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Soldaten in jedes Dorf von Darfur! Wenn nicht sofort Bodentruppen in die Region geschickt werden, steht die größte Hilfe-Aktion der Welt vor dem Scheitern / von Jan Egeland --- Gastbeitrag in der Süddeutschen Zeitung vom 6. Mai 2005

Vor zwei Jahren sprach ich zum ersten Mal vor dem Weltsicherheitsrat über Darfur. Ich nannte das dortige Vorgehen eine ethnische Säuberung der schlimmsten Art. Heute könnte ich diese frühere Einschätzung einfach per Rücklauf-Knopf wiederholen. Die weltgrößte Hilfe-Aktion hängt nun in der Schwebe und kann unter den gegebenen Bedingungen nicht mehr aufrecht erhalten werden. Wenn wir einen drohenden Verlust von Menschenleben verhindern wollen, müssen alle sofort handeln: die sudanesische Regierung, die Rebellen, die Mitglieder des Sicherheitsrates und die Geberländer.

Das Massaker in Darfur eskaliert, und es greift in den Tschad über. Allein in den vergangenen vier Monaten sind weitere 200.000 Menschen um ihr Leben geflohen. Mehr als zwei Millionen Menschen wurden inzwischen vertrieben. Plündernde, von der Regierung unterstützte Milizen streifen ungestraft im Land herum, terrorisieren und zerstören systematisch Leben und Existenzen. Rebellen-Angriffe gegen Zivilisten gehen weiter. Wir haben zur Zeit 14.000 unbewaffnete Hilfskräfte, meist Sudanesen, in Darfur - aber nur halb so viele Bodentruppen der Afrikanischen Union, um in einem Gebiet, welches so groß wie Texas ist, einen fehlgeschlagenen Waffenstillstand durchzusetzen. Die humanitäre Hilfe war eine der wirklich effizienten Antworten, die die Welt auf die Grausamkeit in Darfur gefunden hat. Allerdings: Anstatt die Wunden zu heilen, hat die Welt es vorgezogen, einen Verband auf die offene Blutung zu legen. Natürlich sind humanitäre Bandagen wichtig, um Leben zu retten. In den vergangenen zwei Jahren gab es an der humanitären Front enormen Fortschritt. Im Jahr 2004 hatten wir nur 230 Hilfskräfte in der Region, um 350.000 Menschen zu helfen. Heute helfen wir zehnmal so vielen Menschen - der Hälfte aller Bewohner von Darfur. UN-Organisationen sowie nichtstaatliche Organisationen (NGOs) haben im Jahr 2005 die Todesrate bei den Vertriebenen in Darfur im Vergleich zu 2004 um zwei Drittel verringern können. Nur noch halb so viele Menschen wie im Vorjahr galten als unterernährt.

Heute werden diese Errungenschaften durch erhöhte Gewalt auf allen Seiten sowie verstärkte Obstruktionspolitik der sudanesischen Regierung weggefegt. Beide Umstände beschränken massiv unsere Möglichkeiten, die Notleidenden zu erreichen. Sie könnten das Ende dieser weltgrößten Hilfeleistung erzwingen - und das Leben von Millionen Menschen riskieren.

Die Hilfe-Zahlungen haben mittlerweile spürbar nachgelassen. Die Unterstützung aus Europa und den Golfstaaten ist stark gesunken. Unser Appell für lebensrettende Hilfe hat weniger als 20 Prozent der Mittel gebracht, die wir dafür benötigen. Wir werden bald gezwungen sein, die täglichen Nahrungsmittelrationen um die Hälfte zu kürzen. Ohne weitere unverzügliche Mittel werden noch mehr Kürzungen folgen, und es werden noch mehr Menschen sterben. Wir brauchen an allen Fronten mehr Fortschritt: bei der Sicherheit, dem humanitären Zugang und dem politischen Engagement, um ein exponentielles Ansteigen der Todesraten zu verhindern.

Erstens brauchen wir mehr Sicherheit für die Menschen von Darfur. Die engagierten, aber überforderten Kräfte der Afrikanischen Union müssen sofort verstärkt werden, um die Menschen besser schützen zu können. Dieser Schutz ist genau so fundamental wie dringend. Hilfskräfte müssen in der Lage sein, allen Bedürftigen zu helfen - ohne selber Angst vor Überfällen, bewaffneten Angriffen oder öffentlichen Belästigungen haben zu müssen. Die derzeitigen Umstände sind unzumutbar. Wenn diese anhalten, werden die humanitären Kräfte gezwungen sein, sich zurückzuziehen. Dies würde allerdings bedeuten, den Rettungsanker für mehrere Hunderttausend schutzlose Zivilisten zu lösen. Alle Seiten - Regierung, Milizen und Rebellen - sind für die entsetzliche Sicherheitslage verantwortlich, die das Leben der Menschen von Darfur bedroht und humanitäre Bemühungen zunehmend unmöglich macht.

Zweitens müssen wir alle Notleidenden erreichen. Leider müssen wir auch auf diesem Feld den Fortschritt aufgeben, den wir vergangenes Jahr erzielt haben. Der humanitäre Zugang ist der schlechteste seit dem Frühjahr 2004. Im Westen und Norden von Darfur können die Hilfskräfte auf Grund der zunehmenden Unsicherheit nur 40 Prozent der Bewohner erreichen. Der Zugang zu ihnen hängt darüber hinaus von einer besseren Zusammenarbeit seitens der sudanesischen Regierung sowie der bewaffneten Gruppen ab. Leider haben wir nur das Gegenteil erfahren.

Hilfskräfte in Darfur sind gezwungen, sich mit Bedrohungen, Einschüchterungen und einem Orwell'schen Alptraum endloser bürokratischer Restriktionen auseinanderzusetzen. Deren einzige Absicht besteht darin, unsere Möglichkeiten der Hilfe zu behindern. Im April zum Beispiel musste eine führende NGO, die für die Betreuung eines Camps mit 90.000 Vertriebenen zuständig war, ihre Koffer packen. Die sudanesische Regierung wird nun direkt das Camp betreuen. Wenn man sieht, wie diese Regierung ihre eigenen Bürger schützt(nämlich gar nicht), gibt es ernsthafte Gründe, um die Sicherheit der Camp-Insassen besorgt zu sein.

Humanitäre Hilfe ist zur Rettung von Leben unerlässlich, aber solche Hilfe allein wäre auf verhängnisvolle Weise ungenügend. Unbewaffnete Hilfskräfte können zwar heute Menschen am Leben erhalten, aber sie können sie morgen nicht vor Mord, Vergewaltigung oder Vertreibung bewahren. Lassen Sie uns den Irrtum nicht wiederholen, der vor elf Jahren in der bosnischen Gemeinde Srebrenica begangen wurde. Humanitäre Hilfe darf niemals als Feigenblatt benutzt werden, um politische Untätigkeit zu verdecken.

Aber genau dies passiert jetzt in Darfur. Die Menschen dort brauchen dringend Hilfe, und sie brauchen noch mehr. Sie brauchen Schutz und Frieden, und das kann nur heißen: Soldaten in jedem Dorf von Darfur. Schließlich sind die Menschen darauf angewiesen, dass die UN-Mitgliedstaaten in Afrika, Asien und der arabischen Welt, aber auch im Westen, moralische Führung zeigen. Wir brauchen Taten, nicht nur Worte. Nur dies wird den Menschen von Darfur heute das Leben retten oder morgen Frieden bringen.

Jan Egeland ist der UNO-Nothilfekoordinator.

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