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Risiko einer weltweiten Rezession steigt; Weltwirtschaftslage und Aussichten 2008

UNRIC/216

Risiko einer weltweiten Rezession steigt

Weltwirtschaftslage und Aussichten 2008


10. Januar 2008 (UN-Informationszentrum) - Die Welt steht vor bedeutenden Herausforderungen, um das kräftige Wirtschaftswachstum der letzten Jahre beizubehalten, zeigt der Bericht zur Weltwirtschaftslage und Aussichten 2008.

Die Vereinten Nationen prognostizieren eine Abschwächung des Weltwirtschaftswachstums auf 3,4 Prozent in diesem Jahr. Dies folgt dem sinkenden Trend von 3,9 Prozent im Jahr 2006 und 3,7 Prozent im Jahr 2007.

Allerdings besteht die deutliche Gefahr, dass das Weltwirtschaftwachstum zu einem Beinahe-Stillstand kommt. In der zweiten Jahreshälfte 2007 hat das Platzen der Blase auf dem US-Immobilienmarkt und der Kreditkrise eine Verunsicherung der Weltfinanzmärkte hervorgerufen. Zusammen mit dem Sinken des US-Dollarkurses und des ungelösten Problems großer globaler Ungleichheiten könnte dies zu einer weiteren Abschwächung der Weltwirtschaftsleistung führen. Um dies zu verhindern, rät die UNO zu einer konzertierten internationalen Aktion, um die globalen Ungleichheiten anzugehen und die Währungsmärkte zu beruhigen.

Während des Jahres 2007 war das Weltwirtschaftswachstum robust und stand auf einer bemerkenswert breiten Basis. Mehr als 100 Volkswirtschaften erreichten ein Wachstum von drei Prozent der Pro-Kopf-Produktivität oder mehr. Das Wachstum in Entwicklungsstaaten lag durchschnittlich bei fast sieben Prozent. Bemerkenswerterweise erhöhte sich das Wirtschaftswachstum in Afrika auf fast sechs Prozent und es wird erwartet, dass das Wachstum auf über sechs Prozent im Jahr 2008 steigt.

Die günstige Wirtschaftslage könnte sich allerdings auch umkehren. Die größte Ungewissheit für das Jahr geht nun von der US-Wirtschaft aus. Eine weitere wirtschaftliche Abschwächung der größten Volkswirtschaft der Welt wird viele arme Staaten hart treffen, da es den Welthandel abschwächt und dem Boom der Rohstoffpreise, von dem sie in den letzten Jahren profitierten, ein Ende setzt.

Der fortgesetzte Abschwung auf dem US-Immobilienmarkt ist im dritten Quartal 2007 mit dem Zusammenbruch zweitklassiger Hypotheken erheblich ernster geworden, die eine ausgewachsene Kreditkrise hervorrief und im ganzen Weltfinanzsystem widerhallte.

Zentralbanken der größeren Volkswirtschaften haben verschiedene Maßnahmen zur Milderung der Finanzüberlastungen ergriffen. Diese Maßnahmen gehen allerdings nicht die grundlegenden Ursachen der gewaltigen Ungleichheiten zwischen den finanzüberschüssigen Staaten, wie China, Japan oder den großen erdölproduzierenden Ländern, und den defizitären Staaten, insbesondere die USA, an. Die UNO rät, dass diese Ungleichheiten durch einen wirtschaftlichen Impuls in den berschussstaaten zum Ausgleich der Effekte der nachlassenden Nachfrage in den USA angegangen werden müssen.

Erhebliche Effekte der wirtschaftlichen Turbulenzen aufgrund der zweitklassigen Hypotheken in den USA haben sich auf die großen europäischen Länder ausgewirkt und - in einem geringeren Maße - auf Japan und andere Industriestaaten. Ihre Wachstumsprognose für 2008 wurde von Volkswirten der UNO herabgesetzt, was zeigt, dass die Volkswirtschaften anderer großer Industriestaaten immer noch nicht stark genug sind, die USA als Motor des globalen Wachstums zu ersetzen.

Starkes Wachstum in den Entwicklungsstaaten


Das Jahr 2008 könnte das vierte Jahr in Folge sein, in dem das durchschnittliche Wachstum in den Entwicklungsstaaten bei fast sieben Prozent liegt. Die starke Nachfrage hat Arbeitsstellen geschaffen und die Arbeitslosigkeit in den meisten Ländern gesenkt, wenn gleich zu einer geringeren Rate als das Wirtschaftswachstum. In weiten Teilen Afrikas liegt zudem die Wachstumsrate neuer Arbeitsplätze unter dem Bevölkerungswachstum. Die Inflation war zurückhaltend und Länder außer einiger am wenigsten entwickelten Länder erlebten einen Rohstoff-Boom.

