Dienstag, 21 November 2017
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Wiederaufschwung in Ostasien - aber der Weg zurück zum Wirtschaftswunder ist noch weit

UNIC/286

UNCTAD-Bericht warnt davor, das Wachstum der Region dem „Diktat der multinationalen Unternehmen und der Märkte“ zu überlassen

BONN/GENF, 19. September (UNCTAD) – Die wirtschaftliche Erholung in Ostasien ist ebenso aufschlussreich für andere Entwicklungsländer wie die vorangegangene Finanzkrise selbst. Die heute von der Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) veröffentlichte Analyse der wirtschaftlichen Erholung in Asien (Handels- und Entwicklungsbericht 2000 (1)) kommt in diesem Zusammenhang zu vier wichtigen Ergebnissen:

  • Das extreme Ausmass der Wirtschaftskrise und die Verzögerung des Wiederaufschwungs in Ostasien sind auf wirtschaftspolitische Fehler zurückzuführen, die hätten vermieden werden können;
  • Strukturelle Schwächen sind durch die starken Zinssteigerungen noch verstärkt worden, und der Aufschwung steht dementsprechend auf schwachen Füssen;

  • Die sozialen Lasten der Krise sind ungleich verteilt, und über das gesamte nächste Jahrzehnt hinweg wird ein solides Wachstum nötig sein, um ihre Auswirkungen rückgängig machen zu können; und

  • Das langfristige Wachstum der Region sollte nicht dem Diktat des internationalen Finanzsystems, der multinationalen Unternehmen und der globalen Märkte überlassen werden.

In seiner Beurteilung der Wirkungen der wirtschaftspolitischen Massnahmen, die nach Ausbruch der Krise ergriffen wurden, kommt der Bericht zu dem Schluss, dass der größte Schaden während der Asienkrise nicht durch Währungsabwertungen entstanden ist, sondern durch den massiven Anstieg der Zinssätze. Letztlich wurde die Stabilität nicht etwa deswegen zurückgewonnen, weil die orthodoxe Wirtschaftspolitik das Vertrauen der Märkte wiederhergestellt hätte, sondern vielmehr weil diese Politik eine tiefe Rezession, den Zusammenbruch der Importe und eine noch nie da gewesene Anhäufung von Reserven auslöste. Die damit verbundenen Produktions- und Einkommensverluste hätten vermieden werden können, wenn von Anfang an für die betroffenen Länder in angemessenem Umfang internationale Liquidität zur Auffüllung ihrer Reserven bereitgestellt worden wäre, in Verbindung mit zeitweiligen Devisenverkehrskontrollen, einem Schuldenmoratorium und Umschuldungen. Ein solches Vorgehen hatte die UNCTAD bereits in früheren Berichten befürwortet.

Der Handels- und Entwicklungsbericht weist darauf hin, dass die wirtschaftliche Erholung auch nicht allein durch die Rückkehr zu grösserer Währungsstabilität zustandekam. Der Aufschwung wurde vielmehr erst durch die Abkehr von der restriktiven Geld- und Finanzpolitik eingeleitet. In diesem Zusammenhang untersucht der Bericht eingehend die Einführung von Kapitalverkehrsbeschränkungen in Malaysia, eine von der wirtschaftspolitischen Orthodoxie abweichende Massnahme. Dabei kommt das UNCTAD-Sekretariat zu dem Schluss, dass diese Maßnahme nicht nur entscheidend zur wirtschaftlichen Erholung Malaysias beigetragen hat, sondern darüberhinaus positive Auswirkungen auf die gesamte Region hatte, und zwar dadurch, dass das malaysische Vorgehen ein weitreichendes wirtschaftspolitisches Umdenken auslöste.

Während die Krise zumindest teilweise durch die rasche Liberalisierung des Finanzsektors ausgelöst worden war, wurden die Lasten der finanziellen Umstrukturierung dem Staat aufgebürdet, der heute in einigen Bereichen eine grössere Rolle einnimmt als je zuvor. In der Republik Korea und in Indonesien kam es praktisch zu einer Verstaatlichung des Finanzsystems; lediglich in Thailand, wo die Umstrukturierung recht langsam vorankam, wurde ein marktorientierter Ansatz verfolgt. Dem Bericht zufolge führte dies jedoch nur zu einer Verlagerung der Probleme, da die öffentliche Schuldenlast steigt; diese liegt derzeit zwischen 30% (Republik Korea) und über 90% (Indonesien) des Bruttosozialprodukts. Ausserdem dürfte die Anfälligkeit für außenwirtschaftliche Störungen, sei es durch Handels- oder Finanzschocks, heute sogar noch größer sein als vor der Krise.

