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Generalsekretär Kofi Annan: Die Zukunft der Menschheit liegt in den Städten

UNIC/273

Wir müssen mehr tun, um unsere Städte sicher und lebenswert für alle zu machen

BERLIN, 4. Juli 2000 (UNIC) – UNO-Generalsekretär Kofi Annan hat heute in Berlin anlässlich der Eröffnung der Weltkonferenz zur Zukunft der Städte, URBAN 21, folgende Erklärung abgegeben:

Lassen Sie mich sagen, wie sehr ich mich darüber freue, hier bei Ihnen in Berlin zu sein. Es könnte keinen besseren Ort für uns geben, um über den Zustand der Städte dieser Welt nachzudenken.

Die Geschichte hat Berlin zu einer weisen Stadt gemacht, sowohl was die Lebensqualität als auch was die Qualität des Regierens betrifft; das heutige Berlin präsentiert der Welt ein wunderbar vielfältiges und dynamisches Gesicht. Wir alle sollten Herrn Bundeskanzler Schröder, den Bundesbehörden und den örtlichen Stellen dankbar sein, dass sie uns hier willkommen heißen und das internationale Scheinwerferlicht auf die Zukunft unserer Städte richten.

Ich möchte auch den Partnern Deutschlands in der Globalen Initiative für nachhaltige Entwicklung - Brasilien, Singapur und Südafrika - und allen anderen danken, deren Energie und Einsatzbereitschaft diese Konferenz ermöglicht haben.

Erst gestern war ich in Hannover, einer weiteren deutschen Stadt, in der die Zukunft zu besichtigen ist. Die Expo 2000 erfüllte mich mit Zuversicht und zugleich mit Sorge. Mit Zuversicht, da die dort ausgestellte Wissenschaft und Technologie erhebliche Verbesserungen für das menschliche Dasein verspricht. Aber auch mit Sorge, da ein Teil der Ausstellung - zum Beispiel der Pavillon, der der Armut und den Grundbedürfnissen gewidmet ist – uns klar vor Augen führt, dass mehr als neue Technologie und wissenschaftlicher Fortschritt erforderlich ist. Wir brauchen außerdem radikale Veränderungen im menschlichen Verhalten und in den menschlichen Beziehungen – in der Art und Weise, wie wir übereinander und über unser gemeinsames Leben in einer Welt wechselseitiger Abhängigkeit denken.

Dieses Leben spielt sich in zunehmendem Maße in den Städten ab. Heute schon machen Stadtbewohner fast die Hälfte der Weltbevölkerung aus. In nur 25 Jahren werden zwei Drittel aller Menschen in Städten leben, und diese rasche Zunahme wird sich überwiegend in den Entwicklungsländern abspielen. Wir sind in das Jahrtausend der Städte eingetreten.

Im besten Fall sind Städte Motoren des Wachstums und Brutapparate der Kultur. Sie sind Kreuzungspunkte von Ideen, Orte geistiger Gärung und der Innovation. Sie können auch Modelle der Demokratie und des multikulturellen Zusammenlebens sein. Viele von uns haben das Glück, in Städten zu wohnen, nicht weil uns der Zufall dorthin verschlagen hat, sondern weil wir uns aus freien Stücken dazu entschieden haben.

Dieselben Städte können aber auch Orte der Ausbeutung, der Krankheit, von Gewaltverbrechen, Arbeitslosigkeit, Unterbeschäftigung und extremer Armut sein. Die meisten Armen in den Städten finden nur in heruntergekommenen und unsicheren Squattersiedlungen oder Slums Unterkunft, in denen sie ohne Trinkwasserversorgung, Abwasserbeseitigung und sonstige grundlegende kommunale Dienstleistungen auskommen müssen. In der Regel gibt es keine Schulen oder Krankenhäuser in erreichbarer Nähe, keine Gemeinschaftszentren und keine Plätze, an denen Kinder ungefährdet spielen können.

Wir sehen Drogenmissbrauch, Umweltverschmutzung und Angst. Wir sehen Spannungen zwischen Zuwanderern und alteingesessenen Bewohnern und scharfe Trennlinien nach Klasse, Rasse oder Volkszugehörigkeit - manchmal sogar alle drei gleichzeitig. Wir sehen, wie Menschen marginalisiert und weitgehend ihrer Rechte beraubt werden. Und wie immer sind die Verletzlichsten Frauen und Kinder.

Ganz besonders tragisch ist, dass zwar das Durchschnittsalter der Stadtbevölkerung insgesamt steigt, das der Slumbewohner jedoch abnimmt. Dies bedeutet, dass es die Jugendlichen und die Kinder sind, die am meisten leiden.

