Dienstag, 21 November 2017
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Wir sind neidisch auf die WM / von Kofi Annan --- Gastkommentar in der Bild am Sonntag vom 4. Juni 2006

Sie wundern sich vielleicht, warum der Generalsekretär der Vereinten Nationen über Fußball schreibt. Tatsache ist, die WM macht uns ganz grün vor Neid. Als das wirklich einzige Spiel der Welt, das in jedem Land und von jeder Rasse und Religion gespielt wird, ist Fußball eines der wenigen Phänomene, das weltweit so einzigartig ist wie die Vereinten Natioenn. Man könnte sogar sagen, es ist „mehr“ als die Welt. Schließlich hat die Fifa 207 Mitglieder; wir haben nur 191.

Aber es gibt noch weitaus bessere Gründe neidisch zu sein.

Erstens: Die WM ist ein Ereignis, bei dem jeder weiß, wo sein Team steht und was es getan hat, um dahin zu kommen. Sie wissen, wer in welcher Minute des Spiels ein Tor erzielt hat; sie wissen, wer die Torchance vergeben hat; sie wissen, wer den Elfmeter gehalten hat. Ich wünsche mir, wir hätten unter den Nationen dieser Welt mehr solche Wettbewerbe: Länder, die offen um die Einhaltung von Menschenrechten konkurrieren, die versuchen, sich bei der Überlebensrate von Kindern zu übertreffen oder in Sachen Bildung auszustechen. Staaten, die ihre Leistung für die ganze Welt zur Schau stellen. Regierungen, die für ihr Tun zur Rechenschaft gezogen werden.

Zweitens: Die WM ist ein Ereignis, über das jeder auf diesem Planeten reden wird. Die Menschen werde Ihre Mannschaft in Einzelteile zerlegen, in das, was sie richtig gemacht und was sie hätten anders machen sollen – und erst recht natürlich das gegnerische Team. In Cafés von Buenos Aires bis Peking werden sie sitzen und pausenlos Details debattieren. Sie werden nicht nur das intime Wissen ihrer eigenen Nationalmannschaft, sondern auch das von den vielen anderen Teams preisgeben. Sie werden sich dem Thema mit ebensoviel Klarheit wie Leidenschaft widmen. Eigentlich schweigsame Teenager werden zu wortgewandten, selbstbewußten und messerscharfen Analysten heranwachsen. Ich wünsche mir, wir hätten auf der ganzen Welt mehr solcher Gespräche. Bürger, die sich für Themen begeistern, wie die bessere Entwiclung ihres Landes, die Reduzierung von Treibhausgasen oder die Verhinderung neuer HIV-Infektionen.

Drittens: Die WM ist ein Ereignis, an dem jedes Land unter gleichen Voraussetzungen teilnehmen kann. Nur zwei Dinge zählen bei diesem Spiel: Talent und Teamarbeit. Ich wünsche mir, wir hätten mehr solcher Gleichmacher in der Arena der Welt. Freier und fairer Handel – ohne Subventionen, Grenzen oder Zölle. Jedes Land sollte eine wirkliche Chance bekommen, seine Stärke auf der Bühne der Welt zu zeigen.

Viertens: Die WM ist ein Ereignis, das die Vorteile eines Gedankenaustausches zwischen Völkern und Nationen aufzeigt. Immer mehr Nationalmannschaften haben Trainer aus anderen Ländern, die neues Denken und eine neue Art des Spiels mitbringen. Das gleiche gilt für die steigende Zahl von Spielern, die zwischen den Weltmeisterschaften bei Vereinen spielen, die weit weg von ihrem Heimatland sind. Aus ihrem Erfahrungsschatz bringen sie neue Eigenschaften mit in ihr neues Team. Und bei ihrer Rückkehr können sie so für ihre Heimat noch mehr leisten. Während ihrer Abwesenheit werden sie zu Helden in ihrer Wahlheimat, sie helfen Herzen zu öffnen und den Horizont zu erweitern. Ich wünsche mir, es gebe eine gleiche Ebene für alle, um zu sehen, daß Migration generell einen Dreifachgewinn erzielen kann – für Gastarbeiter, für ihre Herkunftsländer und für die Gesellschaften, in denen sie leben. Die Gastarbeiter schaffen nicht nur ein besseres Leben für sich selbst und ihre Familien, sie sind gleichzeitig Vertreter für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Entwicklung in ihren Gastländern. Und sie inspirieren bei der Rückkehr in ihre Heimatländer mit neu dazu gewonnenen Ideen und Wissen.

Für jedes Land ist die WM Teilnahme eine Frage von tiefem Nationalstolz. Für die, die sich zum ersten Mal qualifiziert haben, wie mein Heimatland Ghana, ist es eine ganz besondere Ehre. Für die, die es nach Jahres des Elends schaffen, so wie Angola, liefert die WM ein Geführ nationaler Erneuerung. Und für die, die gerade durch Konflikte zerrissen sind, wie die Elfenbeinküste, ist das WM-Team ein einzigartiges and machtvolles Symbol nationaler Einheit und verkörpert die Hoffnung auf nationale Wiedergeburt.

Das alles bringt mich zu der für uns bei den Vereinten Nationen vermutlich beneidenswertesten Sache: Die WM ist ein Ereignis, bei dem wir sehen, wie Treffer erzielt werden. Ich spreche dabei nicht nur von Toren, die ein Land erzielt – ich denke an das wichtigste Ziel für uns allle: dabeizusein, Teil der Familie von Nationen und Völkern zu sein und zu feiern, was uns als Menschen verbindet. Ich werde versuchen, mich daran zu erinnern, wenn Ghana am 12. Juni in Hannover gegen Italien spielt. Aber versprechen kann ich das nicht!

Übersetzung: Michael Remke

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