Dienstag, 21 November 2017
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Globalisierung erfordert verstärkte entwicklungspolitische Anstrengungen der Industrieländer

UNIC/200

Ungleichgewichte im Handelssystem beschränken Wachstumsaussichten der Entwicklungsländer

BONN/GENF, 20. September (UNCTAD) -- Die stärkere Integration der Entwicklungsländer in das globale Handels- und Finanzsystem führt nicht zu schnellerem Wachstum, sondern zu größeren Außenhandelsdefiziten und wirtschaftlicher Instabilität. Der heute veröffentlichte diesjährige Handels- und Entwicklungsbericht  (175 Seiten) des UNCTAD-Sekretariats zeigt Fehlentwicklungen auf und fordert eine grundlegende Überprüfung der Entwicklungspolitik.

In der stärker denn je integrierten Weltwirtschaft sind die Entwicklungsländer dem Bericht zufolge “noch wesentlich mehr als in der Vergangenheit auf externe Ressourcen angewiesen, um Wachstumsraten zu erreichen, die es ermöglichen die Probleme von Armut und wirtschaftlicher Rückständigkeit zu überwinden“. Auf der Grundlage empirischer Untersuchungen kommt der Bericht zu dem Ergebnis, daß der Schlüssel zu beschleunigter Entwicklung in einem verbesserten Zugang zu den Gütermärkten der Industrieländer liegt - und nicht in spekulativen Kapitalzuflüssen.

Die Liberalisierung des Außenhandels hat in zahlreichen Entwicklungsländern dazu geführt, daß das Wirtschaftswachstum heute mit höheren Importen verbunden ist als zuvor. Doch die Bemühungen, den dadurch erhöhten Devisenbedarf durch zusätzliche Exporterlöse zu decken, scheitern oft an zu schwachem Wachstum der potentiellen Exportmärkte, einer Verschlechterung der terms of trade und Protektionismus.

Um die Wachstumsdynamik aufrechtzuerhalten müssen sich die Entwicklungsländer deshalb zunehmend um den Zustrom ausländischen Kapitals bemühen ohne dabei besonders wählerisch zu sein. Dies hat in vielen Entwicklungsländern zu einer Abhängigkeit von äußerst instabilen spekulativen Kapitalzuflüssen geführt.

Protektionismus in Industrieländern verhindert globale Integration

Die Entwicklungsländer haben große Anstrengungen unternommen und - oft mit erheblichen Kosten - versucht, sich stärker in die Weltwirtschaft zu integrieren. Die protektionistische Haltung der entwickelten Länder macht es ihnen jedoch unmöglich, ihre bestehenden oder potentiellen Wettbewerbsvorteile voll auszuschöpfen.

Das UNCTAD-Sekretariats schätzt beispielsweise, daß den Entwicklungsländern allein durch Handelsbarrieren im Bereich der technologisch wenig anspruchsvollen Gütern jährlich Exporterlöse in Höhe von $ 700 Mrd. entgehen. Diese Summe entspricht etwa dem Vierfachen der gesamten privaten Kapitalströme (einschl. ausländischer Direktinvestitionen) in diese Länder während der 90er Jahre.

“Die Regierungen im Norden sollten [...] sich stärker bemühen, die zuweilen skeptische Öffentlichkeit in ihren Ländern davon zu überzeugen, daß ein verstärkter Handel mit dem Süden direkte Vorteile in Form neuer Arbeitsplätze und steigender Einkommen mit sich bringt“, schreibt UNCTAD-Generalsekretär Rubens Ricupero im Überblick des diesjährigen Berichts. “Außerdem sollten sie erkennen, daß ein stabileres internationales Finanzsystem, ohne kurzfristige spekulative Finanzbewegungen und ohne wiederkehrende Krisen in den aufstrebenden Märkten, ebenfalls in ihrem langfristigen Interesse ist.“

Entwicklungsländer müssen ihre Interessen entschiedener verteidigen

Im Hinblick auf die Verhandlungen der nächsten Handelsrunde – mit deren Beginn für das kommende Jahr zu rechnen ist - fordert UNCTAD, die Frage einer Verbesserung des Marktzugangs für die Exporte aus Entwicklungsländern zum Kernstück eines “positiven Programms der Handelspolitik“ zu machen. In diesem Zusammenhang wird vor allem auf einen Abbau der Einfuhrzölle auf Produkte, die für die Entwicklungsländer von besonderer Bedeutung sind, abgezielt (Schuhe, Lederwaren, Textilien und Bekleidung, Spielzeug, Holz- und Papierprodukte, Gummi- und Plastikprodukte, sowie landwirtschaftliche Erzeugnisse).

