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Die Weltwirtschaft im Sog des amerikanische Abschwungs: Mutige wirtschaftspolitische Antworten sind gefordert

UNIC/344

GENF/BONN, 24. April 2001 (UNCTAD) -- Anders als noch vor sechs Monaten erwartet, sehen sich alle großen Wirtschaftsblöcke der Welt in diesem Jahr einer deutlichen Abschw”chung gegenüber, nachdem die amerikanische Wirtschaft in eine Krise geraten ist. Da auch die Entwicklungs- und Schwellenl”nder noch immer anfällig für Schocks sind, haben die Rezessionsrisiken für die Weltwirtschaft enorm zugenommen. Um eine weitere Verschlechterung der globalen Situation zu vermeiden, ist wirtschaftspolitisch mehr Mut und eine engere Zusammenarbeit der führenden Wirtschaftsmächte erforderlich. Dies sind die zentralen Botschaften des neuen Handels- und Entwicklungsberichts der UNCTAD *, der heute vorgestellt wird.

„Neue Ökonomie“ birgt neue Risiken

Der einzige Faktor, der den globalen Aufschwung im vergangenen Jahr zu gefährden schien, war der Anstieg der Ölpreise, der im September 2000 mit 35 $ je Barrel seinen Höhepunkt erreichte. Angesichts der rasch expandierenden Weltwirtschaft und der Dynamik der „neuen Ökonomie“ schienen Befürchtungen über ein Ende des Booms altmodisch und unangebracht - in der Tat stieg das Wachstum der Weltwirtschaft auf 4%. Seit dem Winter hat sich die Lage jedoch dramatisch geändert. Das Ende des Aufschwungs der neuen Ökonomie in den USA, den die UNCTAD bereits im Herbst 2000 als übersteigert bezeichnet hatte, läutete schließlich die konjunkturelle Wende ein. Angesichts des vorangegangenen außergewöhnlichen Investitionsbooms in den Vereinigten Staaten wird eine schnelle Erholung mehr und mehr angezweifelt. Eine zentrale Frage ist, ob eine energische Reaktion der amerikanischen Notenbank ausreicht die Umkehr einzuleiten. Die Volkswirte der UNCTAD fürchten, dass ohne eine kraftvolle wirtschaftspolitische Reaktion aller großen Wirtschaftsregionen die Risiken für eine globale Rezession beträchtlich sind.

Der Handels- und Entwicklungsbericht weist darauf hin, dass „ein rascher Abbau der Verschuldung der privaten Haushalte und Unternehmen in den USA, also eine rasche Angleichung ihrer Ausgaben an die Einnahmen, zu einem deutlichen Rückgang des BIP führen müsste“. Angesichts der ungewöhnlich hohen privaten Verschuldung und dem großen Ausmaß an „Überinvestition“ im IT-Sektor, der von der übersteigerten Aktienhausse genährt worden war, sollte die Dimension der wirtschaftspolitischen Herausforderung nicht unterschätzt werden. Hinzu kommen die Unwägbarkeiten, die mit der Bewertung des Dollar und dem großen außenwirtschaftlichen Ungleichgewicht der USA verbunden sind.

Übernimmt Europa die Rolle der Lokomotive?

Die UNCTAD-Ökonomen betonen, dass - wie immer die weitere Entwicklung in den USA sein wird ( das Wohl und Wehe der Weltwirtschaft nicht ausschließlich von der Politik in einem einzigen Wirtschaftsraum abhängen darf. Die weitverbreitete Hoffnung ist, dass Europa, wo im vergangenen Jahr die 3-Prozent-Marke beim Wachstum zum ersten Mal seit mehr als zehn Jahren durchbrochen wurde, den Stab von den USA übernimmt und zur Lokomotive der globalen Entwicklung wird.

