Dienstag, 21 November 2017
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Der Irak - und darüber hinaus / von Kofi Annan --- Gastkommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 12. Dezember 2002

Dieser Tage konzentriert sich die Aufmerksamkeit der Welt auf den Irak - zu Recht, denn wir stehen dort einer großen Krise gegenüber und der Gefahr eines neuen Krieges in dieser Region, die bereits zu viele gesehen hat.

Noch gibt es Hoffnung auf eine friedliche Lösung, falls der Irak vollständig seinen Verpflichtungen gemäß den Resolutionen des Sicherheitsrats nachkommt. Den Inspektionsteams müssen ungehinderter Zugang und jede Möglichkeit gewährt werden, die sie benötigen, um die Richtigkeit und Vollständigkeit des Berichts zu überprüfen, den der Irak am vergangenen Wochenende vorgelegt hat, und um sicherzustellen, dass alle verbliebenen Massenvernichtungswaffen zerstört worden sind.

Aufgrund der Sanktionen sind inzwischen mehr als 25 Millionen Iraker von den Lieferungen im Rahmen des fortgesetzten Öl-für-Lebensmittel-Programms der Vereinten Nationen abhängig.

Die ganze Welt muss hoffen, die Bürger Iraks von dieser Abhängigkeit befreit zu sehen - befreit von den Sanktionen, von der drohenden Kriegsgefahr und von Unterdrückung. Doch kann dies nur geschehen, wenn die Abrüstung vollzogen ist, und klar als vollzogen erkannt werden kann.

Unsere Hoffnungen für die Iraker müssen dieselben sein, die wir für andere Länder hegen. Wir wollen, dass sie die Rechte und Möglichkeiten unserer Zeit genießen können, in Freiheit ihre Meinung äußern, ihre Kinder großziehen und ihre Träume verfolgen können.

Doch lassen Sie uns zwischenzeitlich nicht die vielen anderen Teile der Welt vergessen, in denen Frieden und Sicherheit bedroht sind.

Wenn ich an die Opfer von Konflikten heute denke, denke ich zuerst an meine afrikanischen Mitbürger, von denen so viele unter Kriegsauswirkungen leiden und gleichzeitig von Hungersnot und HIV/Aids bedroht sind.

Ich denke an Israelis und Palästinenser, die in einem zerstörerischen Kreis von Hass und Misstrauen gefangen sind.

Und es gibt viele, viele brisante Situationen mehr - von Kaschmir bis Kolumbien, von Nepal bis Somalia -, die die Vereinten Nationen angespannt verfolgen, weil Menschen leiden und weil die Feindseligkeiten jederzeit eskalieren könnten.

Doch hinter all diesen Konflikten liegt ein noch größerer Kampf, der auch andauern würde, wenn alles bereinigt wäre: der Kampf gegen Armut und die damit verbundenen Übel Krankheit, Analphabetentum und Umweltverschmutzung, der Kampf für Demokratie und Menschenrechte und der Kampf für Entwicklung in all ihren Formen.

Zu Beginn des 21. Jahrhunderts wissen wir Menschen mehr über uns als je zuvor. Dennoch lassen wir eine Kluft zwischen uns weiter bestehen: zwischen reich und arm, zwischen frei und unfrei, privilegiert und gedemütigt, zwischen denen, die von der Globalisierung profitieren und denen, die davon an den Rand gedrängt werden.

Diese Kluft ist ein Affront gegen die menschliche Würde. Sie macht all unsere Gesellschaften angreifbar und jeden von uns unsicher. Wir müssen diesen tiefen Abgrund schließen mit einem neuen Band der Solidarität.

Wir haben bereits eine Agenda für diese Aufgabe: die Millenniumserklärung, die vor zwei Jahren auf dem Millenniumsgipfel der Vereinten Nationen von allen Staats- und Regierungschefs der Welt verabschiedet wurde.

Und der dringendste Teil der Agenda ist die Verwirklichung der Millenniumsziele, eine Reihe klarer Ziele, die bis 2015 erreicht werden sollen, zum Beispiel extreme Armut weltweit zu halbieren, das Erreichen weltweiter Grundbildung, Kinder- und Müttersterblichkeit zu reduzieren (um zwei Drittel bzw. drei Viertel) und das Aufhalten sich ausbreitender tödlicher Krankheiten wie Aids oder Malaria.

Dies sind erreichbare Minimalziele mit einer klaren Frist, von jetzt ab noch knapp zwölf Jahre. Sie sind erreichbar, wenn sich die Völker dieser Welt dazu bewegen lassen können, einen Geist echter Dringlichkeit zu schaffen und auf die Verwirklichung der richtigen Dinge hinzuwirken.

Wieder und wieder haben wir in den vergangenen Jahren erlebt, wie Regierungen, Unternehmen und andere große Mächte unter dem Druck der Zivilgesellschaft zum Umdenken und zur Anpassung ihrer Politik gezwungen wurden, weil Menschen zusammenkamen, um für ihre Rechte einzustehen und einen Wandel herbeizuführen.

Dies geschieht auf lokaler Ebene, wenn zum Beispiel eine Nachbargemeinschaft vor gierigen Unternehmern oder unsensiblen Technokraten geschützt werden muß, aber auch auf nationaler und internationaler Ebene.

Ohne solche Bewegungen hätten wir - um nur zwei Beispiele zu nennen - weder die Verabschiedung der Konvention gegen Landminen erleben können, noch die Preisreduktion bei Medikamenten für HIV/Aids infizierte Menschen in armen Ländern.

Solche Bewegungen brauchen wir, wenn wir unsere Millenniumsziele erreichen wollen. Und solche Bewegungen sind möglich, wenn die Menschen in jedem Land beobachten, was ihre Führer in ihrem Namen versprochen haben und was dann auch geschehen muss - sowohl in der Regierung des jeweiligen Landes als auch in seiner Gesellschaft -, wenn diese Versprechen gehalten werden sollen. So können sie sozusagen eine Checkliste für die Leistungen ihres Landes führen.

Je besser sie informiert sind, desto mehr Macht werden die Bürger haben, über ihr eigenes Leben und über ihre Umwelt. Selbst angesichts der Krise im Irak und anderorts sollten wir diesen umfassenderen Kampf nicht aus den Augen verlieren, den Kampf für eine Welt, in der kein Kind hungrig zu Bett gehen muss und wo jedes Kind reines Wasser zu trinken hat.

Der Verfasser ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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