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Wer jetzt noch Zweifel sät ... / von Kofi Annan --- Gastkommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 13. November 2006

... der hat in Wahrheit keine Argumente mehr: Die Welt muss gegen den Klimawandel kämpfen, solange es noch möglich ist.

Falls noch irgendwelche Zweifel über den dringenden Handlungsbedarf im Kampf gegen den Klimawandel bestanden, so sollten zwei vor wenigen Tagen veröffentlichte Berichte die Welt aufgerüttelt haben.

Gemäß den neuesten, den Vereinten Nationen vorliegenden Daten steigen die Treibhausgas-Emissionen in den wichtigsten Industrieländern weiterhin an.

Darüber hinaus stellt der Klimawandel nach einer Studie des ehemaligen Chefökonomen der Weltbank, des Briten Sir Nicholas Stern, "das bisher größte und weitreichendste Marktversagen" dar.

Dieses Marktversagen könnte zu einem Schrumpfen der Weltwirtschaft um 20 Prozent führen. Die wirtschaftlichen und sozialen Zerrüttungen als Folge daraus sind mit den Auswirkungen der beiden Weltkriege und der großen Depression durchaus vergleichbar.

Unbestreitbarer wissenschaftlicher Konsens

Der mittlerweile unbestreitbare wissenschaftliche Konsens neigt sich zunehmend einer alarmierenden Einschätzung der Situation zu.

Zahlreiche Wissenschaftler, die lange Zeit für ihre vorsichtige Einschätzung der Lage bekannt waren, weisen heute darauf hin, dass die globale Erwärmung bereits erschreckende Ausmaße angenommen hat und wir gefährlich nahe auf einen Punkt zusteuern, an dem es kein Zurück mehr gibt.

Ein ähnlicher Wandel ist auch unter Wirtschaftsexperten zu beobachten. So sind einige früher als zurückhaltend geltende Analytiker heute der Meinung, dass eine Senkung der Emissionen letztlich weit weniger kosten würde, als wenn man sich später an die Folgen anpassen müsste.

In der Zwischenzeit steigen jedes Jahr die Schadenersatz-Zahlungen der Versicherungen für Schäden, die durch extreme Wetterbedingungen verursacht wurden.

Eine wachsende Zahl führender Persönlichkeiten aus Wirtschaft und Industrie sieht im Klimawandel bereits ein Unternehmensrisiko. Einige wenige verbleibende Skeptiker werden auch weiterhin Zweifel säen. Sie sollten als das gesehen werden, was sie sind: argumentationslos und einfach nicht zeitgemäß.

Am vergangenen Montag hat in Nairobi eine wichtige Klimakonferenz der Vereinten Nationen begonnen. Der Einsatz ist hoch, es geht um viel. Der Klimawandel hat tiefgreifende Auswirkung auf nahezu alle Aspekte des menschlichen Lebens und Wohlergehens, von Arbeitsplätzen und Gesundheit über Ernährungssicherheit und Frieden innerhalb von Ländern und zwischen den Staaten.

Dennoch wird der Klimawandel noch allzu oft als reines Umweltthema betrachtet, obwohl er Teil einer breiter angelegten Entwicklungs- und Wirtschaftsagenda sein sollte. Solange wir die allumfassende Wesensart dieser Bedrohung nicht anerkennen, werden unsere Reaktionen unzureichend sein.

Klimawandel geht auch Finanzminister an

Umweltminister bemühen sich seit längerem intensiv darum, ein international abgestimmtes Vorgehen zu mobilisieren. Jedoch fehlen in den Gesprächen und Diskussionsrunden oft noch zu viele ihrer Amtskollegen aus den Energie-, Finanz-, Verkehrs- und Industrieministerien und auch den Verteidigungs- und Außenministerien.

Der Klimawandel geht auch sie etwas an. Die Barrieren, die sie voneinander trennen, müssen abgebaut werden, damit sie sich in einer integrierten Vorgehensweise gemeinsam überlegen können, wie in den kommenden dreißig Jahren die Investitionen umweltgerechter und "grüner" getätigt werden können, die angesichts der wachsenden globalen Nachfrage nach Energie erforderlich sein werden.

Weltuntergangs-Szenarien, die die Menschen mit Schockmethoden zum Handeln bewegen wollen, haben letztlich oft den gegenteiligen Effekt. So war es zeitweise auch mit dem Klimawandel.

Wir dürfen uns nicht nur auf die Gefahren konzentrieren, sondern müssen unser Augenmerk auch auf die Möglichkeiten richten, die mit dem Klimawandel einhergehen.

Die Kohlenstoffmärkte haben dieses Jahr ein Volumen von 30 Milliarden US-Dollar erreicht, doch ist ihr Potential damit noch lange nicht ausgeschöpft. Das Kyoto-Protokoll kann nun in vollem Maß umgesetzt werden - einschließlich seines Mechanismus zur umweltverträglichen Entwicklung, der den Entwicklungsländern 100 Milliarden US-Dollar einbringen könnte.

Dem Bericht von Sir Nicholas Stern zufolge werden die Märkte für Energieprodukte mit niedrigem Kohlenstoffgehalt bis zum Jahr 2050 wahrscheinlich mindestens 500 Milliarden US-Dollar jährlich wert sein.

So erscheint es unverständlich, dass energiesparende Technologien und entsprechendes Knowhow nicht häufiger eingesetzt werden, obwohl sie heutzutage bereits verfügbar sind - eigentlich ein Ansatz, der für beide Seiten ein Gewinn ist, der eine geringere Umweltbelastung und globale Erwärmung sowie eine höhere Stromerzeugung und einen größeren Ertrag ermöglicht.

Niedrige Emissionswerte bedeuten keineswegs geringes Wachstum oder ein Ersticken der Entwicklungsbestrebungen eines Landes. Außerdem können wir dank der Einsparungen Zeit gewinnen, um Sonnen- und Windenergie sowie andere alternative Energiequellen zu entwickeln und ihre Kosteneffizienz zu verbessern.

Anpassung notwendig

Die Bemühungen um eine Senkung sowie um die Vermeidung künftiger Emissionen dürfen zugleich nicht die Notwendigkeit verschleiern, sich dem Klimawandel anpassen zu müssen - was angesichts der heute bereits bestehenden enormen Kohlenstoffkonzentrationen ein gewaltiges Unterfangen ist.

Die ärmsten Länder der Welt, von denen sich viele in Afrika befinden, sind am wenigsten in der Lage, diese Belastungen zu bewältigen - eine Bürde, zu der sie selbst nur sehr wenig beigetragen haben. Sie werden internationale Hilfe benötigen, wenn ihre Bemühungen um die Erfüllung ihrer Entwicklungsziele nicht weiter vereitelt werden sollen.

Noch ist Zeit für einen Kurswechsel in all unseren Gesellschaften. Wir dürfen nicht die Angst unserer Wähler schüren oder ihre Bereitschaft zu großangelegten Investitionen und langfristigen Veränderungen unterschätzen.

Die Menschen sehnen sich danach, endlich die erforderlichen Maßnahmen zu ergreifen, um diesen Bedrohungen zu begegnen und zu einem gefahrloseren und vernünftigeren Entwicklungsmodell überzugehen.

Die Konferenz in Nairobi kann und muss Teil dieser Entstehung von kritischer Masse sein. Von ihr muss ein klares und glaubwürdiges Signal ausgehen, dass die politische Riege den Klimawandel ernst nimmt. Die Frage lautet nicht, ob sich der Klimawandel vollzieht, sondern, ob wir in der Lage sind, unsere Denk- und Verhaltensweise rasch genug dieser drohenden Krise anzupassen.

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