Freitag, 24 November 2017
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Nachwirkungen der Finanzkrise in Fernost

UNIC/117

UNCTAD verlangt Umschwenken in der Wirtschaftspolitik, um weltweite Rezession zu vermeiden

GENF/BONN, 16. September 1998 (UNCTAD) – Aufgrund der Nachwirkungen der ostasiatischen Finanzkrise steht die Weltwirtschaft am Rande des Abgrunds. Wenn der Deflation in der Region nicht bald ein Wiederaufschwung folgt und wenn die europäischen Länder und Japan nicht die Nachfrage nach Waren und Dienstleistungen ankurbeln, kann es zu einer weltweiten Rezession kommen, warnt UNCTAD im ihrem Handels- und Entwicklungsbericht 1998. Der Versuch, eine durch zu hohe Investitionen und strukturelle Schwächen im Finanzsystem verursachte Krise mit einer Verringerung der Inlandsnachfrage zu bekämpfen, macht die Lage nur noch schwieriger. Es wäre nicht gerecht, die Kosten eines Versagens des Marktes und der Maßnahmen zur Rettung von Gläubigern allein den Entwicklungsländern aufzubürden und damit den Lebensstandard der einfachen Leute zu verschlechtern. Diese Feststellung liegt den neuen UNCTAD-Empfehlungen für eine besseres Management von Finanzkrisen zugrunde (siehe dazu UNIC/116).

Die gegenwärtige asiatische Wirtschaftskrise ist hinsichtlich ihrer Dimension und ihrer Auswirkungen bedrohlicher als jede andere Krise in den vergangenen dreißig Jahren, wobei das ganze Ausmaß der Krise derzeit noch nicht einmal spürbar ist. Das UNCTAD-Sekretariat schätzt die Kosten der Ostasienkrise allein für dieses Jahr auf ca. ein Prozent des globalen Bruttosozialprodukts oder rund 260 Milliarden US-Dollar, was dem jährlichen Einkommen der afrikanischen Staaten südlich der Sahara entspricht. Es wird erwartet, daß die Weltwirtschaft in diesem Jahr lediglich um zwei Prozent wachsen wird, d.h. um 1,2 Prozentpunkte weniger als im Vorjahr. Darüberhinaus besteht jedoch die Gefahr, daß eine falsche Wirtschaftspolitik die Weltwirtschaft in eine tiefe Rezession treibt.

Nahezu alle Entwicklungsländer sind betroffen

Die Wachstumsanalysen und -prognosen des diesjährigen UNCTAD-Berichtes zeigen, daß die Entwicklungsländer, ungeachtet bedeutender regionaler Unterschiede, sehr viel stärker an den Folgen der Krise leiden als die Industrieländer. Zum ersten Mal seit vielen Jahren wird das Wachstum in den Entwicklungsländern geringer ausfallen als in den Industrieländern und mit 2,5 Prozent nur die Hälfte der Rate von 1997 betragen. Eine Verlangsamung ist auch in China zu beobachten, wo die Wachstumsrate kaum über 6 Prozent liegen und damit nur halb so hoch sein wird wie das durchschnittliche jährliche Wachstum seit Anfang der 90er Jahre.

Ein deutlich gedrosseltes Wachstum wird in diesem Jahr auch für Lateinamerika erwartet (ca. 3 Prozent), wo 1997 noch die höchste Wachstumsrate seit 25 Jahren verzeichnet wurde. Dabei weisen die steigenden Leistungsbilanzdefizite in einer Reihe von Ländern auf die Verwundbarkeit der Region durch sinkende Kapitalzuflüsse hin, die zu einem noch stärkeren Wachstumsrückgang führen könnte.

