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Karibische Lektionen: Nur mit dauerhafter Hilfe von außen ist Haiti noch zu retten / von Kofi Annan --- Gastkommentar in der Süddeutschen Zeitung vom 17. März 2004

Nicht schon wieder!" So reagierten spontan UN-Vertreter und nationale Regierungen am Jahresanfang, als Haiti, das ärmste Land in der westlichen Hemisphäre, im Chaos zu versinken drohte. Und man begann, über die Möglichkeit einer neuen internationalen Intervention zu diskutieren. Die Vereinten Nationen waren vor zehn Jahren schon einmal vor Ort gewesen. 1994 wurde eine multinationale Truppe mit Zustimmung des Sicherheitsrats nach Haiti entsandt und brachte Präsident Jean-Bertrand Aristide wieder an die Macht. Sechs Monate später übernahmen die UN selbst die Verantwortung für diese Mission. Eine kurze, im Nachhinein betrachtet zu kurze Anstrengung war unternommen worden, um dem Land wieder auf die Beine zu helfen und die Stabilität zu bewahren, vor allem durch die Ausbildung einer professionellen Polizei.

Jetzt müssen wir uns dieser Aufgabe erneut stellen. Am 28. Februar, als Präsident Aristide das Land verließ, befand sich die Polizei in einem Auflösungsprozess, und das Land war in der Hand bewaffneter Banden. Am folgenden Tag bewilligte der Sicherheitsrat erneut eine Intervention durch die UN-Mitgliedsstaaten und gab dieses Mal den UN selbst die Aufgabe, in einem Zeitraum von nur drei Monaten für Sicherheit zu sorgen. Ein Vorausteam der UN ist jetzt in Haiti. Es beurteilt, was getan werden muss und welche Form die künftige UN-Präsenz im Land haben soll.

Wir können sicher sein, dass diese Aufgabe komplex sein wird. Der Sicherheitsrat hat humanitäre und finanzielle Hilfe zugesagt, ebenso wird das Land bei der Regierungsführung, bei der Wahrung der Menschenrechte und der Rechtsstaatlichkeit unterstützt. Die Situation ist noch ernster als vor zehn Jahren. In vielen Gegenden sind Waffen erhältlich und der Drogenhandel hat sich etabliert. Die Haitianer sind frustriert und von der internationalen Gemeinschaft genauso enttäuscht wie von der eigenen Führung. Die Ereignisse im Februar haben die Polarisierung verschärft. Das macht es schwierig, eine neue Regierung zu bilden, die sowohl die Gegner als auch die Anhänger Aristides akzeptieren.

Hätten wir aus den bisherigen Erfahrungen also lernen sollen, dass Außenstehende die Probleme Haitis nicht lösen können? Dies ist ein Land, das kürzlich den 200. Jahrestag seiner Selbstbefreiung von Sklaverei und Kolonialismus feierte. Im frühen 20. Jahrhundert war es eine Zeit lang US-Protektorat. Soll es jetzt sich selbst überlassen werden und seine Probleme allein lösen?

Dies ist eine abstrakte Vorstellung. Haiti ist eindeutig unfähig, sich aus dieser Lage selbst zu befreien. Das Land sich selbst zu überlassen, würde das Chaos verlängern oder verschlimmern. Unsere globalisierte Welt kann sich ein solches politisches Vakuum nicht erlauben, sei es in den Bergen Afghanistans oder an der Türschwelle der einzig verbliebenen Supermacht.

Die Facetten menschlichen Leids sind heute nicht mehr so leicht zu ignorieren wie früher. Aber der bedeutende Unterschied zur Vergangenheit ist, dass dieses Chaos nicht mehr durch Grenzen aufgehalten werden kann. Es breitet sich in Form von Flüchtlingsströmen und Terrorismus aus, aber auch in Gestalt von Drogen-, Waffen- oder sogar Menschenhandel. Niemand will intervenieren - aber letztendlich gibt es keine andere Wahl. Bei so einer Intervention müssen wir einige Lektionen aus den vergangenen Versuchen lernen. Eine davon ist, dass keine einzige Organisation, kein Geldgeber oder internationaler Partner die Aufgabe alleine bewältigen kann. Wir von den Vereinten Nationen müssen eng mit unseren Kollegen der Karibischen Gemeinschaft (Caricom) und der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) zusammenarbeiten und einen integrierten und gemeinsamen Ansatz finden. Diese beiden Organisationen haben eine führende Rolle bei der Bewältigung der gegenwärtigen Krise und müssen auf Haiti weiter als regionale Partner engagiert bleiben - auch lange nachdem die Blauhelme wieder abgezogen sind. Haiti darf nicht wieder in der eigenen Nachbarschaft isoliert werden, wie es in der Vergangenheit der Fall war.

Eine weitere Lektion ist die Notwendigkeit, störende Kräfte effektiv und schnell unter Kontrolle zu bringen. Die Erfahrung in anderen Ländern, die sich von Chaos und Konflikten befreit haben, zeigt, dass eine große Zahl bewaffneter Menschen nur von Unruhen abgehalten werden können, indem sie entwaffnet werden - und vor allem, indem sie echte Chancen und Arbeit bekommen. Ohne Wirtschaftswachstum formieren sich die Milizen sehr schnell wieder und der Kreislauf von Armut, Gewalt und Instabilität beginnt erneut.

Die wichtigste Lektion ist aber, dass es keinen schnellen Ausweg geben kann. Haiti wird unsere Ressourcen und Unterstützung für eine lange Zeit benötigen. Die jetzige Krise resultiert nicht nur aus dem unverantwortlichen Handeln der politischen Klasse Haitis, sondern auch aus der dem Versagen früherer internationaler Anstrengungen. Um erfolgreich zu sein, müssen neue und verantwortungsvollere politische Gruppen aufgebaut und unterstützt werden, basierend auf der Rolle, die die Zivilgesellschaft in der Krise gespielt hat.

Dies kann nicht schnell geschehen. Eine dauerhafte Anstrengung - zehn Jahre oder mehr - sind nötig, um Polizei, Justiz sowie Gesundheits- und Erziehungswesen wieder aufzubauen. Zu oft erlangen solche Krisen nur unsere Aufmerksamkeit, wenn sie auf dem Höhepunkt sind; wenn Fernsehbilder zu alarmierend, Gewalt zu erschreckend und das Leid von Millionen Menschen zu unerträglich sind.

In einem Land wie Haiti können wir die Institutionen, die es ermöglichen, dass die Demokratie Fuß fassen kann, nur durch dauerhaftes Engagement aufbauen. Dazu müssen wir auf lange Zeit internationale Aufmerksamkeit bewahren und Ressourcen zur Verfügung stellen. Der Einsatz wird hoch sein - vor allem für die Haitianer, aber auch für uns.

Der Autor ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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