Samstag, 18 November 2017
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Gegenwärtige Entwicklungsmodelle gefährden langfristige Sicherheit der Erde und ihrer Bevölkerung

UNIC/516

Bericht der Vereinten Nationen ruft Regierungschefs auf, sich beim bevorstehenden Johannesburg-Gipfel zur nachhaltigen Zukunft zu verpflichten

NEW YORK, 13. August 2002 - Ein heute veröffentlichter Bericht der Vereinten Nationen verweist auf einen beunruhigenden Einfluss derzeitiger Entwicklungsmuster auf den weltweiten Lebensstandard und die natürlichen Ressourcen der Erde. Der kurz vor dem Weltgipfel über nachhaltige Entwicklung veröffentlichte Bericht “Globale Herausforderung, Globale Chance“ betont den Bedarf an größerer Unterstützung für nachhaltige Entwicklung, um die globalen Ressourcen besser handhaben zu können.

Mehr als 100 Regierungschefs bereiten sich zur Zeit auf ihre Teilnahme am Johannesburger Gipfel vor, welcher vom 26. August bis 4. September 2002 stattfinden wird. Dort soll ein neuer, weltweiter Durchführungsplan zur Beschleunigung nachhaltiger Entwicklung fertiggestellt werden. Außerdem wird eine Vielzahl von innovativen Partnerschaften zur Förderung von Nachhaltigkeit vorgestellt.

“Globale Herausforderung, Globale Chance beschreibt die Wahl, vor der wir stehen,“ sagt Nitin Desai, Generalsekretär des Gipfels und Untergeneralsekretär der Vereinten Nationen für Wirtschaftliche und Soziale Angelegenheiten, dessen Hauptabteilung den Bericht veröffentlichte. “Wenn wir nichts unternehmen, um unsere momentanen, unüberlegten Entwicklungsmodelle zu ändern, setzen wir die langfristige Sicherheit der Erde und ihrer Bewohner aufs Spiel. In Johannesburg haben wir die Möglichkeit, eine sichere Zukunft zu schaffen, indem wir eine nachhaltigere Form der Entwicklung verfolgen, welche einerseits das Leben heute verbessert und andererseits eine bessere Welt für unsere Kinder und Enkel gewährleisten kann.“

Der Bericht prüft mehrere Sachfragen, welche von UNO-Generalsekretär Kofi Annan als grundlegend für die Verhandlungen in Johannesburg bezeichnet wurden. Darunter fallen Wasser und Hygiene, Energie, landwirtschaftliche Produktivität, Artenvielfalt und Gesundheit. In einer ernüchternden Beurteilung der gegenwärtigen Entwicklungen auf diesen Gebieten stellt der Bericht fest, dass:

  • gegenwärtig 40% der Weltbevölkerung von Wassermangel betroffen ist;
  • der Meeresspiegel aufgrund der globalen Erwärmung weltweit ansteigt; 
  • viele Pflanzen- und Tierarten Gefahr laufen ausgerottet zu werden (speziell betroffen ist die Hälfte der großen Primaten - die dem Menschen am nächsten verwandte Tierart); 
  • 2,4% der weltweiten Wälder in den 90er Jahren zerstört wurden; 
  • jährlich mehr als 3 Millionen Menschen an den Folgen von Luftverschmutzung sterben.

Ermutigenderweise verweist der Bericht aber auch auf die Entstehung von immer mehr nachhaltigen Entwicklungspraktiken in kleinem Umfang, welche auch immer öfter nachgeahmt werden, um Problembereiche wie den Schutz der Ökosysteme, Luftverschmutzung in den Städten und Kindersterblichkeit aufgrund von verschmutztem Trinkwasser zu bekämpfen. Diese Erfolge sind allerdings gefährdet, so einige Vertreter des Gipfels, wenn nicht dringend mehr Maßnahmen ergriffen werden, um den beunruhigenden Entwicklungen entgegen zu wirken.

