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Nicht zu stoppen, gut zu lenken: Von Auswanderern können alle Länder der Welt profitieren / von Kofi A. Annan --- Gastkommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 6. Juni 2006

Seit staatliche Grenzen erfunden wurden, haben Menschen sie überschritten – nicht nur um fremde Länder zu besuchen, sondern auch um dort zu leben. Fast immer haben sie damit Risiken auf sich genommen; fest entschlossen, ein besseres Leben zu finden. Solche Hoffnungen waren stets Motor für Fortschritt. Geschichtlich gesehen, hat Migration den Wohlstand vergrößert.

Und dies ist noch immer so. Forschungsergebnisse zeigen, dass Migration – zumindest in den besten Fällen – nicht nur zum Vorteil der Migranten selbst ist, sondern auch für die Länder, die sie aufnehmen und sogar für die Länder, die sie verlassen. Wie kann das sein? In den aufnehmenden Ländern nehmen Immigranten Jobs an, die von etablierten Einwohnern aber abgelehnt werden. Sie erbringen viele Dienstleistungen, von denen eine Gesellschaft abhängt. Sie pflegen ältere Menschen, helfen bei der Ernte und putzen.

Sie verrichten nicht nur einfache Tätigkeiten. Viele sind Unternehmer, die neue Betriebe gründen. Andere sind Schauspieler und Schriftsteller, die dabei mithelfen, dass in ihrer Wahlheimat Kreativität und Kultur aufblühen. Migranten erhöhen die Nachfrage nach Gütern und Dienstleistungen und zahlen im Allgemeinen mehr Steuern als sie durch die öffentliche Unterstützung in Anspruch nehmen. In Europa, wo die Bevölkerung nur langsam oder gar nicht wächst, stützen junge ausländische Arbeitsarbeitskräfte die unterfinanzierten Rentensysteme. Länder, die es schaffen, Migranten zu integrieren, gehören zu den dynamischsten der Welt – in wirtschaftlicher, sozialer und kultureller Hinsicht.

Deren Ursprungsländer profitieren indessen von den Überweisungen, die Migranten nach Hause schicken. Diese hatten im Jahr 2005 ein Gesamtvolumen von etwa 232 Milliarden US-Dollar; 167 Milliarden US-Dollar davon flossen in Entwicklungsländer. Dies ist mehr als alle staatliche Entwicklungshilfe zusammen. Nicht nur die unmittelbaren Empfänger profitieren von den Überweisungen, sondern auch die Versorger und Dienstleister, bei denen das Geld ausgegeben wird. Dies hat den Effekt, dass das Nationaleinkommen steigt und Anreize für Investitionen geschaffen werden.

Familien mit einem oder mehr Mitgliedern im Ausland geben zu Hause mehr Geld für Ausbildung und Gesundheit aus. Für arme Familien bedeuten die Überweisungen, dass sie Zugang zu Banken und Kreditgenossenschaften erhalten können. Immer mehr Regierungen verstehen, dass ihre Bürger im Ausland die Entwicklung in der Heimat unterstützen können, und verstärken die Bande mit ihnen. Regierungen vergrößern die Vorteile durch Migration, indem sie doppelte Staatsbürgerschaften oder die Teilnahme an Wahlen vom Ausland aus erlauben. In einigen Ländern nehmen Migrantenvereine an der Gestaltung ihrer Herkunftsgemeinden teil, indem sie kleinere Entwicklungsprojekte finanzieren. Erfolgreiche Migranten werden oftmals Investoren in ihren Herkunftsländern und ermutigen andere, ihrem Beispiel zu folgen. Durch erworbene Qualifikationen unterstützen sie auch den Technologie- und Wissenstransfer. Indiens Software-Industrie ist zu großen Teilen aus der Vernetzung von Emigranten, Heimkehrern sowie Unternehmern in der Heimat und im Ausland entstanden.

Zugegeben, Migration kann auch eine andere Seite haben, obwohl ironischer Weise einige der schlimmsten Folgeerscheinungen aus den Bemühungen entstehen, Migration zu kontrollieren: Es sind die illegalen Migranten, die am verwundbarsten für Schmuggler, Menschenhändler sind. Ja, es gibt Spannungen, wenn etablierte Einwohner und Migranten sich aneinander anpassen müssen, vor allem wenn Glaube, Sitten und Bildungsniveau sehr verschieden sind. Und ja, Staaten im südlichen Afrika leiden darunter, wenn Ärzte und Krankenschwestern wegen höherer Löhne abwandern.

Staaten aber lernen, diese Probleme zu meistern – und dies umso besser, wenn sie zusammenarbeiten. Dies ist die Absicht des Hochrangigen Dialogs über Migration und Entwicklung, den die Generalversammlung im September abhalten wird. Von keinem Land wird erwartet, dass es Grenzkontrollen oder Grundsätze aufgibt. Aber alle können Nutzen aus dem Austausch von Ideen ziehen.

Solange es Staaten gibt, wird es Migranten geben. Deshalb geht es nicht darum, sie zu stoppen, sondern Migration durch Zusammenarbeit und Verständnis zu meistern. Weil sie alles andere als ein Nullsummenspiel ist, kann sie so gestaltet werden, dass sie zum Nutzen für alle ist.
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Am heutigen Dienstag stellt UN-Generalsekretär Kofi Annan der Generalversammlung in New York einen Bericht zur Migration vor.

 


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