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“Unser gemeinsames Boot“: Eine weltweite Antwort auf Flüchtlinge und Migranten, von Ban Ki-moon, 20. September 2016

Es gibt wohl kein Thema auf der globalen Agenda, das gegenüber Manipulation durch effekthascherische Demagogen anfälliger ist, als das Thema Flucht und Migration. “Wir” gegen “sie” ist eine ebenso zeitlose wie unverantwortliche Vereinfachung, die in der Geschichte immer wieder benutzt worden ist, um unsere gemeinsame Menschlichkeit mittels gefährlicher und eigennütziger Interessen in Zweifel zu ziehen.

Jetzt ist aber der Unterschied, dass sich mehr Menschen als je zuvor auf den Weg gemacht haben. In einer Zeit, in der Nachrichten sich mit viraler Geschwindigkeit verbreiten, steigt die Fremdenfeindlichkeit und bricht zu oft in Gewalt aus.

Diese Woche kann der UN-Gipfel zu Flüchtlingen und Migration einen Durchbruch schaffen. Zu viele schrille Stimmen dominieren die Debatte. Regierungen aus aller Welt werden in gemäßigtem Ton darauf antworten und echte Ergebnisse erzielen, wenn sie ihre Versprechen halten.

Der Gipfel ist der erste, bei dem Staats- und Regierungschefs dieses Thema behandeln. Er wird ein bahnbrechendes Abkommen verabschieden: Die New Yorker Erklärung. Passenderweise wird dadurch auch eine Stadt geehrt, die bekannt für ihre lebhafte Vielfalt ist – und die von der Freiheitsstatue symbolisiert wird. Aber viel wichtiger ist, dass die Erklärung einen prinzipienfesten und pragmatischen Ansatz liefert, um die Herausforderungen anzugehen, die Migranten und Flüchtlinge betrifft und ebenso unsere Werte.

Es steht viel auf dem Spiel. Es gibt 244 Millionen Migranten weltweit. Mehr als 65 Millionen sind gewaltsam vertrieben worden. Die Hälfte von ihnen sind Kinder. Flüchtlinge sind viel zu oft einer hohen Gefahr ausgesetzt. Wenn sie schließlich in Sicherheit ankommen leiden sie unter Diskriminierung oder werden verhaftet. Oft sind legale Routen versperrt, das bringt skrupellose Menschenschmuggler ins Spiel, die für ihr Geschäft exorbitante Summen verlangen.

Kriege dauern länger und Flüchtlinge haben es schwerer zurückzukehren – oft betrifft die Dauer der Vertreibung eine ganze Generation. Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung, hält sich die Mehrheit der Flüchtlinge nicht in reichen Ländern auf. 86 Prozent von ihnen leben in Entwicklungsländern. Und die ärmeren Länder, die sie aufnehmen, bekommen nicht genug Hilfe. Die Hilfsaufrufe der Vereinten Nationen zu humanitärer Hilfe brachten im letzten Jahr nur knapp die Hälfte des Geldes ein, das gebraucht wurde.

Die Umsiedelung in einen Drittstaat ist ebenso eine sehr begrenzte Option. Fast eine Million Menschen hätten das 2015 nötig gehabt, nur 100.000 wurde diese Möglichkeit gegeben.

Die Herausforderungen sind riesig – aber wir sollten nicht die Vorteile vergessen. Mit dem richtigen Ansatz können Flüchtlinge und Migranten den Aufnahme- wie Heimatländern Vorteile verschaffen. Diese bestens dokumentierte Tatsache sollte in der Debatte nicht verloren gehen.

Die New Yorker Erklärung sollte in einem weiteren Kontext neuer und ambitionierter internationaler Anstrengungen gesehen werden. Es geht darum, die Bedingungen so zu verbessern, dass Menschen nicht gezwungen werden zu fliehen. Die 2030-Agenda für nachhaltige Entwicklung ist dabei ein zentrales Element – unser globaler Plan für Frieden und Wohlstand. Wir drängen auch darauf, Konflikte zu verhindern und zu lösen – und den Frieden zu erhalten, wenn die Waffen schweigen.

Der Gipfel wird auch diejenigen zu Wort kommen lassen, die direkt betroffen sind. Ich freue mich besonders, eine außergewöhnliche junge Frau wieder zu treffen, der ich zum ersten Mal im letzten Monat bei den Olympischen Spielen in Rio begegnet bin.

Yusra Mardini ist aus Syrien. Sie war Mitglied des olympischen Flüchtlingsteams. Bevor sie Rennen schwamm, befand sie sich in einem Rennen um das Leben.

Letztes Jahr hatte sie Syrien in einem überfüllten Boot verlassen. Als der Motor kaputtging, sprang sie zusammen mit einigen anderen Schwimmern in die Ägäis und begann mit ihnen das Boot zu ziehen. Es dauerte aufreibende drei Stunden, bis sie die Küste erreichten. Erschöpft kamen sie an – aber sie hatten bewiesen, dass die Kraft menschlicher Solidarität zu Sicherheit führen kann.

Menschlichkeit bedeutet, in einem Boot zu sitzen. Ängste zu schüren, den “anderen” zu beschuldigen oder Minderheiten zu Sündenböcken zu stempeln, wird nur die Gefahren für alle steigen lassen.

Kluge Entscheider wissen, dass wir stattdessen versuchen müssen, jeden zu retten, den Beitrag eines jeden optimieren müssen und unser gemeinsames Boot hin zu einem gemeinsamen Ziel steuern müssen: Einer Zukunft, die Möglichkeiten schafft und Würde für alle.

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Der Autor ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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