Samstag, 18 November 2017
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Ausländische Direktinvestitionen auf Rekordniveau – Zuwächse trotz Finanzkrise

UNIC/136

UNCTAD gibt Weltinvestitionsbericht 1998 heraus

GENF/BONN, 10. November 1998 (UNCTAD) - Die ausländischen Direktinvestitionen (Foreign Direct Investment/FDI(1)) durch internationale Konzerne (TNC)(2) erreichen 1998 vermutlich die Rekordhöhe von 430 bis 440 Milliarden US$, nachdem sie bereits 1997 erheblich angestiegen waren: 19% mehr weltweite Kapitalzuflüsse (400 Milliarden US$) und 27% mehr Kapitalabflüsse (424 Milliarden US$). Wie die Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) erklärt, wird der Zuwachs für 1998 trotz des langsameren Weltwirtschaftswachstums und der Krise auf den Finanzmärkten prognostiziert.

Die heute veröffentlichten Daten zeigen, daß sowohl die ausländischen Vermögenswerte der TNC, als auch ihre Auslandsverkäufe und der von ihnen erzielte Mehrwert 1997 neue Rekordwerte erreicht haben. Wie der von UNCTAD herausgegebene World Investment Report 1998: Trends and Determinants (WIR98)(3) feststellt, sind die ausländischen Direktinvestitionen eine wichtige Triebfeder für die Globalisierung. Gleichzeitig ist ihr Wachstum auch ein direktes Ergebnis von Globalisierung und wirtschaftlicher Liberalisierung.

In einer umfassenden Analyse der Investitionstrends zeigt der WIR98 wie sich das Umfeld der globalen Wirtschaft rapide verändert. Die Hauptfaktoren hinter dem sich beschleunigenden Wachstum der FDI sind die in die Höhe schnellende Anzahl grenzüberschreitender Unternehmenszusammenschlüsse und -aufkäufe (M & As), die zunehmende Privatisierung und die grossen Anstrengungen der Länder, FDI anzuziehen. Allein die 100 weltweit größten TNCs tätigen Auslandsumsätze Wert von mehr als 2 Billionen US$ und beschäftigen 6 Millionen ausländische Mitarbeiter.

Die FDI-Zuwächse im Jahr 1998 werden sich, so der WIR98, vermutlich auf die Industrieländer und auf Lateinamerika und die Karibik konzentrieren.

Die Kapitalzuflüsse nach Asien und in den pazifischen Raum werden sich jedoch aufgrund der asiatischen Finanzkrise bestenfalls auf dem Stand von 1997 halten können. Dies hieße, daß der FDI-Zufluß in diese Region zum ersten Mal seit 1985 nicht angestiegen ist. Innerhalb dieser Region wird es wahrscheinlich eine gewisse Veränderung bei den FDI in China geben, nachdem hier in den letzten sechs Jahren der Kapitalzufluß schnell ausgeweitet wurde und 1997 45 Milliarden US$ erreicht hatte. Damit machte er fast ein Drittel der gesamten FDI-Zuflüsse in alle Entwicklungsländer aus.

Als besonders schwierig erwies sich die Vorhersage über den FDI-Zufluß in die Länder Ost- und Südostasiens, die im vergangenen Jahr mit den größten finanziellen Problemen konfrontiert waren. Zwar gibt es hier eine Vielzahl negativer Faktoren, aber auch einige deutlich positive Gesichtspunkte. So weist der WIR98 zum Beispiel darauf hin, daß sich die in US Dollar berechneten Kosten für die Einrichtung oder den Ausbau von Produktionsstätten in diesen Ländern für alle Firmen verringert haben.


FDI- und Portfolio-Zuflüsse:

Wie der WIR98 hervorhebt, sind Direktinvestitionen im Ausland ein komplexes Unterfangen. Mit ihm ist ein langfristiges Engagement in eine Geschäftsaktivität verbunden und ein maßgeblicher Einsatz menschlicher und finanzieller Ressourcen. Dies erklärt zum Teil, wieso die FDI-Zuflüsse tendenziell stabiler verlaufen als die kurzfristigen Portfolio-Kapitalzuflüsse. Dies wird durch den heutigen Bericht unterstrichen, der folgende Faktoren als verantwortlich für die größere Stabilität der FDI aufzählt:

