Vorräten und Ressourcen fertig werden. Betroffen sind besonders die, die am verletzlichsten sind: Kinder, Ältere und Schwache.

Die Sicherheitsinteressen Israels sind verständlich. Die willkürlichen Raketenangriffe palästinensischer Extremsten von Gaza aus auf israelisches Gebiet müssen sofort aufhören. Es kann keine Legitimation solcher kriminellen Taten geben. Ich habe mir selbst ein Bild von den Verletzungen und seelischen Schäden gemacht, die die Menschen in der Stadt Siderot, im Süden Israels, jahrelang durch die Raketenangriffe aushalten mussten und müssen.

Dennoch benötigt Gaza dringend Nahrungsmittel-Lieferungen, Waren und Ersatzteile aller Art, um die Wasser- und Elektrizitätsversorgung aufrechtzuerhalten. Fast 80 Prozent der Bevölkerung dort hängt von der Nahrungsmittelhilfe der UN und anderer humanitärer Partner ab. Seit Juni 2007 wurden 85 Prozent der industriellen Fertigungsstätten in Gaza geschlossen. Mehr als die Hälfte der Menschen sind ohne Arbeit. Sauberes Trinkwasser ist nur noch sporadisch vorhanden. 40 Millionen Liter ungeklärte Abwässer werden jeden Tag ins Mittelmeer eingeleitet - mit unermesslichen Folgen für die Umwelt.

Von allen Mängeln des Gazastreifens ist jedoch Hoffnung das wichtigste Gut, weil es das wichtigste aller menschlichen Bedürfnisse ist. Sie zu geben, um dem wachsenden Extremismus Einhalt zu gebieten, ist eine politische Aufgabe. Eine Aufgabe, für die verantwortungsbewusste Führer gebraucht werden – israelische wie auch palästinensische –, welche die großen Risiken wagen, die man für den Frieden eingehen muss.

Man kann sich die Verzweiflung und das Gefühl von Erniedrigung in diesem riesigen Freiluft-Gefängnis kaum vorstellen. Das Pulverfass wartet nur noch auf den zündenden Funken. Aber niemand kann Interesse daran haben, den Gazastreifen explodieren zu sehen; vor allem liegt dies nicht im Sicherheitsinteresse Israels.

Wie können wir das Leid lindern und dazu beitragen, die Spannungen abzubauen? Zuerst einmal benötigen die humanitären Organisationen unmittelbaren, unbeschränkten und regelmäßigen Zugang für all ihre Güter und Mitarbeiter, anstatt des momentan widerwillig gestatteten Zugangs. Es werden zurzeit humanitäre und Entwicklungsprojekte der UN im Wert von 213 Million Dollar blockiert, weil die Rohstoffe - vor allem Zement - dafür fehlen. Ich habe den Führern Israels nahegelegt, Lieferungen durchzulassen, damit diese wesentlichen Projekte weitergeführt werden können.

Zweitens müssen die Grenzübergänge geöffnet werden. Ohne freien Fluss von Gütern und Arbeit in den Gazastreifen und aus ihm heraus wird die darniederliegende Wirtschaft dort nicht wieder auf die Beine kommen. Die Öffnung des zentralen Übergangs für die Wirtschaft, Karni, wäre ein entscheidender erster Schritt. Die Palästinenserbehörde hat konstruktive Vorschläge gemacht, wie das umgesetzt werden kann, ohne dabei Israels Sicherheit zu gefährden.

Drittens muss Hamas das Abfeuern der Kassamraketen aus dem Gazastreifen bedingungslos stoppen. Das ist ein unüberlegter Akt. Die Raketen verletzen und töten Zivilisten und provozieren wirtschaftliche und militärische Reaktionen, die die Notlage der Menschen im Gazastreifen nur verschlimmern.

Viertens ist der wirtschaftliche Druck auf den Gazastreifen nicht vereinbar mit Israels Verpflichtung, internationales humanitäres Recht zu beachten. Auch dieser Druck muss aufhören. Die Mehrheit der Bewohner des Gazastreifens sollte nicht für die kriminellen Handlungen einer gewaltbereiten, extremistischen Minderheit bestraft werden. Das derzeitige Zähnefletschen ruft nur noch mehr Gewalt und Leiden hervor.

Letztendlich sollten wir unser Ziel nicht aus den Augen verlieren, dass zwei Staaten Seite an Seite in Frieden leben wollen und eine sicherere und blühende Zukunft für ihre Menschen schmieden. Es scheint ehrgeizig zu sein, aber es ist der einzige langfristig mögliche Weg. Frieden kann nicht durch Wut geschaffen werden oder durch die Verweigerung von Würde. Die einzige effektive Lösung, um dieses Leid zu beenden, bietet ein gerechter und dauerhafter Friedensschluss. Darauf sollten alle unsere Bemühungen abzielen, damit aus Hass Hoffnung wird.

Der Autor ist Untergeneralsekretär für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator der Vereinten Nationen.

 

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