Samstag, 25 November 2017
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Krieg im Gaza-Streifen / Gastbeitrag von Gunilla Carlsson und Karen AbuZayd (Sueddeutsche Online)

Krieg im Gaza-Streifen
Was die Kinder jetzt brauchen

Die 850.000 Kinder in Gaza sind Gewalt gewohnt, aber der aktuelle Konflikt bringt eine neue Dimension des Schreckens. Zehn Schritte, damit die Kinder eine Zukunft haben.

Ein Gastbeitrag von Gunilla Carlsson und Karen AbuZayd

Schon vor dem israelischen Angriff am 27. Dezember war die humanitäre Situation in Gaza durch die 18-monatige Isolation, erneuten palästinensischen Raketenbeschuss und israelische Angriffe kritisch. Es herrschte Mangel an Lebensmitteln, Treibstoff und Medikamenten. 75 Prozent der 1,5 Millionen Einwohner Gazas waren auf Lebensmittelhilfe der Vereinten Nationen angewiesen.

Auch wenn es noch Zeit braucht, das Ausmaß des menschlichen Leids und des humanitären Bedarfs einzuschätzen, haben die drei Wochen dauernden massiven israelischen Angriffe in Gaza verheerende humanitäre Folgen. 1314 Menschen, davon 412 Kinder, sind nach palästinensischen Angaben getötet worden; 5300 Menschen, davon 1855 Kinder, wurden verwundet. Mehr als 50 UN-Einrichtungen, vor allem Schulen, wurden beschädigt.

Nach 22 Kriegstagen beginnen Menschen, die geflüchtet waren, in ihre Häuser zurückzukehren. Viele aber haben gar kein Zuhause mehr. Beobachter vor Ort schätzen, dass rund 15 Prozent der Gebäude in Gaza zerstört worden sind.

Allein die Kosten für humanitäre Hilfe werden gegenwärtig auf mehrere hundert Millionen US-Dollar geschätzt, während der vollständige Wiederaufbau wohl in die Milliarden gehen wird. Doch es ist nicht unsere einzige Aufgabe, humanitäre Hilfe zu leisten und beim Wiederaufbau des Gazastreifens mitzuarbeiten. Es geht auch darum, der dortigen Bevölkerung eine würdige Existenz zu sichern und ihnen eine Zukunftsperspektive zu geben, die positiv und realistisch ist. Das ist notwendig, um Extremismus und Gewalt in ihre Schranken zu weisen.

Wie in allen Konflikten gehören Kinder und Jugendliche zu den Verwundbarsten. In Gaza sind 56 Prozent der Bevölkerung Kinder. Das bedeutet, dass 850.000 Kinder dringend eine Zukunftsperspektive benötigen. Obwohl sie Gewalt und eine schlimme humanitäre Situation gewohnt sind, hat der aktuelle Konflikt neue Schrecken in ihr Leben gebracht. Manche haben Familienmitglieder und ihr Zuhause verloren und viele leiden unter den traumatischen Erlebnissen.

Wir haben zehn entscheidende Schritte entworfen, damit die Kinder in Gaza eine Zukunft haben:

1. Der dringende humanitäre Bedarf muss gedeckt werden. Lebensmittel, Medikamente, Treibstoff, Wasser und sanitäre Einrichtungen müssen genauso wie Unterkünfte für die Obdachlosen bereitgestellt werden. Häuser müssen wieder aufgebaut werden. Die UN sind jetzt dabei, die Schäden und den Hilfsbedarf einzuschätzen. UN-Generalsekretär Ban Ki Moon kündigte auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos an, dass die Vereinten Nationen mit einem Hilfsaufruf 613 Millionen Dollar einsammeln wollen.

2. Blindgänger müssen beseitigt und die Infrastruktur wieder aufgebaut werden. Munition, die beim Einschlag nicht explodierte, kann noch lange nach dem Ende der Feindseligkeiten verstümmeln und töten. Der Mangel an Baumaterial hat das Hilfswerk der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA) gezwungen, seit Juni 2007 Bauprojekte in Höhe von 93 Millionen US-Dollar auszusetzen.

