Dienstag, 21 November 2017
UNRIC logo - Deutsch
                

Konferenz der Vereinten Nationen in Monterrey: Ein Pakt zwischen Arm und Reich; Nur ein globales Entwicklungsbündnis kann eine Milliarde Menschen aus dem Elend retten / von Kofi Annan --- Gastkommentar in der Süddeutschen Zeitung, 20. März 2002

In ländlichen Gegenden von Bangladesch heiraten die Mädchen sehr jung. Nicht weil sie den Wunsch haben, sondern weil es sich ihre Familien nicht leisten können, sie in die Schule zu schicken. In einigen Bezirken aber, in Narshingdi zum Beispiel, ändert sich das. Die Zahl der Mädchen, die dort weiterführende Schulen besuchen, hat sich mehr als verdoppelt.

Innerhalb von drei Jahren ist die Zahl der verheirateten Frauen unter den 16- bis 19-Jährigen von 72 auf 64 Prozent gesunken. Unter den 13- bis 15- Jährigen ging sie von 29 auf 14 Prozent zurück. Die Familien in diesen Bezirken werden kleiner, mehr Frauen sind berufstätig und erzielen höhere Einkommen. Der Rektor einer Schule in Narshingdi sagt, er hätte sich vor 30 Jahren, als er zu unterrichten begann, nicht vorstellen können, dass so viele Mädchen die Schule besuchen. Den Nutzen davon haben nicht nur die Mädchen selbst, er reicht viel weiter: Niedrigere Geburtenraten, eine bessere Gesundheitsvorsorge, eine geringere Kindersterblichkeit und eine erwerbstätige Bevölkerung, die gesünder und produktiver ist.

Was hat diesen Wandel bewirkt? Geld. Seit 1993 erhalten Mädchen, die die weiterführende Schule besuchen, einen kleinen Zuschuss, auch die Schule erhält Fördermittel. „Die Zuschüsse bewirken sehr viel“, sagt der Rektor. Das Programm, das von der Regierung von Bangladesch gefördert und von der Weltbank finanziert wird, soll nun auf 1,5 Millionen Mädchen erweitert werden.

Jede Nacht hungrig schlafen
Das ist Entwicklung, nichts Abstraktes, sondern eine wirkliche Veränderung für das Leben der Menschen – für Millionen Männer, Frauen und Kinder, die alle ihr Leben verbessern wollen, sofern sie dazu nur eine Chance erhalten. Zur Zeit wird ihnen diese Chance verwehrt. Über eine Milliarde Menschen, ein Fünftel der Weltbevölkerung, müssen ihren Lebensunterhalt mit weniger als einem Dollar pro Tag bestreiten. Sie gehen jede Nacht hungrig schlafen, sie haben nicht einmal sauberes Wasser zur Verfügung, das sie gefahrlos trinken können. Entwicklung bedeutet, diesen Menschen und weiteren zwei Milliarden, denen es nur wenig besser geht, den Aufbau eines besseren Lebens zu ermöglichen.

Vor 18 Monaten haben die Staats- und Regierungschefs beim Millenniumsgipfel in New York beschlossen, in den ersten 15 Jahre dieses Jahrhunderts eine groß angelegte Kampagne gegen Armut, Analphabetentum und Krankheit zu starten. Mit den Entwicklungszielen des Millenniums legten sie klare Maßstäbe fest, an denen Erfolg oder Misserfolg dieses Vorhabens gemessen werden können. Diese Ziele können ohne menschliche, natürliche und – wie das Beispiel der Mädchen von Narshingdi zeigt – finanzielle Ressourcen nicht erreicht werden.

Deshalb diskutieren US-Präsident George W. Bush und mehr als 50 andere Staatsoberhäupter und Regierungsmitglieder, Vertreter der Wirtschaft, von Stiftungen und Non-Profit-Organisationen in dieser Woche im mexikanischen Monterrey über Entwicklungsfinanzierung. Das Schicksal von Millionen Menschen hängt davon ab, ob wir dabei erfolgreich sind.

Auch Vertreter der Regierungen von Entwicklungsländern werden an der Konferenz teilnehmen. Sie erwarten keine Almosen. Sie wissen, dass sie selbst die richtige Politik umsetzen müssen, um private Investitionen ihrer Bürger und aus dem Ausland zu erhalten. Sie müssen den Markt miteinbeziehen, wirtschaftliche Stabilität gewährleisten, Steuern in einem transparenten und überprüfbaren System erheben, Korruption bekämpfen, Rechtsstaatlichkeit gewährleisten und Eigentumsrechte schützen.