Wenn dies die Realität der Städte von heute ist, kann es uns da überraschen, dass ein ständig wiederkehrendes Motiv der zeitgenössischen Literatur und Filmkunst das Leben in Städten ist, die völlig aus den Fugen geraten sind? Manche sehen darin nur das Produkt einer reißerischen Fantasie, aber ich betrachte die Geschichten, die solche Bücher und Filme erzählen, als Warnsignale.

Die Botschaft, die uns die Realität vermittelt, ist jedenfalls klar und deutlich: Wir müssen mehr tun, um unsere Städte sicher und lebenswert für alle zu machen.

Eines der vorrangigen Anliegen der Vereinten Nationen muss stets die Sorge für die schwächsten und ärmsten Mitglieder der menschlichen Familie sein. Dies ist die Begründung für die Initiative “Städte ohne Elendsviertel“, die im vergangenen Dezember von der Weltbank und den Vereinten Nationen gestartet wurde. Unter der Schirmherrschaft von Altpräsident Mandela strebt sie das Ziel an, bis zum Jahr 2020 durch ein globales Bündnis von Städten und ihren Entwicklungspartnern die Lebensbedingungen von 100 Millionen Bewohnern von Elendsvierteln zu verbessern.

Mietskasernen, in denen Menschen zusammengepfercht wohnen, und wuchernde Hüttensiedlungen mögen rein materiell gesehen erbärmliche Daseinsorte sein. Aber diese “Städte in den Städten“ sind auch Quellen unternehmerischer Energie und der Selbsthilfe. Wenn es uns gelingt, diese Dynamik zu mobilisieren, dann wird sie nicht nur das Leben in den Elendsvierteln, sondern auch das Leben der Gesellschaft insgesamt verbessern. Nirgends ist die Rolle der nichtstaatlichen Organisationen wichtiger als in den Großstädten.

Die nichtstaatlichen Organisationen allein können jedoch auch nur begrenzte Dinge erreichen. Die Probleme der Städte können letztlich nur von starken und effektiven Kommunalverwaltungen gelöst werden. Sie sind die Schnittstelle, an der der Staat mit den Bedürfnissen und Bestrebungen der Stadtbewohner unmittelbar konfrontiert wird, und ihre Leistungen sind es, an denen der Wert des Staates für die Bürger am häufigsten gemessen wird. Sie sind es auch, von denen die Bürger erwarten, dass sie ihre Sicherheit gewährleisten, ihnen soziale Dienste zur Verfügung stellen und sie gegenüber der Regierung - und der Welt im Allgemeinen - vertreten.

Wenn sie diesen Erwartungen gerecht werden wollen, brauchen die Kommunalverwaltungen echte Befugnisse. Die Städte dürfen nicht länger als verlängerter administrativer Arm der Zentralregierung verwaltet werden, und sie müssen ausreichende Zuständigkeiten und Finanzmittel erhalten.

Immer mehr Länder beginnen zu begreifen, dass Dezentralisierung nicht die Stärkung einer staatlichen Ebene auf Kosten einer anderen bedeutet. Ein Staat, der die Kommunalverwaltungen als Partner behandelt und es zulässt, dass Aufgaben der öffentlichen Hand von den Stellen wahrgenommen werden, die den Bürgern am nächsten sind, wird dadurch stärker, nicht schwächer. Man kann mit ziemlicher Sicherheit davon ausgehen, dass schwache Städte die nationale Entwicklung insgesamt hemmen, wohingegen eine starke kommunale Demokratie in der neuen globalen Wirtschaft der entscheidende Faktor für das Blühen und Gedeihen eines Landes sein kann.

Die Vereinten Nationen begrüßen daher die Bemühungen um Dezentralisierung, und sie würden es auch begrüßen, wenn die Kommunalverwaltungen auf internationaler Ebene eine gewichtigere Rolle spielten. Aus diesem Grunde hat auch der Exekutivdirektor des VN-Zentrums für Wohn- und Siedlungswesen (Habitat) versucht, seine eigenen Kontakte zur kommunalen Basis durch die Einsetzung eines Beratenden Ausschusses für Kommunalverwaltungen zu verbessern. Dadurch kann die im internationalen System auch schon bisher maßgebliche Rolle der Parlamentarier - die in den meisten Ländern natürlich auch Vertreter der Kommunen sind - eine wichtige Ergänzung erfahren.

