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UNO Suchtstoffkontrollrat warnt: Konsum von Psychopharmaka zur Lösung sozialer Probleme weit verbreitet

UNIC/319

WIEN, 14. Februar 2001 (UNO-Informationsdienst) - Der steigende Konsum von Psychopharmaka bildet den Schwerpunkt im Jahresbericht 2000 des in Wien ansässigen Internationalen Suchtstoffkontrollrats (INCB). Die UN-Organisation warnt, dass sich der weit verbreitete übermäßige Gebrauch von Medikamenten vor allem in den Industriestaaten zu einer von der Gesellschaft akzeptierten Gewohnheit entwickelt. Kontrollierte Betäubungsmittel werden immer häufiger zur Behandlung psychischer und sozialer Probleme verschrieben und eingesetzt.

Der am 21. Februar zur Veröffentlichung anstehende Bericht verweist auf zu lockere Bestimmungen, unverlässliche Schätzungen und Informationen über den medizinischen Bedarf, aggressive Marketingmethoden und eine unangemessene, ja unethische ärztliche Verschreibungspraxis als Hauptgründe für das Überangebot solcher kontrollierter Substanzen wie Benzodiazepinen und verschiedenen amphetaminähnlichen Stimulanzien. Problemlose Erreichbarkeit führt zum übermäßigen Konsum solcher Substanzen, entweder in der Form von Drogenmissbrauch oder durch Förderung einer Kultur des Drogenkonsums zur Bewältigung verschiedenster Probleme nichtmedizinischen Ursprungs.

Die Unterversorgung von Pharmaka zur Schmerztherapie und zur Linderung anderer Formen menschlicher Leiden - vor allem in den Entwicklungsländern - war Gegenstand des letztjährigen Berichts des INCB. Mit dem diesjährigen Schwerpunkt, dem übermäßigen Gebrauch kontrollierter Medikamente, besonders in den entwickelten Ländern, ergänzt der INCB das Bild der weltweiten Situation, die einerseits durch die Unterversorgung mit medizinisch benötigten Betäubungsmitteln in einem Teil der Welt und andererseits durch den übermäßigen Gebrauch kontrollierter Substanzen im anderen Teil charakterisiert ist.

Schlaflosigkeit, Angstzustände, Fettleibigkeit und Hyperaktivität bei Kindern sowie verschiedene Schmerzzustände werden als die am weitesten verbreiteten Probleme aufgeführt, zu deren Behandlung psychotrope Substanzen verschrieben werden.

Große Sorge bereitet dem Rat der Umstand, dass rasche Lösungen bevorzugt werden, ohne auf die langfristigen Auswirkungen zu schauen. So kann anhaltender und exzessiver Medikamentenkonsum zu Abhängigkeit und anderen physischen und psychischen Leiden führen.

Der Rat, ein unabhängiges Kontrollorgan für die Einhaltung der Drogenkonventionen der Vereinten Nationen, fordert von Regierungen, medizinischem Fachpersonal, Pharmaindustrie und Konsumenten ein verantwortungsbewusstes und ethisches Verhalten sowie eine sinnvollere Verschreibungskultur.

Handel via Internet

Auch dem Internet, als weiterer Quelle des leichten Zugangs zu kontrollierten Substanzen, wird im diesjährigen Bericht besondere Aufmerksamkeit zu Teil. Während der Rat die Vorteile des Internets anerkennt, weil etwa das Online-Shopping auch entlegenen Gebieten die Versorgung mit lebensnotwendigen Medikamenten ermöglicht, verweist er auch auf den wachsenden Online-Handel mit Drogen.

In früheren Jahren lenkte der Rat die Aufmerksamkeit auf die Rolle des Internets beim unkomplizierten Zugang zu Informationen zur illegalen Produktion und zum Konsum von Drogen. Der diesjährige Bericht drückt ernste Besorgnis darüber aus, dass Online-Drogerien und -Apotheken verschreibungspflichtige Medikamente, einschließlich international kontrollierter Substanzen, weltweit illegal an Kunden vertreiben, ohne sich an die vorgeschriebenen Verschreibungspraktiken zu halten.

Der INCB fordert alle Regierungen dazu auf, spezifische rechtliche Maßnahmen zu ergreifen, um als ersten Schritt auf nationaler Ebene den Missbrauch des Internets zu verhindern. Er weist aber auch darauf hin, dass aufgrund der weltweiten Verbreitung des Internets nationale Maßnahmen alleine nur eine beschränkte Wirkung haben, wenn sie nicht von konzertiertem internationalen Maßnahmen begleitet werden.