Doch das Wachstum hat Europa hat zur gleichen Zeit seinen Höhepunkt erreicht wie in den USA, und in den meisten großen europäischen Volkswirtschaften war es stark von der Exportnachfrage abhängig, die vom schwachen Euro zusätzliche Impulse erhielt.

Deshalb hat die Abschwächung der Weltkonjunktur auch in Europa bereits deutliche Bremsspuren hinterlassen. Die Exporte in die USA machen zwar nur einen relativ geringen Anteil am Bruttoinlandsprodukt aus, doch sollte dies nicht dazu verführen, die Gefahren, die von einer erheblichen Konjunkturverlangsamung in den USA für Europa ausgehen, zu unterschätzen. Weit mehr europäische Unternehmen als früher haben eigene Tochterfirmen in den USA und werden den Gewinnrückgang dort zu spüren bekommen.

Der Bericht schließt daraus, „dass Europa ohne eine Kehrtwende in der Wirtschaftspolitik das angestrebte Wachstum von 3% nicht erreichen wird, und dass sogar eine weit geringere Wachstumsrate nicht auszuschließen ist.“ Zwar wären nach Auffassung der UNCTAD 4% Wachstum in Europa durchaus möglich - dies würde nicht nur der Weltwirtschaft rechtzeitig den nötigen Schub verleihen, sondern auch zum weiteren Abbau der Arbeitslosigkeit beitragen, doch die jüngsten Verlautbarungen seitens der Europäischen Zentralbank stimmen nicht optimistisch. Die Bank sieht noch immer Inflationsprobleme und deutet damit an, dass sie nicht bereit ist, die Grenzen des europäischen Produktionspotentials zu testen, wie es die amerikanische Zentralbank in der zweiten Hälfte der 90er Jahre mit Erfolg getan hat.

Erholung in Japan?

Der Anfang vergangenen Jahres noch verbreiteten Hoffnung, die japanische Wirtschaft werde sich dank steigender Exporte bald erholen, ist allgemeiner Ernüchterung gewichen. Schon in der zweiten Hälfte 2000 stagnierte die Wirtschaft nur noch und die Arbeitslosigkeit stieg wieder auf nahezu 5%. Im Winterhalbjahr hat sich die Lage weiter verschlechtert. Die Stimmungsbarometer in der Industrie sind erneut gefallen, die allgemeine Deflation setzt sich fort, und der Spielraum für herkömmliche konjunkturpolitische Maßnahmen ist stark eingeschränkt.

Der starke Rückgang des Yen-Kurses könnte einige Impulse für die Exportwirtschaft mit sich bringen; die schwache US-Nachfrage wird den Effekt aber soweit abschwächen, dass der Export nicht zum Konjunkturmotor werden dürfte. Starke Impulse für die heimische Nachfrage sind auf jeden Fall notwendig, so der Bericht der UNCTAD, um die Wirtschaft wieder auf einen Wachstumspfad zu bringen. Da die Unternehmen und die Haushalte tief verunsichert sind, ist dies ohne neue wirtschaftspolitische Anregungen kaum vorstellbar. Allerdings hat der öffentliche
Sektor in Japan bei einer Gesamtverschuldung von über 100% des Bruttoinlandsprodukts eine denkbar ungünstige Ausgangsposition. Die erneute Zinssenkung der Notenbank reicht aber allein auch nicht aus, eine Wende herbeizuführen.

Übertragung der Wachstumsschwäche in die Entwicklungsländer

Die aufstrebenden Entwicklungsländer verzeichneten im vergangenen Jahr mit einem Wachstum von 5,5% eine bemerkenswerte Erholung. Nur in Afrika gelang es nicht, das Pro-Kopf-Einkommen merklich zu erhöhen. Am schnellsten wuchsen die Volkswirtschaften, die, wie die Republik Korea, Malaysia und Brasilien, zuvor am härtesten von der Finanzkrise getroffen worden waren (s. Tabelle). Besonders beeindruckend sind diese Wachstumsraten, wenn man in Rechnung stellt, dass einige Länder (wie Brasilien oder Singapur) von den Ölpreissteigerungen besonders stark getroffen wurden.

