Montag, 20 November 2017
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Finanzdienstleistungen und Klimawandel: Gefahren, Chancen und praktische Antworten

UNIC/214

Versicherer und Banken fordern eine frühe Einführung der Kyoto-Mechanismen

NAIROBI/BONN, 9. November (UNEP) -- Neue Finanzinstrumente wie Katastrophen-Bonds und wetterbezogene Derivate sind inzwischen Teil der ständig wachsenden Zahl von Produkten des Finanzdienstleitungssektors in Reaktion auf die Gefahren des globalen Klimawandels. Mechanismen wie der zur “Sauberen Entwicklung“ oder der Projekte zur “Gemeinsamen Umsetzung“ des Kyoto-Abkommens stellen aus Sicht der Banken und Versicherungsunternehmen die vielversprechendsten Möglichkeiten dar, um unternehmerisches Handeln und Klimaschutz zu verbinden. Nach Angaben von Banken und Versicherungen würde sich daraus ein spürbarer Nutzen für die Umwelt ergeben.

Am 27. Oktober stellte eine Gruppe von Finanzdienstleistern während einer Veranstaltung des Umweltprogramms der Vereinten Nationen (UNEP) in Bonn ihre Antworten auf die Klimaherausforderung vor. Die Veranstaltung fand im Rahmen der in Bonn tagenden Welt-Klimakonferenz statt. Dabei wurde der Ruf nach klaren politischen Rahmenvorgaben ebenso laut wie der Wunsch, die Kyoto-Instrumente nun möglichst zügig in die Praxis umzusetzen. Insbesondere fand der Mechanismus der “Gemeinsamen Umsetzung“ Aufmerksamkeit. Dieser Mechanismus erlaubt Industrienationen und solchen des ehemaligen Ostblocks gemeinsame Projekte durchzuführen, die zu einer Verringerung der CO2 (Kohlendioxid) Emissionen in Osteuropa führen.

“Die frühe Einführung der Projekte zur “Gemeinsamen Umsetzung“ des Kyoto-Protokoll trägt auch dazu bei, die Gefahr des Handels mit “hot air“ – also mit Zertifikaten über nur scheinbare Verschmutzungen – zu reduzieren. Dieses Problem besteht aufgrund der wirtschaftlichen Gegebenheiten in einigen osteuropäischen Staaten und könnte die Kyoto-Vereinbarungen in Misskredit bringen“, sagte Dr. Ivo Knöpfel, Leiter der Umweltmanagement Abteilung der Swiss Re. Das Kyoto-Protokoll, das 1997 verabschiedet wurde, gibt spezifische Reduktionsziele für Treibhausgase vor, die von den Industriestaaten zu erreichen sind. Die Bundesrepublik hatte sich das ehrgeizige Ziel gesetzt, bis zum Jahre 2005 die CO2 Emissionen um 25% hinter die des Basisjahres 1990 zurückzuführen.

“Die Kyoto-Mechanismen bieten die Chance, Umweltressourcen zu schonen, während sie gleichzeitig neue Geschäftsmöglichkeiten eröffnen, wie zum Bespiel beim Carbon-Value-Fund,“ meinte Heinrich Hugenschmidt, Direktor der Umweltrisiken- und Umweltmanagementabteilung der UBS AG, einer Schweizer Großbank, die in der UNEP-Finanzinitiative mitwirkt. Besonders Versicherungsunternehmen sind an dem Funktionieren der Marktmechanismen interessiert, wurden sie doch durch die jüngsten wetterbedingten Katastrophen besonders hart getroffen.

Aber nicht nur Großunternehmen, sondern auch kleine und mittelständische Versicherer haben Möglichkeiten, das globale Klimaproblem in ihrer Produktgestaltung zu berücksichtigen. “Das Umweltbewusstsein von Privatkunden hilft, das Versicherungsrisiko zu mindern und wirkt sich positiv auf die Prämiengestaltung aus. Letzten Endes ist dieses auch für unsere Umwelt von Nutzen,“ sagte Oliver Zwirner, Umweltkoordinator der RheinLand Versicherungen, eines regionalen Anbieters, der seit Jahren Umweltbelange in die Produktgestaltung einbringt. So gibt es z.B. mittlerweile Prämienrabatte in der Kfz-Versicherung für Kunden, die Jahreskarten des öffentlichen Personenverkehrs besitzen. Inhaber solcher Karten lassen in der Regel eher ihren Wagen stehen, was positive Effekte auf Mensch und Natur hat und auch das Versicherungsrisiko senkt. Besonders in Ballungsräumen ist dies ein praktischer Beitrag zum Klimaschutz. 

