Montag, 20 November 2017
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UNCTAD Wirtschaftsexperten trauen Aufschwung nicht

UNIC/287

Wirtschaftswachstum in diesem Jahr vielleicht über drei Prozent, aber für wie lange?

BONN/GENF, 19. September (UNCTAD) – Die Weltwirtschaft steht gegenwärtig im Zeichen zweier starker ökonomischer Kraftfelder, einerseits des Versprechens einer technologiegestützten “neuen Wirtschaft“, andererseits der zunehmenden Instabilität, die mit der von den Märkten vorangetriebenen Globalisierung einhergeht. Trotz positiver Tendenzen in der Weltwirtschaft in diesem Jahr, bestehen nach wie vor große Ungleichgewichte bei Wachstum, Leistungsbilanzen und Kapitalflüssen. Solange ausschliesslich geldpolitische Massnahmen ergriffen werden, besteht keine Garantie für eine behutsame Korrektur dieser Ungleichgewichte. Diese Überlegungen bilden den Hintergrund des heute von der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) veröffentlichten Handels- und Entwicklungsbericht 2000 (1).

Die großen Volkswirtschaften nach wie vor nicht im Gleichschritt

Im vergangenen Jahr konnte sich die Weltwirtschaft dem drohenden Abwärtstrend entziehen, vor allem aufgrund unerwarteter Entwicklungen wie etwa der anhaltenden Stärke der Konjunktur in den USA. Die kurzfristigen Aussichten für dieses Jahr haben sich verbessert und die Wachstumsrate wird vermutlich bei über drei Prozent liegen. Dem Bericht zufolge hängt jedoch viel davon ab, ob die amerikanische Wirtschaft einen plötzlichen Einbruch vermeiden kann und ob die derzeit unbeständigen Entwicklungen in Europa und Japan in einen dauerhafteren Trend überführt werden können.

Die USA, mit ihren massiven Importen in den letzten Jahren die Lokomotive der Weltwirtschaft, setzten ihre längste Wachstumsphase der Neuzeit fort. Dieses Wachstum wird von massiven kurzfristigen und langfristigen Kapitalzuflüssen sowie von den neuen Technologien gestützt. Anfang dieses Jahres sank die Arbeitslosigkeit unter vier Prozent, bei weiterhin geringer Inflation. Doch ein Wirtschaftswachstum von über vier Prozent und ein Importanstieg um 12 Prozent können kaum noch länger aufrechterhalten werden. Das Zusammenwirken von abnehmender privater Ersparnis, steigender privater Verschuldung, zunehmender Leistungsbilanzdefizite und spekulationsgetriebener Kurssteigerungen bei Technologiewerten hat der Wirtschaft der Vereinigten Staaten gewissermassen einen keynesianischen Anschub gegeben, aber diese Konstellation könnte “zu weitaus abrupteren Veränderungen führen als notwendig oder erwünscht“, so der Bericht. Die Erfahrungen der 70er und 80er Jahre haben gezeigt, dass das Vertrauen ausländischer Investoren in Dollaranlagen schlagartig schwinden kann.

Dem Bericht zufolge ist der Konjunkturmotor in Europa im vergangenen Jahr ins Stottern gekommen, da Wachstumsunterschiede zwischen den Ländern der Eurozone eine gemeinsame geldpolitische Ausrichtung erschwerten, und die Europäische Zentralbank Schwierigkeiten hatte, angesichts der eng verzahnten globalen Finanzmärkte eine unabhängige Geldpolitik zu formulieren. Die japanische Wirtschaft ist 1999 wieder etwas besser in Gang gekommen, nicht zuletzt dank der Erholung in Ostasien. Die Aussichten für dieses Jahr sind nochmals verbessert, doch bleiben die privaten Haushalte bei ihren Ausgaben zurückhaltend, sodass der Exportnachfrage und den Ausgaben der öffentlichen Haushalte besondere Bedeutung zukommt. Sowohl in Europa als auch in Japan bleibt das Wachstum anfällig für Zinserhöhungen in den USA und für eine starke Verlangsamung der US-Konjunktur. Die jüngsten Erfahrungen in den USA deuten jedoch darauf hin, dass es durchaus wirtschaftspolitischen Spielraum für die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit in Europa und für eine Bewältigung des Haushaltsdefizits in Japan gibt.

