Samstag, 18 November 2017
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Der “Altersboom“: Herausforderungen einer demographischen Revolution

UNIC/469

Die Zweite Weltkonferenz zu Fragen des Alterns ist eine einzigartige Gelegenheit, an einer Gesellschaft für alle Altersgruppen zu bauen, Madrid, 8. - 12. April 2002 *


“Wir befinden uns mitten in einer stillen Revolution,
die weit über Bevölkerungsstatistiken hinausgeht
und weitreichende ökonomische, soziale, kulturelle,
psychologische und geistige Auswirkungen mit sich bringt.“

UNO-Generalsekretär Kofi A. Annan


Das Immer-Älter-Werden der Weltbevölkerung rückt als eine der prägenden Charakteristika und Herausforderungen des 21.Jahrhunderts vermehrt ins Zentrum internationaler Aufmerksamkeit. Vor zwanzig Jahren war das Altern der Bevölkerung in entwickelten Ländern Gegenstand zahlreicher Grundsatzdiskussionen bei der Ersten Weltkonferenz zu Fragen des Alterns in Wien.

Dieses Thema ist immer noch von höchster Wichtigkeit, aber bereits 2002 lebt die Mehrheit der alten Menschen in Entwicklungsländern - und die institutionellen Rahmenbedingungen und Kapazitäten vieler Regierungen, ihre immer älter werdende Bevölkerung nicht nur schlechthin zu versorgen, sondern auch Gesundheit und Wohlbefinden bis ins hohe Alter sicherzustellen, werden auf eine harte Probe gestellt.

Das 20. Jahrhundert zeugte von einer historisch einmaligen Verlängerung der menschlichen Lebensdauer. In den letzten 50 Jahren ist die Lebenserwartung weltweit um etwa 20 Jahre auf ein durchschnittliches Alter von 66 Jahren gestiegen - dank medizinischer und technischer Errungenschaften. Geschätzte eine Millionen Menschen überschreiten derzeit jeden Monat die Schwelle von 60 Jahren, 80% von ihnen in Entwicklungsländern. Die weltweite Anzahl der Menschen über 60 wird sich erwartungsgemäß zwischen 2000 und 2050 mehr als verdoppeln, von 10% auf 22%, und 2050 genauso groß sein wie die Anzahl der Kinder unter 14. Dieser einzigartige demographische Übergang von einer Gesellschaft mit hohen Geburts- und Sterberaten zu einer mit niedrigen Geburts- und Sterberaten wird zum ersten Mal in der Menschheitsgeschichte den Anteil von Jung und Alt an der Gesamtbevölkerung gleichstellen.

Alte Menschen, kein unnötiger Ballast sondern ein kostbares Gut für die Gesellschaft

Die volle Wucht des aktuellen “Altersbooms“ bekommen demnächst die Entwicklungsländer zu spüren: während manchen westeuropäischen Ländern mehr als 100 Jahre zur Verfügung standen, bis sich ihre Bevölkerungen im 20. Jahrhundert verdoppelten, bleiben im 21.Jahrhundert manchen Entwicklungsländern hierfür bestenfalls 25 Jahre Ein derartiger demographischer Aufschwung bringt entscheidende Veränderungen für das Leben jedes Einzelnen mit sich, die weit über das simple Addieren von Lebensjahren hinausgehen. Während sie von der Gesellschaft und ihren einzelnen Mitgliedern gefeiert wird, hat die steigende Langlebigkeit weitreichende Auswirkungen auf Belange von Lebensqualität und Gesundheit, Arbeitsmarkt und soziale Integration, auf die Situation alter Frauen wie auch auf die Gewährleistung von sozialer Sicherheit für die gesamte Lebensdauer. Die Geschwindigkeit, mit der diese demographischen Veränderungen vor sich gehen, in Kombination mit alarmierenden Armutsraten und schwindenden Ressourcen in Entwicklungsländern, unterstreicht die dringende Notwendigkeit, dass die Politik innovative Problemlösungsvorschläge in Betracht zieht, um die Teilnahme älterer Menschen an der Gesellschaft und ihre soziale Integration zu verbessern.