Da ihr Gewicht in der Weltwirtschaft zunimmt, könnten die Entwicklungsstaaten als Gruppe wahrgenommen werden, die in wirtschaftlichen Begriffen die Führung übernehmen. Der Anteil am Welthandel der Entwicklungs- und Transformationsstaaten hat sich von 35 Prozent im Jahr 2000 auf über 40 Prozent im Jahr 2007 erhöht. Das Handelsverhältnis Import/Export hat sich bei den meisten rohstoffexportierenden Ländern im fünften Jahr in Folge im Jahr 2007 verbessert. Kapitalinvestitionen sind in viele aufstrebende Marktwirtschaften geflossen aufgrund ihrer höheren Wachstumsraten und - in einem bemerkenswerten Rollentausch - aufgrund ihrer wahrgenommenen relativen Sicherheit im Vergleich zu den großen Unsicherheiten auf den Finanzmärkten der Industriestaaten.

Exportbedingtes wirtschaftliches Wachstum hat Entwicklungsstaaten in die Lage versetzt, drei Billionen US-Dollar als internationale Währungsreserven anzuhäufen - volle drei Viertel der Weltgesamtreserven. Diese Reserven schaffen einen Puffer gegen mögliche negative Schocks. Sie stellen aber auch Herausforderungen an ihre Wirtschaftsführung bei der Vermeidung starker Währungsaufwertungen dar. Als Dollar-notierte Anlagen ist die Aufstockung großer Geldreserven ein wesentlicher Bestandteil des Problems der erheblichen globalen Ungleichheiten, da Entwicklungsstaaten als Financiers des US-Außenhandelsdefizits agieren. Weitere Abwertungen des US-Dollars wird den Wert ihrer Reserveanlagen aufzehren, und eine Diversifikation in andere Währungen könnte zu einem noch deutlicheren Verfall des US-Dollars führen.

Es gibt auch andere Anzeichen dafür, dass das Jahr 2008 den härtesten Test für die Wirtschaft von Entwicklungsstaaten seit geraumer Zeit stellen könnte.

Die Abschwächung des Wirtschaftswachstums in den USA und anderer Industriestaaten wird die Luft aus den steigenden Rohstoffpreisen nehmen, die das Wachstum in den Entwicklungsstaaten aufrecht erhielt. Der Rückgang wird den Welthandel unterhöhlen, der im Jahr 2007 nachgelassen hat gegenüber den hohen Wachstumsraten in den Jahren 2004 und 2006. Im Jahr 2007 war auch eine größere Schwankungsbreite bei Investitionen deutlich - und aufstrebende Marktwirtschaften haben bereits Erfahrungen mit platzenden Investitionsbooms gemacht.

Das pessimistische Szenario


Angesichts der Tatsache, dass der inflationsbereinigte Preis für Immobilien in den USA um etwa 90 Prozent in den zehn Jahren bis 2006 gestiegen ist, gibt es einen erheblichen Spielraum für eine Korrektur nach unten der Immobilienpreise, sagen UNO-Volkswirtschaftler. Das Risiko besteht in der Haushaltsverschuldung, die in den letzten Jahren in den USA stark angestiegen ist. Ein Fall um 15 Prozent bei den Immobilienpreisen würde voraussichtlich die private Nachfrage beeinträchtigen und zwei Prozent des US-Wirtschaftswachstums kosten, was zu einem faktischen Stillstand des US-Wachstums führt.

Die Volkswirtschaften Japans und Westeuropas, die bereits nahe an ihrem Kapazitätslimit produzieren, sind nicht in der Lage, die irtschaftsflaute aufzufangen. Es ist bemerkenswert, dass der Handel eine größere Rolle als jemals zuvor beim Weltwirtschaftswachstum hat. Exporte liegen im Mittelwert bei fast 40 Prozent des Bruttoinlandsprodukts aller Volkswirtschaften außer den USA. Der Domino-Effekt einer US-Rezension würde das Exportwachstum von China, Europa und Japan kippen, was in der Folge die Nachfrage nach Exporten aus Entwicklungsstaaten verringert.

Die Immobilienblase in den USA und anderen Industriestaaten ist organisch mit den globalen Finanzungleichheiten verbunden, die sich in den letzten zehn Jahren aufgebaut haben. Bezeichnenderweise erfuhren die meisten Volkswirtschaften, die eine erhebliche Aufwertung der Immobilienpreise erlebt haben, auch eine Zunahme des Leistungsbilanzdefizits.