  • TNCs erwarten von FDI, daß sie langfristige Profite bei der Produktion von Waren und Dienstleistungen erzielen, während die ausländischen Portfolio-Investoren eher an kurzfristigen bzw. spekulativen Gewinnen interessiert sind;
  • Langfristigere Markt-, Struktur- und Wachstumspotentialfaktoren beeinflußen die Entscheidungen über FDI, wodurch FDI-Strategien weniger anfällig für kurzfristige Unbeständigkeiten auf den Finanzmärkten sind;
  • Spezifische Interessen der TNCs, wie etwa der Erwerb natürlicher Ressourcen oder besondere Produktionsstätten reduzieren den “Herdentrieb“ beim Investitionsverhalten im FDI-Bereich;
  • Die Veräußerung der Vermögenswerte ist komplizierter und langwieriger bei FDI als bei Portfolio-Investitionen.



Veränderungen bei den Schlüsseldeterminanten für die Investitionsentscheidungen der TNCs

Die Kräfte, die die Globalisierung vorantreiben, verändern die Vorgehensweisen, mit denen die TNCs ihre Ziele bei Auslandsinvestitionen verfolgen. Technologie und Innovation sind kritische Faktoren der Wettbewerbsfähigkeit geworden (z.B. sind die Einnahmen und Zahlungen für technologiebezogene Tantiemen und Lizenzgebühren der TNCs in zweistelligen Raten angestiegen).

Der WIR98 stellt fest, daß Fortschritte in der Liberalisierung von Handel und Investitionen sowie die Privatisierung treibende Kräfte waren. Gleichzeitig hat der technologische Fortschritt die Fähigkeit der Firmen gestärkt, ihre weitverzweigten internationalen Produktionsnetzwerke bei ihrem Streben nach Wettbewerbsfähigkeit aufeinander abzustimmen.

Der Generalsekretär der UNCTAD, Rubens Ricupero, weist in einem “Überblick“ zum Bericht darauf hin, daß sich bei den Überlegungen der TNCs, wo neue ausländische Investitionen getätigt werden sollen, die Schwerpunkte verlagern. Traditionelle Faktoren, wie etwa das Vorhandensein eines ausländischen Investitionen freundlich gesinnten Umfelds, natürliche Ressourcen, die Größe und das dynamische Wachstum von Märkten, wie auch Arbeitsmarktbedingungen bleiben weiterhin wichtig. Aber in zunehmendem Maße suchen Firmen auch Investitionsstandorte, die “geschaffene“ im Unterschied zu “natürlich vorgegebenen“ Standortvorteilen aufweisen. Die Spanne dieser “künstlich“ geschaffenen Vorteile bzw. “Werte“ reicht von bestimmtem technologischem Know-How bis hin zur Verfügbarkeit eines hochspezialisierten Arbeitspersonals. Der Besitz solcher Werte, so der WIR98, ist in einer sich globalisierenden Wirtschaft ein entscheidender Faktor für die Wettbewerbsfähigkeit von Firmen. Länder, die besondere Stärken hinsichtlich dieser “künstlich“ geschaffenen Faktoren entwickeln, gewinnen zunehmend an Attraktivität als Standorte für ausländische Unternehmen: “Die größere Bedeutung von “geschaffenen“ in Gegensatz zu natürlich vorgegebenen Standortvorteilen, ist die entscheidende Veränderung bei den wirtschaftlich ausschlaggebenden Faktoren für den Investitionsstandort in einer sich liberalisierenden und globalisierenden Weltwirtschaft,“ sagt der Bericht.

Wie wichtig es für Länder ist, die sich um FDI bemühen, auf diese grundlegenden Veränderungen zu reagieren, wird durch die neuen Zahlen des Berichts unterstrichen. 1997 stiegen die ausländischen Direktinvestitionen überall auf der Welt, in den Industrie- und in den Entwicklungsländern, in Zentral- und in Osteuropa. Der gesamte weltweite Kapitalzufluß pro Jahr von 400 Milliarden US$ ist beinahe doppelt so hoch wie im Jahr 1990 und ungefähr siebenmal so hoch wie der Betrag von 1980. Die Kapitalströme in die Entwicklungsländer stiegen 1997 um 149 Milliarden US$, und umfaßten 37% der weltweiten FDI. Zu Beginn des Jahrzehnts dagegen betrugen die FDI in Entwicklungsländern nur 34 Milliarden US$, was einem Anteil von 17% an den gesamten FDI entsprach.

