Dienstag, 21 November 2017
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UNCTAD fordert finanziellen Sicherungsmechanismus für Währungen zum Schutz vor spekulativen Attacken

UNIC/116

Veröffentlichung des UNCTAD Handels- und Entwicklungsberichts 1998

GENF/BONN, 16. September 1998 (UNCTAD) – Es wäre unverantwortlich, die Augen weiterhin davor zu verschließen, daß es sich bei der finanzwirtschaftlichen Instabilität der Weltwirtschaft um ein strukturelles Problem des internationalen Währungs- und Finanzsystems handelt. Die weltweite Überwachung und Regelung des Kapitalverkehrs hat nicht mit der Integration der Finanzmärkte Schritt gehalten. Dies hat zunehmend kostspielige Folgen. Um die sprunghaften Bewegungen des internationalen Kapitals einzudämmen, muß das Krisenmanagement verbessert werden, wobei auf eine Mischung aus alten und neuen Methoden zurückgegriffen werden muß . Dies sind einige der Schwerpunkte des UNCTAD Handels- und Entwicklungsberichts 1998, der heute veröffentlicht wurde. Der Bericht empfiehlt, verschuldeten Entwicklungsländern, deren Währungen von Spekulanten angegriffen werden, das Recht einzuräumen, Kapitaltransaktionen einseitig zu stoppen, analog zu den Schutzklauseln im internationalen Handel unter WTO-Recht.


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Instabilität im Finanzsektor ist inzwischen zu einem vertrauten Aspekt der Weltwirtschaft der 90er Jahre geworden. Mit jeder Krise hat sich der Schaden für die reale Wirtschaft vergrößert, insbesondere in den Entwicklungsländern. Das UNCTAD-Sekretariat schätzt die durch die Krise in Fernost verursachten Kosten allein in diesem Jahr auf ca. 260 Milliarden US-Dollar, also auf ungefähr ein Prozent des globalen Bruttosozialprodukts (siehe UNIC/117).

Diese Krisen folgen keinem einheitlichen Schema, aber der Bericht hebt einige wiederkehrende Merkmale hervor. So sind Krisen im Bankwesen oft mit Spekulationswellen verbunden. Währungskrisen geht meist ein starker Anstieg von Kapitalzuflüssen voraus, die durch Zinsdifferenzen bei gleichzeitig stabilen Wechselkursen angezogen werden. Die Verschlechterung der Außenhandelsbilanzen und die Schwächung der Finanzsektoren sind zwei zusammenhängende Aspekte des gleichen Prozesses bei überbordenden Kapitalbewegungen. Richtungswechsel bei den Kapitalströmen spiegeln häufig weniger Veränderungen in der Wirtschaftspolitik der betroffenen Volkswirtschaften wider, sondern stehen in Verbindung mit einer Verschlechterung der makroökonomischen Bedingungen durch die Kapitalzuflüsse. In den Entwicklungsländern werden sowohl Kapitalzuflüsse als auch Kapitalabflüsse in der Regel von den finanzwirtschaftlichen und monetären Bedingungen in den führenden Industrieländern beeinflußt. Diese Abhängigkeit von der Situation in den Industrieländern spüren insbesondere diejenigen Entwicklungsländer, in denen eine umfassende Deregulierung und Liberalisierung des Finanzsektors stattgefunden hat.

Viele dieser eher strukturellen Merkmale des internationalen Finanzsystems sind bisher weitgehend verkannt worden, da zu viel Vertrauen in die Märkte und ihre Fähigkeit gesetzt wurde, die Wirtschaftspolitik zu disziplinieren. Infolgedessen, so der UNCTAD-Bericht, werden wichtige Veränderungen bei den makroökonomischen Indikatoren außerhalb der Länder, in denen sich die Krisen zuerst manifestieren, zu wenig beachtet. Dies gilt zum Beispiel für die Impulse, die von der Geld- und Wechselkurspolitik der USA und einiger anderer OECD-Länder ausgehen, die einen starken Einfluß auf die Kapitalbewegungen haben.