Ein weiterer Punkt ist die Abschaffung der Agrarsubventionen in den OECD-Ländern. Diese Subventionen belaufen sich auf $ 350 Mrd., doppelt soviel wie der Gesamtwert der Exporte der Entwicklungsländer. Außerdem soll eine kritische Auseinandersetzung mit einigen Elementen der praktischen Handelspolitik erreicht werden. Dazu gehören vor allem Anti-dumping Maßnahmen, der mögliche Mißbrauch von Gesundheits- und Sicherheitsvorschriften als Mittel der Einfuhrkontrolle, und Anzeichen für eine Umgehung bestehender Handelsabkommen seitens der Industrieländer, etwa durch sogenannte “freiwillige Exportbeschränkungen“.

Der Bericht unterstreicht zudem, daß die Entwicklungsländer dringend wettbewerbsfähige Industrien aufbauen müssen, um das Importwachstum einzudämmen und ihre Exporte erhöhen zu können. Auch hier besteht ein Ungleichgewicht im internationalen Handelssystems zu Ungunsten der Entwicklungsländer: Allein die enormen finanziellen Mittel, die in den reichsten Ländern der Welt eingesetzt werden, um veraltete Industrien am Leben zu erhalten, sind schon ein ausreichender Grund dafür, dem Konzept der “infant industry“ in der handelspolitischen Diskussion weiterhin Aufmerksamkeit zu schenken.

Während der anstehenden Überprüfung der Rechte am geistigen Eigentum mit Bezug zum internationalen Handel (trade-related intellectual property rights, TRIPs) und der handelsbezogenen Investitionsmaßnahmen (trade-related investment measures, TRIMs) in der Welthandelsorganisation (WTO), sollten alle für die Entwicklungsländer nachteiligen Bestimmungen abgeschafft werden. Außerdem sollte die spezifische und differenzierte Behandlung der Entwicklungsländer als Verpflichtung in das vertraglich abgesicherte Regelwerk des internationalen Handelssystems aufgenommen werden.

Die Reform der “Architektur des internationalen Finanzsystems“ ist bisher isoliert von der Funktionsweise des Handelssystems diskutiert worden. Die UNCTAD-Ökonomen sind dagegen der Auffassung, daß die Reform beider Teilbereiche der Weltwirtschaft Hand in Hand gehen muß. Ausgangspunkt ist dabei die Frage der Vereinbarkeit von Leistungsbilanz- und Kapitalbilanzpolitik. In Anbetracht der zunehmenden Anfälligkeit für externe Schocks im Finanzbereich herrscht inzwischen weitgehend Einigkeit darüber, daß es für eine Volkswirtschaft nicht mehr ausreicht, Währungsreserven in Höhe der Hälfte des Wertes ihrer jährlichen Importe von Gütern und Dienstleistungen zu halten; vielmehr sollten die Reserven heute die gesamten finanziellen Verpflichtungen eines Jahres decken, ohne daß zusätzliche Auslandskredite aufgenommen werden müssen.

Gefahren einer zu weitreichenden Liberalisierung der Handels- und Finanzbeziehungen

Das gegenwärtige wirtschaftspolitische Umfeld in den Entwicklungsländern wurde geprägt von den Maßnahmen, die nach der Schuldenkrise der 80er Jahre zur Bewältigung wiederkehrender Zahlungsbilanzdefizite ergriffen wurden. Das Rezept zur Überwindung langsamen und unsteten Wachstums hieß schnelle Liberalisierung, mit dem Ziel, den Zugang zu ausländischem Kapital, zu den Weltmärkten und zu moderner Technologie zu öffnen. Die Verheißungen dieser Politik haben sich nicht erfüllt. Der UNCTAD-Bericht zeigt, daß das durchschnittliche jährliche Wachstum der Entwicklungsländer in den 90er Jahren zwar höher war als in den 80er Jahren, aber immer noch um 2 Prozentpunkte niedriger als in den 70er Jahren (siehe auch TAD/INF/2817). Demgegenüber ist das durchschnittliche Handelsbilanzdefizit um 3 Prozent des Sozialprodukts gestiegen.

