Donnerstag, 23 November 2017
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Globalisierung - eine Gewissensfrage für die Eliten / von Kofi A. Annan --- Gastkommentar im Handelsblatt vom 6. Februar 2002

Viele Leute haben mich gefragt, warum ich mich in diesem Jahr bereit erklärt habe, am Weltwirtschaftsforum teilzunehmen. Manche meinen sogar, ich wolle mich damit in den Glanz der Öffentlichkeit und in die Reihen der globalen Elite stellen und den unterdrückten Massen, die in den Augen dieser Menschen die Opfer der Globalisierung sind, meinen Rücken kehren. Genau das Gegenteil ist der Fall.

Ich sah in dem Forum eine Chance, diese globale Elite im Namen der unterdrückten Massen anzusprechen, im Namen der weit mehr als einer Milliarde Menschen in unserer Welt, die heute ohne ausreichende Ernährung, ohne gesundes Trinkwasser, ohne Grundschulbildung und ohne medizinische Versorgung für ihre Kinder - kurz gesagt, ohne die grundlegendsten Bedürfnisse der Menschenwürde - leben.

Persönlich glaube ich nicht, dass diese Menschen Opfer der Globalisierung sind. Ihr Problem besteht nicht darin, in den globalen Markt eingebunden, sondern in den meisten Fällen von diesem ausgeschlossen zu sein. Aber es liegt an der globalen Elite - an den Wirtschaftsführern und Spitzenpolitikern der glücklicheren Länder - zu beweisen, dass diese Ansicht falsch ist und zwar durch Taten, die zu konkreten Ergebnissen für die Unterdrückten, Ausgebeuteten und Ausgeschlossenen führen.

Obwohl es war ist, genügt es nicht, einfach festzustellen, dass die Armen ohne die Wirtschaft keine Hoffnung hätten, jemals der Armut zu entfliehen. So wie die Dinge liegen, sind viel zu viele Menschen ohne Hoffnung. Man muss ihnen durch greifbare Beispiele, die ihr eigenes Leben verändern, verständlich machen, dass Wirtschaft, richtig eingesetzt, und Profite, weise investiert, soziale Vorteile bringen kann, nicht nur für wenige sondern für viele, und schließlich für alle.

Viele Wirtschaftsführer sehen in dieser Sichtweise immer noch Probleme, die von den Regierungen gelöst werden sollten, und meinen, dass sich die Wirtschaft nur um ihre eigenen Belangen kümmern soll.

Aber die meisten verstehen bereits, dass diese eigenen Belange langfristig von wirtschaftlichen und sozialen Bedingungen sowie von politischer Stabilität abhängen. Immer mehr Wirtschaftsmanager erkennen, dass sie nicht darauf warten müssen, bis die Regierungen das Richtige tun, ja dass sie sich das eigentlich gar nicht leisten können. In vielen Fällen finden Regierungen nur dann den Mut - und die Mittel - das Richtige zu tun, wenn die Wirtschaft vorangeht.

Unternehmen können manchmal mit wirklich kleinen Investitionen grundsätzliche Veränderungen in Gang bringen. Nehmen Sie das Beispiel der weltweiten Salzproduzenten. In Zusammenarbeit mit den Vereinten Nationen haben sie dafür gesorgt, dass alles Salz, das für den menschlichen Genuss auf den Markt kommt, Jod enthält. Das hat dazu geführt, dass jedes Jahr mehr als 90 Millionen neugeborene Kinder vor Jodmangel und damit vor einer der wichtigsten Ursachen geistiger Behinderung geschützt werden.

Wir brauchen viel mehr Beispiele wie dieses. Beispiele von Unternehmen, die das globale Gewissen aufrütteln und die technologische Forschung mobilisieren. So können die eng miteinander verwobenen Krisen - ausgelöst durch Hunger, Krankheit, Umweltgefährdung und Konflikten - bekämpft werden, die die Entwicklungswelt immer noch umklammern.

Es ist richtig, dass die Wirtschaft, um mit diesen Initiativen Erfolg zu haben, aufgeklärte Partner in der Regierung braucht. Nur so kann sie mit Ihren Initiativen Erfolg haben. Aber sie muss nicht passiv darauf warten, bis solche Partner auf die Wirtschaft zugehen. In vielen Ländern spielt die Stimme der Wirtschaft eine sehr entscheidende Rolle bei der Gestaltung des Meinungsklimas, in dem die Regierungen ihre Entscheidungen treffen.

Keiner ist besser dazu berufen, Argumente von Protektionisten und Pfennigzählern zu widerlegen, als die Wirtschaftsführer. Sie sind es, die die überzeugendsten Argumente für die Öffnung der Märkte der reichen Länder für die arbeitsintensiven Produkte der armen Staaten auf den Tisch legen können. Sie sind es, die sich am überzeugendsten für die Einstellung der Agrarexportsubventionen einsetzen können, die die Wettbewerbsfähigkeit der Bauern in den armen Länder aushebeln. Und sie sind es schließlich, die als führende Steuerzahler am überzeugendsten für den Schuldenerlass und für öffentliche Entwicklungshilfe an die Entwicklungsländer argumentieren und sich dafür stark machen können, dass die Stimme dieser Länder Gehör findet, wenn Entscheidungen über die Weltwirtschaft erörtert werden.

Alle diese Maßnahmen sind entscheidende Voraussetzungen dafür, dass die armen Länder wachsen und gedeihen können. Natürlich müssen sie auch ihr eigenes Haus in Ordnung bringen, um auch heimische Finanzmittel mobilisieren und ausländische Privatinvestitionen nutzvoll anziehen zu können. Aber man muss ihnen auch eine faire Chance für den Export ihrer Produkte geben und viele Länder brauchen auch finanzielle und technische Hilfe für den Aufbau ihrer Infrastruktur und ihrer Einrichtungen, bevor sie aus den Marktchancen Nutzen ziehen können. Selbst wenn eine Türe offen steht, kann man ohne kräftige Beine nicht hindurchschreiten.

Im kommenden Monat werden führende Politiker und Wirtschaftsmanager auf der Konferenz über Entwicklungsfinanzierung in Monterrey Gelegenheit haben, mit einer ernsthaften Behandlung dieser Fragen ihren Willen zu zeigen, dass die Globalisierung den Armen eine echte Chance bieten kann, der Armut zu entfliehen.

Sie können den Kräften des Neids, der Verzweiflung und des Terrors einen wirklich entscheidenden Schlag versetzen, indem sie eine unmissverständlich Botschaft der Solidarität, der Achtung und - vor allem - der Hoffnung aussenden.

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