Montag, 20 November 2017
UNRIC logo - Deutsch
                

Die Rolle von Mikrokrediten im Kampf gegen die Armut

UNIC/131
Hintergrundinformation
Internationaler Tag für die Beseitigung der Armut

Bericht des Generalsekretärs über Kleinkredite und Armutsbeseitigung

Darlehen in Höhe von einigen hundert Dollar an arme Haushalte können Arbeit und Beschäftigungsmöglichkeiten schaffen. Frauen, die wirtschaftlich und sozial benachteiligt und abhängig waren, erhalten damit eine Chance, produktive Tätigkeiten aufzunehmen. Arme können sich damit selbständig machen. Diese Feststellungen trifft ein erster Bericht des Generalsekretärs zum Thema Mikrokredit. Der Bericht an die Generalversammlung der Vereinten Nationen warnt jedoch davor, in solchen Programme ein unabhängiges oder primäres Instrument zur Senkung der Armut zu sehen.

Die Vergabe von informellen Kleinkrediten hat Tradition und ist vor allem im ländlichen Raum erfolgreich. Beispiele für diese Form der Mikrokreditvergabe lassen sich auch heute noch in Kenia (“Karussels“), Ghana (susu), Nigeria (esusu) und Malawi (chiperegani) und in der einen oder anderen Form auch in vielen anderen Teilen der Welt finden. Solche Vereinbarungen reichen aus, wo es keine Banken gibt; sie sind manchmal sogar das bevorzugte Kreditinstrument. Die Beteiligten erhalten einen Kredit und auch einen gewissen Schutz gegen wirtschaftliche Fluktuationen oder gegen Schwierigkeiten in der Familie. Sicherheiten werden gemeinsam aufgebracht, die einzelnen Gruppen treffen zusammen und tauschen wirtschaftliche und soziale Informationen aus.

Aber die Vergabe von Kleinkrediten im großem Ausmaß durch internationale und nationale Organisationen als Maßnahme der Armutsbekämpfung ist erst eine Errungenschaft des letzten Jahrzehnts. In einer Zeit, in der die Erwartungen an den öffentlichen Sektor geringer werden, die internationale Entwicklungshilfe und die Regierungsausgaben sinken, bietet die Mikrofinanzierung für arme Menschen, insbesondere für Frauen, eine Möglichkeit, mit bescheidenem Kostenaufwand und einem Minimum an Bürokratie unternehmerische Fähigkeiten zu entwickeln.

Seit Beginn des Jahrzehnts wurden in den Entwicklungsländern 3.000 Mikrofinanzierungsinstitutionen eingerichtet. Auf einem im letzten Jahr in Washington DC abgehaltenen “Mikrokredit-Gipfel“ stimmten die Geberländer einem Plan zu, bis zum Jahr 2005 die Vergabe von Kleinkrediten auf 100 Millionen arme Haushalte auszuweiten. Nach Ansicht der Organisatoren des Gipfels werden dazu zusätzlich 26 Milliarden Dollar erforderlich sein.

Das System hat Grenzen

Der Bericht des Generalsekretärs (A/53/223 und A/53/223/Add.1) weist darauf hin, “daß der Verwendung von Krediten als Instrument der Armutsbekämpfung Grenzen gesetzt sind, insbesondere wenn man die Tatsache berücksichtigt, daß viele arme Menschen, vor allem die Ärmsten der Armen, nicht in der Lage sind, wirtschaftliche Tätigkeiten zu übernehmen – manchmal auch weil es ihnen an entsprechenden Fertigkeiten und an der Motivation für das Geschäft mangelt.“ Ferner sind, trotz zahlreicher neuer Literatur auf diesem Gebiet, die Angaben über hohen Rückzahlungsraten oder über stabile Verbesserungen im Lebensstandard der Kreditnehmer nicht immer überzeugend zu verifizieren. Der Bericht warnt ebenso davor, die spärlichen Entwicklungshilfemittel aus wichtigen Bereichen wie Landwirtschaft, Infrastruktur, Gesundheit, Hygiene und Bildung abzuziehen.

Der von der Abteilung für Sozialpolitik und Entwicklung in der Hauptabteilung der Vereinten Nationen für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten verfaßte Bericht nennt einige der Schwierigkeiten, die bei bestehenden Kredit-Institutionen aufgetreten sind:

