Dienstag, 21 November 2017
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Nur eine Gesellschaft mit starken Frauen hat Erfolg: Millionen von Mädchen werden unterdrückt, indem man ihnen das Recht auf Bildung verwehrt / von Kofi Annan --- Gastkommentar in Frankfurter Rundschau vom 11. März 2000

Shalina ist ein Mädchen aus Bangladesch, das bald mit der Schule fertig sein wird. Aber für Shalina wird es keine Prüfungsangst, keine Universitätsbewerbungen, keine Diplome und keine Karriereplanung geben. Es wird nicht einmal eine Abschlussfeier geben. Shalina ist 13 Jahre alt und wird demnächst zu den 73 Millionen Mädchen im schulpflichtigen Alter gehören, die keine Schule besuchen.

Für Shalinas und Millionen anderer Eltern bedeutet die Ausbildung einer Tochter eine Verschwendung von Zeit und Geld. Shalinas Eltern verheirateten die ältere Schwester im Alter von 15 Jahren, weil sie sich dafür entschieden haben, ihre knappen Mittel für die Erziehung ihres Sohnes zu verwenden, auf Kosten ihrer Töchter. Shalina machte sich immer Sorgen über den Unterricht und die Prüfungen, aber noch mehr beunruhigt sie die Aussicht, heiraten zu müssen und Kinder zu bekommen, solange sie selbst noch ein Kind ist. Während Shalina früher davon geträumt hat, Ärztin zu werden, steht ihr nun ein Leben bevor, das damit ausgefüllt ist, tagsüber Häuser zu putzen und abends jüngere Kinder zu unterrichten. Während Shalina früher ein glückliches Mädchen war, schreibt sie heute von ihrem Wunsch, ein Junge zu sein.

Shalina und ihren 73 Millionen Altersgenossinnen wird nicht nur etwas vorenthalten, was für viele von uns eine Selbstverständlichkeit ist; ihnen wird ein grundlegendes Menschenrecht verwehrt, das in von ihren Regierungen unterzeichneten internationalen Rechtsinstrumenten verankert ist, wie der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte oder dem Ðbereinkommen über die Rechte des Kindes: Das Recht auf Bildung.

Es wird oft angemerkt, dass Bildung Mädchen stärkt, indem sie ihr Selbstvertrauen aufbaut und ihnen erlaubt, wissend bestimmte Entscheidungen über ihr Leben zu treffen. Die Leserinnen und Leser dieses Artikels könnten diese Aussage auf Universitätsabschlüsse, Einkommen oder erfüllte Karrierepläne beziehen. Aber für die meisten Mädchen auf der Welt geht es um etwas viel Grundlegenderes. Es geht darum, nicht gezwungen zu werden, schon im Teenageralter zu heiraten, weil man keine andere Wahl hat. Es geht darum, eine Schwangerschaft so zu bewältigen, dass sie weder die eigene Gesundheit oder das eigene Leben, noch den Lebensunterhalt gefährdet. Es geht darum, ärztliche Hilfe für seine Kinder und sich selbst zu suchen. Und sie auch zu erhalten, wenn man sie braucht. Es geht um Kinderbetreuung und Ernährung. Es geht darum, sicherzustellen, dass die Kinder wenigstens die Grundschule besuchen können.

Es geht darum, eigenes Geld verdienen zu können, wenn Frauen früher nicht verdient haben. Es geht darum, Rechte zu kennen und in Anspruch zu nehmen, von deren Existenz die Frauen früher nichts wussten. Es geht darum, die eigenen Kinder dazu zu erziehen, dasselbe zu tun, und deren Kinder danach. Es geht darum, die früher endlose Spirale von Armut und Machtlosigkeit zu stoppen. Es geht kurz gesagt darum, einer ganzen Generation und allen nachfolgenden Generationen ein würdiges Leben zu sichern.

Bildung ist schlicht und einfach eine Investition, die einen größeren Gewinn als jede andere Investition abwirft. Sie macht die Entwicklung ganzer Gemeinschaften, Länder und Kontinente möglich. Sie ist die wirkungsvollste Ausgabe für Verteidigung, die es gibt.

