Mittwoch, 22 November 2017
UNRIC logo - Deutsch
                

Kein Grund zum Jubel: UNCTAD’s Analyse der Weltwirtschaft 1999

UNIC/199

BONN/GENF, 20. September (UNCTAD) -- Eine weltweite Rezession ist zwar entgegen vielfacher Befürchtungen ausgeblieben, doch die Weltwirtschaft wird auch 1999 lediglich das schwache Wachstum des Vorjahres erreichen. Diese wenig ermutigende Voraussage macht der diesjährige Handels- und Entwicklungsbericht 1999 (175 Seiten) der UNCTAD. Der Bericht unterstreicht, daß „weder die zunehmende Stabilisierung der krisengeschüttelten asiatischen Volkswirtschaften, noch die Beschränkung der Auswirkungen der brasilianischen Krise auf die lateinamerikanischen Nachbarländer darüber hinweg täuschen können, daß das Risiko eines Abschwungs der Weltwirtschaft nach wie vor besteht“.

Die UNCTAD-Ökonomen warnen davor, aus der Stabilisierung der Situation in den aufstrebenden Entwicklungsländern schon auf eine Bewältigung der grundlegenden Probleme in diesen Ländern zu schließen.  „Es gibt keinen Grund zur Zufriedenheit, denn die strukturellen Probleme, die zu der jüngsten Krise geführt haben, bestehen nach wie vor.“ Die anhaltende Abhängigkeit der Entwicklungsländer von äußerst instabilen Kapitalzuflüssen gibt nach wie vor Anlaß zu Besorgnis. Außerdem bleibt offen, ob sich die Normalisierung der konjunkturellen Entwicklung in den USA ohne größere Friktionen vollzieht, und ob es in Japan und Europa zu einem anhaltenden wirtschaftlichen Aufschwung kommt, der die globale Nachfrage stützen könnte.

Gewinner und Verlierer der Asienkrise

Die Kosten der Finanzkrise in Ostasien waren enorm. Das Volkseinkommen in vier ASEAN-Ländern (Indonesien, Malaysia, Philippinen, Thailand), das 1996 noch um 7 Prozent gestiegen war, ist 1998 um nicht weniger als 9 Prozent zurückgegangen. Im gesamten ostasiatischen Raum werden Folgeerscheinungen wie steigende Arbeitslosigkeit und Armut, sowie eine Verschlechterung anderer Sozialindikatoren deutlich.

Doch diese Probleme beschränkten sich nicht auf Ostasien. Die auf die Krise folgenden finanzwirtschaftlichen Schocks in anderen Ländern – insbesondere in Osteuropa und Lateinamerika – hatten ähnlich destruktive Wirkung. Insgesamt steht das Ende dieses Jahrhunderts im Zeichen einer schweren Entwicklungskrise: Zwischen 1996 und 1998 ist das Wachstum in den Entwicklungsländern von 6 auf weniger als 2 Prozent gefallen (und auf unter 1 Prozent, wenn man China ausschließt).

Von der Krise betroffen sind sowohl die Finanzwirtschaft als auch der internationale Handel. Die privaten Nettokapitalströme in die Entwicklungsländer sind zwischen 1996 und 1998 um mehr als 70 Prozent zurückgegangen. Die weitere Entwicklung der privaten Finanzströme läßt sich naturgemäß nur sehr schwer und unzuverlässig vorhersagen; im laufenden Jahr ist jedoch kaum mit einer Erholung zu rechnen. In Folge der ausgeprägten Instabilität der Finanzströme kam es zu starken Wechselkursschwankungen und zu Verschiebungen in der Wettbewerbsfähigkeit zwischen den Entwicklungsländern.

Die rohstoffexportierenden Länder wurden von den Entwicklungen des vergangenen Jahres besonders hart getroffen. So gingen die Erlöse der Ölexportländer insgesamt um 6 Prozent ihres Sozialprodukts zurück. Die Ölpreise fielen um ein Drittel und damit real auf das niedrigste Niveau seit Jahrzehnten. Gemessen in Dollars von 1974, betrug der Preis für ein Barrel Rohöl 1998 lediglich $ 4, gegenüber $ 10 im Jahre 1974 und sogar $ 20 im Jahr 1980. Die Ölpreise haben sich 1999 zwar etwas erholt, was aber eher auf eine Angebotsverknappung als auf steigende Nachfrage zurückzuführen ist.