3. Es muss jede Anstrengung unternommen werden, um Kindern das Gefühl von Normalität zu geben. Programme mit einem Schwerpunkt auf psychosozialer Unterstützung - ein Gebiet, auf dem UNRWA, andere Akteure der UN, Schweden und mehrere nichtstaatliche Organisationen bereits aktiv sind - erfordern besondere Aufmerksamkeit und Mittel.

4. Die Kinder müssen so bald wie möglich wieder zur Schule gehen. Die Schulen in Gaza, von denen die Hälfte von UNRWA betrieben wird, bilden normalerweise 440.000 Kinder aus. Sie schaffen auch eine wichtige Routine, soziale Aktivitäten und eine Möglichkeit für Kinder, dem ansonsten belastenden Umfeld zu entkommen. Schon jetzt wurde der Unterricht in mehr als 200 UNRWA-Schulen für etwa 200.000 Kinder wieder aufgenommen.

5. Die Kinder von Gaza müssen wieder Kinder sein dürfen. Sommerferienprogramme von UNRWA haben in den letzten zwei Jahren Hunderttausende Kinder angezogen und durch Bildung und Freizeitgestaltung geholfen, den Belastungen von Armut und Gewalt zu entfliehen. Es ist das feste Ziel von UNRWA, trotz der offenkundigen Schwierigkeiten im Jahr 2009 ähnliche Programme zu veranstalten.

6. Internationale humanitäre Hilfe muss gut koordiniert werden. Hilfsakteure und Geber sind in der Verantwortung, unnötige doppelte Arbeit und Hilfsleistungen zu vermeiden. Die UN müssen hier eine besondere Rolle einnehmen.

7. Entwicklungszusammenarbeit, um die Reform der palästinensischen Regierung voranzutreiben, muss fortgesetzt werden. Der Aufbau eines Staates durch die Unterstützung demokratischer Institutionen wie des Justizapparates, der Zivilgesellschaft und der nachhaltigen Regionalentwicklung, kommunaler Dienste, Zugang zu sauberem Wasser, Sanitäreinrichtungen und Energie sind entscheidend für den Wiederaufbau von Gaza mit dem Ziel langfristiger Stabilität.

8. Die wirtschaftliche Isolation Gazas muss beendet werden. Grenzübergänge müssen für Menschen und Güter wie Baumaterial geöffnet werden. Dabei sind spezielle Maßnahmen nötig, um Waffen- und Sprengstoffschmuggel zu vermeiden. Eine erhöhte Einfuhr von Konsumgütern nach Gaza muss den Weg für den Import von Industriegütern ebnen. Eine existenzfähige Wirtschaft in Gaza hängt von offenen Grenzen für Import und Export ab.

9. Der Waffenstillstand muss eingehalten und erneuert werden. Die Resolution 1860 des Sicherheitsrats muss in allen Punkten umgesetzt werden.

10. Es muss eine Rückkehr zum politischen Friedensprozess geben, der zur Gründung eines Palästinenserstaates führt. Das Ziel bleibt eine umfassende Lösung für den Konflikt im Nahen Osten und der Aufbau eines unabhängigen palästinensischen Staates, der Seite an Seite mit Israel in Frieden und Sicherheit existiert.

Trotz aller Schwierigkeiten, denen wir jetzt begegnen und der aus dem Konflikt entstandenen Leiden dürfen wir dieses Ziel nicht aus den Augen verlieren. Das schulden wir den palästinensischen Kindern. Sie haben dasselbe Recht wie Kinder in Israel und Kinder überall sonst: das Recht auf eine Zukunft ohne Angst, in Frieden, Sicherheit und Würde.

Die Autorinnen sind Gunilla Carlsson, schwedische Ministerin für Entwicklungszusammenarbeit, und Karen Koning AbuZayd, Generalbeauftragte des Hilfswerks der Vereinten Nationen für Palästinaflüchtlinge im Nahen Osten (UNRWA).


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