Mittwoch, 22 November 2017
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Wie die Welt den Kampf gegen Aids gewinnen kann: UN-Generalsekretär Kofi Annan fordert mehr Investitionen in Aufklärung, Forschung und Behandlung der Infizierten / von Kofi Annan --- Gastkommentar in der Süddeutsche Zeitung vom 26. Juni 2001

Es gibt zwei falsche Vorgehensweisen gegen die globale Gefahr von HIV/Aids. Die eine besteht darin, die Gefahr zu unterschätzen oder zu ignorieren; die andere darin zu verzweifeln. Die erste kann man nur als unverantwortlich bezeichnen. Die zweite ist nicht gerechtfertigt.

Kein Kontinent, keine Gesellschaft und keine soziale Gruppe ist gegen diese Geißel der Menschheit gefeit. 22 Millionen Menschen sind bereits gestorben - im letzten Jahr war der Zoll an Menschenleben mit drei Millionen Aids-Toten bisher am höchsten. Jugendliche und Kinder sterben jeden Tag, in jedem Land. Auch ihre Eltern - junge Erwachsene, in der Blüte ihrer Jahre.

In einigen Ländern Afrikas ist heute bereits ein Viertel der Bevölkerung infiziert; die Zahl der Arbeitskräfte wird dezimiert; Jahrzehnte des Fortschritts bei der Anhebung des Lebensstandards oder der Lebenserwartung werden zunichte gemacht. Das Gleiche wird bald auch in anderen Teilen der Welt passieren - in Asien, in Osteuropa, in der Karibik, wenn jetzt nicht energisch gehandelt wird.

Aber Handeln ist möglich, Verzweiflung nicht am Platz, denn wir sind gegenüber dieser Epidemie nicht machtlos.

Selbst arme Länder und solche mit mittlerem Einkommen können sich schützen, wenn sie Prävention und Behandlung gemeinsam voran bringen. Brasilien, Senegal und Thailand haben dies bewiesen. Sogar besonders schwer betroffene Länder können dieser Krankheit trotzen und ihrer weiteren Ausbreitung Einhalt gebieten. Uganda hat das gezeigt.

In den vergangenen Monaten ist die Welt endlich aufgewacht.

Internationale pharmazeutische Konzerne haben auf die Meinung der Weltöffentlichkeit und den Wettbewerbsdruck der Hersteller reagiert und haben in den ärmsten Ländern den Preis für antiretrovirale und andere Aids-Medikamente drastisch gesenkt. Die Chance der infizierten Patienten auf Behandlung ist dort jetzt kein unmöglicher Traum mehr.

In Afrika stellen sich nun auch die politischen Führer diesem Problem wie nie zuvor.

Vor zwei Monaten habe ich auf dem Afrikagipfel in Abuja, Nigeria, ein neues Dringlichkeitsbewusstsein wahrgenommen. Alle dort vertretenen Staaten haben sich verpflichtet, den Anteil ihrer öffentlichen Ausgaben für die Gesundheit, und vor allem für die Bekämpfung von HIV/Aids, zu erhöhen.

In Abuja habe ich fünf vordringliche Aktionsziele für den weltweiten Kampf gegen Aids vorgestellt:


  • Erstens müssen wir die weitere Ausbreitung der Epidemie verhindern, vor allem durch die Aufklärung junger Menschen.

  • Zweitens müssen wir der grausamsten aller Infektionsformen Einhalt gebieten: der Mutter-Kind-Übertragung. 

  • Drittens müssen wir Pflege und Behandlung in Reichweite aller Infizierten bringen. Das ist keine Alternative zur Prävention sondern eine entscheidende Ergänzungsmaßnahme. Denn Menschen, die wissen, dass es für sie eine Hoffnung auf Behandlung gibt, sind eher bereit, sich einem HIV-Test zu unterziehen.

  • Viertens müssen wir die wissenschaftliche Forschung beschleunigen, bei der Suche nach einem Impfstoff wie nach einer Heilungsmethode. 

  • Und fünftens müssen wir jene schützen, die durch Aids besonderen Gefahren ausgesetzt sind, allen voran die Aids-Waisen.
    Diese fünf Aktionsziele wurden nach ausführlicher Beratung mit allen, die sich am Kampf gegen Aids beteiligen, festgelegt. Sie bilden den Kern einer Strategie, auf die wir uns alle einigen können. Und sie sind erreichbar.

Wir können diese Ziele in der ganzen Entwicklungswelt verwirklichen. Mit jährlich 7-10 Milliarden US-Dollar, vorausgesetzt, diese Geldmittel werden langfristig sicher gestellt.

Wir sprechen hier vom Fünffachen des Betrags, der heute aufgewendet wird, der aber nur ein Viertel des Haushalts der Stadt New York ausmacht. Die Welt kann diesen Betrag doch wohl aufbringen.

Ein Teil der Mittel wird aus den Entwicklungsländern selbst kommen. Aber natürlich ist hier internationale Solidarität gefragt. Ich bin überzeugt, dass die Öffentlichkeit in den Industriestaaten jetzt dazu bereit ist, diese Solidarität zu zeigen. Sie versteht, dass dies in ihrem eigenen Interesse liegt, da kein Land von einer globalen Katastrophe dieser Größenordnung verschont bleiben kann.

Regierungen, Stiftungen, Wirtschaftsunternehmen und Privatpersonen - sie alle haben in den vergangenen Monaten ihr Interesse gezeigt, ihren Teil zu dieser globalen Kampagne beizutragen.

Einige wissen bereits, wie sie ihr Geld einsetzen wollen und wer es erhalten soll. Andere wollen Beiträge an einen globalen Fonds leisten, der dafür sorgen kann, dass alle fünf Aktionsziele erfasst und die Durchführungsmaßnahmen für die Hilfe suchenden Länder vereinfacht werden.

Mehrere Länder, ein Großkonzern und zahllose Privatpersonen haben bereits Geld für diesen Fonds zugesagt. Gestern begann in New York eine Sondertagung der UNO-Generalversammlung über HIV/Aids, bei der - wie ich sicher annehme - weitere Länder Beitragszusagen abgeben werden.

Jeder Tag, den wir verlieren, ist ein Tag, an dem sich Zehntausende Menschen neu mit HIV infizieren und an dem viele Millionen Menschen mit Aids unnötig leiden.

Wir können diese Krankheit besiegen. Wir müssen sie besiegen. Aber je länger wir warten, desto höher wird der Preis, den wir dafür zahlen.

Der Autor ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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