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Gastbeitrag zum Internationalen Frauentag von UNO-Menschenrechtskommissarin Navi Pillay in Frankfurter Allgemeine Zeitung online, 7. März 2010

„Die Gesellschaft darf die Gewalt nicht länger dulden“

Navi PillayEin Mädchen trifft sich mit einem Jungen. Was könnte normaler und gewöhnlicher sein? Aber genau deswegen ist ein Mädchen in der Türkei Berichten zufolge von seinem Vater und seinem Großvater lebendig begraben worden. Weltweit herrschte Entsetzen über diesen Fall. Verbrechen dieser Art sind aber keineswegs ungewöhnlich. Vor einem Gericht im amerikanischen Bundesstaat Arizona ist momentan ein Mann angeklagt, der seine Tochter umgebracht hat. Sie war ihm zu „verwestlicht“. Die UNO schätzt, dass durch die sogenannten „Ehrenmorde“ jedes Jahr 5000 Frauen von Familienmitgliedern umgebracht werden.

Wenn Frauen die Würde einer Familie verkörpern, werden sie potenzielle Opfer physischer Gewalt, Verstümmelung und sogar Mord. Häufig sind die Täter „entehrte“ männliche Verwandte, die mit stillschweigender oder offener Zustimmung weiblicher Familienmitglieder handeln.

„Ehrenmorde“ werden begangen, um die Regeln, die in einer Familie oder Gemeinschaft herrschen, wieder herzustellen, besonders wenn es um sexuelle Normen geht. Motive können aber auch der Wunsch einer Frau sein, zu heiraten, mit einem Partner ihrer Wahl zusammenzuleben, sich scheiden zu lassen oder ein Erbe zu beanspruchen. Manchmal werden selbst ernannte „Rächer“ auch nur aufgrund von Gerüchten und unhaltbaren Verdächtigungen tätig. Die Vermutung, dass ein Fehler begangen worden ist, wiegt manchmal schwerer als das tatsächliche Handeln. Frauen werden bestraft, ohne dass sie angehört werden oder widersprechen können.

Dieser verdrehten Logik und der so entstehenden Gewalt wird selbst dann noch gefolgt, wenn es um Vergewaltigung und Inzest geht. So werden sie zu zweifachen Opfern, während das Verhalten des Täters stillschweigend akzeptiert wird. Oft können die Täter darauf hoffen, vollständig oder teilweise entlastet zu werden, da die Strafen entweder niedrig sind oder uneinheitlich verhängt werden. Manchmal wird der Täter auch von seinem Umfeld schlicht bewundert, weil er das unmoralische Verhalten einer ungehorsamen Frau mit Blut beendet hat.

Gewaltsame Angriffe dieser Art sind Verbrechen, die unter anderem das Recht auf Leben, Freiheit und körperliche Unversehrtheit verletzen. Es ist zu einfach und irreführend zu glauben, dass diese Praktiken nur in rückschrittlichen Kulturen vorkommen, die jegliche Regeln der Zivilisation missachten. Es ist eine traurige Tatsache, dass in allen Ländern der Welt Frauen besonders Zuhause Gewalt erfahren, ein Ort, an dem eigentlich Sicherheit und Schutz herrschen sollten. Gewalt im Namen der Ehre ist auf die gleiche Einstellung und Geisteshaltung zurückzuführen, die auch für häusliche Gewalt verantwortlich ist. Diese Form der Gewalt hat ihre Wurzeln in dem Wunsch, die Frauen zu kontrollieren und ihre Sehnsüchte und ihre Stimmen zu unterdrücken. Die Frauen sind in den Wänden ihrer Häuser gefangen und durch die Gewalt isoliert und entkräftet. Folglich werden viele Fälle häuslicher Gewalt aus Scham und Angst verschwiegen und nicht als das verurteilt, was sie sind: massive Verletzungen der Menschenrechte. Der Staat trägt die Verantwortung

Obwohl einige Frauen durch die Selbstständigkeit Auswege aus den gesellschaftlichen Zwängen, der häuslichen Gewalt und der Unterwerfung finden, steigt die Anzahl der Fälle auch in Ländern, in denen Frauen finanzielle Unabhängigkeit und einen hohen sozialen Status genießen. Dies führt dazu, dass erfolgreiche Unternehmerinnen sowie angesehene Parlamentarierinnen, brillante Wissenschaftlerinnen und andere berufstätige Frauen ein Doppelleben führen. In der Öffentlichkeit werden sie als Vorbilder unter den Führungskräften angesehen, während sie in ihrem Privatleben gedemütigt und unterdrückt werden.

Die gewöhnliche Reaktion auf häusliche Gewalt ist, betroffene Frauen in sichere Unterkünfte einzuquartieren und sie aus ihrem Umfeld zu befreien. Die Täter aber werden in den seltensten Fällen aufgefordert ihr Haus zu verlassen, sie müssen nicht in Angst und Scham ihr Zuhause und ihre Umgebung verlassen.

Dieser Hilfsansatz muss umgedreht werden. Der Staat hat eine eindeutige Verantwortung, Frauen zu beschützen und ihre Angreifer zu bestrafen. Sie müssen die Kosten für ihre Selbstgerechtigkeit und Brutalität selbst tragen. Dies muss unabhängig von der gesellschaftlichen Situation der Täter, ihrer Motivation und der Beziehung zum Opfer geschehen. Frauen brauchen Ermutigung

Gleichzeitig müssen Frauen und Männer, junge Mädchen und Jungen über die Rechte der Frauen aufgeklärt werden und lernen, dass jede/r die Verantwortung trägt, das Recht des Anderen zu respektieren. Dies sollte die Anerkennung der Rechte der Frau auf die Unversehrtheit ihres Körpers und die Kontrolle über ihre eigene Sexualität sowie der gleichberechtigte Zugang zu Erbe, Grundstückbesitz, Hauseigentum und sozialer Sicherheit beinhalten.

Frauen wehren sich, um sicherzustellen, dass sich die bestehenden Ansichten ändern und festigen. Vor Gericht drängen sie ihre Angreifer, deutlich dazulegen, was ihrer Ansicht nach so ehrenhaft an ihrem Verhalten war. Frauen fordern verstärkt, dass ihre Peiniger auch die Konsequenzen ihrer Gewalttaten zu spüren bekommen.

Wir alle zusammen müssen diese Frauen ermutigen. Wir sind verpflichtet ihnen unsere Hilfe anzubieten, um aus der Isolierung herauszukommen. Die Gesellschaft darf die Gewalt an Frauen nicht länger dulden.

 

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