  • In vielen Entwicklungsländern ist die Gesamtzinsrate verhältnismäßig hoch, und mit einer festen Risiko-Prämie können die Zinsen für Mikrokredite ziemlich hoch werden.
  • Verwaltungsstrukturen sind allesamt nicht gut ausgebaut und verursachen oft hohe Transaktionskosten. “Wenn die Transaktionskosten, verbunden mit hohen Zinsraten, erfordern, daß für ein in Frage kommendes Geschäft eine Gewinnspanne von 30 bis 50% erzielt werden muß, dann ist nicht klar, ob dies ökonomisch sehr nützlich ist“, heißt es in dem Bericht.
  • Eine kürzlich neu entwickelte alternative Methode der Mikrofinanzierung erweitert die Darlehen auf jeden Rückzahlungsfähigen, egal ob eine glaubhafte Planung für ein Geschäft oder ein Unternehmen des informellen Sektors vorliegt oder nicht. Das Risiko dieser “Minimal-Methode“ besteht nach Ansicht des Berichts darin, daß die Kreditnehmer das Kapital lieber konsumieren als investieren.
  • Viele Mikrokredite wurden als selbständige Programme angeboten, ohne Unterstützungsleistungen oder Anbindung an Vorhaben des öffentlichen Sektors, wie z.B. eine Landreform, die eine notwendige Voraussetzung für den Erfolg sein können.

Um maximalen Nutzen aus dem unbestrittenen Erfolg vieler Mikrokredit-Programme zu ziehen, empfiehlt der Bericht eine Rationalisierung der Verwaltungsstrukturen und die Vergabe der Darlehen für den Erwerb von Land, geeigneter Technologie, die Erschließung von Märkten, die Bildung von Selbsthilfegruppen und die Bereitstellung von Beratungsdiensten. Desweiteren soll diese Form der Finanzierung als Komponente im Rahmen einer Gesamtstrategie gesehen werden, die zum Ziel hat, kleine Unternehmen zu fördern.

Als wirksame Methode, die Nachhaltigkeit der durch Mikrokredite finanzierten Vorhaben langfristig zu gewährleisten, schlägt der Bericht vor, Ersparnisse zu mobilisieren, z.B. durch eine mit der Mikrokredit-Institution verbundenen Kreditvereinigung. Ohne langfristige Nachhaltigkeit laufen die Mikrokredit-Institutionen Gefahr, zusammenzubrechen oder zu einer kaum verschleierten Wohltätigkeitseinrichtung zu werden.

Der Bericht des Generalsekretärs begrüßt die von der Weltbank eingesetzte Beratungsgruppe zur Unterstützung der Ärmsten, die für die Vergaben von Mikrokrediten über ein Budget von 218 Millionen Dollar verfügt. Diese Gruppe soll die internationalen Mikrokredit-Bemühungen koordinieren, zuverlässige Daten sammeln und die besten Praktiken fördern.

“Dieses Verfahren sollte gestärkt werden“, fordert der Bericht und stellt fest: “Das System der Vereinten Nationen muß eine realistischere Vorstellung von den Möglichkeiten der Mikrofinanzierung verbreiten und diese in den größeren Rahmen der Armutsbekämpfung stellen.“

Regionaler Überblick

Asien: Die Vergabe von Mikrokrediten ist in Asien am weitesten fortgeschritten. Eine innovative Methode, die erfolgreich von der Kreditvergabe der Grameen Bank durchgeführt wurde, ist das zur Reduzierung des Kreditrisikos entwickelte “peer-group monitoring“. (Einige Studien hinweisen jedoch auch darauf, daß der Grund für die hohen Rückzahlungsraten der Grameen Bank zum Teil in der Praxis wöchentlicher Treffen liegt (an denen teilzunehmen obligatorisch ist). Diese Treffen sind öffentlich und prüfen den Stand der Kreditrückzahlungen und der Ersparnisse. Wie berichtet, sollen diese Treffen die Disziplin, die regelmäßige Rückzahlung und die Verantwortung der Mitarbeiter stärken. Nicht alle Mikrofinanzierungs-Institutionen führen ein solches “peer-group monitoring“ durch.

Andere Institutionen, wie z.B. die Rakyat Bank in Indonesien mit 2,5 Millionen Kunden und 12 Millionen Kleinsparern, verlassen sich eher auf Empfehlungen und auf vor Ort angeworbene Kreditagenten anstatt auf faßbare Sicherheiten.

Die Thailändische Bank für Landwirtschaft und landwirtschaftliche Genossenschaften (BAAC) bedient ungefähr 1 Million Mikro-Kreditnehmer und 3,6 Millionen Kleinsparer. Andere Beispiele für das Wachstumspotential dieses Kreditbereiches sind Neulinge wie die Vereinigung für den Sozialen Fortschritt in Bangladesch mit einer halben Million Kunden oder der Volkskredit-Fonds in Vietnam mit mehr als 200.000 Mitgliedern/Kunden.

Gute Fortschritte werden auch von der ACLEDA in Kambodscha, der Buro-Tangail und Sewa Bank in Indien und der Ikhtiar in Malaysia berichtet.

