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Gastkommentar von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon in der Frankfurter Rundschau

Gastkommentar von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon in der Frankfurter Rundschau, 21. August 2010: Pakistan braucht unsere Hilfe - jetzt

Der Himmel war bleischwer, als ich am vergangenen Sonntag in Pakistan über ein Meer des Leidens blickte. Die Flut hatte Tausende Häuser, Dörfer und Städte weggespült. In jeder Provinz des Landes wurden Straßen, Brücken und Häuser zerstört. Aus der Luft sah ich riesige Ackerflächen, Haupteinnahmequelle der pakistanischen Wirtschaft - verschluckt von den steigenden Wassermassen. Ich traf Menschen, die in täglicher Angst leben, ihre Kinder nicht ernähren zu können oder sie vor der nächsten Welle der Katastrophe nicht schützen zu können: Durchfall, Hepatitis, Malaria und Cholera.

Das Ausmaß der Katastrophe ist unfassbar. Rund 15 bis 20 Millionen Menschen sind betroffen. Das sind mehr als alle Menschen zusammen, die vom Tsunami im Indischen Ozean, dem Erdbeben in Kaschmir 2005, durch den Wirbelsturm Nargis 2007 und das diesjährige Erdbeben in Haiti getroffen wurden. Mindestens 160.000 Quadratkilometer sind überflutet - was in etwa der Hälfte Deutschlands entspricht.

Warum hat die Welt nur langsam das Ausmaß dieser Katastrophe begriffen? Vielleicht, weil es keine fernsehtaugliche Katastrophe ist. Ein Erdbeben kann in einem Moment mehrere tausend Menschenleben kosten, ein Tsunami ganze Städte wegspülen. Im Vergleich dazu ist diese Katastrophe eine schleichende - eine, die sich langsam verschlimmert. Sie ist lange noch nicht vorbei.

Die Monsunregenfälle können noch Wochen anhalten. Auch wenn das Wasser in einigen Gebieten sinkt, ist die Gefahr weiterer Überflutungen besonders im Süden groß. Wir wissen, dass die Katastrophe eine der schwierigsten Regionen der Welt getroffen hat, in der es ein Anliegen der gesamten Staatengemeinschaft ist, Stabilität und Wohlstand zu schaffen. Aus all diesen Gründen ist die Flut nicht nur für Pakistan ein Desaster. Sie stellt die Welt vor die größte solidarische Herausforderung unserer Zeit.

Aus diesem Grund haben die Vereinten Nationen in einem Nothilfe-Aufruf 460 Millionen US-Dollar gefordert. Das ist weniger als ein US-Dollar pro Person am Tag, um rund sechs Millionen Menschen, unter ihnen 3,5 Millionen Kinder, für die kommenden drei Monate zu ernähren. Die Hilfe wächst jeden Tag. Eine Woche nach dem Aufruf ist bereits die Hälfte des Geldes angekommen.

Entschlossenheit statt Ermüdung

Dennoch ist die Hilfe bei einer Katastrophe dieses Ausmaßes zu gering. Am Donnerstag tagte die UN-Generalversammlung, um die gemeinsamen Anstrengungen zu verstärken. Wenn wir jetzt handeln, können wir eine zweite Welle an Todesfällen aufgrund von Krankheiten verhindern.

Es ist nicht einfach, in einer so schwierigen und manchmal gefährlichen Gegend zu helfen. Aber ich habe gesehen, dass es machbar ist. Auch in abgelegenen und gefährlichen Teilen der Welt, ob in Afrika oder den zerstörten Städten in Haiti. Ich habe es letzte Woche auch in Pakistan gesehen.

Die UN, Hilfsorganisationen wie das Internationale Rote Kreuz und weitere Nichtregierungsorganisationen unterstützen die pakistanische Regierung bei ihren Rettungsarbeiten. Mit LKW, Hubschraubern und Eseln haben wir rund eine Million Menschen mit Nahrung für etwa einen Monat versorgt. Auch haben wir etwa eine Million Menschen in Notunterkünften untergebracht und verteilen täglich Trinkwasser. Mit Medikamenten gegen Cholera, Gegengift bei Schlangenbissen, Notausrüstungen für chirurgische Eingriffe und Elektrolytlösungen gegen das Austrocknen des Körpers retten wir vielen Menschen das Leben.

Das ist nur ein Anfang. Sechs Millionen Menschen haben kein Essen, 14 Millionen, besonders Kinder und Schwangere, brauchen dringend medizinische Versorgung. Wenn das Wasser sinkt, müssen wir sicherstellen, dass die Menschen schnell wieder in ihre Häuser zurückkehren und ihr Leben wieder leben können.

Laut Weltbank beläuft sich der Ausfall der Ernte auf eine Milliarde US-Dollar. Um ihre Erträge für das kommende Jahr zu sichern, brauchen die Bauern Saatgut und Dünger. Schon jetzt sind die Nahrungsmittelpreise in den Städten gestiegen. Langfristig muss die Infrastruktur wieder aufgebaut werden, müssen Schulen und Krankenhäuser, Kommunikations- und Transportwege wieder funktionsfähig gemacht werden. Auch die Vereinten Nationen werden sich am Aufbau beteiligen.

In den Medien wird von einer "Ermüdung" berichtet - Regierungen seien zurückhaltend, diesen Teil der Welt zu unterstützen. Die Realität sieht anders aus. Sie unterstützen Pakistan; das ist ermutigend. Wenn jemand müde sein darf, dann sind es die Menschen in Pakistan, die ich getroffen habe - Frauen, Kinder und Kleinbauern. Sie leben unter schwierigen wirtschaftlichen Bedingungen, erleben Leid und Konflikte und haben jetzt alles verloren. Doch statt Ermüdung sah ich Entschlossenheit, Ausdauer und Hoffnung - Hoffnung, dass sie nicht alleine sind in ihrer dunkelsten Stunde der Not.

Wir können nicht dastehen und zusehen, wie diese Natur- zu einer von Menschen gemachten Katastrophe wird. Lassen Sie uns gemeinsam die Menschen in Pakistan auf ihrem langen und schwierigen Weg unterstützen.

Ban Ki Moon ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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