Mittwoch, 22 November 2017
UNRIC logo - Deutsch
                
focus nahrung banner
Vereinte Nationen im Fokus
UNRIC-Hintergrundinformation
13. November 2009

Die Zahl der Hungernden steigt
Nahrung ist der Schlüssel zu Sicherheit, Armutsbekämpfung und Klimaschutz


Das Thema Nahrungssicherheit ist nach Jahrzehnten wieder zu einem der wichtigsten Themen der internationalen Politik geworden. Grund ist die weiter steigende Zahl hungernder Menschen und die Erkenntnis, dass uns die Ernährung einer wachsenden Weltbevölkerung langfristig vor große Herausforderungen stellen wird.

Außerdem haben die Politiker festgestellt, dass Nahrungssicherheit direkt mit dem Erreichen anderer zentraler Ziele verknüpft ist.

Wegen der sinkenden Kaufkraft seit dem Ausbruch der Wirtschaftskrise im letzten Jahr sind jetzt über eine Milliarde Menschen unterernährt. Dürreperioden und Überschwemmungen, die den Viehbestand und die landwirtschaftliche Nutzflächen verkleinern, führen in vielen der ärmsten Länder zu konstant hohen Lebensmittelpreisen, auch wenn diese 2009 weltweit wieder unter den Höchstwerten von Mitte 2008 liegen.

Angespornt von der von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon initiierten Hochrangigen Arbeitsgruppe für die weltweite Nahrungsmittelkrise haben die teilnehmenden 26 Industrie- und Schwellenländer beim diesjährigen G8-Gipfeltreffen im italienischen L’Aquila einen umfassenden Aktionsplan verabschiedet. Die Geberländer haben außerdem 20 Milliarden US-Dollar zugesagt.

Bemerkenswert ist, dass die „L’Aquila-Leitsätze“ die landwirtschaftliche Produktivität und die Unterstützung bedürftiger Landwirte auf eine Stufe mit der Soforthilfe stellen. Diese wird üblicherweise finanziell und politisch stärker unterstützt.

Dennoch steht für die Soforthilfe in Relation zu den Auswirkungen wirtschaftlicher und klimabedingter Schocks momentan viel zu wenig Geld zur Verfügung. Das Welternährungsprogramm versucht dringend wieder das Spendenniveau von 2008 zu erreichen. Damals wurden acht Milliarden US-Dollar im Kampf gegen den Hunger aufgebracht – die bisher größte Summe in der Geschichte.

US-Unternehmer Bill Gates hat angekündigt, dass sich seine Stiftung, die über mehrere Milliarden US-Dollar verfügt, nun hauptsächlich um die Ernährungssicherheit kümmern wird. „Wenn bedürftige Landwirte ihre Produktivität steigern können, wird das massiven Einfluss auf die Bekämpfung des Welthungers haben“, sagte Gates.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation (FAO) wird vom 16. bis zum 18. November 2009 ein Gipfeltreffen zur Ernährungssicherheit abhalten, das der Krisensitzung im Juni 2008 folgt. Das Treffen in Rom zielt darauf ab „weitreichende Übereinstimmungen im Kampf gegen den weltweiten Hunger zu finden“, sagte FAO-Generaldirektor Jacques Diouf. UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon, der auch teilnehmen wird, benannte den bisherigen Koordinator der interinstitutionellen Arbeitsgruppe, David Nabarro, zum Sondergesandten für Nahrung und Ernährungssicherheit.

Das Sprichwort „Alle Wege führen nach Rom“ gewinnt bei dem Gipfeltreffen nächste Woche neue Bedeutung, denn das zentrale Thema ist mit einer Vielzahl von elementaren UNO-Zielen verknüpft:

Die Unterstützung landwirtschaftlicher Kleinbetriebe wird zu einer elementaren Strategie im Kampf gegen die Armut.
Schätzungen zufolge leben etwa eine Milliarde Menschen, die gleichzeitig 75% der weltweit ärmsten Bevölkerung darstellen, in ländlichen Gegenden, in denen die Wirtschaft von der Landwirtschaft abhängig ist.