Die Preise für andere Rohstoffe fielen um 12 Prozent, so stark wie seit den 70er Jahren nicht mehr. Überdies mußten die Entwicklungsländer während der vergangenen Jahre auch einen Preisverfall bei den von ihnen exportierten Industriegütern hinnehmen. Während des Jahres 1998 sind die Exportpreise der ostasiatischen Schwellenländer (Hongkong, Singapur, Südkorea und Taiwan) um durchschnittlich 3,6 bis 17 Prozent gefallen.

Im Gegensatz dazu haben die Industrieländer von dem durch die Krise ausgelösten Rückgang der Rohstoffpreise und der Verbilligung der Industriegüterimporte profitiert. Allein durch günstigere Ölimporte haben die OECD-Länder 1998 ca. $ 60 Mrd. gespart, einen Betrag, der die gesamte jährliche offizielle Entwicklungshilfe dieser Länder übersteigt.

Der Kursverlust zahlreicher Vermögenswerte und der Anstieg der Risikoprämien im globalen Kapitalmarkt haben eine Flucht in qualitativ hochwertige Anlagen bewirkt. Dies hat mit zum Anstieg der Aktienkurse in den Industrieländern beigetragen, in dessen Folge die Konsumausgaben zunahmen, was sich wiederum günstig auf das Wachstum auswirkte. Allein in den Vereinigten Staaten sind die Konsumausgaben zwischen dem zweiten Quartal 1997 und Ende 1998 um $ 400 Mrd. angestiegen. Das ist mehr als das Doppelte des gesamten Jahreseinkommens aller Länder südlich der Sahara.

Welthandel schwach

Massive Importkürzungen in Ostasien waren ein Hauptgrund für die Verlangsamung des Welthandels. Die Exporte sind um 2 Prozent gefallen. Die Importkürzungen 1998 waren auch ein ausschlaggebender Faktor für neue Ungleichgewichte in den nationalen Handelsbeziehungen, von denen die Weltwirtschaft seit Ende der 80er Jahren verschont geblieben war. Besonders bemerkenswert ist in diesem Zusammenhang die Ausweitung des US-Leistungsbilanzdefizites um $ 80 Mrd. im Jahr 1998.

Der wertmäßige Rückgang des Welthandels ist zu 90 Prozent auf den Verfall der Ölpreise zurückzuführen, der zusammen mit dem Rückgang anderer Rohstoffpreise dazu geführt hat, daß der Anteil der Rohstoffe am Welthandel zum ersten Mal seit 50 Jahren auf unter 20 Prozent sank. Der Dollarwert der Exporteinnahmen der Entwicklungsländer war zum ersten Mal seit 1991 wieder rückläufig. Die UNCTAD fordert deswegen dazu auf, die Dritte Ministerkonferenz der Welthandelsorganisation (WTO) – die gegen Ende dieses Jahres in Seattle stattfindet – dazu zu nutzen, alle Möglichkeiten zur Wiederbelebung des Welthandels auszuschöpfen. Der Handels- und Entwicklungsbericht diskutiert einige Elemente eines „positiven Programms der Handelspolitik“, das zur Bildung einer gemeinsamen Front der Entwicklungsländer in der internationalen Handelspolitik beitragen soll; im Interesse eines stärkeren Beitrags des Außenhandels zur wirtschaftlichen Entwicklung geht es vor allem um einen verbesserten Zugang der Entwicklungsländer zu den Märkten der Industrieländer.

Wirtschaftliche Erholung und Rückschläge in Entwicklungsländern

Das Wachstum der Weltwirtschaft betrug 1998 etwa 2 Prozent, und ein ähnliches Ergebnis wird auch für das laufende Jahr erwartet. UNCTAD hält eine Wachstumsrate dieser Größenordnung für inakzeptabel. Überdies hat sich die Kluft zwischen den Industrieländern und den Entwicklungsländern. weiter verbreitert: 1998 ist die Produktion der Entwicklungsländer mit 1,8 Prozent im Durchschnitt langsamer gewachsen als die Bevölkerung. Außerdem lag die Wachstumsrate der Entwicklungsländer zum ersten mal seit 10 Jahren unter jener der Industrieländer (2,2 Prozent).

Die weitere Entwicklung in Asien ist nach wie vor ungewiß; sie hängt vor allem davon ab wie die Regierungen mit den Nachwirkungen der Finanzkrise umgehen. Die Entwicklung in China und Japan ist für die gesamte Region von großer Bedeutung. In China hat die Krise zu einem starken Rückgang der Exporte geführt, und das Wachstum wurde wesentlich von umfangreichen öffentlichen Ausgabenprogrammen gestützt. Allerdings nimmt die Wahrscheinlichkeit einer Währungsabwertung um so mehr zu, je länger die wirtschaftliche Erholung auf sich warten läßt. Die Wechselkursunsicherheit in der Region bleibt deshalb ein Problem.

