Montag, 20 November 2017
UNRIC logo - Deutsch
                

Grün aus der Krise / Gastbeitrag von Ban Ki-moon und Al Gore (Financial Times Deutschland)

Gastbeitrag von Ban Ki-moon und Al Gore, erschienen am 19. Februar in der Financial Times Deutschland

Wirtschaftliche Anreize zu schaffen, ist für die Regierungen weltweit das Gebot dieser Tage. Aber die Politiker dürfen nicht nur auf Konjunkturanreize setzen. Sie müssen auch sicherstellen, dass die sich jetzt entwickelnde neue Wirtschaftsordnung für uns und diesen Planeten nachhaltig sein wird.

Wir benötigen wirtschaftliche Anreize und langfristige Investitionen, um zwei Ziele gleichzeitig zu erreichen: Eine Politik, die unsere dringenden ökonomischen und sozialen Bedürfnisse erfüllt, die aber auch eine neue grüne Weltwirtschaft schafft. Kurz gesagt: Ökologisches Wirtschaften muss zu unserem Mantra werden.

Eine weltweite Rezession erfordert einen weltweiten Lösungsansatz. Wir benötigen eine eng koordinierte Wirtschaftspolitik aller großen Volkswirtschaften. Eine Politik nach dem Prinzip „Schädige den Nachbarn“ müssen wir vermeiden, weil durch überzogene Exportüberschüsse zwar der Wohlstand im eigenen Land deutlich gehoben, im Nachbarland aber die gegenteilige Wirkung erzeugt wird. Dieser fatale Ansatz hat zur Weltwirtschaftskrise des letzten Jahrhunderts beigetragen.

Koordination ist auch entscheidend, um Preisschwankungen, Währungsspekulationen und Inflation einzudämmen und das Vertrauen von Verbrauchern und Investoren zu behalten. Im November haben die G20-Staaten auf dem Weltfinanzgipfel zugesagt, die Zusammenarbeit zu stärken, um das globale Wachstum wieder herzustellen und das weltweite Finanzsystem zu reformieren. Das muss nun schnell umgesetzt werden.

Konjunkturpakete sind notwendig, um der Wirtschaft rasch zu helfen. Aber mit den richtigen Maßnahmen kann auch der Weg zu einer ökologischen Wirtschaft entstehen, die weniger Kohlendioxid ausstößt. 34 Staaten haben Konjunkturpakete im Umfang von 1750 Mrd. € angekündigt. Diese Pakete müssen helfen, die Weltwirtschaft ins 21. Jahrhundert zu katapultieren. Sie dürfen nicht dazu genutzt werden, sterbende Industriezweige zu bewahren und das Fehlverhalten der Vergangenheit beizubehalten. Wenn weiter Billionen Dollar in Infrastruktur fließen, die von fossilen Brennstoffen abhängt, wäre das so, als ob wir nach der Immobilienkrise erneut in wertlose Immobilien investieren.

Wenn wir auf die 300 Mrd. $ Subventionen verzichten würden, die wir weltweit für fossile Brennstoffe ausgeben, könnten wir den Ausstoß von Treibhausgasen um 6 Prozent senken und das Weltsozialprodukt steigern. Erneuerbare Energien werden dort helfen, wo wir sie am dringendsten benötigen. Schon jetzt stammen weltweit 40 Prozent der nachwachsenden Rohstoffe aus den Entwicklungsländern. Hier entsteht auch 70 Prozent der verfügbaren Solarenergie.

Überall, besonders in den USA und China, merken die Verantwortlichen, dass ökologisches Wirtschaften keine Möglichkeit, sondern eine Notwendigkeit ist, um die Wirtschaft zu stärken und Jobs zu schaffen. Weltweit sind 2,3 Millionen Menschen im Bereich der erneuerbaren Energien beschäftigt. Schon jetzt sind das mehr Jobs als in der Öl- und Gasindustrie. Die Konjunkturpakete der USA und Chinas sind ein Schritt in die richtige Richtung. Ihre ökologischen Anteile wie Energieeffizienz und erneuerbare Energien müssen vollständig umgesetzt werden. Darüber hinaus benötigen wir eine Politik, die sich um die Armen kümmert. Viele Entwicklungsländer haben keine Chance, Kredite aufzunehmen oder die Geldmenge zu erhöhen, um die Folgen der Krise abzufedern.

Deshalb müssen die Industriestaaten über ihre Grenzen blicken und sofort in Projekte investieren, die die Produktivität der Ärmsten erhöhen. 2008 kam es in 30 Staaten zu Unruhen wegen der Nahrungsmittelkrise. Das geschah noch vor der Finanzkrise, die sich im September verschärfte und die 100 Millionen Menschen noch tiefer in die Armut getrieben hat. Wir müssen jetzt handeln, um weiteres Leid und die Ausbreitung politischer Instabilität zu vermeiden.

Das bedeutet, dass wir mehr Mittel für Entwicklungszusammenarbeit im Ausland bereitstellen müssen. Es bedeutet, dass wir die soziale Absicherung stärken müssen. Und wir müssen die Landwirtschaft in Entwicklungsländern unterstützen, indem wir Kleinbauern Saatgut, Werkzeug, und Kredite zur Verfügung stellen und ihnen nachhaltige Anbaumethoden vermitteln. Erforderlich ist auch, mehr in die verbesserte Landnutzung, Wasserschutz und dürreresistente Nutzpflanzen zu investieren, damit sich Landwirte besser an den Klimawandel anpassen können. Falls dies nicht rechtzeitig erfolgt, kann es in vielen Entwicklungsländern zu einer dauerhaften Hungersnot und Mangelernährung kommen.

Schließlich brauchen wir auf der Klimakonferenz von Kopenhagen im Dezember ein eindeutiges Abkommen. Die Verhandlungen zum Klimaschutz müssen sofort drastisch beschleunigt werden. Ein Klimavertrag wäre das denkbar wirksamste globale Konjunkturpaket. Mit einem neuen Übereinkommen als Basis können Wirtschaft und Regierungen endlich klar erkennen, wie viel uns der CO2-Ausstoß tatsächlich kostet. Es würde eine Innovations- und Investitionswelle für saubere Energie entfesseln. Kopenhagen muss der Startpunkt sein für eine wirklich nachhaltige Erholung der Wirtschaft.

Millionen Menschen von Detroit bis Neu-Delhi geht es so schlecht wie nie. Es steht so viel auf dem Spiel, dass Regierungen ihre Entscheidungen strategisch fällen müssen. Wir dürfen nicht das Grundlegende dem Dringenden opfern. In eine grüne Wirtschaft zu investieren, ist keine Wahlmöglichkeit. Es ist eine Investition in eine gerechtere und bessere Zukunft.

Ban Ki-moon ist Generalsekretär der Vereinten Nationen. Al Gore ist ehemaliger Vizepräsident der USA und Friedensnobelpreisträger.


Praktikant/-in für Bonner UNRIC-Büro gesucht

UNRIC bietet im Bonner Büro ein 8- bis 12-wöchiges Praktikum ab März 2018 an.
Bewerber/-innen sollten sich noch im Studium befinden, oder vor kurzem ihr Studium beendet haben und erste Erfahrungen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder im Journalismus besitzen.
Sehr gute Englisch- und Deutschkenntnisse sind Voraussetzung. Das Praktikum ist unbezahlt.
Bitte senden Sie Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen an:
[email protected]

UNRIC Verbindungsbüro in Deutschland, Bonn
Tel.: +49 (0)228 / 815-2773 / 2774
Fax: +49 (0)228 / 815-2777

UN Card 2016 DE 250px front