Dienstag, 21 November 2017
UNRIC logo - Deutsch
                

Gewalt gegen Frauen weltweit

UNIC/153
Hintergrundinformation

Alltägliche Vorkommnisse, innovative Lösungen

NEW YORK, 8. März 1999 (UNIFEM) -- Auf der Straße, am Arbeitsplatz, zu Hause, in Zeiten von Krieg und bewaffneten Konflikten, und in staatlichem Gewahrsam werden Frauen angegriffen. Die Kosten dieser Gewalt, auch auf der menschlichen Ebene, sind enorm: sie vernichtet Leben, zerbricht Gemeinschaften und blockiert die Entwicklung in jeder Nation.

Allein 1993, so die Schätzung der Weltbank, war Gewalt gegen Frauen eine ebenso ernste Todesursache oder Grund für Behinderungen bei Frauen im gebärfähigen Alter wie Krebs und führte noch häufiger zu gesundheitlichen Problemen als Verkehrsunfälle und Malaria zusammengenommen.

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, daß mindestens 20% aller Frauen weltweit mindestens einmal in ihrem Leben physisch oder sexuell von einem Mann attackiert wurden. Allein in den Vereinigten Staaten kostet Gewalt gegen Frauen die Wirtschaft $ 100 Millionen aufgrund von Lohnausfall, Krankenstand, Fehlen am Arbeitsplatz und mangelnder Produktivität.

In den letzten 20 Jahren haben die Verfechter der Frauenrechte immer wieder Richtungsänderungen in der Politik und neue Maßnahmen gefordert, um die geschlechtsspezifische Gewalt zu bekämpfen. In den letzten Jahren hat die internationale Gemeinschaft reagiert und wichtige Schritte unternommen, um Gewalt gegen Frauen zu verhindern und zu beseitigen.

Die Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen steht im Mittelpunkt der Arbeit des Entwicklungsfonds der Vereinten Nationen für Frauen (UNIFEM).

Gewalt gegen Frauen – einige Zahlen

  • In Papua-Neuguinea wurden 67% der Frauen im ländlichen Raum und 56% der Frauen in Städten physisch mißbraucht.

  • 62% der Frauen in Kanada, die 1987 ermordet wurden, starben durch die Hand eines Verwandten oder des Partners.

  • Zwei Millionen Mädchen und Frauen werden jedes Jahr genital verstümmelt. Rund 130 Millionen der heute lebenden Frauen sind weltweit dieser Tortur unterzogen worden.

  • In Indien sterben jeden Tag mehr als 12 Frauen in Folge von Streitigkeiten um die Mitgift, meist bei Küchenbränden, die als Unfälle getarnt werden.

  • In Jordanien sind jedes Jahr 25 Todesfälle auf Morde „aus Gründen der Ehre“ zurückzuführen. Dies ist ein Viertel aller Morde im Land.

  • Etwa 20.000 Frauen wurden während des Konfliktes im ehemaligen Jugoslawien vergewaltigt.

  • In den Vereinigten Staaten werden jährlich 700.000 Frauen vergewaltigt oder sexuell mißbraucht. Zwei Millionen Mädchen im Alter von 5 bis 15 Jahren werden jedes Jahr verschoben; sie werden verkauft oder in den kommerziellen Sexmarkt und zur Prostitution gezwungen.

Diese ungeheuerlichen Übergriffe kann man in fünf Kategorien einteilen: Menschenrechtsverletzungen in der Familie; Kriegsverbrechen gegen Frauen; Verletzung der körperlichen Integrität von Frauen; wirtschaftliche Diskriminierung und Ausbeutung; und politische Verfolgung und Diskriminierung.

Häusliche Gewalt

Unter häuslicher Gewalt versteht man Angriffe auf Frauen in ihrem Zuhause und innerhalb ihrer Familie. Zu solchen physischen Angriffen zählen Schläge, Strangulierungen und Verbrennungen. Als sexueller Mißbrauch durch Familienmitglieder gelten auch Inzest und Vergewaltigung in der Ehe.

Frauen werden auch psychisch unter Druck gesetzt, z.B. mit der Drohung, Familienangehörigen oder auch Haustieren Schaden zuzufügen, oder ihre Stellung in der Familie, im Beruf oder in der Gemeinschaft zu untergraben oder zu zerstören.