Trotz kontinuierlicher struktureller Reformen hat Lateinamerika seit 1997, als das Wirtschaftswachstum 5,4 Prozent erreichte, erhebliche Einbußen hinnehmen müssen. Alle größeren Volkswirtschaften der Region waren davon betroffen. Der Einbruch des brasilianischen Real war ein entscheidender Faktor für den Rückgang des Wirtschaftswachstums in ganz Lateinamerika. Angesichts der schwachen Wachstumsraten sind die Leistungsbilanzdefizite in einigen der größten Länder der Region unhaltbar. Die Auslandsverschuldung und die Abhängigkeit von Kapitalzuflüssen haben wieder zugenommen, so daß ein Vertrauensverlust der internationalen Finanzmärkte oder ein Anstieg des Zinsniveaus in den USA schwerwiegende Folgen haben könnten.

In Afrika ist der erhoffte „take-off“ nicht eingetreten. 1998 war das Wirtschaftswachstum erheblich niedriger als 1996 und hat nur knapp mit dem Bevölkerungswachstum Schritt gehalten. 1999 ist eine Verbesserung der Situation sehr unwahrscheinlich. Langfristig sind den Wachstumsmöglichkeiten durch die zunehmende Last der Auslandsverschuldung und die anhaltende Abhängigkeit von Rohstoffexporten enge Grenzen gesetzt.

Nachdem die Transformationsländer 1997 erstmals positive Wachstumsraten verkünden konnten, mußten sie sich 1998 bereits wieder mit einem negativen Wachstum abfinden. Die ungünstige Wirtschaftsentwicklung in der gesamten Region ist maßgeblich auf die Krise in Rußland im zweiten Halbjahr 1998 zurückzuführen. Die makroökonomischen Probleme sind weiterhin ungelöst, so daß auch für 1999 wieder ein Rückgang des Einkommens in der Region zu erwarten ist. Da auch die Leistungsbilanzdefizite durchweg zunehmen, bleibt die Region anfällig für externe Schocks.

Wohin steuert die Entwicklung in Europa und Japan ?

Eine anhaltende Erholung der krisengeschüttelten Regionen, vor allem in Asien und Lateinamerika, muß von steigenden Exporten getragen werden und ist deshalb stark von der konjunkturellen Entwicklung in den Industrieländern abhängig.

In den vergangenen Jahren hat in erster Linie das starke Wachstum in den Vereinigten Staaten dazu beigetragen, daß eine globale Rezession vermieden werden konnte. Nachdem die US-Wirtschaft in den vergangenen drei Jahren um jeweils ca. 4 Prozent expandiert hat, wird für 1999 ein Rückgang der Wachstumsrate auf etwa 3 Prozent erwartet. Außerdem nehmen die Inflationsängste zu, und eine Straffung der Geldpolitik könnte weitreichende Korrekturen auf den internationalen Finanzmärkten auslösen. Da die gute Konjunktur in den USA wesentlich von der durch die Aktienkursentwicklung stimulierten hohen Nachfrage der privaten Haushalte getragen wurde, könnten weitere Zinserhöhungen eine harte Landung mit sich bringen und die wirtschaftliche Erholung in anderen Regionen verlangsamen. Außerdem könnte es zu einer weiteren Erhöhung des Leistungsbilanzdefizits und damit zu einer Stärkung protektionistischer Tendenzen kommen. Doch selbst wenn diese Wirkungen in den USA ausbleiben, würden höhere Dollarzinsen sich negativ auf den Finanzbedarf und den Handel der Entwicklungsländer auswirken.

Die erwartete Erholung Japans ist noch nicht eingetreten. Der unerwartete Anstieg der Konsumausgaben zu Anfang dieses Jahres wird sehr wahrscheinlich nicht anhalten; die Erreichung des offiziellen Wachstumsziels von 0,5 Prozent für 1999 erscheint überhaupt nur möglich, wenn im Herbst ein weiteres finanzpolitisches Maßnahmenpaket zum Einsatz kommt. Wahrscheinlicher ist jedoch, daß die japanische Wirtschaft dieses Jahr mit einer negativen Wachstumsrate abschließen wird. Angesichts hoher Überkapazitäten und geschwächter Bilanzen im privaten Sektor wird das langfristige Wachstum von weiteren strukturellen Reformen abhängen.