Krise und Aufschwung
in den Entwicklungsländern
(Wachstum des BIP in %)

Krisenjahr

2000

Brasilien

-0.1a

4.0

Chile

-1.1b

5.7

Mexico

-6.6c

7.0

Hongkong (China)

-5.1a

10.4

Republik Korea

-6.7a

9.3

Singapur

0.4a

10.4

Indonesien

-13.0a

5.2

Malaysia

-7.4a

8.7

Rußland

-4.9a

7.6

a 1998, b 1999, c 1995

   

Trotz der Erleichterungen beim Ölpreis ist nicht zu erwarten, dass die Entwicklungs- und Schwellenländer in diesem Jahr ähnlich erfolgreich sind. Die Aussichten für die einzelnen Länder hängen in hohem Maße von ihrer Einbindung in die Weltwirtschaft ab. Allen gemeinsam ist allerdings, dass sie den Gefahren eines globalen Abschwungs besonders stark ausgesetzt sind. Ganz unmittelbar vom Abschwung der US-Wirtschaft berührt ist Mittelamerika. Mexiko etwa hat vom Boom der Vereinigten Staaten im vergangenen Jahr mit einem Wachstum von 7% weit überdurchschnittlich profitiert - vier Fünftel der mexikanischen Exporte gehen in die USA - und wird jetzt auch in besonderem Maße zu leiden haben. Auch die Erholung in einigen asiatischen Volkswirtschaften war wesentlich vom Export nach Nordamerika getragen, dessen Anteil am Bruttoinlandsprodukt zwischen 6% (in der Republik Korea) und 20% (in Malaysia) beträgt. Die Kombination von sinkender Nachfrage in den USA und allgemein fallenden Preisen für Halbleiterprodukte hat schon jetzt zu terms-of-trade Verlusten und sinkenden Exporterlösen geführt. Die UNCTAD befürchtet, dass der innerasiatische Handel die negativen Effekte dieser Schocks verstärkt. Hinzu kommt die Unsicherheit hinsichtlich der Entwicklung in Japan.

Auch die Transformationsländer in Osteuropa, die, getragen von der Erholung in Westeuropa und hohen Rohstoffpreisen, 2000 ein Rekordwachstum von 5,6% aufwiesen, werden sich der globalen Eintrübung nicht vollständig entziehen können. Nur wenige Länder dürften soviel eigenständige Dynamik aufweisen, dass sie dem nachlassenden Tempo auf ihren wichtigsten Absatzmärkten standhalten können.

Einige Länder werden allerdings von sinkenden Zinsen und einem vermutlich schwächeren US-Dollar auch Vorteile haben. Das gilt insbesondere für asiatische und südamerikanische Länder, deren Währungen eng an den Dollar angebunden sind. Ein schwächerer Dollar bedeutet dort unmittelbar eine verbesserte Wettbewerbsfähigkeit gegenüber anderen Ländern, und sinkende Zinsen vermindern die Kosten für den Schuldendienst. Insbesondere Argentinien und (in etwas weniger starkem Masse) Brasilien könnten davon profitieren. Dennoch: Keine dieser Volkswirtschaften schöpft auch nur annähernd ihr Potenzial aus, so dass die gesamte Region wohl kaum über die Wachstumsrate des vergangenen Jahres (3,7%) hinauskommen wird. Grundsätzlich ist sogar ein deutlich schlechteres Ergebnis nicht auszuschließen, wenn die nach wie vor starke Abhängigkeit von Kapitalzuflüssen bei steigender allgemeiner Unsicherheit zu einer Neubewertung der Länderrisiken, höheren Risikozuschlägen bei den Zinsen und einer Flucht in den US-Dollar führt.