Handlungsbedarf in den Bereichen Wasser, Energie, Landwirtschaft, Artenvielfalt und Gesundheit

Globale Herausforderung, Globale Chance fasst die zuverlässigsten Daten bezüglich des weltweiten Gebrauchs natürlicher Ressourcen in der heutigen Zeit zusammen:

  • Wasser und Hygiene - Trotz einiger Verbesserungen auf diesem Gebiet, fehlt nach wie vor einer Milliarde Menschen der sichere Zugang zu Trinkwasser. Zudem wird vorhergesagt, dass bis 2025 die Hälfte der Erdbevölkerung - 3,5 Milliarden Menschen - von ernsthaftem Wassermangel bedroht sein wird. Dies betrifft insbesondere Nordafrika und Westasien, wo die Grundwasservorräte schneller verbraucht werden, als sie sich erneuern können.
  • Energie - Der Verbrauch fossiler Energieträger und die Kohlenstoffemissionen sind seit den 90er Jahren besonders in Asien und Nordamerika weiter angestiegen. Anzeichen für einen Klimawechsel aufgrund von globaler Erwärmung werden auch immer offensichtlicher. Zum Beispiel sind Dürreperioden in ihrer Häufigkeit und Intensität besonders in Teilen Asiens und Afrikas verstärkt wahrzunehmen. Dies ist besonders im Falle des Gastgeberlandes Südafrika festzustellen, wo derzeit, wie auch in einigen Nachbarländern, eine schwere Dürreperiode herrscht. 
  • Landwirtschaftliche Produktivität - Durch die Zunahme der Weltbevölkerung steigt auch die Nachfrage nach Nahrungsmitteln, während die Kapazitäten für die Nahrungsmittelproduktion besonders in Entwicklungsländern abnehmen. Diese Entwicklung bedeutet eine langfristige Bedrohung für die Versorgungssicherheit, besonders in Gebieten wo sich die Bodenqualität aufgrund exzessiven Anbaus und aufgrund von Wüstenbildung zusehends verschlechtert hat. Es gibt besonders in Südostasien und Europa wenig Spielraum für eine Erweiterung der landwirtschaftlichen Nutzfläche, während in Nordafrika und Westasien der Wassermangel die Möglichkeiten landwirtschaftlicher Entwicklung eingrenzt. 
  • Artenvielfalt und Ökosysteme - Geschätzte 90 Millionen Hektar Wald - eine Fläche größer als Venezuela - wurde in den 90er Jahren zerstört. Die Abholzung in einem derartigen Ausmaß stellt eine enorme Bedrohung für die Biodiversität dar, da in den Wäldern zwei Drittel aller Landtiere leben. Zusätzlich sind 9% aller Baumarten in Gefahr, wodurch auch die Möglichkeit des medizinischen Nutzens botanischer Quellen abnimmt.
  • Gesundheit - Ein beträchtlicher Anteil der Sterblichkeit in den am wenigsten entwickelten Ländern geht auf umweltbedingte Krankheiten zurück. Obwohl einige Fortschritte in diesem Bereich zu verzeichnen sind, ist verseuchtes Wasser jährlich am Tod von 2,2 Millionen Menschen schuld. Außerdem steigt die Anzahl der Malariaerkrankungen aufgrund geringerer Wirkungskraft der erhältlichen Medikamente. Zudem wurde die Verbreitung der Krankheit durch Entwicklungsfaktoren - wie Bewässerungsanlagen und Abholzung - unterstützt, die das Brüten der Stechmücken begünstigen.

“Es gibt eindeutige Beweise dafür, dass Ziele der menschlichen Entwicklung und des Umweltschutzes voneinander abhängig sind“, so Nitin Desai. Regierungen, Unternehmen und die Zivilgesellschaft müssen mit der Verpflichtung nach Johannesburg kommen, das Leben der Menschen auf nachhaltige Art und Weise zu verbessern. Beim Gipfel selbst sollen einige große Partnerschaftsinitiativen auf den Weg gebracht werden. Aber es sind noch viel mehr derartiger Programme notwendig, um den in dem UNO-Bericht aufgezeigten schädlichen Entwicklungsmustern entgegenzuwirken.“ Desai stellte die innovative WASH (Water, Sanitation and Hygiene for All)-Initiative als vorbildliches Beispiel für innovative Partnerschaften vor. An WASH beteiligen sich 28 Regierungen, Entwicklungsbanken, Organisationen der Vereinten Nationen, Nichtregierungsorganisationen und große Unternehmen, die bis zum Jahr 2015 weltweit 1,1 Milliarden Menschen mit Wasser und Hygienevorrichtungen versorgen wollen.