In nahezu der Hälfte der im Bericht untersuchten Entwicklungsländer ging diese Zunahme des Handelsdefizits mit rückläufigem oder stagnierendem Wachstum einher, d.h. die Defizite im Außenhandel sind schneller gestiegen als die einheimische Produktion.

Für diese relative Zunahme der Handelsdefizite nennen die UNCTAD-Ökonomen drei Hauptgründe:

  • Die “Big-Bang“-Liberalisierung hat in vielen Entwicklungsländern einen Importboom ausgelöst, mit dem die Exportzuwächse nicht Schritt halten konnten.

  • Die Verlangsamung des Wirtschaftswachstums in den Industrieländern seit Anfang der 70er Jahre hat das Handelsbilanzdefizit der Entwicklungsländer zusätzlich vergrößert (um ca. ein Prozent des Sozialprodukts).

  • Die Verschlechterung der terms of trade hat die Kaufkraft der Exporte der Entwicklungsländer verringert.

Um ihre Handelsliberalisierung finanzieren zu können, mußten sich die Entwicklungsländer folglich zunehmend um den Zustrom privaten ausländischen Kapitals bemühen. Die Liberalisierung des Kapitalverkehrs “hat die wirtschaftliche Situation jedoch weiter verschlechtert, da sie Währungsaufwertungen und Wechselkursschwankungen hervorrief und damit eine Verbesserung der Handelsbilanz zusätzlich erschwerte“.

Als Ergebnis einer Untersuchung der Wechselkursbewegungen in 58 Entwicklungländern hält der Handels- und Entwicklungsbericht fest, daß Verzerrungen im Wechselkursgefüge heute ein noch größeres Problem darstellen als in den 70er Jahren. Der Bericht unterstreicht, daß “die Entwicklungsländer ihr Wechselkursmanagement verbessern müssen, wenn sie von der zunehmenden Integration in das globale Handelssystem profitieren wollen“. Kapitalverkehrskontrollen müssen integraler Bestandteil des wirtschaftspolitischen Instrumentariums der Entwicklungsländer werden.

Private Kapitalflüsse ohne die erwünschten Wirkungen

Von der Privatisierung der Entwicklungsfinanzierung wurde eine erhebliche Verringerung der außenwirtschaftlichen Beschränkungen für das Wachstum in den Entwicklungsländern erwartet. Diese Hoffnung hat sich nicht erfüllt. Allerdings hat sich die Zusammensetzung der Finanzflüsse erheblich verändert: der Anteil der öffentlichen Entwicklungshilfe an den gesamten Kapitalzuflüssen der Entwicklungsländer ist von 50 Prozent in den 80er Jahren auf 20 Prozent in den 90er Jahren gesunken. Diese Abnahme reflektiert sowohl einen absoluten Rückgang der Entwicklungshilfeleistungen als auch einen enormen nominalen Anstieg der privaten Finanzströme in den letzten zehn Jahren.

Die zuletzt reichlich fließenden privaten Gelder werden jedoch oft nicht für produktive Zwecke und entwicklungsfördernd eingesetzt. Als Gründe nennt der UNCTAD-Bericht:

  • Eine erheblicher Teil des neu zufließenden Kapitals wird durch Kapitalabflüsse der Deviseninländer absorbiert oder für eine Aufstockung der Währungsreserven des Staates verwendet, um die Volkswirtschaft gegebenenfalls gegen spekulative Attacken der Finanzmärkte zu verteidigen. Aus diesem Grund standen von jedem Dollar, der in den 90er Jahren in die aufstrebenden Märkte geflossen ist, weniger als 40 Cents zur Finanzierung des Leistungsbilanzdefizits zur Verfügung. (Ein weiteres Problem besteht in diesem Zusammenhang darin, daß kreditfinanzierte Währungsreserven Zinskosten verursachen, die höher sind als die möglichen Erträge aus ihrer Anlage, so daß die erhöhte Reservehaltung in den 90er Jahren die Entwicklungsländer bis zu $50 Mrd. gekostet hat.)