Die Unterstützung der Landwirte und Landwirtschaft ist das Kernelement der Milleniumsziele.
Ziel 1 ist die Beseitigung von extremer Armut und Hunger. Der Zugang zu Nahrung hat einen direkten Einfluss auf diese gemeinsamen Ziele und die Erfolgsaussichten. (Schätzungen der Weltbank zufolge fielen 2008 aufgrund der steigenden Lebensmittelpreise zusätzlich 100 Millionen Menschen unter die Grenze der extremen Armut.) Weitere Milleniumsziele sind die Verbreitung von Gesundheit und Bildung – auch dafür ist eine ausreichende Ernährung nötig. Weil 75% der landwirtschaftlichen Kleinbetriebe von Frauen geführt werden, haben Reformen in der Landwirtschaft auch Einfluss auf Ziel 3: Die Gleichstellung und die Förderung des Einflusses der Frauen.

Landwirtschaftliche Reformen können einen positiven Einfluss auf Handelsthemen haben.
Noch immer wird bei der Doha-Runde kein Fortschritt erzielt. Differenzen gibt es einerseits wegen der Subventionen an Landwirte in Industrieländern. Andererseits werden die Lebensmittelmärkte von Entwicklungsländern für den globalen Handel geöffnet. Die Unterzeichnung fairer und offener Handelsabkommen hätte die Preiseskalation von 2008 verhindern können. Damals stockte der Handel mit landwirtschaftlichen Rohstoffen weil einige Länder ihre Lebensmittelreserven zurückhielten und damit die Preise auf den globalen Märkten explodieren ließen.

Investitionen in die Landwirtschaft und ökologische Nachhaltigkeit gehen Hand in Hand.

Auch wenn die Landwirtschaft allgemein als „grüner“ Sektor gilt, stammen 14% der weltweiten Emissionen von Treibhausgasen aus der Landwirtschaft. Zusätzlich entsteht durch Abholzung etwa die gleiche Menge an Emissionen für den Erwerb neuer Ackerflächen. Außerdem verbraucht die Landwirtschaft mehr Wasser als jeder andere Bereich. Moderne Bewässerung, ökologische Landwirtschaft und effiziente Infrastruktur zur Lebensmittelverteilung belasten die Umwelt erheblich weniger.

Gleichzeitig leiden bedürftige Landwirte am meisten unter folgenreichen Wetteränderungen und steigenden Durchschnittstemperaturen.
Das Global Humanitarian Forum prognostiziert, dass bis zu 25% der globalen landwirtschaftlichen Kapazitäten vernichtet werden, wenn der Klimawandel nicht abgewendet oder eingedämmt werden kann.

Lebensmittelsicherheit ist eine Sicherheitsfrage.
Eine steigende Nachfrage nach Lebensmitteln, Metallen, Öl und Biotreibstoffen könnte im Konjunkturverlauf zu weiter steigenden Rohstoffpreisen führen. Die Unzufriedenheit der Bevölkerung führte 2007 und 2008 in 22 Ländern zu Aufständen, die wieder aufflammen könnten, wenn Länder mit geringen oder sogar mittleren Einkommen die Preise für Grundnahrungsmittel nicht mehr bezahlen können. Davon betroffen wären auch die Verbraucher in einigen Industrieländern.

Investitionsstrategien für die Zukunft

Tatsächlich ist langfristig ein zunehmender Druck auf Lebensmittelangebot und –preise abzusehen. Nach Angaben der FAO muss die Lebensmittelproduktion bis 2050 um etwa 70% steigen, um der zunehmenden Nachfrage durch Bevölkerungswachstum und Wohlstandssteigerungen, die eine vielfältigere und hochwertigere Ernährung ermöglichen, gerecht zu werden. Einem kürzlich veröffentlichten Bericht der FAO zufolge müssen dazu jährlich 83 Milliarden Dollar investiert werden.

Der Großteil der Investitionen muss aus dem privaten Wirtschaftssektor kommen. Trotzdem werden öffentliche Gelder für Straßen, Häfen, Stromnetze und andere großflächige Infrastruktureinrichtungen, landwirtschaftliche Organisationen und Beratungsdienste, Forschung und Entwicklung, Sozialleistungen, wie dem Bildungsangebot (insbesondere für Frauen und Mädchen), sanitäre Anlagen, die Bereitstellung von sauberem Wasser und Dienstleistungen im Gesundheitssektor benötigt.

