Freitag, 24 November 2017
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Unser gemeinsames Schicksal: Die Herausforderung der Globalisierung / von UNO-Generalsekretär Kofi Annan --- Gastkommentar in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung vom 24. Dezember 1999

Wir leben in einer Welt, in der kein Individuum und kein Land für sich alleine existiert. Wir alle leben gleichzeitig in unseren eigenen Gemeinschaften und in der Welt als Ganzes. Menschen und Kulturen vermischen sich immer mehr. Dieselben Symbole, ob auf der Filmleinwand oder auf dem Computerbildschirm, werden von Berlin bis Bangalore verstanden. Wir alle sind Konsumenten in derselben globalen Wirtschaft. Wir werden von denselben politischen, sozialen und technologischen Trends beeinflusst. Umweltverschmutzung, organisiertes Verbrechen und die Verbreitung tödlicher Waffen nehmen wenig Rücksicht auf die Feinheiten von Grenzen; sie sind “Probleme ohne Pass“, und als solche unsere gemeinsamen Feinde. Wir sind verbunden, vernetzt, voneinander abhängig.

Vieles davon ist nicht neu; Menschen haben seit Jahrhunderten quer über den Planeten hinweg Kontakt zueinander. Aber die “Globalisierung“ von heute ist etwas anderes. Sie verläuft viel schneller. Sie wird von neuen Motoren angetrieben, wie z.B. dem Internet. Sie unterliegt auch neuen Regeln, oder, in zu vielen Fällen, gar keinen. Globalisierung bietet uns mehr Wahlfreiheit und neue Chancen für Wohlstand. Sie macht uns mit der globalen Vielfalt vertraut. Dennoch erfahren Millionen Menschen auf der Welt Globalisierung nicht als Vehikel des Fortschritts, sondern als vernichtende Kraft, die fast orkanartig Leben, Arbeit und Traditionen der Menschen zerstören kann. Viele verspüren das Verlangen, sich diesem Prozess zu widersetzen und suchen trügerischen Trost in Nationalismus, Fundamentalismus und anderen “ismen“.
Angesichts der potentiellen Chancen aber auch der Risiken der Globalisierung, angesichts der andauernden tödlichen Konflikte, in denen vor allem Zivilisten zur Zielscheibe werden, angesichts um sich greifender Armut und Ungerechtigkeit, müssen wir herausfinden, wie wir durch gemeinsames Handeln globale Interessen schützen können. Gemeinden haben ihre Feuerwehr, ihre lokalen Behörden und Stadträte. Länder haben ihre Gesetze und ihre Justizsysteme. Aber in der heutigen globalisierten Welt sind unsere Institutionen und Mechanismen für globales Handeln, geschweige denn das Bewußtsein über unser gemeinsames globales Schicksal, kaum aus dem Anfangsstadium heraus. Es ist höchste Zeit, dass wir dem Konzept der “internationalen Gemeinschaft“ konkretere Bedeutung geben.

Was macht eine Gemeinschaft aus? Was hält sie zusammen? Für die einen ist es der Glauben. Für die anderen ist es die Verteidigung einer Idee, wie der Demokratie. Manche Gemeinschaften sind homogen, andere multikulturell. Manche sind klein, so wie Schulen und Dörfer, andere sind groß wie Kontinente. Heute sind selbstverständlich immer mehr Gemeinschaften auch “virtuell“ und entdecken und fördern ihre gemeinsamen Werte mittels der neuesten Kommunikations- und Informationstechnologien.

Was verbindet uns zu einer internationalen Gemeinschaft? Im weitesten Sinne ist es die gemeinsame Vision einer besseren Welt für alle Menschen, wie sie etwa in der Charta der Vereinten Nationen dargelegt wurde. Es ist das Gefühl für die gemeinsame Verwundbarkeit angesichts der Gefahren, die uns durch die globale Erwärmung oder durch die Verbreitung von Massenvernichtungswaffen drohen. Es ist das Grundgerüst des Völkerrechts, der internationalen Verträge und der Menschenrechtskonventionen. Aber es ist auch unser Bewusstsein über gemeinsame Chancen, das uns dazu veranlaßt, gemeinsame Märkte und Institutionen wie die Vereinten Nationen zu schaffen. Zusammen sind wir stärker.