Globale und kommunale Fragen sind heute immer enger miteinander verflochten. Häufig geht es dabei um ein und dasselbe Problem. Städte sind heute gezwungen, Probleme zu lösen oder Chancen zu nutzen, die früher ausschließlich der Regierung eines Staates vorbehalten waren. Viele Städte sind heute von ihrer Bevölkerungszahl und der Wirtschaftsleistung her größer als manche Staaten. Direkt gewählte Bürgermeister von Hauptstädten zählen häufig zu den einflussreichsten Politikern ihres Landes. Märkte, Nachrichtenverbindungen und die Bewegungen von Gütern, Kapital und Menschen sind in zunehmendem Maße globaler Natur. Politik wird jedoch weiterhin auf lokaler Ebene betrieben. Die Kommunalverwaltungen helfen, die zwischen beiden Bereichen bestehende Kluft zu überbrücken.

Wir müssen die Vision der vor vier Jahren auf dem Städtegipfel in Istanbul verabschiedeten Habitat-Agenda mit Leben erfüllen. Dieser Städtegipfel war, was vielleicht gar nicht so überraschend ist, die erste große VN-Konferenz in den neunziger Jahren, bei der Kommunalverwaltungen, nichtstaatliche Organisationen und andere Gruppen als vollwertige Teilnehmer und nicht nur als Beobachter zugelassen waren. Die Habitat-Agenda darf jedoch nicht losgelöst von den Arbeiten der früheren Konferenzen gesehen werden. Eine der großen Leistungen dieser ganzen Reihe von Konferenzen war nämlich, dass sie die Zusammenhänge zwischen den verschiedenen Fragen erhellt haben.

Für unsere Konferenz hier ist vor allem die zentrale Botschaft des Kopenhagener Weltsozialgipfels von 1995, zu dem in der vergangenen Woche eine Überprüfungskonferenz in Genf stattfand, von unmittelbarer Relevanz. Diese Botschaft besagte, dass soziales und wirtschaftliches Wohl nicht voneinander getrennt werden können. Worum es - in reichen wie in armen Ländern, in großen wie in kleinen Städten und Dörfern - gleichermaßen geht, sind nicht nur quantitative Richtwerte, sondern die Lebensqualität. Eine Gesellschaft ist dann gesund, wenn sie sich um alle ihre Mitglieder kümmert, in sie alle investiert und ihnen bei Entscheidungen, die ihr Leben beeinflussen, ein Mitspracherecht einräumt.

Meine Freunde, wenn wir die gesammelte Weisheit dieses ganzen Konferenzzyklus beherzigen, dann meine ich wissen wir, was wir zu tun haben. Die Mittel sind vorhanden - oder besser gesagt, sie wären vorhanden, wenn sie nicht durch Rüstungsausgaben oder verschwenderische Subventionen gebunden oder durch Korruption und Misswirtschaft vergeudet würden. Was fehlt, ist wie üblich der politische Wille.

In zwei Monaten werden die Staats- und Regierungschefs der Welt auf dem Millenniums-Gipfel in New York Gelegenheit haben, sich der Weltöffentlichkeit zu stellen und durch aufgeklärte Führung die Menschen zu inspirieren. Der Menschheit würde ein schlechter Dienst erwiesen, würde sich dieser Gipfel auf bloße Reden beschränken, vor allem, wenn darin nur seit langem bekannte Positionen und Klagen wiederholt würden. Wir müssen zusammenkommen. Wir müssen uns auf eine gemeinsame Agenda einigen – ein praktisches, durchführbares Programm, das die Globalisierung zu einer positiven Kraft im Dienste aller Menschen der Welt macht, das die Menschen von Angst und Not befreien kann und das uns in den Stand versetzen wird, unseren Kindern und Kindeskindern eine tragfähige Zukunft zu hinterlassen.

Ich habe versucht, durch meinen Millenniums-Bericht, der eine gemeinsame Vision für die Menschheit im 21. Jahrhundert umreißt, hier einen Beitrag zu leisten. Die Städte nehmen in dieser Vision einen gewichtigen Platz ein, doch wichtiger als alles andere sind die Menschen -- die Männer, Frauen und Kinder, denen die Vereinten Nationen und alle, die wir hier versammelt sind, zu dienen suchen.

Die Zukunft der Menschheit liegt in den Städten: in einer guten städtischen Verwaltung und in einer zukunftsfähigen Stadtentwicklung. Wir müssen dafür sorgen, dass die revolutionäre Entwicklung der Städte den Menschen zum Guten gereicht und nicht zu ihrem Nachteil. Ich weiß, dass dies Ihr Ziel ist. Ich wünsche Ihnen für Ihre Beratungen den besten Erfolg und freue mich auf unsere künftige Zusammenarbeit.

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