In keinem Land der Welt sind Frauen vor häuslicher Gewalt sicher. So weit wie häusliche Gewalt verbreitet ist, so weit müssen auch die Bemühungen zur Bekämpfung dieser Gewalt reichen, von der staatlichen und lokalen Gesetzgebung über Sensibilisierungs-Training bis hin zur Öffentlichkeitsarbeit. Erst vor kurzem stellte UNIFEM für ein Weiterbildungsprogramm über geschlechtsspezifische Gewalt für Richter und Staatsanwälte, in Cochabamba, Bolivien, finanzielle und technische Hilfe zur Verfügung. In einem von den Vereinten Nationen finanzierten Forschungsprojekt auf den Fidschi-Inseln werden Daten zu häuslicher Gewalt gesammelt, um die Öffentlichkeit und Politiker über das Problem aufklären zu können.

Gewalt gegen Frauen als kulturelle Tradition

Der Ausdruck “schädliche traditionelle Praktiken“ bezieht sich auf die Arten von Gewalt, unter denen Frauen in bestimmten Gemeinschaften und Gesellschaften schon so lange leiden, daß sie als Teil der jeweiligen Kultur angesehen werden. Diesen Gewalttaten, zu denen die Verstümmelung der weiblichen Genitalien, Mitgiftmorde und Morde „aus Gründen der Ehre“ zählen, fallen jedes Jahr Millionen von Frauen zum Opfer.

Verstümmelung weiblicher Genitalien

Unter Verstümmelung der weiblichen Genitalien versteht man verschiedene chirurgische Eingriffe, die an Frauen und Mädchen vorgenommen und im Rahmen von Fruchtbarkeits- oder Initiationsritualen als Maßnahme zur Gewährleistung von Keuschheit und „Reinheit“ der Geschlechtsorgane gerechtfertigt werden. Dazu gehören sowohl die Klitorisbeschneidung (die teilweise oder gänzliche Entfernung der Klitoris) als auch die sogenannte Infibulation, bei der die äußeren Genitalien oft vollständig entfernt werden. Danach wird die Wunde zusammengenäht, oder die Beine des Mädchens werden zusammengebunden, um das Verheilen der Wunde zu erleichtern.

Diese Eingriffe werden vor allem in 28 afrikanischen Ländern, bei einigen Minderheiten in Asien sowie unter Einwanderern in Europa, Australien, Kanada und den Vereinigten Staaten praktiziert. Schätzungsweise 130 Millionen der heute lebenden Frauen sind beschnitten und jedes Jahr weitere zwei Millionen Mädchen und Frauen genital verstümmelt. Die Eingriffe gelten zwar als traditionelle Praxis, werden aber von keiner Religion verlangt. Sie werden sowohl von Moslimen als auch von Christen und einigen Animisten vorgenommen.

Seit den späten 80er Jahren hat sich der Widerstand gegen die Genitalverstümmelung verstärkt und diese Praktiken werden zunehmend bekämpft. Die Regierungen der betroffenen 28 afrikanischen Länder haben dagegen Stellung bezogen und berichten der UNO über ihre Maßnahmen. Eine gemeinsame Initiative des UNO-Kinderhilfswerks (UNICEF), der Weltgesundheitsorganisation (WHO) und des UNO-Bevölkerungsfonds (UNFPA) versucht, die Zahl der Genitalverstümmelungen drastisch zu reduzieren und die Regierungen bei der Ausarbeitung und Umsetzung gezielter Maßnahmen zur Beseitigung dieser Praktiken zu unterstützen.

Mitgiftmorde

Von einem Mitgiftmord spricht man dann, wenn eine Frau von ihrem Mann oder ihren Schwiegereltern getötet wird, weil die Braut die Mitgiftforderungen nicht erfüllen kann. Die Mitgift ist eine Zahlung, die die Familie der Frau an die Familie des Mannes bei der Verlobung oder Hochzeit als Geschenk leisten muß. Nicht selten übersteigt die Mitgift das Jahreseinkommen einer ganzen Familie. Die Einrichtung der Mitgift oder ähnlicher Zahlungen gibt es in vielen Kulturen weltweit. Morde wegen unzureichener Mitgiftzahlung kommen vor allem in Südasien vor.