Kontrolle der wichtigsten Chemikalien

Die Kontrolle wichtiger chemischer Substanzen für die illegale Erzeugung von Suchtstoffen, insbesondere von Heroin und Kokain, ist nach wie vor ein Bereich der internationalen Zusammenarbeit, der positive Ergebnisse hervorbringt. Die Erfolgsgeschichte des letztjährigen Berichts war die „Operation Purpur“ - ein umfassendes internationales Überwachungsprogramm zur Kontrolle von Kaliumpermanganat, einer wichtigen Chemikalie für die illegale Kokainproduktion - das in seine zweite Phase getreten ist.

In diesem Jahr hebt der INCB den Start eines neuen internationalen Programms nach dem Vorbild der „Operation Purpur“ hervor. „Operation Topaz“ soll verhindern, dass Essigsäureanhydrid - die wichtigste Chemikalie zur heimlichen Heroinproduktion - in den illegalen Handel umgeleitet wird. Norephedrin, eine Chemikalie, die häufig zur illegalen Produktion von Amphetamin verwendet wird, befindet sich ebenso im Visier des Rats, da diese Substanz im vergangenen Jahr internationaler Kontrolle unterstellt wurde.

Stille Diplomatie

Der Rat führt 18 Länder auf, in denen er Missionen durchgeführt hat, um sich aus erster Hand und direkt vor Ort Informationen über die nationale Lage der Drogenkontrolle zu beschaffen. Die folgenden Länder wurden besucht: Albanien, Australien, Bosnien und Herzegowina, Griechenland, El Salvador, Honduras, Irland, Libanon, Paraguay, die Philippinen, Portugal, die Republik Korea, die Russische Föderation, die Schweiz, Senegal, Spanien, Uruguay und die Vereinigte Republik Tansania. Auf dem Wege der „stillen Diplomatie“ identifiziert der Rat im Dialog mit den betroffenen Regierungen sowohl Schwachstellen als auch die wirksamsten Methoden der nationalen und internationalen Suchtstoffkontrolle und beschließt eine Reihe von Kommentaren und Empfehlungen.

Regionale Trends

  • Der Missbrauch von Betäubungsmitteln und insbesondere von psychotropen Substanzen scheint in den meisten Ländern Afrikas zuzunehmen. Registriert wird insbesondere eine Zunahme der Zahl von Frauen und Kindern, die Drogen missbrauchen. Bürgerkrieg, Armut, HIV/AIDS, Kriminalität und Korruption stehen in Afrika in engem Zusammenhang mit den Problemen der Drogenkontrolle. Unzureichende Lizenzsysteme und schwache Inspektionsmechanismen fördern den steigenden Missbrauch psychotroper Substanzen. 
  • Cannabis ist in Kanada, Mexico und den Vereinigten Staaten nach wie vor die am häufigsten mißbrauchte Droge. In Kanada verhängen die Gerichte zu milde Strafen gegen Cannabisanbauer und -händler, was die Bemühungen der Exekutive unterläuft. In den Vereinigten Staaten registriert der Rat eine erhebliche Zunahme der Verschreibungen von psychoaktiven Suchtstoffen für Kinder unter sechs Jahren. 
  • In der gesamten Region Südamerikas scheinen die nationalen Rechtsvorschriften umfassend und die politischen Konzepte durchdacht zu sein, doch wird ihre Umsetzung durch organisatorische, politische und finanzielle Hindernisse erschwert. 
  • Die Rate der Opium- und Heroinabhängigen im Iran und in Pakistan zählt zu den höchsten der Welt. 
  • In einigen Ländern Ost- und Südostasiens kam es zu einer erheblichen Steigerung sowohl der Beschlagnahmung als auch der Zahl der Konsumenten von MDMA (Ecstasy). 
  • Europa ist auch weiterhin ein Hauptlieferant für illegal erzeugte Amphetamine und amphetaminartige Stimulanzien, insbesondere MDMA (Ecstasy), nicht nur für die Region, sondern für die ganze Welt. 
  • Ein großes Problem in Westeuropa ist nach wie vor der Eigenanbau von Cannabis. In dieser Region ist auch ein Anstieg des Kokainmissbrauchs zu verzeichnen. In Osteuropa gibt der Heroinmissbrauch Anlass zu wachsender Sorge. 
  • In Australien steht der Heroinmissbrauch unverändert im Vordergrund: Die Zahl der Todesopfer und der Verhaftungen im Zusammenhang mit Heroin steigt. In Neuseeland steigt die Nachfrage nach MDMA (Ecstasy). Auch LSD ist weiterhin ein erhebliches Problem.

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Weitere Informationen sind erhältlich im Sekretariat des INCB (Tel.: +43-1-26060-4163, Internet: http://www.incb.org/; oder beim Informationsdienst der Vereinten Nationen in Wien (+32-1-26060-3329, Internet: http://www.unis.unvienna.org/. Der INCB-Jahresbericht und eine Presssemappe sind ab 21. Februar 2001- Sperrfrist: 0.01 Uhr GMT - erhältlich.

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