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Klimawandel / von Jan Egeland --- Gastkommentar in der Welt vom 6. November 2006

Wenn Megastädte zu potenziellen Todesfallen werden

In den letzten 30 Jahren haben Naturkatastrophen mehr als fünfmal so viele Menschen betroffen wie noch eine Generation davor. Die schlechte Nachricht ist, dass es durch den Klimawandel noch schlimmer wird. Die gute Nachricht ist, dass wir keineswegs hilflos sind, wenn es darum geht, die Risiken zu mindern. Wir müssen aber sofort handeln. Wir haben keine Zeit zu verlieren.

Die globale Erwärmung könnte unseren Planeten noch zu Lebzeiten unserer Kinder oder Enkel verändern. Wissenschaftler warnen vor einem ständigen Anstieg des Meeresspiegels, der eine potenzielle Katastrophe für mehrere hundert Millionen Menschen darstellt, die in tief liegenden Küstengebieten von Bangladesh bis New York und von China bis den Niederlanden leben.

Dabei werden Entwicklungsländer, die am wenigsten für die globale Erwärmung verantwortlich sind, am stärksten von deren Auswirkungen betroffen sein. Je ärmer eine Gesellschaft ist, desto größer ist ihre Verwundbarkeit durch Überschwemmungen, Dürren oder Stürme, durch die Ausbreitung von Infektionskrankheiten, die Unterbrechung der Erntezyklen und Konkurrenzkämpfe um natürliche Ressourcen.

Natürlich waren Erdbeben, Wirbelstürme und Tsunamis immer schon tödliche Gefahren. Doch aufgrund moderner Landnutzungsmaßnahmen, schneller Urbanisierung und des Bevölkerungswachstums ist heute das Risiko eines Massensterbens größer. Mittlerweile leben jeweils mehrere zehn Millionen Menschen in Megastädten wie Mumbai, Mexiko City, Lagos oder São Paulo und damit potenziellen Todesfallen. Riesige, dicht bevölkerte Elendsviertel mit geringer Infrastruktur und nur wenigen Sanitäranlagen befinden sich in erdbeben- oder überflutungsgefährdeten Gebieten. Die Risiken zu ignorieren, denen diese menschlichen Kartenhäuser ausgesetzt sind, heißt mit unserer Zukunft zu pokern.

Wer Leben und Lebensgrundlagen schützen will, sollte sich von drei Grundsätzen leiten lassen. Erstens sind Wachsamkeit und gute Vorbereitung gefragt. Wie uns das Jahr 2005 in New Orleans gezeigt hat, ist kein Land gegen die Auswirkungen extremer Wetterereignisse gefeit. Ein Dollar, der rechtzeitig in die Katastrophenvorsorge investiert wird, kann bis zu sieben Dollar für Wiederaufbau und Sanierungskosten einsparen.

Zweitens müssen wir unsere Widerstandsfähigkeit stärken und besonders in Risikogebieten sicherer bauen. Vor einem Jahr starben 17.000 Kinder, als beim Erdbeben in Pakistan und Indien Schulen und andere Gebäude einstürzten. Viele dieser Kinder hätten überlebt, wenn die Schulen erdbebensicher gebaut worden wären. Naturkatastrophen können über Nacht alle Entwicklungsmaßnahmen zunichte machen.

In Pakistan hat das Erdbeben im vergangenen Jahr Schäden in Höhe von fünf Milliarden US-Dollar verursacht. Dies ist ungefähr der Betrag, den die Weltbank dem Land im letzten Jahrzehnt zur Verfügung gestellt hat. 1998 verursachte der Hurrikan „Mitch“ Schäden, die 41 Prozent des Bruttoinlandsprodukts von Honduras entsprechen. Auf den Malediven wurden 2004 durch den Tsunami 66 Prozent des Bruttoinlandsprodukts zunichte gemacht.
Die Risikoverminderung muss daher in die internationale Entwicklungszusammenarbeit und Kreditgewährung integriert werden. Die UN haben eine neue globale Partnerschaft zur Risikoverminderung initiiert, bei der die Unterstützung durch Regierungen, die Weltbank, Nichtregierungsorganisationen und zivilgesellschaftliche Gruppen nutzbar gemacht wird.

Dazu gehört auch die neue „Globale Einrichtung für Katastrophenvorbeugung und Wiederaufbau“ der Weltbank, die Mittel für 86 risikoanfällige Länder bereithält. Brücken und Straßen werden so gebaut, dass sie Erdbeben und Wirbelstürmen standhalten, Gesundheitszentren und Schulen so ausgestattet, dass sie sichere Zuflucht bei Naturkatastrophen bieten können.

Drittens ist Katastrophenvorbeugung eine Sache der Kommunikation und Ausbildung. Menschen, nicht Geldmittel, müssen im Zentrum stehen. Jeder – vom Staatsoberhaupt über den lokalen Bauunternehmer bis hin zum Radiomoderator und Lehrer – hat dazu beizutragen, die Menschen gegenüber Naturkatastrophen widerstandsfähiger zu machen. Gute Evakuierungspläne, eine bessere Umweltpolitik oder Öffentlichkeitskampagnen können heute schon dafür sorgen, die künftigen Gefahren abzuschwächen. Ich bin sicher, dass die Zahl der Toten durch Naturkatastrophen drastisch sinken kann, wenn wir diese Schutzmaßnahmen umsetzen.

Der Autor ist UN-Untergeneralsekretär für Humanitäre Angelegenheiten und Nothilfekoordinator.

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