Die UNCTAD-Analyse der Erfahrungen in Ostasien bestätigt, dass sich die Finanzzyklen in den sogenannten aufstrebenden Märkten stark von den traditionellen Konjunkturzyklen unterscheiden. Leistungsbilanzdefizite und Haushaltsüberschüsse, die in den ostasiatischen Wirtschaften vor der Krise üblich waren, haben sich ins Gegenteil verkehrt, und der Überschuss der Investitionen über die gesamtwirtschaftliche Ersparnis ist stark zurückgegangen. Diese makroökonomischen Veränderungen sind mit deutlichen Verschiebungen in der Einkommensverteilung verbunden. Obwohl die Produktion inzwischen wieder ein Niveau erreicht hat wie vor der Krise, deutet vieles darauf hin, dass die Einkommen weniger gleichmäßig verteilt sind. Wie bereits bei früheren Finanzzyklen in Entwicklungsländern hatte der Faktor Arbeit durch Reallohnkürzungen und steigende Arbeitslosigkeit die Hauptlast der Krise zu tragen. Ausserdem ist die Armut wesentlich weiter verbreitet als vor der Krise. UNCTAD sieht eine wichtige Aufgabe der Wirtschaftspolitik in den betroffenen Ländern für die Zukunft darin, sicherzustellen, dass der Wachstumsprozess allen Teilen der Bevölkerung zugute kommt.

Integration in die Weltwirtschaft muss strategisch und dosiert erfolgen

Um der Gefahr zu begegnen, dass das Wachstum zu stark von aussenwirtschaftlichen Zwängen eingeschränkt wird, muss die Wirtschaftspolitik die richtige “Dosierung“ für die Integration in die Weltwirtschaft finden. Die Finanzkrise hat die Gefahren einer Strategie, in der ausländisches Kapital und ausländische Märkte eine zu grosse Rolle spielen, deutlich gemacht. Es wird allerdings nicht einfach sein, die richtige Dosierung zu finden, da die Weltwirtschaft heute stärker denn je vom Wettbewerb bestimmt ist. Immer mehr Entwicklungsländer stoßen auf die Märkte der Industrieländer vor, und dies zu einem Zeitpunkt, in dem letztere sich immer weniger tolerant gegenüber neuen Wettbewerbern verhalten.

Nach wie vor gibt es große Produktivitätsunterschiede zwischen den asiatischen Schwellenländern und den etablierten Industrieländern. Um diese Kluft zu schließen, müssen Investitionen weiterhin oberste Priorität haben. Andererseits haben die ostasiatischen Volkswirtschaften angesichts ihrer wohl auch weiterhin hohen Sparquoten keinen Grund, sich für die Finanzierung dieser Investitionen in starke Abhängigkeit von Auslandskapital zu begeben.

Die Handels- und Finanzströme innerhalb der Region Ostasien haben sowohl bei der Krise als auch bei der wirtschaftlichen Erholung eine wichtige Rolle gespielt. Daher sollte auf regionaler Ebene über neue Initiativen nachgedacht werden, und zwar nicht nur hinsichtlich eines verbesserten Zugangs zu finanzwirtschaftlich relevanten Informationen und der Regulierung von Finanzinstituten, sondern auch im Hinblick auf Finanzmarktaufsicht, die Überwachung privater Kreditaufnahme im Ausland und eine strenge Kontrolle spekulativer Kapitalflüsse.

Im Gegensatz zur vorherrschenden Meinung vertritt das UNCTAD-Sekretariat die Auffassung, dass es für die Entwicklungs- und Schwellenländer nicht um eine möglichst weitgehende Integration in die Weltwirtschaft gehen muss, sondern um eine strategische Integration, bei der dem Staat eine besondere Rolle zufällt. Dies gilt auch für die ostasiatischen Länder auf dem Weg zur ihrer vollständigen Erholung von der Finanzkrise. Die Abhängigkeit von ausländischen Ressourcen und Märkten zu verringern, heißt auch, den Einfluss der einheimischen Wachstumsfaktoren zu verstärken.

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(1) Der Trade and Development Report 2000 (Verkaufsnummer E.00.II.D.19, ISBN 92-1-112489-1) kann zum Preis von US$ 45 bzw. zum Sonderpreis von US$ 19 für Entwicklungs- und Transformationsländer von der Abteilung für Veröffentlichungen und Verkauf der Vereinten Nationen bei einer der folgenden Adressen bestellt werden: United Nations Publications, Sales Section, Palais des Nations, CH-1211 Genf 10, Schweiz, Fax: (+41 22)917 0027, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Internet: http://www.un.org/publications, oder: United Nations Publications, 2 UN Plaza, Room DC2-853, Dept. PRES, New York, NY 10017, USA, Tel. (+1 212) 963 8302 oder (+1 212) 963 3489, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.  

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