Verschiedene Institutionen in Asien haben mit Mikrofinanzierungsdiensten zu tun. Dazu gehören kommerzielle Banken, ländliche Banken, Genossenschaftseinrichtungen, Kreditvereinigungen und Nichtregierungsorganisationen. Ihre Geschäftsmethoden reichen von der Bildung von Solidaritätsgruppen a la Grameen Bank über die Schaffung von Institutionen für Einzelkunden bis zu eigenverwalteten Selbsthilfegruppen. Manche dieser Institutionen sollen schon über die einfache Kreditvergabe hinausgehen und auch Versicherungen und andere finanzielle Dienstleistungen anbieten. Sowohl die Grameen Bank als auch der Ausschuß zur Förderung der ländlichen Entwicklung in Bangladesch (BRAC) bieten nicht-finanzielle Dienste an, wie z.B. die Schaffung von Absatzmärkten für die Einzelhandelsprodukte ihrer Kunden.

Lateinamerika: Die nicht gewinnorientierte Entwicklungsorganisation Accion Internacional und ihre Filialen sollen, nach vorliegenden Berichten, in den letzten fünf Jahren eine Milliarde Dollar an sehr arme Kleinunternehmer vergeben haben. Ihre Anfangsdarlehen liegen zwischen 100 und 200 Dollar und die gesamte Rückzahlungsrate liegt bei 98%. Ihr aus 19 Filialen bestehendes Netzwerk in Lateinamerika und Nordamerika vergibt pro Jahr an arme Unternehmer (56% davon sind Frauen) Darlehen in Höhe 300 Millionen Dollar. Seit 1987 ist die Zahl der Kreditnehmer bei Accion von 13.000 auf mehr als 285.000 gestiegen. Die sechs größten Filialen stellen nun pro Monat Darlehen in Höhe von einer Million Dollar bereit. BancoSol in Bolivien, die sich von einer Kredit vergebenden Nichtregierungsorganisation zu einer genehmigten kommerziellen Bank entwickelt hat, versorgt 67.000 Menschen mit Finanzdienstleistungen, dies sind mehr als die Hälfte der Gesamtzahl der Kunden des bolivianischen Bankensystems. Von ADEMI in der Dominikanischen Republik und ACP in Peru heißt es, daß sie Nachhaltigkeit erreicht haben.

Afrika: In Westafrika liegen die Mikrofinanzierungs-Institutionen noch in den Anfängen. Nach einer Studie der Weltbank, die sich mit neun Mikrofinanzierungs-Programmen befaßt hat (Pride, Landkredit, Crédit Mutuel de Guinée in Guinea, Crédit Mutuel du Senegal und Village Banks Nganda im Senegal, Reseau des Caisses Populaires und Sahel Action PPPCR in Burkina Faso und Caisses Villageoises du Pays Dogon und Kafo Jiginew in Mali), gehören alle neun Programme zu den besten Praktiken im Bereich der Mikrofinanzierung. Was die Nachhaltigkeit der Kreditvergabe an Kleinunternehmer betrifft, so erhielten die Programme von der Studie gute Noten: alle neun Programme befinden sich in der Nähe ihrer Kunden und im größtmöglichen Einzugsgebiet; sie verwenden einfache Kreditmodalitäten, die zudem an das kulturelle Umfeld angepaßt und sowohl für den Kreditgeber als auch den Kunden nicht teuer sind; sie haben sehr effektive Methoden angewandt, um hohe Rückzahlungsraten zu erhalten; die meisten beinhalten Ersparnisse, die einem wichtigen Bedürfnis vieler Menschen entsprechen und sie setzen den Preis für ihre Darlehen weit unter den üblichen kommerziellen Zinsraten fest, wenn auch nicht zur vollen Kostendeckung.

* * * *

Weitere Informationen erhalten Sie bei:
Abteilung für wirtschaftliche und soziale Angelegenheiten
Hauptabteilung für Sozialpolitik und Entwicklung
Zimmer DC2 – 1350
Vereinte Nationen
New York, NY 10017
Tel: 001-212-963–1806
Fax: 001-212-963-3062
E-mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.  

Praktikant/-in für Bonner UNRIC-Büro gesucht

UNRIC bietet im Bonner Büro ein 8- bis 12-wöchiges Praktikum ab März 2018 an.
Bewerber/-innen sollten sich noch im Studium befinden, oder vor kurzem ihr Studium beendet haben und erste Erfahrungen in der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit oder im Journalismus besitzen.
Sehr gute Englisch- und Deutschkenntnisse sind Voraussetzung. Das Praktikum ist unbezahlt.
Bitte senden Sie Ihre vollständigen Bewerbungsunterlagen an:
[email protected]

UNRIC Verbindungsbüro in Deutschland, Bonn
Tel.: +49 (0)228 / 815-2773 / 2774
Fax: +49 (0)228 / 815-2777

UN Card 2016 DE 250px front