  • Der Boom bei den ausländischen Direktinvestitionen in den 90er Jahren ist teilweise auf Unternehmenszusammenschlüsse oder -übernahmen zurückzuführen, insbesondere im Dienstleistungsbereich und anderen auf den Binnenmarkt beschränkten Sektoren. Dies birgt die Gefahr von Zahlungsbilanzproblemen in sich, da häufig in großem Umfang Vorprodukte importiert werden müssen und außerdem Gewinne in die Herkunftsländer der Direktinvestitionen rückübertragen werden.

  • Riesige Beträge liquider Mittel zirkulieren auf den internationalen Finanzmärkten auf der Suche nach Arbitrageprofiten. Daraus ergibt sich auch für die Entwicklungsfinanzierung ein Element der Instabilität. Der Erwerb von Wertpapieren der Entwicklungsländer und kurzfristige Kredite an diese Länder erreichten Mitte der 90er Jahre die Gesamtsumme von $100 Mrd. Im Zuge der Krisen in Asien und Rußland ist diese Summe bis Ende letzten Jahres wieder bis auf $15 Mrd. zurückgegangen.

Der UNCTAD-Bericht kommt zu dem Schluß, daß langfristig betrachtet die Zunahme der Kapitalströme in die Entwicklungsländer in den 90er Jahren lediglich eine Rückkehr zum langfristigen Trend der 70er Jahre darstellt; die Verringerung in den 80er Jahren war lediglich eine Unterbrechung dieses Trends. Die gesamten Kapitalzuflüsse in die Entwicklungsländer entsprechen heute ca. 5 Prozent des Sozialprodukts dieser Länder, etwa genau so viel wie in den sieben Jahren vor der Schuldenkrise (1975-82). Hingegen ist die Konzentration der Kapitalströme auf wenige Länder heute noch stärker als in der Vergangenheit: eine kleine Gruppe von zwölf aufstrebenden Märkten, die in den 80er Jahren bereits 50 Prozent der gesamten Kapitalzuflüsse auf sich vereinigte, erhielt in den 90er Jahren insgesamt 90 Prozent aller Kapitalexporte in die Entwicklungsländer. Diese extreme Konzentration gilt für Direktinvestitionen ebenso wie für andere Kapitaltransfers.

Obwohl vielfach der Eindruck erweckt wird als sei der Anstieg der privaten Kapitalströme hauptsächlich in Form von Finanzinstrumenten erfolgt, die keine Schuldendienstverpflichtungen nach sich ziehen, hat die Auslandsverschuldung der Entwicklungsländer wieder zugenommen. In Lateinamerika ist der Bestand an Auslandsschulden im Jahr 1998 auf über 200 Prozent der jährlichen Exporterlöse gestiegen.

Der Bericht unterstreicht, daß bei der Reform der internationalen Finanzarchitektur der Erkenntnis Rechnung getragen werden muß, daß “die privaten Kapitalmärkte für die Entwicklungsfinanzierung nur in begrenztem Maße nützlich sind“. Die internationale Gemeinschaft muß “der öffentlichen Entwicklungshilfe einen größeren Stellenwert einräumen, nicht nur die Pflichten sondern auch die Rechte der Schuldner anerkennen, und den ärmsten Entwicklungsländer einen vollständigen Schuldenerlaß gewähren“.

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Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Dr. Detlef J. Kotte, Abteilung für Volkswirtschaft und Entwicklungspolitik, UNCTAD. Tel. : (+41-22) 907-5837, Fax : (+41-22) 907-0274, oder Email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. . Oder wenden Sie sich an Carine Richard-Van Maele, Presseabteilung, UNCTAD. Tel. : (+41-22) 907-5816/28, Fax : (+41-22) 907-0043, oder Email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. _________________________

Der Handels- und Entwicklungsbericht 1999 (Verkaufsnummer E.99.II.D.1) kann zum Preis von US$45 und zu dem Sonderpreis von US$19 für Entwicklungs- und Transformationsländer von der Abteilung für Veröffentlichungen und Verkauf der Vereinten Nationen bei einer der folgenden Addressen bestellt werden: United Nations Publications, Sales Section, Palais des Nations, CH-1211 Genf 10, Schweiz Fax: (+ 41 22) 917 0027, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Internet: http://www.un.org/publications, oder: United Nations Publications, 2 UN Plaza, Room DC2-853, Dept. PRES, New York, N.Y. 10017, USA, Tel. (+1 212) 963 83 02 oder (+1 800) 253 96 46, Fax: (+1 212) 963 34 89, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

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