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Das neue Gesicht des globalen Hungers/ von Ban Ki-Moon, Gastkommentar im Handelsblatt vom 13.03.2008

Die Preise für Nahrungsmittel steigen rapide und die Bedrohung durch Hunger und Unterernährung wächst. Millionen der Menschen, die am verletzlichsten sind, sind gefährdet. Eine effektive und schnelle Antwort ist jetzt nötig.

Durch das erste Millenniums-Entwicklungsziel, das von den Staats- und Regierungschefs beim UNO-Gipfel im Jahr 2000 aufgestellt worden war, soll die Zahl der Menschen, die an Hunger leiden bis 2015 halbiert werden. Allein dies war schon eine große Herausforderung, vor allem in Afrika, wo viele Länder hinter dieses Ziel zurückgefallen sind. Aber jetzt stehen wir vor noch viel gewaltigeren Herausforderungen.

Die Preise für Grundnahrungsmittel wie Weizen, Mais und Reis erreichen Rekordhöhen; in den letzten sechs Monaten stiegen sie um 50 Prozent und mehr. Die weltweiten Nahrungsmittelvorräte befinden sich auf einem historischen Tief. Die Gründe reichen von der steigenden Nachfrage großer Volkswirtschaften wie Indien und China bis zu klimatischen und wetterbedingten Ereignissen wie Wirbelstürmen, Überschwemmungen und Dürreperioden, die die Ernten in vielen Teilen der Welt zerstört haben. Die hohen Ölpreise haben die Kosten für Transport und Düngemittel steigen lassen. Einigen Experten zufolge hat der wachsende Verbrauch von Biokraftstoff die Menge an verfügbarer Nahrung für den Menschen sinken lassen.

Die Auswirkungen sind deutlich. In einigen Ländern Westafrikas und Südasiens gab es Ausschreitungen wegen Nahrungsmittelknappheit. In Ländern, die Lebensmittel importieren müssen, um die hungernde Bevölkerung zu versorgen, kommt es wegen der hohen Lebenshaltungskosten zu Demonstrationen. Zerbrechliche Demokratien beginnen den Druck der Nahrungsmittelknappheit zu spüren. Viele Regierungen haben Exportverbote und Preiskontrollen auf Nahrung eingeführt, verzerren so die Marktsituation und legen dem Handel eine zusätzliche Bürde auf.

Im Januar, um nur ein Beispiel zu nennen, forderte der afghanische Präsident Hamid Karzai 77 Millionen US-Dollar, um mehr als 2,5 Millionen Menschen mit Nahrung versorgen zu können, die durch die steigenden Preise an die Grenzen ihrer Möglichkeiten gebracht wurden. Er wies auf eine alarmierende Tatsache hin: der durchschnittliche Haushalt in Afghanistan gibt 45 Prozent seines Einkommens für Nahrung aus. 2006 waren es nur elf Prozent.

Das ist das neue Gesicht des Hungers, der immer öfter Menschen bedroht, die zuvor in Sicherheit lebten. Die "unterste Milliarde" trifft es am Härtesten: Es sind die Menschen, die mit einem US-Dollar oder weniger am Tag auskommen müssen.

Wenn Menschen so arm sind und die Inflation ihren mageren Verdienst so schrumpfen lässt, dann tun sie für gewöhnlich eines von zwei Dingen: sie kaufen weniger Lebensmittel oder sie kaufen billigere aber weniger nahrhafte Lebensmittel. Das Ergebnis ist das gleiche: wachsender Hunger und abnehmende Chancen auf eine gesunde Zukunft. Das Welternährungsprogramm der UNO (WFP) beobachtet Familien, die sich früher eine ausgewogene Ernährung leisten konnten, die sich jetzt aber von einem einzigen Nahrungsmittel ernähren müssen und sich statt drei nur noch zwei Mahlzeiten leisten können.

Experten gehen davon aus, dass die Nahrungsmittelpreise auch künftig nicht wieder sinken werden. Selbst in diesem Fall haben wir die Mittel und Technik, um Hunger zu bekämpfen und die Millenniums-Entwicklungsziele zu erreichen. Wir wissen, was getan werden muss. Was wir benötigen, ist der politische Wille und Ressourcen, die wirkungsvoll und effizient eingesetzt werden.

Erstens müssen wir die dringendsten humanitären Bedürfnisse decken. Dieses Jahr will WFP weltweit 73 Millionen Menschen ernähren, einschließlich der drei Millionen Menschen täglich in Darfur. Dafür benötigt das WFP 500 Millionen US-Dollar zusätzlich alleine dafür, um die gestiegenen Nahrungsmittelpreise auszugleichen. WFP kauft 80 Prozent der Güter in Entwicklungsländern.

Zweitens müssen wir UNO-Programme stärken, die den Entwicklungsländern dabei helfen, mit Hunger umzugehen. Dies muss sowohl die Unterstützung so genannter Sicherheitsnetz-Programme beinhalten, die sozialen Schutz bei akuter Notlage bieten als auch auf Langzeitlösungen abzielen. Wir müssen gleichzeitig Frühwarnsysteme entwickeln, um die Auswirkungen von Katastrophen zu mildern. Schulspeisungen, die pro Tag weniger als 25 Cent kosten, können dabei ein wichtiges Mittel sein.

Drittens muss die lokale Landwirtschaft kurzfristig mit wetterbedingten Krisen und langfristig mit den Auswirkungen des Klimawandels umgehen können. Dazu gehört das Anlegen von Dürre- und Flutabwehrsystemen, die Gemeinschaften mit Nahrungsmittelknappheit dabei helfen, sich anzupassen.

Schließlich müssen wir landwirtschaftliche Produktion und Markteffizienz steigern. Ungefähr ein Drittel der Nahrungsmittelknappheit könnte - zumindest bis zu einem wesentlichen Grad - behoben werden, indem der Vertrieb der lokalen Landwirtschaft verbessert und kleine Landwirte besser mit den Märkten vernetzt werden. UNO-Agenturen wie die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) und der Internationale Fonds für landwirtschaftliche Entwicklung (IFAD) arbeiten mit der Afrikanischen Union und anderen zusammen, um die "grüne Revolution" voranzubringen. Sie nutzen lebensnotwendige Wissenschaft und Technik, die dauerhafte Lösungen für den Hunger bieten.

Aber das ist noch Zukunftsmusik. Hier und heute müssen wir den Hungernden der Welt helfen, die von den steigenden Nahrungsmittelpreisen direkt betroffen sind. Das bedeutet für den Anfang, dass die Dringlichkeit der Krise erkannt und gehandelt werden muss.

Der Autor ist UNO-Generalsekretär 

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