Manche Menschen meinen, die internationale Gemeinschaft sei lediglich eine Fiktion. Andere sehen darin einen viel zu dehnbaren Begriff, als dass er wirklich etwas bedeuten könnte. Und für wieder andere ist sie lediglich ein gefälliges Instrument, das nur in Notsituationen oder bei der Suche nach einem Sündenbock für Untätigkeit ausgegraben wird. Manche meinen, es gäbe keine international anerkannten Normen, Ziele oder Ÿngste, auf die sich eine solche Gemeinschaft gründen könnte. Leitartikel beziehen sich üblicherweise auf die “sogenannte“ internationale Gemeinschaft. In den Nachrichten wird der Begriff oft in Anführungszeichen gesetzt, als ob er noch keine feststehende, durch Fakten erhärtete Tatsache sei. Ich glaube, dass diese Skeptiker unrecht haben. Es gibt die internationale Gemeinschaft. Sie hat eine Adresse. Sie hat Leistungen vorzuweisen.

Wenn Regierungen auf Druck der Zivilgesellschaft zusammenkommen, um ein Statut für die Schaffung eines Internationalen Strafgerichtshofs anzunehmen, dann ist hier die internationale Gemeinschaft im Dienste der Rechtsstaatlichkeit tätig. Wenn wir die Schwemme internationaler Hilfsangebote für die Erdbebenopfer in der Türkei und in Griechenland sehen und erleben, dass ein Großteil dieser Hilfe von Menschen kommt, die außer dem Gefühl einer gemeinsamen Menschlichkeit keine offensichtliche Verbindung zur Türkei oder Griechenland haben, dann folgt hier die internationale Gemeinschaft ihrem humanitären Impuls. Wenn Menschen zusammenkommen, um Regierungen zu drängen, die ärmsten Länder von der erdrückenden Last der Schulden zu befreien, dann ist hier die internationale Gemeinschaft am Werk und setzt sich mit ihrem ganzen Gewicht für die Sache der Entwicklung ein. Wenn das öffentliche Gewissen entsetzt ist über die von Landminen zerrissenen Körper und Regierungen dazu bringt, eine Konvention zum Verbot dieser tödlichen Waffen anzunehmen, dann ist hier die internationale Gemeinschaft im Dienste der kollektiven Sicherheit im Einsatz.

Es gibt viele andere Beispiele für die Tätigkeit der internationalen Gemeinschaft, von Ost-Timor bis Kosovo. Gleichzeitig gibt es aber auch wichtige Einwände: Allzu oft versagt die internationale Gemeinschaft, wenn sie gebraucht wird. Sie versagte, als sie den Völkermord in Ruanda nicht verhindern konnte. Sie zögerte zu lange und reagierte zu schwach angesichts der grauenvollen “ethnischen Säuberung“ im ehemaligen Jugoslawien. In Ost-Timor handelte sie zu spät, um viele hundert Menschenleben zu retten und Tausende von Häusern vor der mutwilligen Zerstörung zu bewahren. Die internationale Gemeinschaft hat nicht genug getan, um Afrika in einer Zeit zu helfen, in der dieser Kontinent diese Hilfe am bittersten benötigte und den größten Nutzen daraus hätte ziehen können. Und die internationale Gemeinschaft lässt es zu, dass fast drei Milliarden Menschen - nahezu die Hälfte der Menschheit - in einer Welt des beispiellosen Wohlstands von zwei US Dollar oder weniger pro Tag leben müssen. Der internationalen Gemeinschaft gelingt es nicht immer, wirksam für ein gemeinsames Ziel einzutreten. Aber sie kann und muss es tun.

Das internationale System basierte die längste Zeit unseres Jahrhunderts auf Teilung und harter Realpolitik. Im neuen Jahrhundert können und müssen wir es besser machen. Damit meine ich keineswegs, dass ein Zeitalter der vollkommenen Harmonie bereits vor der Tür steht. Natürlich werden Interessen und Ideen weiterhin aufeinander prallen. Aber wir können die verheerende Bilanz dieses Jahrhunderts aufbessern. Die internationale Gemeinschaft ist “in Arbeit“. Viele Fäden der Zusammenarbeit konnten sich im Laufe der Jahre festigen. Wir müssen diese nun zu einem festen Stoff der Gemeinschaft verweben – einer internationalen Gemeinschaft für ein internationales Zeitalter.

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