UNCTAD teilt nicht die Auffassung, daß unzureichende Informationen für den Ausbruch der Krise in Fernost entscheidend gewesen sind. Der Bericht stellt jedoch fest, daß Verbesserungen in Bezug auf die rechtzeitige Verfügbarkeit und die Qualität von Informationen über entscheidende makroökonomische und finanzwirtschaftliche Variablen einen wichtigen Beitrag zur richtigen Entscheidungsfindung bei Investoren, Politikern und Kontrollgremien leisten können. 

Falsche Reaktionen

Die UNCTAD-Ökonomen stellen fest, daß zahlreiche Aktivitäten auf den Finanzmärkten keinen Bezug mehr zur Schaffung von Wohlstand und Arbeitsplätzen haben. Sie sind vielmehr auf die Erzielung von Gewinnen aus Spekulationen und Arbitrage gerichtet. Darüberhinaus übt auch der Herdentrieb einen maßgeblichen Einfluß auf das Kommen und Gehen von Anlegern aus. Unabhängig davon, was im Einzelfall der auslösende Faktor sein mag, können ein plötzlicher Rückzug des Kapitals und eine anhaltende massive Attacke auf die Währung eines Landes schnell in eine Panik ausarten. Unter diesen Umständen kann eine Straffung der Geldpolitik die Fluchtbewegung noch verstärken und damit sowohl die Kreditwürdigkeit eines Landes weiter schwächen als auch das Risiko der Zahlungsunfähigkeit erhöhen. Angesichts der Komplexität des Problems stoßen Lösungsansätze, die nur auf die Selbstheilungskräfte des Marktes abstellen, schnell an ihre Grenzen.

Der Bericht erteilt der Wirtschaftspolitik einige Lektionen in Sachen “gesunder Menschenverstand“:

  • Erstens ist eine Krise der schlechteste Zeitpunkt für die Reform eines Finanzsystems.
  • Zweitens wird eine Krise durch eine Erhöhung der Zinssätze für einen längeren Zeitraum nur noch verschärft, insbesondere wenn Währungsprobleme mit finanziellen Schwierigkeiten von Unternehmen verbunden sind, da es dann bei vielen Firmen und Banken zur Zahlungsunfähigkeit kommen kann.
  • Drittens sollten die Wechselkurse nicht vollständig freigegeben werden, während gleichzeitig die Ansprüche ausländischer Gläubiger unter Rückgriff auf internationale Hilfsfonds befriedigt werden.

Internationale Rettungsaktionen sind nicht unproblematisch. Bei objektiver Betrachtung der Entwicklungen in Fernost im vergangenen Jahr stellt man fest, daß die internationalen Finanzhilfen, die auf multilateraler oder bilateraler Ebene gewährt wurden, quantitativ unzureichend waren und zu spät erfolgten. Darüberhinaus wurde den Ansprüchen der Gläubiger tendenziell eher entgegengekommen als den Bedürfnissen der Schuldner. Einige Beobachter betrachten dies als eine moralische Gefahr und fordern daher eine Einschränkung derartiger Finanzhilfen. Dagegen weist der UNCTAD-Bericht darauf hin, daß es bei unzureichender Liquidität zur Abwehr von Angriffen unvermeidlich zu Zahlungsunfähigkeit und Firmenzusammenbrüchen auf breiter Front käme.

Unentbehrliche Maßnahmen: Schuldenmoratorien und Kapitalkontrollen

Angesichts der Tatsache, daß die Auslandsschulden von Entwicklungsländern zunehmend privater Natur sind und daß immer umfangreichere Rettungsaktionen auf politischen Widerstand stoßen, fordert UNCTAD einen völlig anderen Umgang mit Finanzkrisen.

Eine mögliche und annehmbare Alternative zum bisherigen Vorgehen bestünde darin, die bei Zahlungsunfähigkeit von Firmen gültigen Prinzipien zu erweitern und bei Währungsattacken auch auf Volkswirtschaften anzuwenden. Damit würde ein Schuldenmoratorium ermöglicht, das Spekulanten abwehrt. So könnte dem Land die zur Erarbeitung eines Umschuldungskonzeptes notwendige Atempause verschafft werden und es würde verhindert, daß eine Liquiditätskrise zur Zahlungsunfähigkeit eskaliert.