Nahrungsmittelproduktion führt zur weltweiten Erschöpfung der natürlichen Ressourcen

Globale Herausforderung, Globale Chance veranschaulicht den grundlegenden Einfluss des menschlichen Nahrungsbedarf auf die natürlichen Ressourcen der Erde. In den letzten Jahren ist die Nachfrage an Nahrungsmitteln mit dem Anstieg der Weltbevölkerung, aber auch mit dem pro-Kopf Konsum an Nahrungsmitteln gewachsen: In den Entwicklungsländern stieg der Kalorienverbrauch von 2.100 auf 2.700, in den Industrieländern von 3.000 auf 3.400.

Der Bericht bestätigt den Anstieg des weltweiten Wasserverbrauchs im letzten Jahrhundert auf das Sechsfache - das Doppelte des Bevölkerungswachstums. 70% des konsumierten Wassers werden heute von der Landwirtschaft verbraucht: Die größte Verschwendung an Trinkwasser ist auf ineffiziente Bewässerungssysteme zurückzuführen, die bis zu 60% des transportierten Wassers verlieren. Die Ausweitung landwirtschaftlich genutzter Anbauflächen ist die Hauptursache für die weltweite Abholzung und gleichzeitig die schlimmste Bedrohung für die Artenvielfalt und die Ökosysteme der Erde. Obwohl die Fischgründe der Ozeane bereits völlig genützt oder überfischt sind, steigt die Fischzucht schnell an, um der steigenden Nachfrage nach Fisch Rechnung zu tragen. Laut dem Bericht hat ein noch intensiverer Fischfang aber schwerwiegende Folgen für die Umwelt.

“Eine der wichtigsten Prioritäten des Gipfels ist die Einigung über Strategien und Programme zur Erhöhung der landwirtschaftlichen Erträge, um den langfristigen Nahrungsmittelbedarf decken zu können,“ so Desai. “Ebenso wichtig ist der Ausbau nachhaltiger landwirtschaftlicher Anbaumethoden, insbesondere die Einführung leistungsfähiger Bewässerungssysteme. In Johannesburg soll auch eine neue Initiative der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen (FAO) vorgestellt werden, die gemeinsam mit mehreren Regierungen und Nichtregierungsorganisationen entsprechende Fortschritten in der Nahrungsmittelproduktion anregen will.“

Teile der Welt im Entwicklungsrückstand

Neben dem besseren Zugang zu und Gebrauch von natürlichen Ressourcen, soll bei dem Gipfel - aufbauend auf jüngsten Bemühungen - dem Millenniums-Entwicklungsziel der Vereinten Nationen näher gekommen werden. Darin wird die Halbierung des Anteils der in Armut lebenden Menschen bis 2015 angestrebt. Der Gipfel bildet den abschließenden Höhepunkt einer zwölfmonatigen Entwicklung, in der es zunächst im November 2001 in Doha, Katar, bei der Tagung der Welthandelsorganisation zur Einigung über notwendige Handelsreformen gekommen war; anschließend hatten auf der Konferenz der Vereinten Nationen über Entwicklungsfinanzierung in Monterrey, Mexiko, im März dieses Jahres die USA und Europa eine maßgebliche Erhöhung der Entwicklungshilfe angekündigt.