Auch von der Europäischen Union ist für die Weltwirtschaft dieses Jahr kein Anschub zu erwarten. Im vergangenen Jahr war das Wachstum erneut zu schwach, um die Arbeitslosenzahl merklich zu reduzieren. Außerdem wurde die wirtschaftliche Erholung übermäßig vom Export bestimmt. Angesichts der allgemeinen Situation der Weltwirtschaft ist zu erwarten, daß die Wachstumsrate für 1999 unter 2 Prozent fallen wird. Die Einführung des Euro kompliziert die wirtschaftspolitische Situation, da die konjunkturelle Entwicklung in den einzelnen Mitgliedsländern der Währungsunion recht unterschiedlich verläuft. Dies stellt die Europäische Zentralbank ebenso vor ein Dilemma wie die Asymmetrie im Konjunkturverlauf zwischen Europa und den Vereinigten Staaten.

Wirtschaftspolitische Optionen: Die Industrieländer sind in der Verantwortung

Die Entwicklungsländer haben kaum Möglichkeiten einer weiteren Verlangsamung des Wachstums in der Weltwirtschaft entgegenzuwirken, denn wegen möglicher negativer Reaktionen der internationalen Finanzmärkte haben diese Länder praktisch keinen Spielraum für eine Lockerung ihrer Geld- und Finanzpolitik.

Die Verantwortung für eine Wachstumsstimulierung in der Weltwirtschaft liegt deshalb bei den Industrieländern. In den USA besteht erheblicher Spielraum für eine expansivere Finanzpolitik für den Fall, daß sich das Rezessionsrisiko vergrößert. In Europa sollte die Möglichkeit geprüft werden, den Stabilitätspakt im Interesse größerer finanzpolitischer Flexibilität nachzubessern.

Sowohl Japan als auch die EU haben die Möglichkeit, über ein “Recycling“ ihrer hohen Leistungsbilanzüberschüsse den Entwicklungsländern zusätzliche Liquidität zur Verfügung zu stellen. Dies könnte im Rahmen regionaler Hilfsprogramme geschehen. Ein Beispiel hierfür ist der Miyazawa Plan. Weitere Möglichkeiten wären etwa ein Abbau des Schuldenüberhanges der ärmsten Entwicklungsländer durch Schuldenerlaß, sowie eine umfangreiche Neuzuteilung von Sonderziehungsrechten zur Verbesserung der Zahlungsfähigkeit der Entwicklungs- und Transformationsländer.

* * * * *

Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an Dr. Detlef J. Kotte, Abteilung für Makroökonomie und Entwicklungspolitik, UNCTAD. Tel. : (+41-22) 907-5837, Fax : (+41-22) 907-0274, oder Email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ; oder an Carine Richard-Van Maele, Presseabteilung, UNCTAD. Tel. : (+41-22) 907-5816/28, Fax : (+41-22) 907-0043, oder Email: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

__________________________

Der Handels- und Entwicklungsbericht 1999 (Verkaufsnummer E.99.II.D.1) kann zum Preis von US$45 und zu dem Sonderpreis von US$19 für Entwicklungs- und Transformationsländer von der Abteilung für Veröffentlichungen und Verkauf der Vereinten Nationen bei einer der folgenden Addressen bestellt werden: United Nations Publications, Sales Section, Palais des Nations, CH-1211 Genf 10, Schweiz Fax: (+ 41 22) 917 0027, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. , Internet: http://www.un.org/publications, oder: United Nations Publications, 2 UN Plaza, Room DC2-853, Dept. PRES, New York, N.Y. 10017, USA, Tel. (+1 212) 963 83 02 oder (+1 800) 253 96 46, Fax: (+1 212) 963 34 89, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.  

Praktikant/-in für Bonner UNRIC-Büro gesucht

UNRIC bietet im Bonner Büro ein 8- bis 12-wöchiges Praktikum ab März 2018 an.
Bewerber/-innen sollten sich noch im Studium befinden, oder vor kurzem ihr Studium beendet haben und erste Erfahrungen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder im Journalismus besitzen.
Sehr gute Englisch- und Deutschkenntnisse sind Voraussetzung. Das Praktikum ist unbezahlt.
Bitte senden Sie Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen an:
[email protected]

UNRIC Verbindungsbüro in Deutschland, Bonn
Tel.: +49 (0)228 / 815-2773 / 2774
Fax: +49 (0)228 / 815-2777

UN Card 2016 DE 250px front