Samstag, 18 November 2017
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Haitis große Chance / von Ban Ki-moon

Es ist leicht, bei einem Besuch Haitis nur die Armut zu sehen. Was der frühere US-Präsident Bill Clinton und ich jedoch bei unserem kürzlichen gemeinsamen Besuch des Landes sahen, waren Chancen.

Haiti ist zugegebenermaßen nach wie vor bitterarm. Noch hat es sich von den verheerenden Hurrikanen des letzten Jahres nicht vollständig erholt, von den Jahrzehnten menschenverachtender Diktatur ganz zu schweigen. Präsident René Préval sagte uns jedoch Folgendes: „Haiti steht an einem Scheidepunkt.“ Es kann entweder alle Fortschritte und die Früchte seiner harten Arbeit mit den Vereinten Nationen und der internationalen Gemeinschaft aufgeben und in die Dunkelheit und tieferes Elend zurückfallen. Oder es kann zum Licht streben und in eine leuchtendere und hoffnungsvollere Zukunft aufbrechen.

In der kommenden Woche (am 13. und 14. April) werden große internationale Geber bei einem Treffen in Washington über weitere Hilfen für dieses unglückliche, von Kräften jenseits seiner Kontrolle so schwer getroffene Land beraten. Oberflächlich gesehen gibt es wenig Grund zum Optimismus. Die Hilfebudgets sind durch die Finanzkrise geschrumpft. Von „Gebermüdigkeit” ist die Rede. Haitis eigene Probleme – unkontrolliertes Bevölkerungswachstum, akuter Mangel an Nahrungsmitteln und Gütern des täglichen Grundbedarfs, Umweltzerstörung – scheinen oft unüberwindlich.

Tatsächlich hat Haiti jedoch im Vergleich zu fast allen anderen aufstrebenden Volkswirtschaften bessere Chancen, die derzeitigen wirtschaftlichen Turbulenzen nicht nur zu überstehen, sondern einen Aufschwung zu erleben. Der Grund dafür ist ein im vergangenen Jahr verabschiedetes neues Handelsgesetz der USA, das enorme Chancen eröffnet.

Das Gesetz, HOPE II genannt, eröffnet Haiti in den kommenden neun Jahren zoll- und quotenfreien Zugang zu den Märkten der USA. Keine andere Nation genießt einen vergleichbaren Vorteil. Auf dieser Grundlage lässt sich aufbauen. So besteht die Chance, die Fortschritte Haitis, das mit Hilfe der Friedenssicherungsmission der Vereinten Nationen eine gewisse politische Stabilität errungen hat, zu konsolidieren und über die Hilfe hinaus zu echter wirtschaftlicher Entwicklung zu schreiten. Angesichts der enorm hohen Arbeitslosigkeit in dem Land, die insbesondere unter Jugendlichen herrscht, heißt das vor allem eines: Arbeitsplätze.

Mein Sonderberater für Haiti, Paul Collier, Entwicklungsökonom an der Oxford University, hat gemeinsam mit der Regierung eine Strategie erarbeitet. Diese stellt insbesondere auf die traditionellen Stärken des Landes – Bekleidungsindustrie und Landwirtschaft – ab und zeigt konkrete praktische und politische Maßnahmen zur Schaffung dieser Arbeitsplätze auf, darunter der Erlass neuer Vorschriften zur Senkung der Hafengebühren (die zu den höchsten der Karibik zählen) und die Schaffung jener Art von Industriezonen, die heute den Welthandel beherrschen.

Konkret bedeutet das eine drastische Erweiterung der Exportzonen des Landes, damit eine neue Generation von Textilfirmen an einem Ort investieren und Geschäfte tätigen kann. Durch die Schaffung eines Marktes, der groß genug ist, um Größenvorteile entstehen zu lassen, können die Produktionskosten gesenkt und, nach Überschreiten einer gewissen Schwelle, möglicherweise ein explosionsartiges Wachstum ausgelöst werden, das nur durch den Umfang der Arbeitskräftereserve begrenzt wird. Unser Ziel ist es, innerhalb von zwei Jahren Zehntausende oder sogar Hunderttausende von Arbeitsplätzen zu schaffen und längerfristig vielleicht Millionen.

Dies mag in einem Land mit neun Millionen Menschen, in dem 80 Prozent der Bevölkerung mit weniger als zwei Dollar am Tag auskommen müssen und die Hälfte der Nahrungsmittel eingeführt wird, ehrgeizig scheinen. Doch wir wissen, dass es möglich ist. Das haben wir in Bangladesch, dessen Bekleidungsindustrie heute 2,5 Millionen Arbeitsplätze bietet, und ebenso in Uganda und in Ruanda gesehen. In Washington werden wir, die Freunde Haitis, der Welt erklären, warum wir mit voller Überzeugung ähnlich optimistisch sein können.

Präsident Clinton und ich sahen auf unserer Reise viele große wie kleine Anzeichen einer solchen Entwicklung. Wir besuchten unter anderem eine Grundschule in Cité Soleil, einem Slum in Port-au-Prince, der lange von gewalttätigen Banden beherrscht wurde, bis die VN-Friedenssicherungskräfte die Kontrolle zurückgewannen. Mir ging das Herz auf, als ich diese Kinder sah. Sie waren dank dem Welternährungsprogramm der Vereinten Nationen gut genährt. Mehr noch, sie waren glücklich und sie lernten – ganz wie es Kindern zukommt. Hier zeigte sich, dass trotz der Entbehrungen der vergangenen Jahre normalere Zeiten einkehren.

Wir besuchten noch eine zweite Schule – ein Programm für Hochbegabte (Haitian Education Leadership Program oder kurz HELP). Hier werden aus Privatspenden aus den USA Stipendien für die ärmsten haitianischen Kinder finanziert, die sonst nicht einmal im Traum an den Besuch einer Universität denken könnten. Alle diese jungen Menschen werden eine produktive Laufbahn einschlagen und ein gutes Gehalt bekommen. Sie stehen am Beginn eines vielversprechenden Lebens – und sie werden fast alle in Haiti bleiben.

Ich sagte diesen jungen Menschen, dass ich in ihnen die „Saat der Hoffnung“ sehe, weil sie für eine bessere Zukunft stehen.

Für Außenstehende ist es überraschend, wie bescheiden sich die Hindernisse im Verhältnis zu Haitis Potenzial ausnehmen. Beim Besuch einer sauberen und leistungsfähigen Fabrik in der Hauptstadt trafen wir Arbeiter, die T-Shirts für den Export herstellten und sieben Dollar pro Tag verdienten – was für sie den Sprung in die haitianische Mittelklasse bedeutet. Der Eigentümer schätzt, dass sich der Ausstoß dank des HOPE-II-Gesetzes innerhalb eines Jahres verdoppeln oder verdreifachen lässt.

Aus allen diesen Gründen werden wir die Geber in Washington bitten, in Haiti über die herkömmliche humanitäre Hilfe hinauszugehen und zu investieren. Dies ist die Stunde Haitis, die Chance für eine der ärmsten Nationen der Welt, in eine Zukunft realer wirtschaftlicher Erfolgsaussichten und echter Hoffnung aufzubrechen.

Ban Ki-moon ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

 

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