Öl, Inflation und Wachstum

Der Bericht wertet es als ermutigendes Zeichen, dass die Weltwirtschaft den starken Anstieg der Ölpreise seit Mitte des Jahres 1999 bisher weitgehend problemlos verkraftet hat. Aufgrund von Simulationen kann angenommen werden, dass sich die Ölpreissteigerungen nur recht begrenzt auf das globale Wachstum auswirken, wobei die ölimportierenden Entwicklungsländer allerdings stärker betroffen sein werden als andere Volkswirtschaften.

Die Erhöhung der Ölpreise hat dazu beigetragen, dass der Welthandel 1999 wertmässig wieder anstieg, wobei lediglich die Transformationsländer keine höheren Handelszahlen verzeichneten. Die starke Zunahme der Importe Chinas, Japans und der Vereinigten Staaten sorgten für feste Märkte, und die Entwicklungsländer verzeichneten eine deutliche Kehrtwende bei den Exporten, die, nach einem Rückgang um sieben Prozent im Jahr 1998, nun um acht Prozent anstiegen. Demgegenüber haben ungünstige Entwicklungen bei einigen Rohstoffen zu einem Preisrückgang geführt, vor allem bei Baumwolle, Zucker, Kakao und Kaffee, mit nachteiligen Folgen für viele Entwicklungsländer.

Die Finanzmärkte haben wieder an Stabilität gewonnen und die privaten Nettokapitalflüsse in die Entwicklungs- und Transformationsländer sind - wenn auch nur geringfügig - weiter gestiegen. Der größte Zuwachs war bei Aktienkäufen und bei ausländischen Direktinvestitionen zu verzeichnen, angetrieben von Privatisierungen und Unternehmensaufkäufen. Dagegen sind die privaten Nettokapitalzuflüsse in Form von Krediten an die Entwicklungsländer 1999 stark   zurückgegangen. Hier gab es große regionale Schwankungen, wobei Ostasien den Löwenanteil auf sich ziehen konnte. Die Aussichten für das Jahr 2000 sind noch immer ungewiss, vor allem weil die Aktieninvestitionen in den sogenannten aufstrebenden Märkten erneut sehr unbeständig sind.

Aussichten für die Entwicklungsländer

1999 haben sich die Bedingungen in Lateinamerika verschlechtert; dort war das Pro-Kopf-Einkommen zum ersten Mal seit 1990 rückläufig. Lediglich Mexiko, das eng mit der Wirtschaft der USA verzahnt ist, und einige kleinere Volkswirtschaften in der Karibik konnten sich diesem Trend entziehen und ein gesundes Wachstum verzeichnen. Niedrige Rohstoffpreise, eine übermäßig restriktive Wirtschaftspolitik und der Zusammenbruch des regionalen Handels verursachten in einigen Ländern eine Rezession. Ein noch stärkerer Einbruch wurde dadurch vermieden, dass Brasilien die Turbulenzen an den Finanzenmärkten besser als erwartet bewältigte und, nach dem Zusammenbruch seiner Währung, immerhin eine Wachstumsrate von nahezu einem Prozent erzielte. Argentinien dagegen ist nach der erfolgreichen Verteidigung seiner Anbindung an den Dollar in eine tiefe Rezession gestürzt.

Auch in Afrika stagnierte das Wachstum im Jahr 1999. Viele Länder des Kontinents litten besonders unter den niedrigen Preisen wichtiger Rohstoffe, politischen Konflikten und ungünstigen Wetterbedingungen. Der Bericht weist jedoch auch auf einige positive Entwicklungen in Nord- und Ostafrika hin. Dort lag das Wachstum über dem regionalen Trend, und in Nigeria und Südafrika scheint das Schlimmste überstanden zu sein. Für die Volkswirtschaften südlich der Sahara besteht die grundsätzliche Herausforderung weiterhin darin, die Investitionen so weit zu erhöhen, dass trotz geringen Sparvolumens und beschränkten Devisenzuflüssen ein Wachstum von sechs Prozent erreicht wird.

Die Transformationsländer erzielten mit 2,4 Prozent das stärkste Wachstum seit einem Jahrzehnt, allerdings bei beträchtlichen Unterschieden zwischen den einzelnen Ländern. Zentraleuropa konnte in der zweiten Jahreshälfte negative Auswirkungen der Russlandkrise vermeiden. Überraschender war der Umschwung in Russland selbst, wo das Wachstum 1999 dank des hohen Anstiegs der Ölpreise die Drei-Prozent-Marke überstieg. Die baltischen Staaten dagegen wurden von der Russlandkrise stark getroffen. Und für die Volkswirtschaften Südosteuropas bleiben die Aussichten trotz des Endes der Konflikte trübe. Dem Bericht zufolge “bestehen in diesen Ländern ähnliche Herausforderungen wie in vielen Entwicklungsländern und auch hier ist die Antwort der Industrieländer bisher unzureichend“.