Was sie verlangen, ist eine faire Chance, um ihren Weg aus der Armut zu finden, nicht durch Zölle und Einfuhrquoten beschränkt zu werden oder im Wettbewerb mit subventionierten Produkten reicher Länder bestehen zu müssen. Viele fordern auch einen weiteren Schuldenerlass und viele sagen, dass sie – um nicht auf Almosen angewiesen zu sein – die helfende Hand in Form von höherer Entwicklungshilfe von den reicheren Ländern brauchen.

Bislang haben die meisten Industriestaaten auf diese Forderungen mit Skepsis reagiert. Sie sind der Ansicht, dass schon zu viel Geld in den vergangenen Jahrzehnten von korrupten oder ineffizienten Regierungen verschwendet wurde. Aber sie begreifen auch, dass wir in einer Welt leben, und dass sich niemand in dieser Welt wohl oder sicher fühlen kann, solange so viele Menschen leiden oder benachteiligt werden. Und sie erkennen auch, dass ein „globaler Deal“ auf dem Tisch liegt: Wo Entwicklungsländer eine marktorientierte Politik betreiben, ihre Institutionen stärken, die Korruption bekämpfen, Menschenrechte und Gesetze respektieren und mehr für die Armen tun, dort können sie von den reichen Ländern beim Handel, in der Entwicklungshilfe, bei Investitionen und beim Schuldenerlass unterstützt werden.

Am vergangenen Donnerstag hat Präsident Bush einen bedeutenden Beitrag der USA angekündigt. Er versprach, in den kommenden drei Jahren einen Betrag von fünf Milliarden Dollar in ein „Konto für die Herausforderungen des Millenniums“ einzuzahlen, das zur Verbesserung des Lebensstandards und der wirtschaftlichen Situation in den Entwicklungsländern beitragen soll. Am selben Tag gab die Europäische Union bekannt, dass ihre Mitgliedstaaten ab 2006 ihre Entwicklungshilfe um vier Milliarden Dollar jährlich anheben werden. Durchschnittlich sollen dann 0,39 Prozent des jeweiligen Bruttoinlandsprodukts in die Entwicklungshilfe fließen. Das ist ein bedeutender Schritt in Richtung auf das von den Vereinten Nationen festgelegte 0,7-Prozent-Ziel.

Die Hilfe muss verdoppelt werden
Diese Beträge werden aber allein nicht ausreichen. Alle Wirtschaftsanalysen kommen zu dem Ergebnis, dass die Ziele des Millenniumsgipfels nur erreicht werden können, wenn die Entwicklungshilfe weltweit um mindestens 50 Milliarden Dollar pro Jahr steigt. Dies ist das Doppelte des jetzt dafür aufgewendeten Betrages. Die Entscheidungen lassen vermuten, dass die Diskussion um die grundsätzliche Frage schon gewonnen wurde. Alle Regierungen sind sich einig, dass Entwicklungshilfe nur ein Element der Maßnahmen sein kann, allerdings ein sehr wichtiges. Die Entwicklungshilfe ist heute viel effizienter als vor 20 Jahren. Dafür gibt es eine Reihe von Gründen. Mehr Geld wird dafür ausgegeben, um die Möglichkeiten der Empfängerländer zu stärken, ihre eigene Wirtschaft aufzubauen. Und weniger Geld wird an wirtschaftliche oder geopolitische Interessen der Geberländer gebunden.

Wenn es in dieser Woche in Monterrey zu diesem „globalen Deal“ kommt, dann werden noch viel mehr Mädchen in Afrika, Asien und Lateinamerika zur Schule gehen können, so wie jene in Narshingdi. Millionen Kinder werden als produktive Mitglieder ihrer Gesellschaft aufwachsen, anstatt an Aids, Tuberkulose oder Malaria zu erkranken. Und der ganzen Welt wird es dann viel, viel besser gehen.

Der Autor ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

Praktikant/-in für Bonner UNRIC-Büro gesucht

UNRIC bietet im Bonner Büro ein 8- bis 12-wöchiges Praktikum ab März 2018 an.
Bewerber/-innen sollten sich noch im Studium befinden, oder vor kurzem ihr Studium beendet haben und erste Erfahrungen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder im Journalismus besitzen.
Sehr gute Englisch- und Deutschkenntnisse sind Voraussetzung. Das Praktikum ist unbezahlt.
Bitte senden Sie Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen an:
deutschland@unric.org

UNRIC Verbindungsbüro in Deutschland, Bonn
Tel.: +49 (0)228 / 815-2773 / 2774
Fax: +49 (0)228 / 815-2777

UN Card 2016 DE 250px front