Globale Herausforderung, Globale Chance bestätigt einen gewissen Fortschritt in der Armutsbekämpfung während der 90er Jahre, da die Anzahl der Menschen, die von nur einem US-Dollar pro Tag lebt, von 1,3 auf 1,2 Milliarden zurückgegangen ist. Diese Verbesserung konzentrierte sich hauptsächlich auf Ostasien und Lateinamerika, jene Regionen, die auch einen Rückgang der an chronischem Hunger leidenden Mensch verzeichnen konnten. Trotzdem stellt der Bericht fest, dass in vielen Regionen der Erde eine derart positive Entwicklung bisher noch ausgeblieben ist. Afrika verzeichnet derzeit die höchste Rate an Sterblichkeit, Armut und Hunger, sowie - verglichen mit den Industrieländern - die größte Kluft im Lebensstandard. Die Probleme Afrikas reichen aber darüber hinaus und betreffen auch die natürlichen Ressourcen des Kontinents: Die Abholzung ist in Afrika am höchsten; dort wurden in den 90er Jahren alarmierende 7% der Wälder zerstört.

“Johannesburg will auf den Fortschritten von Doha und Monterrey aufbauen und Übereinstimmung darüber erzielen, wie die erhöhte Entwicklungshilfe der internationalen Gemeinschaft nun tatsächlich eingesetzt werden soll,“ betont Desai. “Weltweite Lebensstandards können jetzt und in der Zukunft nur verbessert werden, wenn die Ressourcen auf einer tatsächlich nachhaltigen Basis verteilt werden.“

Die ersten Anzeichen einer nachhaltigen Zukunft

Mitten unter den besorgniserregenden Entwicklungen findet der Bericht aber auch Beweise für aufkommende Nachhaltigkeit in strategisch wichtigen Bereichen auf der ganzen Welt: Zwei Prozent der Wälder sind bis heute für nachhaltige Abholzung registriert worden. Die Anzahl von Naturschutzgebieten, Parks und Reservaten nimmt zu. Sie erstrecken sich schon jetzt über 5% der Fläche Europas und 11% der Fläche Nordamerikas und bilden damit eine gute Grundlage für die weltweit schnell wachsende Industrie des Ökotourismus.

Bezüglich der Energie sagt der Bericht, dass der Anteil erneuerbarer Energiequellen am weltweiten Energieangebot von 3,2% (1971) auf heute 4,5% angestiegen ist. Zudem konnte die Luftverschmutzung in den Städten der einkommensstarken Länder mit zunehmendem Lebensstandard immer mehr unter Kontrolle gebracht werden. Erhebliche Abgasminderungen wurden im Zeitraum von 1970 bis 1990 in Tokio, Mexiko City, Singapur und Seoul festgestellt. Auch der Zugang zu sauberem Trinkwasser und sanitären Einrichtungen verbesserte sich schrittweise in den 90er Jahren und das Ziel einer 50%igen Verringerung der Kindersterblichkeit verursacht durch Durchfallerkrankungen - ein Beschluss des Weltgipfels für Kinder 1990 - wurde erreicht. Die Zahl der an diesen Erkrankungen gestorbenen Kinder ist von 3,3 Millionen im Jahr 1990 auf 1,7 Millionen 1999 zurückgegangen.

“Die erfolgreiche Verringerung der Kindersterblichkeit infolge von Durchfallerkrankungen und die Erhöhung der Entwicklungshilfe in noch nie da gewesenem Ausmaß, die in Monterrey beschlossen wurde, zeigt, was Gipfeltreffen der Vereinten Nationen erreichen können,“ erklärt Desai. “Nachhaltige Entwicklung beginnt in einigen Teilen der Welt Fuß zu fassen. Aber sie muss weiter forciert werden, wenn wir eine Zukunft schaffen wollen, die frei von Armut und Instabilität ist. Das könnten wir mit der bisherigen Verschwendung der natürlichen Ressourcen sicher nicht erreichen. Die Regierungschefs müssen in Johannesburg bereit sein, einen neuen Ansatz für globale Entwicklung anzunehmen und - noch wichtiger - die Erreichung dieses Ziels mit konkreten Verpflichtungen unterstützen.“
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Weitere Informationen erhalten Sie bis zum 16. August bei Klomjit Chandrapanya, Tel. (+1-212) 963-9495; Pragati Pascale, Tel. (+1-212) 963-6870; Gavin Hart oder Meredith Mishel, Tel. (+1-212) 584-5031; nach dem 16. August unter Tel.: (+1-212) 584-5031; Email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ; oder auf der Homepage des Johannesburg-Gipfels: http://www.johannesburgsummit.org/.

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