In Afrika wird die Wachstumsrate des letzten Jahres von 3,3 Prozent wahrscheinlich übertroffen werden. Das gute Ergebnis von 1996 wird allerdings ebensowenig erreicht werden wie das von den Vereinten Nationen gesetzte Wachstumsziel von 6 Prozent pro Jahr, die erforderlich wären, um die Marginalisierung der Region zu stoppen. Anlaß zur Besorgnis gibt weiterhin die Verwundbarkeit der Region durch starke Schwankungen der Rohstoffpreise sowie das schwache Wachstum einiger der größten Volkswirtschaften des Kontinents. Die Krise in Asien wird sich auf einige afrikanische Länder direkt auswirken, die relativ viel nach Ostasien exportieren. Außerdem könnten die afrikanischen Exporte auch indirekt durch die Auswirkungen der Asienkrise auf die wichtigen Handelspartner Afrikas in Europa und Nordamerika in Mitleidenschaft gezogen werden. Darüberhinaus ist noch nicht klar, ob die Folgen des Klimaphänomens El Nino auf dem afrikanischen Kontinent bereits überwunden sind.

Südasien konnte sich den Folgen der ostasiatischen Finanzkrise aufgrund der Beschränkungen der Kapitalkonvertibilität in den größten Wirtschaften und einer relativ geringen kurzfristigen Auslandsverschuldung bisher weitgehend entziehen. Unter weniger ungünstigen Witterungsbedingungen als im vergangenen Jahr könnte das Wachstum 1998 wieder anziehen.

Diese Trends werden von den enormen Produktionsrückgängen in Fernost überschattet. Es wird erwartet, daß die gesamtwirtschaftliche Produktion in Indonesien um mehr als 12 Prozent, in der Republik Korea und in Thailand um 6 bis 8 Prozent und in Hongkong um 2 Prozent schrumpfen wird. Gegenwärtig kann für die nächsten Jahre nicht mit einer wirtschaftlichen Erholung in der Region gerechnet werden.

Ungewisse Aussichten für die Industrieländer

Die Vereinigten Staaten konnten im letzten Jahr ein beschleunigtes Wachstum bei weiterhin abnehmender Inflationsrate verzeichnen. Der im Vergleich mit den Einkommen übermäßige private Konsum, der zuletzt als Motor für das jüngste Wachstum fungierte, wird nicht weiter im gleichen Rhythmus steigen können. Es ist allerdings schwer vorherzusagen, wie schnell sich das Wachstum verringern wird. Dem UNCTAD-Bericht zufolge könnte es jedoch “eine härtere Landung als bislang erwartet“ geben.

Auch in Westeuropa hat sich das Wachstumstempo 1997 beschleunigt, aber das schnellere Wachstum ist außer im Vereinigten Königreich überall auf den Export zurückzuführen. Zwar hat es 1998 in Frankreich und einigen anderen europäischen Ländern bereits Anzeichen für eine stärkere Zunahme der Inlandsnachfrage gegeben, es ist jedoch immer noch wahrscheinlich, daß das Wachstum sowohl des Bruttoinlandsprodukts als auch der Exporte der Europäischen Union aufgrund der Asienkrise um mehr als einen halben Prozentpunkt geringer ausfallen. Darüberhinaus ist nicht zu erwarten, daß die Geldpolitik der Europäischen Zentralbank anfänglich die Nachfrage stimuliert. In naher Zukunft dürfte daher mit einem starken Euro, mit Deflationsdruck und mit anhaltender Arbeitslosigkeit zu rechnen sein.

Japan geriet 1998 in eine Rezession, und für dieses Jahr wird ein negatives Wachstum prognostiziert. Die vor kurzem angekündigten finanzpolitischen Anreize dürften in diesem Jahr noch keinen durchschlagenden Effekt zeigen. Ob diese Maßnahmen in der Zukunft erfolgreich sein werden, hängt davon ab, ob die strukturellen Schwächen des Finanzsektors überwunden werden können und ob der rückläufige Trend beim privaten Konsum gestoppt wird. Nach Auffassung der UNCTAD-Ökonomen erfordert dies ein grundsätzliches Umdenken in der Wirtschaftspolitik hinsichtlich der für das Wachstum ausschlaggebenden Faktoren.

Bisher konnte Japan wegen seiner eigenen wirtschaftlichen Probleme noch keine größere Rolle bei der Bewältigung der Asienkrise spielen. UNCTAD sieht jedoch keinen Grund, warum sich Japan nicht in erheblichem Umfang an der Auslandsfinanzierung anderer Länder der Region durch die Vergabe langfristiger Kredite beteiligen sollte.

