Donnerstag, 23 November 2017
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Der UN-Generalsekretär zum Millennium-Gipfel --- Gastkommentar in der Süddeutsche Zeitung, 6. Septem

Aufbruch in eine neue Ära: Globalisierung braucht Kooperation – und 150 Staats- und Regierungschefs werden dazu in New York einen Aktionsplan für das 21. Jahrhundert erstellen / von Kofi Annan


6. September 2000 

Das Gipfeltreffen, das in dieser Woche bei den Vereinten Nationen stattfindet, ist die größte Zusammenkunft nationaler Führungspersönlichkeiten, die die Welt je erlebt hat. Und seine Tagesordnung – zur Festlegung des Kurses, den die Menschheit am Beginn des neuen Millenniums einschlagen soll – ist äußerst ehrgeizig. Ich habe dieses Treffen im Jahr 1997 vorgeschlagen, als ich Generalsekretär der Vereinten Nationen wurde und meine Reformpläne darlegte. Ich hatte das Gefühl, dass das Millenniumsjahr mit seiner kraftvollen Symbolik der richtige Moment für die Staats- und Regierungschefs der Welt sein würde, sich zu treffen und Bilanz zu ziehen.

Vieles von dem, was in den letzten drei Jahren geschehen ist, bestätigt meine Auffassung, dass sich mehr ändert als nur die Kalendertage. Die Finanzkrise in Asien hat gezeigt, dass die Auswirkungen des ökonomischen Wandels irgendwo auf der Welt heute überall – aber nicht auf gleiche Weise und nicht in gleichem Maße – zu spüren sind. Die Proteste bei der Konferenz der Welthandelsorganisation in Seattle im vergangenen November haben gezeigt, dass viele Menschen Probleme mit der Globalisierung haben oder zumindest mit der Art, in der mit ihr umgegangen wird. Sie meinen, dass den geschäftlichen Interessen zu viel und den sozialen, kulturellen und umweltbezogenen Interessen zu wenig Aufmerksamkeit zuteil wird. Und verschiedene Entwicklungen – wie beispielsweise die Ereignisse im Kosovo und die Verhaftung von General Pinochet – haben gezeigt, dass es nicht mehr als rein interne Angelegenheit eines Staates angesehen wird, wie er seine Bevölkerung behandelt.

All dies bringt mich zu der Überzeugung, dass wir tatsächlich in einer neuen Ära leben. Globalisierung ist eine Realität. Sie ist für einige höchst vorteilhaft. Und sie ist von ihrem Potenzial her vorteilhaft für alle – aber nur wenn die Staaten zusammenarbeiten, um die Vorteile für die Menschen greifbar zu machen. Ohne diese gemeinsame Anstrengung werden Milliarden Menschen in Armut und Elend zurückbleiben, und sogar die, deren Situation sich verbessert hat, werden auf Gedeih und Verderb plötzlich wirtschaftlichen Veränderungen ausgeliefert sein.

Wir stehen globalen Herausforderungen gegenüber, die uns dazu zwingen, zusammenzuarbeiten. Wenn das für den Bereich Wirtschaft und Soziales richtig ist, so trifft es noch mehr auf die Herausforderungen durch Massaker und Krieg zu. Der Instinkt der menschlichen Solidarität – der manche Staaten dazu nötigt, den Bürgern anderer Staaten zu Hilfe zu kommen oder deren ehemaligen Diktatoren anzuklagen – ist lobenswert. Aber wenn solche Maßnahmen von einem oder einigen Staaten in eigener Verantwortung ergriffen werden, geht das mit der Gefahr weltweiter Anarchie einher.

Die Welt wird sicherer und gerechter werden, wenn es einen Internationalen Strafgerichtshof gibt, der über die Massenmörder richtet, die von nationalen Gerichten gewollt oder ungewollt nicht strafrechtlich verfolgt werden. Und sie wird sicherer und gerechter werden, wenn die Menschen, die von massiver Zerstörung bedroht sind, überall darauf vertrauen können, dass die Vereinten Nationen aktiv werden – nicht immer militärisch aktiv, das sollte nur der letzte Ausweg in extremen Fällen sein, aber in einer wirksamen Form präventiv mittels Diplomatie, gutem Rat und dort, wo angemessen, mittels wirtschaftlicher Hilfe oder wirtschaftlichem Druck.

Dass wir zusammenarbeiten müssen, wird noch deutlicher beim Schutz der natürlichen Ressourcen, von denen die gesamte Weltbevölkerung abhängig ist. In den Augen unserer Enkel werden wir als fahrlässig unverantwortlich erscheinen, wenn wir ihnen einen Planeten zurücklassen, der weitgehend unbewohnbar ist, oder der nicht mehr in der Lage ist, das menschliche Leben aufrechtzuerhalten.

Schlage ich vor, dass all diese Probleme in drei Tagen von 150 Präsidenten und Premierministern gelöst werden können, die voreinander Reden halten? Natürlich nicht. In Wirklichkeit kann keines dieser Probleme von den Regierungen alleine gelöst werden. Die Staaten werden die Hilfe von anderen „Akteuren“ benötigen, wie zum Beispiel den Privatunternehmen und den Bürgergruppen, deren Rolle im internationalen System zunimmt.

Aber irgendwo muss mit den globalen Maßnahmen begonnen werden, und wenn nicht bei den Vereinten Nationen, wo sonst? Bei einem breiten Spektrum von Projekten schmieden wir schon neue Partnerschaften mit der Wirtschaft, mit philanthropischen Stiftungen und mit gemeinnützigen Gruppen – wir bringen medizinische Informationen über das Internet in Entwicklungsländer; wir stellen Kommunikationstechnik und Know-how für Notsituationen zur Verfügung; wir verstärken die Impfkampagnen für Kinder weltweit und vieles mehr. Bei der Vorbereitung für den Gipfel in den letzten zehn Tagen ist es uns gelungen, eine bemerkenswerte Vielzahl von Gruppen ins UN-Hauptquartier zu bringen: Gruppen der Zivilgesellschaft, die Präsidenten der Parlamente der Welt sowie zum ersten Mal auch religiöse und geistige Führer.

Die Vereinten Nationen sind das allgemeine Forum, in dem die Bevölkerung der gesamten Welt repräsentiert ist. Die Tatsache, dass in dieser Woche so viele Führungspersönlichkeiten in New York sind, um über „die Rolle der Vereinten Nationen im 21. Jahrhundert“ zu beraten, zeigt, dass sie diese Organisation zumindest von ihrem Potenzial her immer noch als ein unverzichtbares Instrument betrachten, wenn es darum geht, unsere gemeinsamen Probleme anzugehen. Aber sie müssen dieses Instrument an die zu bewältigenden Aufgaben anpassen. Dies ist ein Gipfel zum Arbeiten und nicht zum Feiern.

Die Staats- und Regierungschefs werden eine Erklärung verabschieden, die unsere gemeinsamen Werte erneut bestätigt und die die Ziele für die nächsten 15 oder 20 Jahre vorgibt. Ich weiß, dass eine Erklärung für sich genommen nur von geringem Wert ist. Aber eine Erklärung, die feste Zusicherungen und präzise Zielvorgaben enthält und die von den Staats- und Regierungschefs aller Nationen feierlich angenommen wurde, kann für die Menschen der Welt als Maßstab zur Beurteilung der Leistungen der sie Regierenden sehr wertvoll sein. Ich hoffe, dass diese Erklärung nicht lediglich als eine Feststellung von Grundsätzen aufgefasst wird, sondern als Aktionsplan. Und ich hoffe, dass die ganze Welt verfolgen wird, wie er umgesetzt wird.

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