Mit einer Nettoaußenverschuldung der USA von etwa drei Billionen US-Dollar im Jahr 2007 gibt es die Wahrnehmung, dass der US-Verschuldungsstand sich auf ein unhaltbares Niveau zubewegt. Das Risiko eines ungeordneten Abbaus der globalen Ungleichheiten hat sich sicherlich mit einer Abwärtsspirale auf dem US-Immobilienmarkt und des damit verbundenen Zusammenbruchs des zweitklassigen Hypothekenmarkts erhöht. Eine harte Landung des US-Dollars würde die US-Nachfrage nach Gütern aus dem Rest der Welt weiter belasten, was zu einer Verringerung der Exporte aus Entwicklungsstaaten und Einschnitte in den Lebensstandards von US-Haushalten führt.

Konzertierte Aktion ist notwendig


Während eine Neufestsetzung der Wechselkurse ein Bestandteil bei der Lösung der globalen Ungleichheiten ist, warnen die Vereinten Nationen - und haben davor gewarnt (vgl. Berichte zur Weltwirtschaftslage und Aussichten 2006 und 2007) -, dass das ausschließliche Setzen auf eine Neufestsetzung der Wechselkurse zu einem Vertrauensverlust in und weiteren Druck auf den US-Dollar führt, was seine harte Landung nur beschleunigt.

Um wirtschaftliche Turbulenzen zu vermeiden und Entwicklungsgewinne der letzten Jahre zu sichern, befürworten die Vereinten Nationen eine konzertierte Aktion.

Unter normalen Umständen könnte die gegenwärtige wirtschaftliche Abschwächung in den USA mit weiteren Zinssatzsenkungen, die die Wirtschaft beleben, behandelt werden. Aber im gegenwärtigen Zusammenhang könnte dies eine weitere Abwertung und einen Vertrauensverlust in den US-Dollar herbeiführen. Es wäre sicherer und nützlicher, Anreize durch eine stärkere Nachfrage in Ländern mit umfangreichen Rücklagen und eines Leistungsbilanzüberschusses zu erreichen, wie in China, Japan und den erdölexportierenden Ländern. In China könnte dies durch eine Aufstockung der öffentlichen Investitionen und Ausgaben im Gesundheits- und Erziehungswesen sowie in die sozialen Sicherungssysteme erreicht werden. In Europa und Japan rechtfertigt der anhaltende geringe Inflationsdruck ein Ende der Währungsverknappung und die Einnahme einer neutralen bis moderat konjunkturfördernden Haltung.

Zusammen mit koordinierten konjunkturfördernden Maßnahmen sollten die Staaten gemeinsame Maßnahmen ergreifen, um einen Schlag gegen den US-Dollar zu vermeiden, da eine schnelle und ungeordnete Talfahrt eine Rezension zur Folge hätte. Eine internationale Aktion sollte eine abgestimmte Neufestsetzung der Wechselkurse beinhalten, die eher eine sanfte als eine harte Landung anstrebt.

Das Risiko einer harten Landung ist durch die Natur des globalen Währungsreservensystems erhöht, das die nationale Währung der USA als
Hauptwährungsreserve und Mittel des internationalen Zahlungsverkehrs nutzt. In diesem System ist der einzige Weg für die übrige Welt Vermögenswerte und Reserven in US-Dollar anzuhäufen und für die USA ein Außenhandelsdefizit zu fahren.

Mit der Zeit könnte eine größere Stabilität durch ein amtlich unterstütztes Mehrwährungsreservensystem erzielt werden. Ein gut konzipiertes multilaterales Finanzsystem sollte gleiche Bedingungen für alle Parteien schaffen und einen unfairen Wettbewerb und eine asymmetrische Lastenteilung der Währungsanpassungen vermeiden. Es sollte auch dabei helfen, die Stabilität im internationalen Finanzsystem zu erhöhen, indem die Wahrscheinlichkeit eines Krisenszenarios eine verringert wird, in dem eine Kapitalflucht aus einer einzelnen größeren Währungsreserve potenziell weitreichende Auswirkungen auf die ganze Weltwirtschaft hat.

Weitere Informationen und Interviewanfragen:
Newton Kanhema, UN Department of Public Information, Development Section Tel.: +1 212 963-5602 E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

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WELTWIRTSCHAFTSLAGE UND AUSSICHTEN wird am Anfang des Jahres von der UNO-Hauptabteilung für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten (UN/DESA), der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) und den fünf Regionalkommissionen der Vereinten Nationen herausgegeben.

WORLD ECONOMIC SITUATION AND PROSPECTS 2008 (Sales No.E.07.II.C.2, ISBN 978-92-109153-3) ist erhältlich von United Nations Publications, Two UN Plaza, Room DC2-853, Dept. PRES, New York, NY 10017 USA, Tel.:+1 212 963-8302, Fax: +1 212 963-3489; E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ; oder Section des Ventes et Commercialisation, Bureau E-4, CH-1211, Geneva-10, Switzerland, Tel: +41 22 917-2614, Fax: +41 22 917-0027,E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ; Internet: www.un.org/publications
 

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