Durchwachsene Aussichten für die Transformationsländer

Einige grüne Triebe zeigten sich zuletzt in Zentral- und Osteuropa, wo im zweiten Jahr in Folge ein moderates Wachstums verzeichnet werden kann. Die Asienkrise hat auf die meisten Länder dieser Region nur begrenzte Auswirkungen. Rußlands Wirtschaft dürfte dieses Jahr das höchste Wachstum seit 1989 erzielen. Aber Schwächen im Finanzsystem und die Auswirkungen eines 30prozentigen Verfalls der internationalen Erdölpreise könnten diese Vorhersage noch zur Makulatur machen.

Ansteckungsgefahr durch den Handel

Der Außenhandel spielt bei der Ausweitung der Krise eine Schlüsselrolle. Das reale Wachstum des Welthandels wird 1998 weit unterhalb der 9,5 Prozent des Vorjahres liegen. Lateinamerika ist von der Krise besonders betroffen, da zuletzt 10 Prozent der Exporte aus dieser Region nach Ostasien gingen. In einigen Ländern wie z.B. Chile betrug der Anteil Ostasiens an den Gesamtexporten nahezu 40 Prozent. Außerdem konkurrieren fast 60 Prozent der Exporte Lateinamerikas in die OECD-Staaten mit asiatischen Waren. Für die afrikanischen Staaten sehen die Zahlen weniger bedrohlich aus, doch auch hier erzielten einzelne Länder, wie die Demokratische Republik Kongo, Tansania und Sambia 25 bis 30 Prozent ihrer Exporterlöse in Ostasien.

Volkswirtschaften, die vom Export von Rohstoffen abhängen, haben die Folgen der Asienkrise am meisten zu fürchten. Die Krise in Fernost war der wichtigste Faktor beim jüngsten Verfall der Rohstoffpreise. Zwischen Juni 1997 und August 1998 fiel der Preisindex für Rohstoffe (ohne Erdöl) um ca. 10 Prozent, wobei die Preise für Metalle und landwirtschaftliche Erzeugnisse besonders starke Einbußen erlitten. In einigen rohstoffabhängigen Ländern könnten die Verluste bei den Exporteinnahmen bis zu 12 Prozent des Bruttoinlandsproduktes betragen.

Bislang haben die großen Industriestaaten mehr von den sinkenden Rohstoffpreisen und den verbesserten Handelsbedingungen profitiert als sie durch den Rückgang ihrer Exporte nach Asien verloren haben. Die Langzeitfolgen werden nach Auffassung der UNCTAD-Ökonomen jedoch vermutlich weniger rosig sein. Vor der Krise hing das globale Wachstum von der Expansion in den Vereinigten Staaten und in Ostasien ab, wo große Außenhandelsdefizite über private Kapitalzuflüsse finanziert wurden. In anderen Industrieländern hing das Wachstum stark von den Exportzuwächsen ab, die die Wirkungen der restriktiven Finanzpolitik kompensierten. Dadurch kam es zu Wechselkursschwankungen und Handelsungleichgewichten, wobei den Überschüssen Europas und Japans die Defizite der Vereinigten Staaten gegenüberstehen.

Die Kosten werden den Schwächsten aufgebürdet

Bei der Analyse der sozialen Auswirkungen der Ostasienkrise kommt der UNCTAD-Bericht zu dem Ergebnis, daß die Lasten der Krise unfairerweise von den ärmsten und schwächsten Segmenten der Gemeinschaft getragen werden. In den Sektoren, die bisher die schlecht ausgebildeten Armen aus ländlichen Regionen aufgenommen und dadurch die Armut verringert haben, sind bereits zahlreiche Arbeitsplätze verloren gegangen, vor allem in Klein- und Mittelbetrieben. Die Auswirkungen der Arbeitslosigkeit werden durch steigende Nahrungsmittelpreise und sinkende Sozialausgaben noch verschlimmert. Wenn der Grundschulbesuch eingeschränkt wird und die Unterernährung von Kindern zunimmt, könnten die Folgen sogar auf die nächste Erwachsenengeneration übergreifen. Selbst sehr vorsichtige Schätzungen kommen zu dem Ergebnis, daß 1998 in Indonesien 50 Prozent und in Thailand 30 Prozent mehr Menschen als 1996 unterhalb der Armutsgrenze leben müssen.

