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"Wir müssen den Hunger frühzeitig bekämpfen" / von Kofi A. Annan --- Gastkommentar in der Frankfurter Rundschau vom 31. August 2005

Letzten Dienstag traf ich in Zinder, einer Stadt in einer wichtigen Agrarregionen im Niger, eine 23-jährige Mutter namens Sueba, die ihre zweijährige Tochter Zulayden über 50 Kilometer weit getragen hatte, um eine Hilfsstation für Lebensmittel zu erreichen. Zwei andere Kinder Suebas waren bereits verhungert und ihr blieb nur dieses eine Kind, das lediglich 60 Prozent des Normalgewichts einer Zweijährigen hatte. Sueba hatte Angst, dass auch ihr kleines Mädchen sterben würde oder ein Leben lang Hunger erleiden müsste wie sie selbst. Mit einen Blick in den Augen, den ich niemals vergessen werde, bat sie die Welt darum, auf ihren Hilferuf nicht nur heute, sondern auch in den kommenden Monaten und Jahren zu reagieren.

Das Volk und die Regierung des Niger sind betroffen von einer verheerenden Ansammlung von Problemen, darunter Hunger, anhaltende Dürre, rasch voranschreitender Wüstenbildung, Heuschreckenplagen und dem Zusammenbruch regionaler Märkte. Regierung und Zivilgesellschaft gleichermaßen sind nun mobilisiert, um Hilfe für die Bedürftigsten, vor allem die Kinder, zu leisten. Ich sah tiefes Leid im Niger, aber auch Anzeichen dafür, dass das Land die Krise durchstehen wird mit hilfreichen Lektionen für uns alle.

Die internationale Hilfe wurde für den Niger erst verspätet ausgelöst. Ein ähnliches Szenario von bitterem Hunger und weit verbreitetem Nahrungsmangel kann immer noch etwa 20 Millionen Menschen in anderen Regionen der Sahel, im südlichen Sudan, Äthiopien, Eritrea, Somalia und im südlichen Afrika befallen. Wenn die Welt heute handelt, muss dies nicht geschehen.

Das Welternährungsprogramm (WFP) der Vereinten Nationen schätzt, dass einer von drei Afrikanern unterernährt ist. Jedes Jahr sterben hunderttausende Kinder in Afrika aufgrund vermeidbarer Ursachen, meistens in Verbindung mit Unterernährung und Hunger, der den Körper weniger widerstandsfähig gegen Krankheiten macht.

Menschliche Aktivitäten und die Natur sind Teil dieses tödlichen Bildes. Wüstenbildung und Umweltzerstörung berauben die Menschen in der Sahelzone des Ackerlandes und Trinkwassers, und erhöhen so ihre Verwundbarkeit bei Nahrungsengpässen. Ungünstige Marktbedingungen auf regionaler Ebene beschränkten den Zugang vieler armer Haushalte zu Nahrung. Die Dürre, die auf die Heuschreckenplage im letzten Jahr folgte, stieß viele Menschen in dieser bereits anfälligen und verarmten Region über den Rand des Abgrunds.

Armut ist die beständige Kulisse für diese Not. Es ist kein Zufall, dass der heutige Hungergürtel, die westliche Sahel, eines der ärmsten und am wenigsten entwickelten Regionen der Welt umfasst. Die Auswirkungen sind nicht auf Hunger beschränkt. Wo Hunger ist, finden wir häufig auch soziale Instabilität, Massenmigration, aufkeimende Seuchen und gewalttätige Konflikte; genauso wie Homer vor Jahrhunderten warnte: "Hunger ist anmaßend."

