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Generalsekretär Kofi A. Annan: Die Zeit für Versprechen ist vorbei

UNIC/494

Rede vor dem Welternährungsgipfel in Rom

ROM, 10. Juni 2002 - Zur Eröffnung des Welternährungsgipfels in Rom hat UNO-Generalsekretär Kofi Annan heute folgende Erklärung abgegeben:

Auf dem Welternährungsgipfel 1996, hier in Rom, hat sich die internationale Gemeinschaft das Ziel gesetzt, die Zahl der hungernden Kinder, Frauen und Männer bis zum Jahr 2015 um die Hälfte zu verringern. Fast ein Drittel dieser Frist ist bereits verstrichen, aber die Fort-schritte sind bisher viel zu langsam gewesen.

Wenn wir unser Ziel erreichen wollen, dürfen wir keine Zeit mehr verlieren. Dieses Ziel zählt auch zu den Millenniums-Entwicklungszielen, über die sich die Staats- und Regierungschefs im September 2000 geeinigt hatten.

Jeden Tag leiden mehr als 800 Millionen Menschen weltweit - darunter 300 Millionen Kinder, unter dem peinigenden Schmerz von Hunger sowie an Krankheiten und Behinderungen, die durch Unterernährung verursacht werden. Schätzungen zufolge sterben täglich 24.000 Menschen aufgrund von Unterernährung.

Wir sollten heute keine weiteren Versprechungen abgeben. Dieser Gipfel muss den 800 Millionen Menschen durch den Beschluss konkreter Maßnahmen neue Hoffnung geben.

Es gibt genügend Nahrungsmittel auf der Welt. Allein die Weltgetreideproduktion ist mehr als ausreichend, um die Mindesterfordernisse an Nährstoffen für alle Kinder, Frauen und Männer zu decken. Aber während einige Länder mehr produzieren, als sie zur Ernährung ihrer Bevölkerung benötigen, produzieren andere nicht ausreichend.

Viele können es sich nicht leisten, genügend Lebensmittel zu importieren, um die Lücke zu füllen. Noch beschämender ist es, dass dieses Phänomen auch innerhalb der Länder besteht. Es gibt Staaten, die genug Nahrung für ihre Bevölkerung haben und es dennoch zulassen, dass viele Menschen hungern.

Hunger und Armut stehen in einem engen Zusammenhang. Hunger verlängert die Armut, denn er hindert die Menschen daran, ihre Fähigkeiten zu entwickeln und zum Fortschritt ihrer Gesellschaft beizutragen. Hunger macht die Menschen anfälliger für Krankheiten. Er schwächt sie und macht sie lethargisch, er vermindert ihre Arbeitsfähigkeit und ihre Möglichkeit, für ihre Angehörigen zu sorgen. Dieser Teufelskreislauf wiederholt sich von Generation zu Generation - und wird sich weiter fortsetzen, bis wir endlich wirksame Gegenmaßnahmen ergreifen.

Wir müssen diesen Kreislauf durchbrechen und Hunger und Armut auf lange Sicht verringern. Rund 70 Prozent der Hungernden und Armen der Entwicklungsländer leben in ländlichen Gebieten. Viele betreiben Subsistenzwirtschaft oder haben selbst keinen Grund und Boden und müssen daher ihre Arbeitskraft verkaufen. Sie sind zur Bestreitung ihres Lebensunterhalts daher direkt oder indirekt von der Landwirtschaft abhängig.

Wir müssen die landwirtschaftliche Produktivität und den Lebensstandard in den ländlichen Gebieten verbessern, indem wir den Kleinbauern und ländlichen Gemeinschaften bei der Erhöhung ihres Einkommens helfen und indem wir vor Ort für mehr und bessere Nahrung sorgen. Dafür müssen wir ihnen mehr Zugang zu Land, Krediten, entsprechender Technologie und Wissen geben, das ihnen hilft, widerstandsfähigere Sorten anzubauen und ihre Pflanzen und Tiere zu schützen.

Der Erfolg wird aber auch von Entwicklungen jenseits der Hoftore abhängen - etwa von einer besseren ländlichen Gesundheitsfürsorge und -aufklärung oder einer besseren ländlichen Infrastruktur. Dazu gehören Straßen, Bewässerungsanlagen und sichere Lagerhaltung. Solche Verbesserungen könnten auch den privaten Sektor anregen, mehr in Bereiche wie Nahrungsmittelveredelung oder Marketing zu investieren.

Den Frauen, die eine entscheidende Rolle bei der Landwirtschaft in den Entwicklungsländern einnehmen, muss eine zentrale Rolle eingeräumt werden. Denn sie sind in allen Stadien der Nahrungsmittelproduktion beteiligt, arbeiten viel mehr als Männer und sorgen für angemessene Nahrungsmittelvorräte für ihre Familien.

Nirgendwo sind Strategien für eine nachhaltige Entwicklung im landwirtschaftlichen Bereich so wichtig wie in Afrika, wo ca. 200 Millionen Menschen - 28 Prozent der Bevölkerung - permanent unter Hunger leiden. Zum ersten Mal in einem Jahrzehnt könnten einige Staaten im südlichen Afrika in den kommenden Monaten vor der Gefahr einer ausgewachsenen Hungerkatastrophe stehen.