Die jüngste Krise in der Türkei zeigt sehr deutlich, wie labil die finanzielle Situation in den aufstrebenden Volkswirtschaften weiterhin ist. Der UNCTAD-Bericht erklärt diese Krise nicht nur mit der Anfälligkeit fester, aber anpassungsfähiger Wechselkurse, auf die von verschiedener Seite immer wieder hingewiesen wird, sondern auch als Folge unzulänglicher Stabilitätsprogramme.

Handel und Kapitalströme: Trübe Aussichten für viele Entwicklungsländer

Der internationale Handel expandierte im abgelaufenen Jahr mit zweistelligen Zuwachsraten. Obwohl der US-Boom hierzu maßgeblich beitrug, spielte dabei natürlich auch der Anstieg der Preise für Öl und anderer Rohstoffe eine Rolle, der einigen Entwicklungsländern zu zusätzlichen Realeinkommensgewinnen verhalf. Andererseits stagnierten die Preise einer Reihe von landwirtschaftlichen Produkten oder fielen sogar. Davon waren viele der ärmsten Länder der Welt betroffen. Selbst wenn die Ölpreise in diesem Jahr stabiler sind oder sogar unter 20US$ fallen sollten, sind die Aussichten für viele der rohstoffexportierende Länder, vor allem die ärmsten Länder in Afrika, wenig hoffnungsvoll.

Die Kapitalzuflüsse in die Entwicklungs- und Schwellenländer überstiegen 2000 nur wenig die Werte von 1999. Bankkredite legten allerdings zu, nachdem diese im Gefolge der Asienkrise zuvor kräftig gefallen waren. Nur Lateinamerika begab weit mehr internationale Anleihen als zuvor. Wenn die weltweite Unsicherheit bei abnehmenden Wachstumsraten anhält oder gar zunimmt, ist insgesamt mit einem Anstieg der Kapitalzuflüsse auch in diesem Jahr nicht zu rechnen.

Priorität für Wachstum gefordert

Um die Weltwirtschaft auf einem Wachstumspfad zu halten und die Abschwächung in einigen Regionen schnell zu überwinden, müssen die großen Volkswirtschaften alle verfügbaren wirtschaftspolitischen Instrumente rasch und konzertiert einsetzen. Bisher hat nur die amerikanische Wirtschaftspolitik ihre Bereitschaft hierzu erkennen lassen. Europa bleibt äußerst zurückhaltend und Japan hat nur einen sehr begrenzten Spielraum für expansive Maßnahmen. Die zentrale Botschaft für die Wirtschaftspolitik in den industrialisierten Ländern wie in den Entwicklungs- und Schwellenländern muss „Wachstumsanregung“ heißen. Dazu ist einerseits eine bessere Koordination der G-3 notwendig, andererseits muss aber auch dafür Sorge getragen werden, dass die schwächeren Länder eine Chance haben, die versprochenen Früchte der Globalisierung zu ernten.

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Für weitere Informationen, wenden sie sich bitte an: Dr. Heiner Flassbeck, Abteilung für Makroökonomie und Entwicklungspolitik, UNCTAD, Tel.: (+41-22) 907-3137, Fax: (+41-22) 907-0274 oder E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.
 
* Trade and Development Report, 2001, (Verkaufsnummer E.01.II.D.10, ISBN 92-1-112520-0) ist zum Preis von US$ 35.- (in Entwicklungs- und Transformationsländern zum Sonderpreis von US$ 19.-) bei der Verkaufsabteilung der Vereinten Nationen in Genf, Palais des Nations, CH-1211 Genf 10, Fax: (+41-22) 917-0027, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Internet: http://www.un.org/publications; oder der Verkaufsabteilung der Vereinten Nationen in New York, Two UN Plaza, Room DC2-853, New York, N.Y. 10017, USA; Tel.: (+1-212) 963-8302 oder (+1-800) 253-9646, Fax: (+1-212) 963-3489), E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. erhältlich. 

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