Freitag, 24 November 2017
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Gastkommentar von UNO-Nothilfekoordinator John Holmes zum Welttag der humanitären Hilfe

„Wir müssen die Helfer besser schützen“

Gastkommentar von UNO-Nothilfekoordinator John Holmes zum Welttag der humanitären Hilfe, erschienen im Handelsblatt am 19.08.09

Heute findet zum ersten Mal der Welttag der humanitären Hilfe statt. Eine Gelegenheit, darüber nachzudenken, wie es weltweit um die Umsetzung des Gebots der humanitären Hilfe steht. Denn jedem sollte geholfen werden, der Hilfe braucht – unabhängig von seiner Nationalität, Rasse, Religion oder politischer Überzeugung. Es ist bemerkenswert, dass wir es mittlerweile für selbstverständlich halten, dass Helfer im Fall einer Krisensituation innerhalb von Stunden vor Ort sind.

Obwohl jeder sich über den Wert humanitärer Einsätze im Klaren ist, stehen die Helfer leider immer häufiger selbst unter Beschuss. Ausgerechnet die mutigen Männer und Frauen werden angegriffen, die es als ihre Pflicht ansehen, Menschen zu helfen und die Millionen Hoffnung geben. Dies hat Auswirkungen auf unsere Arbeit und auf das Überleben derjenigen, die auf uns angewiesen sind.

Leider steigt der Bedarf an humanitärer Hilfe weiterhin an. Die Ursachen menschlichen Leidens haben sich im Laufe der Zeit mindestens ebenso schnell vervielfacht wie die Möglichkeiten für ihre Beseitigung. 

Obwohl die Zahl der Konflikte auf der ganzen Welt in den letzten 20 Jahren zurückgegangen ist, bleiben die humanitären Konsequenzen der Konflikte erschreckend hoch. Die heutzutage oft vorkommenden innerstaatlichen Konflikte haben verheerende Auswirkungen auf das Leben der Zivilisten und deren Existenzgrundlagen.

Zentrale Entwicklungen in Sri Lanka und Pakistan in der ersten Jahreshälfte belasten das humanitäre Hilfssystem bis an seine Grenzen. Geschätzte zwei Millionen Menschen wurden in Pakistan in dieser kurzen Zeit aus ihren Häusern vertrieben. So schnell fanden Vertreibungen noch nie statt, und vor allem nicht in Pakistan. In Sri Lanka schweigen zwar endlich und dankenswerter Weise die Waffen, doch befinden sich noch fast 300.000 Menschen in Lagern und dürfen sich kaum oder überhaupt nicht frei bewegen. Sie warten gespannt auf eine Möglichkeit, nach Hause zurückzukehren und sind bis dahin auf Überlebenshilfe angewiesen.

In der Zwischenzeit sind Millionen Menschen weiterhin von den lang anhaltenden Konflikten in Darfur, in der Demokratischen Republik Kongo, in dem besetzten palästinensischen Gebiet und in Somalia betroffen. Der humanitäre Einsatz in Darfur zählt weltweit zu den größten Einsätzen und dauert bereits fünf Jahre. Die humanitären Helfer dort bemühen sich, 4,75 Millionen vom Konflikt betroffene Zivilisten zu versorgen. In Somalia brauchen 3,25 Millionen Menschen, die in unvorstellbar schwierigen und gefährlichen Umständen leben, dringend Hilfe. Das ist ein Anstieg um fast 50 Prozent im Vergleich zum Vorjahr.

Viele der ärmsten Menschen, insbesondere in Asien, mussten in den vergangenen Jahren unter den Auswirkungen von Naturkatastrophen leiden, deren Intensität und Häufigkeit durch den Klimawandel noch verstärkt wurden. Im letzten Jahr hat der Zyklon „Nargis“ in Myanmar 140.000 Menschen getötet. Bis zu zwei Millionen Menschen waren in den darauf folgenden Monate auf humanitäre Hilfe angewiesen. In Zentralamerika verwüsten jährlich Orkane immer größer werdende Gebiete der armen Länder. Es sind zwangsläufig die ärmsten Menschen in den ärmsten, am schlechtesten gewappneten Ländern, die am meisten leiden.