Wir müssen daher unser ganzes innovatives Denken mobilisieren, um Afrika bei der Bekämpfung des Hungers zu helfen. Die von Afrika selbst eingeleitete und geführte “Neue Partnerschaft für die Entwicklung Afrikas“ muss als wichtiges Instrument in diesem Kampf von uns unterstützt werden.

Wir müssen auch das Versprechen der Welthandelsorganisation auf ihrer letzten Tagung im vergangenen November in Doha einlösen und sicherstellen, dass die neuen Handelsverhandlungen zur Beseitigung der Handelsschranken für Lebensmittelimporte aus den Entwicklungsländern führen. So machen es zum Beispiel die auf weiterverarbeitete Lebensmittel, wie Schokolade, erhobenen Zölle der verarbeitenden Industrie in den Entwicklungsländern unmöglich, mit ihren Produkten in einen marktgerechten Wettbewerb eintreten zu können.

Auch die Auswirkungen von Agrarsubventionen für Produzenten in den reichen Ländern müssen sorgfältig geprüft werden. Durch eine Senkung der Lebensmittelpreise in den ärmsten Ländern können diese Subventionen zwar kurzfristig zur Linderung des Hungers beitragen, aber eine Überschwemmung der Märkte zu Dumpingpreisen kann auch verheerende langfristige Folgen haben, von mangelnden Anreizen für die lokale Produktion bis zur Arbeitslosigkeit. Gleichzeitig machen sie es den Entwicklungsländern unmöglich, auf dem Weltmarkt in Wettbewerb zu treten.

Aber selbst wenn die Märkte in den Industriestaaten offen stünden, würden die Entwicklungsländer weiterhin Hilfe benötigen, um daraus entsprechende Vorteile ziehen zu können. Dies gilt besonders für den Agrarsektor. Einige internationale Normen und Standards können ohne technische Unterstützung und weitere Investitionen von außen nicht angewendet werden.

Der Kampf gegen Hunger hängt auch von einer nachhaltigen Bewirtschaftung der natürlichen Ressourcen und der Ökosysteme ab. Davon könnte vor allem die Nahrungsmittelproduktion profitieren. Bei einer erwarteten Weltbevölkerung von über sieben Milliarden Menschen im Jahr 2015, muss mit weiteren Belastungen der Umwelt gerechnet werden. Die Herausforderung der kommenden Jahre besteht darin, genügend Nahrungsmittel zu produzieren, um die Bedürfnisse von einer weiteren Milliarde Menschen zu befriedigen. Gleichzeitig müssen die natürlichen Ressourcen geschützt werden, von denen das Wohl der jetzigen und der künftigen Generationen abhängt.

Aber die hungernden Armen benötigen schon jetzt direkte Hilfe. Ernährungshilfe kann hier eine entscheidende Rolle spielen - sowohl in Notsituationen als auch in länger anhaltenden Hungerperioden. Direkte gewährte Zusatznahrung für schwangere und stillende Frauen hilft ihren Kindern gesunde Erwachsene zu werden. Programme zur Schulspeisung kommen nicht nur den hungernden Kindern zugute, sondern sorgen auch für einen höheren Schulbesuch. Studien belegen, dass ausgebildete Menschen am besten dem Kreislauf von Armut und Hunger entkommen können.

Wenn wir die gegenwärtige Entwicklung umkehren und die Zahl der Hungernden bis zum Jahr 2015 halbieren wollen, müssen wir die vielfältigen Dimensionen des Hungerns mit einer umfassenden und schlüssigen Vorgehensweise bekämpfen. Wir müssen gleichzeitig für einen breiteren Zugang zu Nahrung sowie für landwirtschaftliche und ländliche Entwicklung sorgen. Wir brauchen ein Programm gegen den Hunger, das als gemeinsamer Rahmen für die Mobilisierung globaler und nationaler Ressourcen im Kampf gegen den Hunger dienen kann.

Wir wissen, dass die Bekämpfung des Hungers wirtschaftlich und sozial sinnvoll ist. Sie ist ein wichtiger Schritt, um alle Ziele der Milleniumserklärung zu erreichen. Es kommt daher sehr gelegen, dass dieser Gipfel in der Mitte eines Konferenzzyklus stattfindet, der die Lebensbedingungen aller Menschen verbessern will - von der Welthandelskonferenz in Doha, über die Konferenz zur Entwicklungsfinanzierung in Monterrey, bis zum Weltgipfel über nachhaltige Entwicklung in Johannesburg.

Hunger ist eine der schlimmsten Verletzungen der Menschenwürde. In einer Welt des Überflusses liegt es in unserer Hand, den Hunger zu beenden. Dieses Ziel nicht zu erreichen, müsste jeden von uns mit Scham erfüllen. Die Zeit für Versprechen ist vorbei. Es ist Zeit zu handeln. Es ist Zeit zu tun, was wir seit langem versprochen haben - den Hunger auf der Welt zu beseitigen.

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