Die größten internationalen Konzerne und ihre Schlüsseldaten

Der heutige Bericht listet die 100 größten TNCs nach der Höhe ihrer ausländischen Vermögenswerte auf, wobei die amerikanische Firma General Electric die Spitzenposition einnimmt, knapp vor der Royal Dutch Shell aus Großbritannien und den Niederlanden. Der Bericht führt auch die 50 größten TNCs in Entwicklungsländern auf, wobei Daewoo aus Südkorea die Rangliste mit Abstand anführt. Die Liste zeigt auch, daß die weltweit größten TNCs zunehmend transnational operieren und dadurch, was Vermögenswerte, Verkäufe und den Standort der Mitarbeiter angeht, weniger abhängig von ihrem Heimatland sind.

Die Bedeutung der TNCs im Prozess der Globalisierung spiegelt sich in der Tatsache, daß der weltweite Umfang des im Ausland gehaltenen Kapitalstocks von TNCs, 1997 um 10% auf eine geschätzte Summe von 3,5 Billionen US$ gestiegen ist. Dieses Kapital verteilt sich auf mindestens 53.000 große und kleine TNCs, die ihrerseits mindestens 450.000 ausländische Tochterunternehmen kontrollieren. Der Wert des Vermögens dieser Tochterunternehmen betrug 1997 mindesten das Dreifache des FDI-Volumens, wobei viele Aktivitäten lokal finanziert wurden.

Der Wert der weltweiten Umsätze der ausländischen Tochterunternehmen der TNCs stieg von 8.9 Billionen 1996 auf 9.5 Billionen US$ 1997. Die Mehrwertproduktion betrug 1997 fast 7 Prozent des Bruttosozialprodukts im Vergleich zu 5 Prozent Mitte der 80er Jahre. Die Umsätze durch die ausländischen Filialen wachsen schneller als der Welthandel. Und in dem Maße, in dem das Volumen der FDI größer wird, trägt auch die internationale Produktion zunehmend zur Interdependenz der Weltwirtschaft bei.

Internationale Zusammenschlüsse & Aufkäufe (M&As) nehmen rasant zu

Einer der auffälligsten Trends bei der Globalisierung ist die wachsende Bedeutung grenzüberschreitender M&As. Laut WIR98 sind diese jetzt eine treibende Kraft für die FDI und spiegeln die vorherrschenden Strategien der meisten TNCs wider: weniger wichtige Bereiche abgeben und Wettbewerbsvorteile durch Aufkäufe im Bereich der zentralen Aktivitäten stärken. Dies hat zur Folge, daß in jedem Wirtschaftsbereich eine industrielle Konzentration in der Hand einiger weniger Firmen stattfindet.

Die Liberalisierung des Handels (etwa durch das Übereinkommen über finanzielle Dienstleistungen, das im letzten Jahr im Rahmen der Welthandelorganisation vereinbart wurde) sowie Deregulierung und Privatisierung in einigen Schlüsselbereichen (wie z.B. Telekommunikation) hat die M&A-Aktivitäten angeregt. Im Jahr 1997 entfielen 236 Milliarden US$ oder 58 Prozent aller FDI auf Unternehmensübernahmen durch den Erwerb von Mehrheitsbeteiligungen. 1996 lag ihr Anteil am Gesamtvolumen der FDI noch bei knapp unter 50 Prozent. Bei 58 Transaktionen ging es um jeweils mehr als eine Milliarde US$, wobei TNCs aus Industrieländern an 90 Prozent dieser M&As beteiligt waren.

Die TNCs erreichen ihre Ziel, sich eine strategisch günstige Ausgangsposition im globalen Konkurrenzkampf zu sichern und Umstrukturierungen durchzuführen nicht nur durch M&As, sondern auch mittels des steigenden Umfangs von grenzüberschreitenden Kooperationsvereinbarungen zwischen verschiedenen Unternehmen. Viele dieser Absprachen beziehen sich auf Zusammenarbeit im Forschungs- und Technologiebereich, die - wie der WIR1998 betont – von vielen Unternehmen angestrebt werden, um ihre technologische Wettbewerbsfähigkeit zu stärken. Ihre Anzahl stieg von einem jährlichen Durchschnitt von unter 300 Anfang der 80er Jahre auf über 600 Mitte der 90er Jahre (seit 1980 wurden mehr als 8.000 Vereinbarungen bezüglich technologie-intensiver Arbeitsbereiche zwischen verschiedenen Unternehmen abgeschlossen).