Warum wird sie also so vielen Millionen Mädchen verweigert? In vielen Gesellschaften werden Mädchen systematisch an den Rand gedrängt. Trotzdem tragen sie die Hauptlast, wenn eine Katastrophe hereinbricht, sei es in Form von Krankheit, Konflikten oder Elend. Am deutlichsten wird dies bei den Auswirkungen von Aids. In der Regel pflegen die Mädchen ein krankes Familienmitglied und helfen, den Haushalt zu organisieren. Indem sie daran gehindert werden, eine Schule zu besuchen, wird ihnen die Information vorenthalten, wie sie sich selber vor dem Virus schützen können. Ohne Ausbildung laufen sie Gefahr, früh in sexuelle Beziehungen mit älteren Männern gezwungen zu werden oder ihren Lebensunterhalt mit Prostitution zu verdienen und sich auf diesem Weg zu infizieren. Sie zahlen einen vielfach überhöhten Preis dafür, dass sie nicht zur Schule gegangen sind.

Wenn wir diesen grausamen und ungerechten Zustand ändern wollen, müssen wir mehr tun, als neue Klassenzimmer zu bauen. Wir müssen die Zwänge aus dem Weg räumen, die dazu führen, dass Eltern ihre Töchter nicht in die Schule gehen lassen. Sobald die Mädchen eine Schule besuchen, müssen wir anstreben, dass die Schule sie auf das Leben vorbereitet. Wir müssen Lehrpläne, Lehrbücher und Lehrmethoden entwickeln, die einen Schwerpunkt auf die Fähigkeiten legen, die die Mädchen in ihrem Leben brauchen werden. Aber der erste Schritt für die Gesellschaften besteht darin, zu erkennen, dass es zur Schulbildung keine Alternative gibt. Sie ist eine Notwendigkeit.

Einige Länder im Nahen Osten haben bereits die Kluft zwischen den Geschlechtern in der Grundschule geschlossen. Andere Länder in dieser Region haben erkannt, dass Bildung für Mädchen notwendig ist, und sei es auch nur mit dem Ziel, dadurch über besser ausgebildete und qualifiziertere Arbeitskräfte verfügen zu können.

Einige afrikanische Länder haben Fortschritte beim Abbau geschlechtsspezifischer Vorurteile gemacht. Malawi hat die direkten Kosten der Schulausbildung gesenkt, indem Schulgeld und obligatorische Schuluniformen abgeschafft wurden. Guinea hat Brunnen gebaut und mechanische Mühlen zur Verfügung gestellt und dadurch die häusliche Belastung der Mädchen verringert. Mit neuen Vorschriften will das Land sicherstellen, dass sich Mädchen und Jungen die lästigen Pflichten in der Schule teilen und hat ein Gesetz erlassen, dass es verbietet, Mädchen zu verheiraten, bevor sie neun Jahre lang die Schule besucht haben.

Diese Beispiele sind erfreulich, aber sie reichen bei weitem nicht aus. Die Welt benötigt eine abgestimmte Strategie, die dem Ausmaß der Herausforderung gerecht wird. Alle, in deren Macht es steht, Veränderungen herbeizuführen, müssen sich in einer Allianz für die Bildung von Mädchen zusammenschließen: Regierungen, fortschrittliche Freiwilligengruppen und vor allem Gemeinschaften, Schulen und Familien. Aus diesem Grund starten die Vereinten Nationen in diesem Frühjahr eine neue globale Initiative für die Bildung von Mädchen.


Schon im 12. Jahrhundert v. Chr. hat der arabische Philosoph Ibn Rushd erklärt: “Eine Gesellschaft, die ihre Frauen zu Sklavinnen macht, ist zum Untergang verurteilt.“ Lassen Sie uns 900 Jahre später beweisen, dass eine Gesellschaft, die ihre Frauen stärkt, eine Gesellschaft ist, die mit Sicherheit Erfolg haben wird. 

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