Versicherungsstatistiken belegen:

  • 24 der vergangenen 28 Naturkatastrophen mit wirtschaftlichen Großschäden waren klima- oder wetterbedingt.
  • Der wirtschaftliche Schaden dieser Katastrophen allein übertraf die Summe von 150 Milliarden US Dollar, wovon 65 Milliarden versicherte Schäden waren.
  • Verglichen mit 1960, haben bis 1990 die wetterbedingten Großereignisse um das vierfache zugenommen; die wirtschaftlichen Schäden um das siebenfache und die versicherten Schäden um das zwölffache (offizielle Statistiken der Münchener Rück und der Swiss Re, die weltweit führenden Rückversicherungsunternehmen).
  Schäden nach Hurrikan Andrew 1992 - © Munich Re REF/Geo

Schäden nach Hurrikan Andrew 1992 - © Munich Re REF/Geo

 Nach Angaben von Thomas Loster, Manager bei der Münchener Rückversicherungs-Gesellschaft, ist dieser enorme Zuwachs der Versicherungsverluste vorwiegend auf das Bevölkerungswachstum, die zunehmende Verstädterung, steigenden Wohlstand und die Ansiedlung von Menschen und Industrien in gefährdeten Regionen (z.B. Küstenstreifen) zurückzuführen. “Darüber hinaus zeigt sich, dass bestimmte Naturgefahren in Ausmaß und Häufigkeit deutlich zunehmen – eine Folge der globalen Umweltveränderungen“, so Loster.

Loster, Mitglied der geowissenschaftlichen Forschungsabteilung der Münchener Rück, wies darauf hin, dass bereits jetzt ein Anstieg der Meeresspiegel nachweisbar sei, dass sich Tempera- turmittelwerte verschoben haben und dass auch die Regenfallraten sich regional veränderten. “Für Deutschland können wir beobachten, dass die Sommer trockener und die Winter feuchter geworden sind, mit entsprechenden Folgen wie Dürre und Überschwemmungen“, sagte Loster.

Die Versicherungswirtschaft ist überzeugt, dass die zu erwartenden Klimaveränderungen in Durchschnittstemperatur und Regenfallwahrscheinlichkeit auch die Häufigkeit und Stärke von anderen Großwetterereignissen, wie Stürmen, Tornados, Hagel, Hitzewellen, Dürren und Überschwemmungen fördern. Nach Versicherungsangaben gibt es bereits wissenschaftliche Erkenntnisse, dass die Überschwemmungen der vergangenen Jahre mit der globalen Erwärmung in Zusammenhang stehen.

Diese Entwicklung hätte dramatische Folgen, nicht nur für die Sachversicherungen, sondern auch für die Kranken- und Lebensversicherungsbranche. Mehr noch, können diese Ereignisse manche Versicherungsunternehmen in arge finanzielle Bedrängnis bringen, da gegenwärtige Sicherheitsvorkehrungen (z.B. Bauvorschriften) den veränderten Bedingungen nicht gewachsen wären und mit weiteren enormen Verlusten gerechnet werden muss. Außerdem drohen ganze Klima- und Wetterzonen mit ihren spezifischen Risiken sich zu verschieben. Das könnte beispielsweise dazu führen, dass New York City eventuell bald als hurrikan-gefährdete Region gelten muss, mit unabsehbaren Folgen für die Wirtschaft und die Finanzmärkte.

“Die Versicherungsindustrie ist bereit, schnell zu reagieren, wenn die Regierungen hier aus Bonn die richtigen Signale senden und die politischen Rahmenvorgaben klar definieren,“ sagte Jan Olaf Willums, Vizepräsident der norwegischen Versicherung Storebrand. Besonderes Augenmerk gilt den sogenannten Entwicklungsländern, deren Situation dramatisch ist. Die Haushalte der Regierungen sind extrem anfällig bei Naturkatastrophen und Extremwetterlagen wie Dürre, Zyklone und Überschwemmungen. Lediglich 5 % der wetterbedingten Schäden sind durch Versicherungen abgedeckt – während es in Nordamerika und Europa immerhin 25% sind.

“Während der Klimadebatte über mögliche Anpassungsmaßnahmen muss auch darüber diskutiert werden, dass private Versicherungen und die öffentlichen Verantwortungsträger enger zusammenarbeiten sollten, um die begrenzten Mittel effizient einzusetzen. Die Schaffung lebensfähiger Versicherungsmärkte ist dazu eine wichtige Voraussetzung, um effiziente Katastrophenhilfe und Nachsorge zu leisten“, so Dr. Andrew Dlugolecki, Direktor bei der britischen CGU-Versicherung. Die Entwicklung von lokalen Versicherungsmärkten in Entwicklungsländern hilft auch, das Investitionsrisiko für Investoren zu senken und mehr Menschen vor Ort mit Versicherungsschutz zu versorgen. Die Mitglieder der UNEP-Versicherungsinitiative sind bereit, Regierungen bei dieser Mammutaufgabe zu helfen und beratend zur Seite zu stehen. Klimaschutz – so die Vertreter der Initiative – ist keine Aufgabe, die man verschieben kann.

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Für weitere Informationen, wenden Sie sich bitte an: UNEP Finanzdienstleistungsinitiativen, Aiko Bode, Koordinator UNEP-Versicherungsinitiative, +41.22.917-8197, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Mike Kelly, Koordinator UNEP-Finanzinitiative, +41.22.917-8288, Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

 

Überschwemmungskatastrophe in China – © Munich Re REF/Geo

Überschwemmungskatastrophe in China – © Munich Re REF/Geo

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