Donnerstag, 23 November 2017
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Ein Konzept, das alles umfasst: Verantwortung ist der Schlüsselbegriff für die Zukunft der Welt / von Kofi Annan --- Gastkommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 3. September 2002

Wenn es einen Begriff gibt, über den jeder beim Weltgipfel für nachhaltige Entwicklung in Johannesburg sprechen sollte, eine Idee, die den Aktionsplan, der hier verabschiedet werden soll, beleben muss, ein Konzept, das alles umfasst, was die Vereinten Nationen erreichen wollen, dann ist dies der Begriff der Verantwortung. Verantwortung für einander, als ein Teil der einen Menschheitsfamilie für den anderen; Verantwortung für unseren Planeten, dessen Reichtum die Basis des menschlichen Fortschritts bildet und vor allem Verantwortung für die künftige Sicherheit und das Wohl der kommenden Generationen.

Seit mehr als zwei Jahrhunderten, seit die industrielle Revolution so große Fortschritte des Lebensstandards gebracht hat, wie sie die Welt noch nie gesehen oder für möglich gehalten hatte, geht die wirtschaftliche Entwicklung zu einem großen Teil von einigen sehr unverantwortlichen Aktivitäten und Voraussetzungen aus. Wir haben die Atmosphäre mit Schadstoffen belastet, die jetzt zu unseren Lebzeiten in Form des globalen Klimawandels verheerende Schäden anzurichten drohen. Wir haben Wälder abgeholzt, Fischbestände geplündert und Wasser wie Böden vergiftet. Während Verbrauch und Produktion auf ihrem Höhepunkt waren, wurden zu viele Menschen – eigentlich die Mehrzahl der Menschheit – in Armut, Elend und Verzweiflung zurückgelassen.

Der Weltgipfel ist der Versuch eines Kurswechsels, bevor es zu spät ist. Er zielt darauf, mutwillige Zerstörung und die unbedachte Selbsttäuschung zu beenden, die zu viele davon abhält, den gefährlichen Zustand der Erde und ihrer Bewohner zu erkennen. Der Gipfel soll die unbequeme Wahrheit deutlich machen, dass die lange vorherrschenden Entwicklungsmodelle nur für wenige ergiebig, aber für viele fehlerhaft waren. Es soll besonders den politischen Führern eingeschärft werden, dass die Kosten der Untätigkeit größer sind als die Kosten für den Schutz. Sie sollten nicht länger wirtschaftlich so defensiv sein, sondern damit beginnen, mehr politischen Mut aufzubringen.

Manche sagen, wir sollten einfach die Strukturen des modernen Lebens niederreißen und mit ihnen die nicht nachhaltigen Methoden, die diesen zu Grunde liegen. Ich sage, wir können und müssen neue Stränge des Wissens und der Zusammenarbeit einbauen. Nachhaltige Entwicklung muss nicht auf die technologischen Durchbrüche von morgen warten. „Grüne“ Technologien, erneuerbare Energiequellen und andere alternative Lösungen, die schon heute verfügbar sind, können bereits jetzt eingesetzt werden. Regierungen haben noch kaum damit begonnen, Forschung und Entwicklung in diesen Bereichen angemessen zu fördern oder Steuererleichterungen und andere Anreize einzuführen, die das richtige Signal für Unternehmer und Wirtschaft geben würden. Mit gemeinsamen Anstrengungen in fünf Schlüsselbereichen – Wasser, Energie, Gesundheit, Landwirtschaft und Artenvielfalt – können Fortschritte viel schneller erzielt werden als allgemein gedacht wird.

Die Regierungen müssen mit den Taten beginnen. Sie tragen die oberste Verantwortung dafür, die Verpflichtungen zu erfüllen, die sie beim Erdgipfel 1992 und seither eingegangen sind. Die reichsten Länder müssen diesen Weg anführen. Sie besitzen den nötigen Wohlstand und die Technologie, und sie tragen unverhältnismäßig stark zu den globalen Umweltproblemen bei. Die Entwicklungsländer, die naturgemäß danach streben, am Wohlstand der industrialisierten Welt teilzuhaben, müssen ebenfalls ihren Beitrag leisten. Aber sie haben das Recht, darauf zu vertrauen, dass diejenigen, die zuerst einen gefährlichen Weg zu mehr Wachstum eingeschlagen haben und diesen noch immer gehen, ein Beispiel geben und Hilfe leisten.

Die Regierungen können diese Aufgabe jedoch nicht alleine erfüllen. Bürgerinitiativen spielen eine entscheidende Rolle als Partner, Anwälte und Wächter. Gleiches gilt für Unternehmen. Ich hoffe, die großen Kapitalgesellschaften verstehen, dass die Welt von ihnen nichts anderes verlangt als ihrem normalen Geschäft nachzugehen – aber sie sollen ihre wirtschaftlichen Ziele auf andere Weise verfolgen. Die fortschrittlicheren und dynamischeren unter ihnen ergreifen bereits die Chancen für eine alternative, nachhaltige Zukunft. Ich hoffe, dass sie damit ein Beispiel geben.

Die Entscheidung liegt nicht zwischen Entwicklung und Umwelt, wie einige meinen. Entwicklung, die nicht vernünftig mit der Umwelt umgeht, wird nur von kurzer Dauer sein. Das Problem lässt sich auch nicht auf Arm gegen Reich reduzieren. Beide hängen von Ressourcen und anderen Reichtümern der Umwelt ab. Jeder zweite Arbeitsplatz weltweit – in der Landwirtschaft, der Forstwirtschaft und der Fischerei – ist direkt auf die Nachhaltigkeit der Ökosysteme angewiesen.

Es heißt, dass es für alles seine richtige Zeit gibt. Die Welt heute, konfrontiert mit den eng verknüpften Problemen von Armut und Umweltverschmutzung, muss eine Zeit des Wandels und der Verantwortung einläuten – eine Zeit, in der wir die längst fälligen Investitionen in eine sichere Zukunft tätigen.

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