Wir müssen dieses Problem von Nahrungsmittelknappheit frühzeitig angehen, bevor es eskaliert und die Kosten für die Unterstützung der am meisten Verwundbaren steigen. Es gibt keine Wunderwaffe um den Hunger zu besiegen, und keine Einzellösung, die isoliert umgesetzt werden könnte. Aber es gibt eine Menge, was wir dennoch tun können:

Erstens, bessere Frühwarnanalysen. Einige frühe Analysen der internationalen Gemeinschaft haben dabei versagt, die Unterscheidung zu treffen zwischen "business as usual" - ein armes Land sucht danach, die Bedürfnisse seiner Menschen selbst zu decken - und einer drastischen Notlage, zu der sich die tatsächliche Situation entwickelt hat. Einige Vorgehensweisen spiegeln deshalb nicht die Dringlichkeit der tatsächlichen Umstände wider.

Zweitens, ausreichende Vorfinanzierung, die den Regierungen, den Vereinten Nationen und Nichtregierungsorganisationen (NGO) erlaubt, angemessene vorbereitende Maßnahmen zu ergreifen und Personal schneller als im Augenblick möglich einzusetzen. Einer der Hauptvorschläge, die ich für den Weltgipfel nächsten Monat vorgelegt habe, fordert eine zehnfache Erhöhung des Notfonds der Vereinten Nationen, der den UN-Hilfsorganisationen sofortige Maßnahmen ermöglichen würde.

Drittens, größere Gewichtung auf Vorbeugung. Schuldenerlass, vermehrte Hilfe und Maßnahmen, um die internationalen und regionalen Handelssysteme für die Armen vorteilhafter zu gestalten, könnte allen helfen, die lokale landwirtschaftliche Produktion zu fördern. Stärkerer Einsatz von Bewässerung beim Ackerbau könnte die Abhängigkeit von unregelmäßigem Regen verringern und die Nahrungsmittelproduktion erhöhen. Generell müssten wir die wissenschaftlichen Fortschritte und Erfahrungen, die in Asien und anderswo gemacht wurden, heranziehen, um eine grüne Revolution in Afrika einzuleiten. Vorbeugen ist immer kostengünstiger als heilen. Wenn es aber für Vorbeugung zu spät ist, da eine Krise bereits ausgebrochen ist, dann darf lebensrettende Nothilfe nicht dem Zukunftsziel der Eigenständigkeit untergeordnet werden. Menschen müssen an erster Stelle stehen, nicht die Politik.

Viertens, ein Aufbau der existierenden Stärken und Strukturen der Region. Die Wirtschaftsgemeinschaft der afrikanischen Staaten (Ecowas) hat zunehmend gezeigt, dass sie fähig ist, den menschlichen Herausforderungen und Bedrohungen für Frieden und Sicherheit zu begegnen. Die Neue Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas (Nepad) bietet zunehmend wichtige Rahmenbedingungen für eine Zusammenarbeit zwischen afrikanischen Ländern und bi- und multilateralen Gebern. Beide verdienen größere internationale Unterstützung.

Fünftens, müssen wir uns selber im Spiegel sehen anstatt mit den Fingern auf andere zu zeigen. Alle relevanten Akteure - regionale Regierungen, Geber, internationale Finanzinstitutionen und Hilfsgruppen - tragen die Verantwortung für die Krise. Jeder von uns, jeder auf seine Art, trat zu langsam aus den Startblöcken; war zu langsam, um zu verstehen, was passiert war, war zu langsam beim Einsatz von Personal und der Lieferung der notwendigen Hilfsgüter.

Nun ist es unsere gemeinsame Herausforderung, die unnötigen Leiden zu lindern, unsere Antwort zu beschleunigen und lokale Mechanismen für einen übergangslosen, umfassenden, langfristigen und sicheren Zugang zu Nahrungsmitteln zu stärken.

Afrika kann sich nicht entwickeln, gedeihen oder wirklich frei von leeren Mägen sein. Sueba, Zulayden und Millionen ihrer Mitmenschen in Afrika werden niemals wahre Freiheit kennen lernen, so lange Armut weiterhin ihre Menschenwürde verletzt. Ihret- und zukünftiger Generationen wegen, müssen wir jetzt handeln, um die Geißel des Hungers in Afrika zu beenden.

Der Autor ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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