Dazu kommen neue existentielle Bedrohungen durch chronische Armut, die Nahrungsmittel- und Finanzkrise, Wasser- und Energieknappheit, Migration, Bevölkerungswachstum, Urbanisierung und Pandemien. Dies erklärt, warum die Nachfrage nach humanitärer Hilfe in einem solchen unvorhersehbarem Ausmaß steigt.

Die Helfer sind an die klimatischen, geographischen, infrastrukturellen und logistischen Schwierigkeiten bei der Versorgung der Menschen mit gewaltigen Mengen an Hilfsmitteln in einigen der entlegendsten und schwierig zu erreichendsten Gegenden der Welt gewöhnt. Die Geschwindigkeit und Vorhersagbarkeit, mit der Nothilfe heutzutage geleistet werden kann, konnte in Pakistan in diesem Jahr wieder einmal unter Beweis gestellt werden. Das ist ein Zeugnis der bemerkenswerten Arbeit vieler engagierter Helfer.

Diese fachliche Kompetenz ist wenig wert ohne das Einverständnis der betroffenen Staaten für diese Hilfseinsätze - und in zunehmendem Maße auch der nichtstaatlichen bewaffneten Gruppen, die das jeweilige Gebiet unter Kontrolle haben. Immer öfter fehlt heute die Einwilligung für den Zugang humanitärer Helfer.

Wenn die Versorgung mit Nothilfe absichtlich oder versehentlich behindert wird, stehen Menschenleben auf dem Spiel und die Not wird unnötigerweise verlängert.

Aber mich bestürzt und entsetzt am meisten, dass die Angriffe auf Helfer zunehmen. Humanitäre Helfer haben immer akzeptiert, dass ihre Arbeit Schwierigkeiten und Gefahren beinhaltet. Dazu gehört das Risiko, mit in Ereignisse vor Ort verwickelt zu werden oder zur falschen Zeit am falschen Ort zu sein. Aber heutzutage werden sie immer öfter gezielt zum Objekt von Angriffen.

Wir werden zu oft wegen dem angegriffen, was wir haben. Das passiert in Darfur oder im Tschad, wo organisierte Kriminalität weit verbreitet ist und nicht kontrolliert wird. Oft sind wir auch die Zielscheibe von Angriffen, aufgrund dessen, wer wird sind. Das geschah in Somalia, Afghanistan und in diesem Jahr in Pakistan, wo vier humanitäre Helfer der Vereinten Nationen innerhalb von vier Monaten umgebracht wurden. Die letzten zwei Jahre waren bisher die tödlichsten für humanitäre Helfer. Die Fahnen und Embleme der Vereinten Nationen und Nichtregierungsorganisationen schützen immer seltener, sondern provozieren auch. 

Vor sechs Jahren, am 19. August 2003, wurde das UNO-Gebäude in Bagdad von einer Autobombe in die Luft gesprengt. 22 humanitäre Helfer und engagierte Mitarbeiter wurden dabei getötet. Unter ihnen war Sergio Vieira de Mello, der sein Leben in den Dienst humanitärer Organisationen gestellt und dabei viele Menschenleben gerettet und viel Leid an einigen der schlimmsten Ort der Welt gelindert hat.

Während wir an diesem ersten Welttag der humanitären Hilfe unsere bisherigen Leistungen feiern, sollten wir auch an die Herausforderungen denken, die aufgrund steigender Not noch vor uns liegen. Wir müssen mehr hierfür tun, damit die grundlegenden humanitären Prinzipien der Unabhängigkeit, Unparteilichkeit und Neutralität respektiert werden und humanitäre Helfer sicher sind.

John Holmes ist Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen für humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator.

 

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