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Warum die Vereinten Nationen wichtig sind / von Kofi A. Annan --- Gastkommentar in der Berliner Zeitung vom 23. Februar 2005

Im letzten Jahr habe ich über viele Angriffe auf die Vereinten Nationen gelesen. Das tut mir weh, weil ich mein ganzes Leben der Uno gewidmet habe. Ich habe stets alles getan und tue noch immer, was in meiner Macht steht, um Unzulänglichkeiten zu beseitigen und die Uno zu stärken. Ich glaube fest an die Wichtigkeit dieser Aufgabe, weil eine starke Uno von entscheidender Bedeutung für die Menschheit ist.

Als die Tsunami-Katastrophe über den Indischen Ozean hereinbrach, reagierte US-Präsident Bush schnell mit der Schaffung einer Kerngruppe von Staaten, deren Streitkräfte in der Region zur Verfügung standen. Das ermöglichte einen schnellen Start der Hilfsmaßnahmen. Aber eine Woche später, als alle Beteiligten in Jakarta zusammenkamen, um die multinationalen Bemühungen zu planen und zu koordinieren, stimmten alle, einschließlich der USA, zu, dass die Uno die Führung übernehmen sollte.

Warum? Aus zwei Gründen: Erstens, die Uno hat die notwendigen Fähigkeiten. Zweitens, und noch wichtiger, wollte jeder für die Uno arbeiten: die Regierungen und die Menschen aus den betroffenen Ländern, die Spender und die gemeinnützigen Organisationen.

Ein anderes Beispiel für die Wichtigkeit der Uno - wegen seines stark polarisierenden politischen Zusammenhangs allerdings ein schwieriges - ist der Irak. Unbestritten verloren durch den Krieg im Irak vor zwei Jahren viele Menschen auf allen Seiten den Glauben an die Uno. Jene, die den Militärschlag gegen Saddam Hussein befürworteten, waren enttäuscht, dass der Sicherheitsrat aus ihrer Sicht nicht den Mut hatte, seine Resolutionen durchzusetzen. Und jene, die eine Intervention nicht wollten, waren über die Unfähigkeit der Uno, einen für sie unnötigen oder voreiligen Krieg zu verhindern, frustriert.

Und dennoch, als die USA und ihre Verbündeten eine irakische Institution mit breiter nationaler und internationaler Unterstützung wollten, die beim Regieren des Landes behilflich sein sollte, baten sie bei der Uno um Rat und Hilfe. Vergangenes Jahr, als die Koalition eine Übergangsregierung einsetzen wollte, wandte sie sich wieder hilfesuchend an die Uno. Sie wusste, dass nur unter Einbindung der Uno diese neue Regierung als rechtmäßig und souverän akzeptiert würde. Zusammen wandten sich Iraker und Amerikaner schließlich an die Uno, um sie bei der Organisation der Wahlen zu unterstützen. Die Uno half bei der Formulierung des Wahlgesetzes und des Gesetzes für die Parteien, bei der Auswahl der Mitglieder der unabhängigen Wahlkommission und bei der Ausbildung hunderter Wahlhelfer sowie der Ausarbeitung der Wählerlisten.

Die Vereinten Nationen waren auch vor Ort, um Unterstützung bei den Wahlen, der Stimmauszählung und der Bekanntgabe der Ergebnisse zu leisten. Wir besaßen wiederum das nötige Fachwissen. Aber noch wichtiger war die Legitimität, die unsere Beteiligung erbrachte. Jetzt haben die Iraker ihrer eigene nationale Übergangsversammlung gewählt und bald werden sie ihre eigene Regierung wählen. Die Versammlung muss eine Verfassung entwerfen, die für alle Iraker akzeptabel ist, und die Regierung muss ihre gewaltbereitesten Gegner isolieren, indem sie das Vertrauen derjenigen Gruppen gewinnt, die sich nicht an der Wahl beteiligt hatten. Auch hierbei können die Vereinten Nationen helfen - und das werden sie auch.

Gerade weil die Vereinten Nationen sich nicht auf ein bestimmtes Vorgehen im Irak einigen konnten, besitzen sie jetzt eine dringend benötigte Glaubwürdigkeit und den Zugang zu irakischen Gruppen, die sich am neuen politischen Prozess beteiligen müssen, wenn der Friede dauerhaft sein soll. Die Uno kann nützlich sein, weil sie als unabhängig und unparteiisch gilt. Wenn sie jemals als reines Instrument oder als verlängerter Arm der US-Außenpolitik angesehen würde, wäre sie für jedermann nutzlos.

Natürlich ist die Uno nicht perfekt - auch wenn einige der letzten Anschuldigungen zu weit gingen. Der erste Untersuchungsbericht der Volcker-Kommission zu Unregelmäßigkeiten beim Programm "Öl für Nahrungsmittel" hat eine neue Perspektive eröffnet. Einige übertriebene Anschuldigungen haben sich als unwahr erwiesen. Trotzdem bin ich der erste, der zugibt, dass es echte und bestürzende Fehler gegeben hat - ethisches Fehlverhalten und Missmanagement. Ich bin entschlossen, mit Hilfe der Mitgliedstaaten Reformen durchzusetzen, die von der Kommission klar gefordert worden sind.

Noch schockierender sind weit verbreitete Fälle von sexuellem Missbrauch und Kindesmissbrauch durch Blauhelmtruppen und Uno-Mitarbeiter in der Demokratischen Republik Kongo und anderen afrikanischen Staaten. Sowohl das Uno-Sekretariat als auch die Mitgliedstaaten haben zu spät das Ausmaß dieses Problems begriffen und Gegenmaßnahmen eingeleitet, um dies zu beenden und die Täter zu bestrafen. Wir sind jetzt dabei zu handeln, und ich bin entschlossen, dieses zu Ende zu bringen.

Die Uno kann im 21. Jahrhundert nicht überleben, wenn nicht auch normale Menschen auf der ganzen Welt verstehen, dass sie etwas für sie tut. Dass die Uno sie vor Konflikten schützt, aber auch vor Armut, Hunger, Krankheiten und Umweltzerstörung. In den letzten Jahren haben wir schmerzlich erkennen müssen, dass eine Welt, in der Länder an Misswirtschaft und Not leiden, keine sichere Welt ist. Wir müssen Krankheiten und Hunger bekämpfen, ebenso den Terrorismus und die Verbreitung tödlicher Waffen. Dringend müssen wir erreichen, dass der Sicherheitsrat die schrecklichen Verbrechen in Darfur beendet und die Täter vor Gericht gestellt werden.

Diesen September haben wir eine echte Chance, die Uno zu reformieren. Staats- und Regierungschefs aus der ganzen Welt werden in New York bei einem Uno-Gipfel zusammentreffen. Ich werde ihnen eine Liste mit mutigen, aber erreichbaren Vorschlägen vorlegen, damit die Uno besser arbeiten und die Welt sicherer werden kann. Ich glaube, dass die Amerikaner das ebenso wollen wie alle anderen Völker. Mehr als andere Völker haben die Amerikaner die Kraft, dies zu erreichen - wenn sie anderen zuhören, mit ihnen zusammenarbeiten und eine Führungsrolle bei diesen gemeinsamen Anstrengungen übernehmen. In der Hoffnung, dass sie genau diese Rolle einnehmen werden, blicke ich gespannt auf den kommenden September.

Kofi Annan ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.

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