Morde „aus Gründen der Ehre“

In einigen Gesellschaften werden Frauen, die Vergewaltigungen überleben oder die unter dem Verdacht stehen, vorehelichen Geschlechtsverkehr gehabt zu haben, sowie Frauen, die des Ehebruchs beschuldigt werden, von ihren männlichen Verwandten ermordet, weil die Verletzung der weiblichen Keuschheit als Angriff auf die Familienehre gesehen wird. Morde „aus Gründen der Ehre“ kommen im gesamten Nahen Osten, in Südasien und in Brasilien vor. In Jordanien geht ein Viertel aller Morde - etwa 25 Todesfälle pro Jahr - auf diese Praxis zurück.

Vergewaltigung als Waffe

In Zeiten von Krieg und Bürgerkrieg sind es vor allem die Frauen und Mädchen, die der Gewalt besonders schutzlos ausgeliefert sind. Systematische Vergewaltigungen, erzwungene Schwangerschaften, Entführungen und sexuelle Folter zählen zu den schrecklichsten Waffen, die in diesen Konflikten eingesetzt werden.

Soldaten und paramilitärische Einheiten überfallen Frauen in ihren Wohnungen. Oft sind diese Übergriffe Teil einer systematischen Folterkampagne im Kampf um ethnische Vormachtstellung, die darauf abzielt, Frauen zu vertreiben und die Moral ihrer Gemeinschaften zu untergraben. Auch in Gefangenenlagern und auf der Flucht vor kriegerischen Auseinandersetzungen fallen Frauen oft Vergewaltigungen zum Opfer.

Bei Konflikten in jüngster Zeit, z.B. in Liberia, Peru, Ruanda, Somalia, Uganda und im ehemaligen Jugoslawien, wurde immer wieder von Vergewaltigungen berichtet. Zum ersten Mal in der Geschichte wird Vergewaltigung jetzt von der internationalen Gemeinschaft als Kriegsverbrechen und als Verbrechen gegen die Menschlichkeit geahndet. Das Kriegsverbrechertribunal in Ruanda hat erstmals Anklage wegen Vergewaltigung als Verbrechen gegen die Menschlichkeit erhoben.

Im Kongo arbeitet ein von UNIFEM unterstütztes Projekt daran, die Hilfe für die weiblichen Überlebenden der gewaltsamen, politischen Umwälzungen im Jahr 1997 zu verbessern. In einem anderen Projekt fördert UNIFEM private Gruppen in Algerien, die den aufgrund des Bürgerkriegs in ihrem Land in wirtschaftliche und emotionale Not geratenen Frauen und Kindern helfen.

Sexuelle Übergriffe

Sexuelle Übergriffe auf Frauen und Mädchen, zu denen auch Inzest oder Vergewaltigung in der Ehe oder durch Verwandte und Fremde zählen, kommen überall auf der Welt vor und haben in der Regel verheerende Auswirkungen auf das Leben der Opfer. Die körperlichen Verletzungen, die Frauen zugefügt werden, erfordern oft intensive medizinische Behandlung. Häufig lösen solche sexuellen Übergriffe bei den Opfern auch psychische Probleme aus, die sich in schweren Depressionen, Angst vor Fremden und Selbstmordgedanken zeigen.

Auch Kinder sind sexueller Belästigung ausgesetzt. Eine Zufallsstudie unter 1.200 Schülern der neunten Klasse in Genf zeigte, daß 20% der Mädchen mindestens einmal körperlich sexuell mißbraucht worden waren. In Peru ergab eine Studie, daß 90% der Mädchen zwischen 12 und 16 Jahren, die ein Kind bekamen, nach einer, oft inzestuösen, Vergewaltigung schwanger wurden.

Weltweit gibt es viele Initiativen zur Vorbeugung gegen sexuelle Belästigung und zur Bestrafung der Täter. Diese Bemühungen, die häufig von den Vereinten Nationen unterstützt werden, werden vor allem von Nichtregierungsorganisationen unternommen, die mit den zuständigen Regierungsstellen zusammenarbeiten. So hat beispielsweise die Kampagne der Vereinten Nationen zu Gewalt gegen Frauen dazu geführt, daß viele lateinamerikanische Länder jetzt härtere Strafen für Vergewaltigung vorsehen.

Frauenhandel

Unter Menschenhandel versteht man das Anwerben oder den Transfer einer Person, um sie zu mißbrauchen oder auszubeuten. Dazu gehören erzwungene Prostitution, sklavereiähnliche Arbeitsverhältnisse, Schläge und extrem grausame Mißhandlung, Ausbeutung in Betrieben oder im Haushalt; aber auch Entführungen, vorgetäuschte Verhaftungen und Vergewaltigungen. Und immer sind dabei Täuschungen, Zwang und Gewalt, Autoritätsmißbrauch, Schuldknechtschaft und Betrug im Spiel. Da der Menschenhandel ein lukratives Geschäft ist, das oft mit der organisierten Kriminalität in Verbindung steht, können Gegenmaßnahmen ernsthafte Gefahren bergen.

