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„Wir müssen diesen schrecklichen Konflikt beenden“: UNO-Nothilfekoordinator John Holmes über das Flüchtlingsdrama in der sudanesischen Region Darfur --- Gastkommentar in den Stuttgarter Nachrichten vom 30. April 2007

Im April vor drei Jahren hat mein Amtsvorgänger zum ersten Mal den UNO-Sicherheitsrat auf die Situation in Darfur aufmerksam gemacht. Diesen April habe ich nach meiner Reise in die Region den Sicherheitsrat über die andauernde Tragödie in Darfur informiert. Tausende Menschen haben ihr Leben verloren und es stellt sich die Frage, wie lange die Menschen in Darfur dies noch aushalten können.
 
In den letzen vier Jahren hat sich die Zahl der Menschen in Darfur, die von Nothilfe abhängen, vervierfacht – von einer Million auf fast vier Millionen Menschen. In den vergangenen Monaten haben die Sicherheit der tausenden von humanitären Helfern und ihr Zugang zu den Menschen drastisch abgenommen. Wie können wir den weltweit größten humanitären Einsatz aufrechterhalten, wenn die Bedürfnisse wachsen, aber unsere Fähigkeit, Hilfe zu leisten, immer mehr eingeschränkt wird?
 
Ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht, wie viel wir in den letzten drei Jahren erreicht haben und wie viel auf dem Spiel steht, wenn Bürokratie und Einschüchterung die humanitäre Arbeit erschweren.
 
Im April 2004, als der humanitäre Einsatz in Darfur auf Hochtouren lief, hatten wir mehr als 200 Helfer vor Ort, die sich um 350.000 Vertriebene kümmerten. Heute unterstützen 13.000 Helfer, die meisten von ihnen Sudanesen, ungefähr vier Mal so viele Menschen.
 
Weltweit ist die Unterernährung seit Mitte 2004 halbiert worden und die Sterberate ist ebenfalls gesunken. Aber solche Erfolge könnten sehr schnell zunichte gemacht werden. Die Probleme in Darfur bleiben bestehen und greifen auch in den benachbarten Tschad und die Zentralafrikanische Republik über. Seit Mai wurden 420.000 Menschen in Darfur vertrieben, obwohl ein Friedensabkommen unterzeichnet worden ist. Insgesamt gibt es über zwei Millionen Vertriebene, das ist ein Drittel der Bevölkerung. Noch immer kommt es zu Vergewaltigungen und sexuellen Übergriffen. Daran sind in einem Klima der Straflosigkeit alle Seiten beteiligt. Die Zahl der Unterernährten steigt wieder, besonders außerhalb der Lager in entlegenen und unsicheren Gebieten.
 
Unsere Fähigkeit, die bedürftigen Menschen zu erreichen, ist auf ein gefährlich niedriges Niveau gesunken. Wir schätzen, dass nur die Hälfte der Betroffenen des Darfur-Konflikts regelmäßig sauberes Wasser und medizinische Grundversorgung erhält. Weniger als 40 Prozent können sanitäre Einrichtungen nutzen. Noch schlimmer ist, dass ein Viertel der bedürftigen Menschen überhaupt nicht mehr erreicht werden kann. 900.000 Menschen können von den humanitären Helfern nicht versorgt werden.
 
Auch die Helfer sind Ziel von Angriffen, was den Genfer Konventionen zuwiderläuft. Zwischen Juni und Dezember 2006 sind zwölf getötet worden – mehr als in den beiden Jahren zuvor. Letztes Jahr sind 120 Fahrzeuge der Helfer überfallen worden. Hunderttausende Zivilisten können von lebenswichtiger Hilfe abgeschnitten werden, wenn sich die humanitären Organisationen aus den Gebieten zurückziehen, in denen ihre Mitarbeiter angegriffen worden sind. Alle Beteiligten des Konflikts sind für diese Angriffe verantwortlich.
 
Inzwischen hat die Regierungsbürokratie die Hilfseinsätze entscheidend behindert, die Moral geschwächt und die Bewegungsfreiheit eingeschränkt. Eine Regierung, die eindeutig diejenigen unterstützen sollte, die das Leben ihrer eigenen Bürger retten wollen, zeigt oft nur wenig Interesse, dies zu tun.
 
Was muss getan werden? Erstens sollten alle Konfliktparteien keine Zivilisten mehr angreifen – ob dies nun von der Regierung unterstütze Milizen, Rebellen oder andere Beteiligte sind. Am 16. April hat die sudanesische Regierung erklärt, dass sie das zweite Hilfspaket der UNO akzeptieren wird. Dadurch sollen die friedenssichernden Anstrengungen der Afrikanischen Union (AU) in Darfur gestärkt werden. Wir begrüßen diesen Schritt und alle weiteren, um den Schutz der Zivilisten in Darfur zu stärken. Eine schnelle und effektive Umsetzung bleibt entscheidend und benötigt die volle und rasche Kooperation von Khartum. Die Menschen können es nicht weiter erdulden, dass sich die Stationierung der gemeinsamen Friedenstruppen von UNO und AU weiter verzögert.
 
Zweitens benötigen wir sicheren und ungehinderten Zugang, um die Not leidenden Menschen zu erreichen. Lassen Sie uns schließlich auch nicht vergessen, dass die humanitäre Arbeit – wie dringend sie auch ist – niemals ein Ersatz für eine politische Lösung sein kann. Wir können diese massiven Hilfsanstrengungen nicht jahrelang und ohne Unterbrechung aufrechterhalten.
 
Die Menschen in Darfur benötigen nun so dringend wie nie zuvor eine politische Lösung. Ich fordere alle Seiten auf, die Anstrengungen der Sondergesandten der AU und der UNO zu unterstützen, die einen sofortigen Waffenstillstand erreichen und alle Seiten an den Verhandlungstisch bekommen wollen, um ein dauerhaftes Friedensabkommen zu schaffen.
 
„April ist der grausamste Monat“, schrieb der Literaturnobelpreisträger T.S. Elliot. Ich hoffe dringend, dass ich im nächsten April nicht erneut vor dem Sicherheitsrat stehen werde mit neuen Meldungen über noch mehr Tote und Vertreibungen in Darfur. Es ist Zeit, diesen schrecklichen Konflikt zu beenden. 
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Der Autor ist UNO-Untergeneralsekretär für Humanitäre Angelegenheiten und Nothilfe-Koordinator.

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