Der Zusammenbruch des globalen Ernährungssystems 2008 ist das Ergebnis eines jahrzehntelangen Rückgangs öffentlicher Investitionen. So fiel der Anteil der Fördermittel für die Landwirtschaft von 20% (1979) auf 4% (2006). Infolge der extremen Preisschwankungen bei Lebensmitteln und der zögernden Vergabe von Krediten seit der Finanzkrise sind auch private Investitionen zurückgegangen.

Die im April 2008 von UNO-Generalsekretär Ban Ki-moon ins Leben gerufene Hochrangige Arbeitsgruppe, in der die Leiter der UNO-Organisationen zusammenkommen, steht vor der Herausforderung, private wie öffentliche Mittel zu beschaffen. Deshalb wurde eine Partnerschaft mit Unternehmen, Finanzinstitutionen, entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisationen, Stiftungen und Menschenrechtsaktivisten geschlossen, die sich dafür engagieren dass der Zugang zu Nahrung zu einem Menschenrecht wird.

Die Weltbank, Mitglied der Arbeitsgruppe, hat die finanzielle Unterstützung für landwirtschaftliche und ländliche Entwicklung um 76% erhöht. Statt dem jährlichen Durchschnittsbetrag von 4,1 Milliarden US-Dollar, der von 2006 bis 2008 aufgebracht wurde, stellte die Weltbank im Finanzjahr 2009 7,2 Milliarden US-Dollar zur Verfügung.

Landwirte werden an Planung beteiligt

Ein weiterer elementarer Aspekt in der Partnerschaft sind die Landwirte selbst. Erfahrungen auf allen Kontinenten zeigen, dass erfolgreiche Investitionen in landwirtschaftliche Kleinbetriebe eine vollständige Einbindung der Landwirte erfordert – von der Planung bis zur Umsetzung.

Eine Strategie für die Landwirtschaft und gegen die Armut, die auf der Förderung landwirtschaftlicher Kleinbetriebe in bedürftigen Ländern basiert, hat die Geschichte auf ihrer Seite, betont der Internationale Fonds für Landwirtschaft und Entwicklung (IFAD). Vietnam, zum Beispiel, hat das Modell genutzt, um sich von einem Land mit einem Netto-Lebensmitteldefizit zu einem erfolgreichen Lebensmittelexporteur zu entwickeln. In Malawi wurde die landwirtschaftliche Produktion vervielfacht, als die Landwirte unterstützt wurden und insbesondere Düngemittel erhielten.

In L’Aquila wurde beschlossen, 22 Milliarden US-Dollar in den nächsten drei Jahren bereitzustellen. Das würde eine Verdopplung der jährlichen Hilfsmittel für die Landwirtschaft bedeuten. Einem Leitsatz von L’Aquila folgend, soll mit Nachdruck, in angemessener Größenordnung und nachhaltig gehandelt werden.

Wie die finanziellen Ressourcen genutzt werden, ist allerdings genauso wichtig wie die Frage nach der Steigerung der Produktivität. Die G8-Initiative ist nicht nur ein weiteres Finanzierungsprogramm. Es wird von Entwicklungsländern begrüßt und bindet die verwundbaren Länder selbst, wie in der UNO-Arbeitsgruppe, in die finanzielle und strategische Planung mit ein. Die Initiative begegnet der Herausforderung der Lebensmittelsicherheit auf verschiedenen Ebenen, indem verschiedene Maßnahmen – für landwirtschaftliche Produktivitätssteigerung, die Regeneration der Umwelt, freien Handel, Politikreformen, Sozialleistungen für Landwirte und eine ländliche Entwicklung im weitesten Sinne – miteinander verknüpft werden. 



Kontakt: UNRIC
Regionales Informationszentrum der UNO
Verbindungsbüro in Deutschland
Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ,
Tel.: 0228 815-2773
 

Praktikant/-in für Bonner UNRIC-Büro gesucht

UNRIC bietet im Bonner Büro ein 8- bis 12-wöchiges Praktikum ab März 2018 an.
Bewerber/-innen sollten sich noch im Studium befinden, oder vor kurzem ihr Studium beendet haben und erste Erfahrungen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder im Journalismus besitzen.
Sehr gute Englisch- und Deutschkenntnisse sind Voraussetzung. Das Praktikum ist unbezahlt.
Bitte senden Sie Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen an:
[email protected]

UNRIC Verbindungsbüro in Deutschland, Bonn
Tel.: +49 (0)228 / 815-2773 / 2774
Fax: +49 (0)228 / 815-2777

UN Card 2016 DE 250px front