Die Vereinten Nationen unterstützen mehrere Initiativen zur Einschränkung des Frauenhandels. So soll eine Kampagne in Rußland junge Mädchen, die keine Eltern mehr haben oder aus anderen Gründen schutzlos sind, über die Gefahren des Menschenhandels und der sexuellen Sklaverei aufklären. Außerdem werden sie darüber informiert, wie sie im Falle von Entführungen Hilfe erhalten können. In Nepal soll ein Film potentielle Opfer und deren Familien auf das Problem aufmerksam machen und die Folgen des Frauenhandels und mögliche Gesundheitsgefahren wie die Ansteckung mit HIV/AIDS und anderen Infektionskrankheiten verdeutlichen.

Bei der Vorbereitung für den letzten Internationalen Tag der Frau, den wir im 20. Jahrhundert begehen werden, stellen wir fest, daß nicht nur einige der größten Herausforderungen sondern auch einige der wichtigsten Siege der Menschenrechte in diesem Jahrhundert mit dem Problem der Gewalt gegen Frauen zusammenhängen.

Die Vereinten Nationen sind davon überzeugt, daß Frauen an den Entscheidungen beteiligt werden müssen, damit die Organisation ihren Auftrag zur Förderung von Frieden und nachhaltiger Entwicklung erfüllen kann. In den 90er Jahren hat die UNO viele Initiativen ergriffen und unterstützt, bei denen Vertreter von Regierungen, Nichtregierungsorganisationen und des privaten Sektors zusammengebracht wurden. In einer Reihe von Weltkonferenzen hat sich die Organisation mit Frauen und ihren Verteidigern zusammengetan und ein Ende der Gewalt gegen Frauen gefordert.

Diese beispiellose Partnerschaft hat sowohl der internationalen Frauenbewegung als auch den Vereinten Nationen geholfen, besser gegen die Gewalt gegen Frauen vorgehen zu können. Dabei dient UNIFEM als wichtige Brücke zwischen den Vereinten Nationen und den Verfechtern der Frauenrechte, die an der Basis und auf regionaler Ebene arbeiten. Dem UNIFEM-Treuhandfonds zur Unterstützung von Maßnahmen zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen kommt dabei eine zentrale Rolle zu. Der Fonds wurde 1995 eingerichtet, um die Empfehlungen der vierten Weltfrauenkonferenz umzusetzen. Er bündelt die Mittel verschiedener UNO-Einrichtungen und hat bereits mehr als $ 2 Millionen an Zuschüssen für 59 Initiativen vergeben, die weltweit neue Ansätze zur Bekämpfung geschlechtsspezifischer Gewalt verfolgen. UNIFEM steht außerdem an der Spitze von drei gemeinsamen regionalen Kampagnen von UNO-Organisationen zur Beseitigung der Gewalt gegen Frauen. Jede dieser Kampagnen – in Lateinamerika und der Karibik, in Afrika sowie in Asien und dem pazifischen Raum – setzt spezifische Schwerpunkte. Viele der erwähnten Maßnahmen gegen Gewalt gegen Frauen werden vom Treuhandfonds unterstützt oder sind Teil der regionalen Kampagnen.

Auf der Schwelle zum nächsten Jahrhundert hat die internationale Gemeinschaft eine gute Ausgangsposition, um die Dynamik der 90er Jahre mitzunehmen und die Welt von Gewalt gegen Frauen und Mädchen zu befreien.

Praktikant/-in für Bonner UNRIC-Büro gesucht

UNRIC bietet im Bonner Büro ein 8- bis 12-wöchiges Praktikum ab März 2018 an.
Bewerber/-innen sollten sich noch im Studium befinden, oder vor kurzem ihr Studium beendet haben und erste Erfahrungen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder im Journalismus besitzen.
Sehr gute Englisch- und Deutschkenntnisse sind Voraussetzung. Das Praktikum ist unbezahlt.
Bitte senden Sie Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen an:
[email protected]

UNRIC Verbindungsbüro in Deutschland, Bonn
Tel.: +49 (0)228 / 815-2773 / 2774
Fax: +49 (0)228 / 815-2777

UN Card 2016 DE 250px front