Donnerstag, 23 November 2017
UNRIC logo - Deutsch
                

Macht Gazas Grenzen auf / Gastbeitrag von John Holmes in der Fiancial Times Deutschland

Macht Gazas Grenzen auf

Gastbeitrag von John Holmes in der Fiancial Times Deutschland, 17. Juli. 2009

Knapp vier Monate nach dem Ende der Kämpfe in Gaza wird es zunehmend offensichtlich, dass die gewaltige Not noch nicht beseitigt wurde und der Wiederaufbau nicht vorankommt. Zwar haben Geberländer Mittel für humanitäre Hilfe zugesagt, unter ihnen die Europäische Union. Die EU war 2008 sogar der größte Geber von Hilfsmitteln für die besetzten palästinensischen Gebiete und den Wiederaufbau in Gaza. Doch vor Ort ist der Bedarf größer als die tatsächliche Versorgung mit ihnen und der Wiederaufbau praktisch unmöglich.

Geschätzte 75 Prozent der 1.5 Millionen Bewohner des Gazastreifens benötigen Hilfe. Israelische Behörden beschränken jedoch selbst die Einfuhr der am dringendsten benötigten Waren. Es werden nur Lebensmittel und einige wenige andere Produkte ins Land gelassen. Material für den Wiederaufbau sowie notwendige Ersatzteile dürfen nicht eingeführt werden. Ein von Israel verhängtes Exportverbot, das nur einige Wagenladungen mit Blumen zulässt, hat die Situation verschlimmert. Dadurch wurde Industrie in Gaza, die Arbeitsplätze schafft, weiter beschädigt.

Im Februar 2008 habe ich das dadurch verursachte Leiden der Zivilbevölkerung mit eigenen Augen sehen können. Die gleiche Erfahrung machte ich erneut im Januar 2009 während eines Besuchs wenige Tage nach Ende des Militäreinsatzes. Israel scheint die Zerstörung hunderttausender Leben und Existenzen als einen kollektiven Preis anzusehen, den die Zivilbevölkerung Gazas für das Handeln einzelner Menschen unter ihnen zahlen muss.

Während in erster Linie Israel für die schreckliche Krise menschlicher Würde in Gaza verantwortlich ist, muss auch die Hamas ihren Teil der Schuld übernehmen. Die Hamas hat wahllos sinnlose Raketenangriffe vom Gazastreifen aus gestartet und zugelassen, dass Andere ebenfalls Raketen abfeuern. Obwohl sich die Hamas über die Konsequenzen diesen Handelns ebenso wie über ihr dreijähriges Schweigen zum Schicksal des israelischen Soldaten Gilad Shalit bewusst war, hat sie weiter gemacht. Daraus hat sie ihren Anspruch geschwächt, im Interesse des palästinensischen Volks zu handeln.

Den Bewohnern Gazas geht es wie vielen anderen benachteiligten Menschen auf der ganzen Welt. Sie möchten lieber auf Almosen verzichten und das, was sie haben möchten, selbst kaufen können.  Aber mit steigender Arbeitslosigkeit fehlt vielen Familien eine Einnahmequelle. Einer ganzen Gesellschaft droht in absehbarer Zeit die Abhängigkeit von fremder Hilfe. Die Anzahl der Menschen, die auf Lebensmittelhilfe angewiesen sind, ist auf ein noch nie da gewesenes Niveau gestiegen, obwohl es auf den Märkten Lebensmittel zu kaufen gibt. Aufgrund der beschädigten Kanalisation und sanitärer Einrichtungen, die oft nicht repariert werden können, hat sich der Zugang zu Wasser und dessen Qualität verschlechtert. Dadurch stieg die Zahl der Krankheiten, die durch verunreinigtes Wasser verursacht werden. Außerdem musste mehr Wasser mit Lastwagen transportiert werden.

Damit die humanitäre Situation im Gazastreifen besser wird, müssen lebensrettende Hilfsmaßnahmen und grundlegende Wiederaufbauhilfen von politischen und sicherheitsbezogenen Interessen abgekoppelt werden. Solange der Frieden zwischen Israelis und Palästinensern, der 60 Jahre lang nicht möglich war sowie eine seit kurzem aktuelle inner-palästinensische Versöhnung Voraussetzungen für verbesserte Lebensbedingungen bleiben, läuft der Gazastreifen Gefahr, für die kommenden Jahre abhängig von Hilfe zu bleiben. Dies wird Auswirkungen auf die Palästinenser und ihr zukünftiges Verhalten haben.

Für einen guten Start müssen die Grenzübergänge für alle notwendigen humanitären und für den Wiederaufbau wichtigen Güter geöffnet werden. Dies sollte nicht geschehen, weil die Hamas es so will oder davon profitieren könnte oder weil politische Ziele erreicht wurden, sondern einfach deshalb, weil die Bewohner Gazas dies dringend brauchen. Die humanitären Helfer, die momentan eine Arbeitserlaubnis für Gaza beantragen, müssen sowohl von der  Hamas als auch von Israel als unabhängig anerkannt und respektiert werden. Humanitäre Hilfe ist neutral und die Geldgeber des Gazastreifens sollten diese Botschaft bei jeder Gelegenheit bekräftigen.

Dies sind erste Schritte, die dem Leben in Gaza wenigstens ein bisschen Würde zurückbringen könnten, ohne dabei die politischen Ziele einer Seite zu fördern oder zu behindern. 

In Gaza kommt Politik heutzutage vor Menschlichkeit. Ein erbärmliches Rinnsal von Hilfsgütern ist das einzige, das die Welt den Zivilisten anbieten kann, die ohne eigenes Verschulden in eine politische Pattsituation geraten sind. Der Wiederaufbau der Infrastruktur, die durch die Invasion und zwei Jahre Abschottung zerstört wurde sowie die Versorgung von Kindern und älteren Menschen - der Schwächsten im Gazastreifen – müssen an erster Stelle stehen.

Schutz, Lebensmittel, Wasser, medizinische Versorgung und eine Unterkunft sind menschliche Grundbedürfnisse, keine Verhandlungsmasse. Es ist höchste Zeit, dass diese Tatsache von allen beteiligten Parteien anerkannt wird, die für das unglaubliche Leid im Gaza verantwortlich sind.

John Holmes ist Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator

Praktikant/-in für Bonner UNRIC-Büro gesucht

UNRIC bietet im Bonner Büro ein 8- bis 12-wöchiges Praktikum ab März 2018 an.
Bewerber/-innen sollten sich noch im Studium befinden, oder vor kurzem ihr Studium beendet haben und erste Erfahrungen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder im Journalismus besitzen.
Sehr gute Englisch- und Deutschkenntnisse sind Voraussetzung. Das Praktikum ist unbezahlt.
Bitte senden Sie Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen an:
deutschland@unric.org

UNRIC Verbindungsbüro in Deutschland, Bonn
Tel.: +49 (0)228 / 815-2773 / 2774
Fax: +49 (0)228 / 815-2777

UN Card 2016 DE 250px front