Dem UNCTAD-Bericht zufolge kann nur durch ein scharfes Umschwenken in der Wirtschaftspolitik, weg von der Deflation hin zur Reflation, eine dauerhafte Verbesserung der Situation erreicht werden: das Zinsniveau muß gesenkt, zusätzliche Liquidität muß bereitgestellt, und die öffentlichen Ausgaben müssen erhöht werden, wenn der wirtschaftliche und soziale Zusammenbruch aufgehalten werden soll.
Bisher sind der Ernst und die Neuartigkeit der Situation nicht voll erkannt worden. Verlautbarungen über die angeblichen strukturellen Schwächen der von der Krise betroffenen Wirtschaften und die Notwendigkeit einer noch schnelleren Liberalisierung haben die Lage nur noch weiter verschlimmert. Die bisher praktizierte Form des Krisenmanagements hat aus einer Liquiditätskrise eine Solvenzkrise gemacht, so der UNCTAD-Bericht. Dementsprechend wird ein völlig neuer Ansatz zum generellen Umgang mit internationalen Finanzkrisen gefordert (siehe UNIC/116).

Globale Risiken

Die Finanzströme in die aufstrebenden Märkte außerhalb Ostasiens scheinen sich nicht zu verlangsamen. Der Preis dafür ist hoch. Um die Nachfrage zu zügeln und das Vertrauen in die Märkte zu erhalten wurden vorbeugend restriktive geld- und finanzpolitische Maßnahmen ergriffen. Außerdem werden die Währungen vieler aufstrebender Volkswirtschaften auf einem niedrigeren Stand zum Dollar als je zuvor gehandelt. Der UNCTAD-Bericht beklagt, daß “die Früchte der harten Arbeit der Entwicklungsländer, Vermögenswerte wie Waren, inzwischen für einen Apfel und ein Ei zu haben sind“. Die Übernahme von Vermögenswerten zu Spottpreisen durch ausländische Investoren, verbessert in keiner Weise die Grundlagen für ein schnelleres Wachstum und eine nachhaltige Erhöhung des Lebensstandards im Süden.
Im für die Weltwirtschaft schlimmsten Fall wird es zu neuen Schüben finanzwirtschaftlicher Instabilität in den aufstrebenden Märkten und zu einer Korrektur der Aktienkurse in den Industrieländern kommen, bei gleichzeitig stark verlangsamtem Wirtschaftswachstum in den Vereinigten Staaten, restriktiver Geldpolitik in Europa, einer Verlängerung der Rezession in Ostasien und Japan, sowie zunehmenden Ungleichgewichten im Außenhandel der wichtigsten Industrieländer. Dies könnte die Weltwirtschaft in eine tiefe und möglicherweise länger andauernde Rezession stürzen und außerdem zu weiteren ernsten Handelskonflikten führen.
Um dies zu verhindern, müssen die Industriestaaten, vor allem Europa und Japan, einen größeren Beitrag zur weltweiten Nachfragesteigerung leisten. Darüberhinaus muß auch ein Wandel bei der Deflationspolitik in Ostasien erfolgen.

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Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an: Dr. Detlef Kotte, Abt. für Globalisierung und Entwicklungsstrategien, UNCTAD, Tel.: (+41-22) 907-5837/5923, Fax: (+41-22) 907-0274, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ; Yilmaz Akyüz, Direktor der Abt. für Makroökonomie und Entwicklungspolitik, UNCTAD, Tel.: (+41-22) 907-5841, FAX: (+41-22) 907-0274, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. . oder Carine Richard-van Maele, Pressereferentin, UNCTAD, Tel.: (+41-22) 907-5816/28, FAX: (+41-22)907-0043, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

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