Allerdings ist ein richtiggehendes Verfahren in Analogie zu Kapitel 11 des amerikanischen “bankruptcy code“ weder praktikabel noch notwendig. Artikel VIII des IWF-Vertrages könnte die rechtliche Grundlage für die Verhängung eines Schuldenmoratoriums bieten. Dies könnte mit den “gängigen Umschuldungsverfahren“ kombiniert werden. Die Entscheidung über ein Moratorium könnte von dem Land, dessen Währung angegriffen wird, einseitig getroffen werden, während die Beurteilung der Rechtmäßigkeit dieser Entscheidung einem eigens dafür geschaffenen, unabhängigen internationalen Gremium übertragen würde. 

Vorbeugung ist das beste Heilmittel

Vorbeugung, so die Überzeugung von UNCTAD, bleibt das beste Heilmittel für Finanzkrisen. Allerdings sind die UNCTAD-Experten der Auffassung, daß viele Vorschläge, die in dieser Richtung gemacht wurden, ungeeignet sind. “Die Alternative flexibler Wechselkurse bei gleichzeitig völliger Bewegungsfreiheit des Kapitals würde die Währungsstabilität aushöhlen, mit (negativen) Nebeneffekten für Handel, Investitionen und Wachstum“. Auch die vollständige Anbindung der einheimischen Geldbasis an die Währungsreserven (currency boards) “kann eine Volkswirtschaft nicht gegen Instabilität abschirmen, die von außen kommt“, jedoch indirekt die Stabilität der Banken gefährden. Eine Verbesserung der Bankenregulierung und -aufsicht kann die Wahrscheinlichkeit von Finanzkrisen zwar reduzieren, doch “die Erfahrung zeigt, daß aufgrund der Verwundbarkeit des Finanzsektors durch Veränderungen der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen und der unvermeidbaren Mängel im Regulierungsprozeß selbst, nicht einmal das ausgeklügeltste System der Finanzregulierung einen hundertprozentigen Schutz vor Krisen bieten kann“.

Der UNCTAD-Bericht nennt als wichtige Elemente eines verbesserten wirtschaftspolitischen Rahmens zur Vorbeugung von Finanzkrisen:

  • Die Verfolgung eines ausgewogeneren Ansatzes zur internationalen Politiküberwachung, der berücksichtigt, daß Zins- und Wechselkursschwankungen in den wichtigsten Industriestaaten einen stark destabilisierenden Einfluß auf andere Länder ausüben.
  • Die Förderung von Beratung und Zusammenarbeit auf regionaler Ebene, die besonders hilfreich sein können, wenn es darum geht, Währungsturbulenzen und ihrem Übergreifen auf andere Länder vorzubeugen.
  • Die Gewährung von mehr Spielraum für die Entwicklungsländer bei der Einführung von Kapitalverkehrskontrollen, die eine bewährte Methode im Umgang mit stark schwankenden Kapitalströmen darstellen. Dem UNCTAD-Bericht zufolge werden sie “ein unentbehrlicher Bestandteil des Maßnahmenarsenals bleiben, das den Entwicklungsländern zur Verfügung steht, um sich vor der internationalen finanziellen Instabilität zu schützen.“

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Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an: Dr. Detlef Kotte, Abt. für Globalisierung und Entwicklungsstrategien, UNCTAD, Tel.: (+41-22) 907-5837/5923, Fax: (+41-22) 907-0274, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ; oder Carine Richard-van Maele, Pressereferentin, UNCTAD, Tel.: (+41-22) 907-5816/28, Fax: (+41-22) 907-0043, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann.

Der UNCTAD Trade and Development Report 1989 (Verkaufsnr.:E.98.11.D.6) kann beim UNO-Verlag, Poppelsdorfer Allee 55, 53115 Bonn oder über die United Nations Publications, Sales Section, Palais des Nations, CH-1211 Geneva 10, Switzerland, Fax: (+41 22) 917 0027, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. bezogen werden.

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