In Asien stieg die Wachstumsrate 1999 auf über fünf Prozent. Mit rund sieben Prozent expandierten die großen Volkswirtschaften Indien und China überdurchschnittlich, die markanteste Entwicklung war jedoch die deutliche Erholung in den ostasiatischen Ländern. In der Republik Korea verlief der Wiederaufschwung aussergewöhnlich rasch. Das Wachstum in Malaysia war in den ersten Monaten des Jahres 2000 sogar zweistellig, und dies, obwohl das Land nur wenig Unterstützung von den multilateralen Finanzinstitutionen erhielt. Für Indonesien bestehen größere Unsicherheiten und das Risiko einer Abschwächung des Wirtschaftswachstums bleibt beträchtlich. Aber insgesamt wird das Wachstum in Ostasien in diesem Jahr vermutlich ausgeglichener sein. Für die weitere Entwicklung wird das Ergebnis der Beitrittsgespräche Chinas mit der Welthandelsorganisation (WTO) von erheblicher Bedeutung sein.

Ungewisse Zukunftsperspektiven

Der Handels- und Entwicklungsbericht der UNCTAD betont, dass die grundlegenden Probleme, die in den Jahren 1998-1999 zu Besorgnis über eine bevorstehende Rezession geführt hatten, fortbestehen und dass darüberhinaus “weitere Schwachstellen aufgetaucht sind“. Die Aussichten für die Entwicklungsländer könnten sich schnell verschlechtern, wenn die wichtigsten Industrieländer bei ihren wirtschaftspolitischen Entscheidungen deren globale Auswirkungen weiterhin ignorieren.

Die Faktoren, die das anhaltend starke Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten begünstigen, haben gleichzeitig auch zur Verstärkung von Spannungen auf den internationalen Finanzmärkten und zu den Ungleichgewichten in der Weltwirtschaft beigetragen. Der Bericht stellt fest, dass der Umstand, dass diese Ungleichgewichte mit Defiziten des privaten Sektors (und nicht mehr, wie häufig in der Vergangenheit, mit Defiziten des öffentlichen Sektors) verbunden sind, die Situation umso heikler macht. Die Zinspolitik ist ein zu grobes Instrument, um die notwendigen Korrekturen bewirken zu können. Die Versuche europäischer und japanischer Unternehmen, durch internationale Unternehmenszusammenschlüsse und Firmenaufkäufe auf den Zug der neuen Technologien aufzuspringen, haben die Ungleichgewichte verstärkt. Die weitere Entwicklung der Weltwirtschaft hängt zum einen entscheidend davon ab, ob es in den Vereinigten Staaten nach der Hochkonjunktur zu einer “sanften Landung“ kommt, und zum andern ob in Europa und Japan eine Beschleunigung des Wachstums erreicht werden kann. Eine günstige Entwicklung setzt ausserdem eine Beendigung des Anstiegs des Ölpreises und der Zinssätze, sowie eine schrittweise Korrektur des Dollarkurses voraus. UNCTAD unterstreicht, dass allein Vertrauen in die Kräfte des Marktes und in die Geldpolitik nicht ausreicht, um eine solche Entwicklung sicherzustellen. Vielmehr sei verstärkte internationale wirtschaftspolitische Zusammenarbeit und mehr Mut bei der Umgestaltung der weltwirtschaftlichen Rahmenbedingungen erforderlich.

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(1) Der Trade and Development Report 2000 (Verkaufsnummer E.00.II.D.19, ISBN 92-1-112489-1) kann zum Preis von US$ 45 bzw. zum Sonderpreis von US$ 19 für Entwicklungs- und Transformationsländer von der Abteilung für Veröffentlichungen und Verkauf der Vereinten Nationen bei einer der folgenden Adressen bestellt werden: United Nations Publications, Sales Section, Palais des Nations, CH-1211 Genf 10, Schweiz, Fax: (+41 22)917 0027, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Internet: http://www.un.org/publications, oder: United Nations Publications, 2 UN Plaza, Room DC2-853, Dept. PRES, New York, NY 10017, USA, Tel. (+1 212) 963 8302 oder (+1 212) 963 3489, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.  

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