Neue Vereinbarungen gestalten die Globalisierung

Globalisierung wird unter anderem durch eine wachsende Zahl bilateraler, regionaler und multilateraler wirtschaftlicher Abkommen geprägt. Generalsekretär Ricupero bestätigt, daß die UNCTAD versucht, den Entwicklungsländern bei der erfolgreichen Teilnahme an Diskussionen und Verhandlungen über Direktinvestitionen zu helfen. “ UNCTAD achtet im Besonderen darauf, die Interessen der Entwicklungsländer herauszuarbeiten und versucht sicherzustellen, daß die Entwicklungsproblematik in ihrer ganzen Dimension verstanden wird und adäquate Berücksichtigung in den internationalen Investitionsabkommen findet.“

Der WIR1998 bemerkt, daß selten zuvor so viele Verhandlungen zwischen einzelnen Ländern und in internationalen Organisationen stattgefunden haben. Die Zahl der bilateralen Rahmenabkommen nimmt ständig zu. Die Anzahl der bilateralen Investitionsabkommen betrug über 1500 Ende 1997 und im selben Jahr gab es 1794 Doppelbesteuerungsabkommen in mehr als 178 Ländern. Gleichzeitig, so der Bericht, haben die jüngsten Verhandlungen über internationale Investitionsvereinbarungen eine Reihe grundsätzlicher Überlegungen mitsichgebracht. Dazu gehören:

  • Unabhängig vom Schicksal der verschiedenen Initiativen, erkennen viele Länder inzwischen an, daß es notwendig ist, die Implikationen und die Angemessenheit der Vereinbarungen zu überprüfen.
  • Es wird zunehmend deutlich, daß diese Absprachen schwer zu verhandeln sind, da sie prinzipiell das gesamte Spektrum der produktions- und produktionsprozessbezogenen Themen sowie soziale und kulturelle Faktoren berühren. Dadurch werden sowohl in den Entwicklungs- als auch in den Industrieländern komplexe Fragen der nationalen Politik aufgeworfen.
  • Effektive Abkommen müssen eine Balance herstellen zwischen den unterschiedlichen Interessen von Ländern, die sich in verschiedenen Phasen der Entwicklung befinden. Eine der vorrangigen Aufgaben für die internationale Gemeinschaft - und speziell für die UNCTAD - ist es sicherzustellen, daß dem jeweiligen Entwicklungsziel Rechnung getragen wird und dies sich in Struktur, Inhalt und Implementierung internationaler Investitionsabkommen niederschlägt.
  • Wenn bei internationalen Abkommen über Investitionen ein breiter Konsens erreicht werden soll, ist es wichtig, daß die Standpunkte aller Betroffenen in die Verhandlungen miteinfließen. Deshalb sollten Repräsentanten der Zivilgesellschaften bzw. der breiten Öffentlichkeit an diesem Prozeß beteiligt werden.

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Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an:

Karl P. Sauvant, Chief, International Investment, Transnationals and Technology Flows Branch, Division on Investment, Technology and Enterprise Development, UNCTAD, Tel. (+41-22) 907 57 07, Fax: (+41-22) 907 01 94, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ; oder an Carine Richard-Van Maele, Chief, Press Unit, UNCTAD, Tel.: (+41-22) 907 58 16/28, Fax: (+41-22) 907 00 43, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.


(1) Ausländische Direktinvestitionen werden als Investitionen definiert, die die Kontrolle des Managements bei einer ortsansässigen Firma in einer Wirtschaft durch ein Unternehmen im Ausland beinhaltet.

(2) Internationale Konzerne bestehen aus Muttergesellschaften und ihren Filialen im Ausland: eine Muttergesellschaft wird als ein Unternehmen definiert, das die Vermögenswerte eines ausländischen Unternehmens kontrolliert, in der Regel durch den Besitz der Mehrheitsanteile. Ein Kapitalanteil von mindestens 10 Prozent wird in der Regel als Schwelle für eine Kontrolle der Vermögenswerte in diesem Bereich angesehen.

(3) Der Weltinvestitionsbericht von 1998 (Verkaufsnummer E.98.II.D.5) kann zum Preis von DM 90,- beim UNO-Verlag, Poppelsdorfer Allee 55, 53115 Bonn, Tel.: (+49-228) 949020, Fax: (+49-228) 217492, E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. bezogen werden.

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