Eine neuartige Politik, die dem nie dagewesenen Anstieg der Anzahl alter Menschen Rechnung trägt, wird helfen, Spannungen in der sozial-ökonomischen Struktur der Familie zu mildern. Alle Anstrengungen nach bestmöglichen Ergebnissen müssen von der Erkenntnis getragen werden, dass dieselben demographischen Veränderungen, die weitreichende Anforderungen an die Infrastruktur jeder Gesellschaft stellen, gleichzeitig unvoreingenommene Diskussionen wie auch politische Maßnahmen zur Nutzung der zahllosen Beiträge älterer Menschen zur Gesellschaft verdienen.

Die Weltkonferenz in Madrid stellt sich dem weltweiten Ruf nach einem überarbeiteten Internationalen Aktionsplan, der nicht nur der heutige Realität Rechnung trägt, sondern auch jene künftigen Herausforderungen ins Visier nimmt, die entwickelten Ländern, Entwicklungsländern und Ländern mit Wirtschaften im Umbruch gleichermaßen ins Haus stehen. Es gilt dabei nicht nur, einen wachsenden Bedarf nach Integration des globalen Älter-Werdens in den Kontext von Entwicklung allgemein festzustellen, sondern auch zu einer breit angelegten Diskussion über die Situation älterer Menschen, die den gesamten Lebensverlauf in Betracht zieht, um globale Vereinbarungen bezüglich Armutsbekämpfung, medizinischer Versorgung, Gesundheitskampagnen und soziale Entwicklung zu gelangen. Politische Rahmenbedingungen, die auf einem holistischen und gerechten Zugang basieren, müssen daher auch die seit der Wiener Weltkonferenz zur Frage des Altern im Jahr 1982 gewonnenen Erkenntnisse und Erfahrungen einschliessen.

Der zu überarbeitende Internationale Aktionsplan

Die 189 Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen schlagen folgende Themen vor, die im revidierten Aktionsplan behandelt werden sollen:

  • Teilnahme älterer Menschen an der Gesellschaft, ihre politische Vertretung und soziale Einbeziehung 
  • Schutz alter Menschen vor Missbrauch und Gewalt 
  • Engagement für die Gleichberechtigung von Mann und Frau 
  • Anerkennung der unschätzbaren Bedeutung der Abhängigkeit der Generationen voneinander, ihrer wechselseitigen Unterstützung und ihrer Solidarität für die soziale Entwicklung 
  • Migration jüngerer Generationen und ihre Auswirkungen auf ältere Menschen 
  • Größere Sensibilität gegenüber älteren Menschen in ländlichen Gebieten und gegenüber solchen, die einer ethnischen Minderheit angehören 
  • Propagieren von gezielter Lebensplanung im Hinblick auf bessere Gesundheit und mehr Wohlbefinden in späteren Jahren

Internationale NGOs und die Vereinten Nationen sehen folgende Prioritäten für künftige Maßnahmen in Entwicklungsländern: Gesundheitsvorsorge und soziale Fürsorge, Schutz der Menschenrechte, soziale Sicherheit, Belange älterer Frauen, Migration sowie die Folgen unsagbarer chronischer Missstände und der HIV/AIDS-Epidemie.

Diese Themen verdienen größte Sorgfalt, dürfen aber auch nicht über die bestürzende Realität hinweg täuschen, dass in weiten Teilen der Entwicklungsländer unzählige Menschen, gezeichnet von harter körperlicher Arbeit, großer Armut und schwerer Krankheit, frühzeitig altern. Lang anhaltendes wirtschaftliches und psychosoziales Elend, in Verbindung mit der HIV/AIDS-Epidemie, haben in manchen Ländern, insbesondere in Zentralafrika, die Lebenserwartung entgegen dem internationalen Trend verkürzt.

Der überarbeitete Internationale Aktionsplan muss Politikern und anderen im Bereich “Altern“ engagierten Personengruppen als praktische Diskussions- und Arbeitsgrundlage dienen und sie in ihren Bestrebungen, altersrelevante Themen in ihren Ländern adäquat zu behandeln, unterstützen. Die Herausforderung des 21. Jahrhunderts ist es, eine Gesellschaft aufzubauen, die die alternde Bevölkerung als integralen Bestandteil sieht und alte Menschen als essentielle Partner mit einbezieht, um eine Gesellschaft für alle Altersgruppen zu schaffen.

* Diese Pressemitteilung wurde vom Informationsdienst der Vereinten Nationen (UNIS) Wien verfasst.

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