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UNCTAD-Bericht zu Handel und Entwicklung 1997: Weltwirtschaft wächst weiterhin zu langsam, angesichts der Armut im Süden und hoher Arbeitslosigkeit im Norden

UNIC/66

GENF/BONN, 15. September (UNCTAD) -- Das Wachstum der Weltwirtschaft wird auch dieses Jahr zu gering sein, um zu einer Lösung des Armutsproblems in den Entwicklungsländern und zu einem Abbau der Arbeitslosigkeit in vielen Industrieländern beizutragen, schreibt die Handels- und Entwicklungskonferenz der Vereinten Nationen (UNCTAD) in der diesjährigen Ausgabe ihres jährlichen Berichts zu Handel und Entwicklung (“Trade and Development Report 1997“, 216 Seiten). Trotz der Erfolge bei der Inflationsbekämpfung in fast allen Ländern, hat sich das gesamtwirtschaftliche Wachstum - entgegen weitverbreiteter Erwartung - noch nicht beschleunigt. Seit 1990 hat die Weltwirtschaft langsamer expandiert als in den 80er Jahren, und auch für dieses Jahr ist eher ein schwaches Wachstum zu erwarten. Zugleich haben sich im Welthandel neue Ungleichgewichte herausgebildet, die denen der 80er Jahre ähnlich sind.

1996 nahm das Wachstum der Produktion weltweit leicht zu (auf 2,8% gegenüber 2,4% im Jahre 1995). Diese Zunahme erfolgte trotz einer deutlich schwächeren Expansion des Welthandels, die von 8,5% im Jahr 1995 auf 4% zurückging. Wie schon in den vorhergehenden Jahren trugen die Entwicklungsländer - mit einem Produktionswachstum von insgesamt 5,6% - erheblich zu diesem Ergebnis bei.

Das gegenüber 1995 leicht höhere Wachstum ist zum großen Teil auf eine konjunkturelle Erholung in Japan und in Lateinamerika zurückzuführen. Dem steht jedoch eine Verlangsamung des Wachstums im übrigen Asien und in der Europäischen Union gegenüber. Laut UNCTAD ist für 1997 mit ähnlichen Ergebnissen zu rechnen.

Wachstum im Süden - ausreichend und nachhaltig?

Trotz einer leicht rückläufigen Wachstumsrate (6,9% im Vergleich zu 7,3% 1995) hat sich Asien 1996 weiter gut entwickelt, und auch im laufenden Jahr dürfte diese Region wieder die stärkste Dynamik aufweisen. Allerdings bergen die Perspektiven für die asiatischen Entwicklungsländer inzwischen einen größeren Unsicherheitsfaktor: in einigen dieser Länder steuert die Wirtschaftspolitik einen restriktiveren Kurs, um der Inflation entgegenzuwirken und außenwirtschaftliche Probleme in den Griff zu bekommen.

Im vergangenen Jahr wurde das Wachstum der Region durch einen starken Rückgang der Exporte aus mehreren der sogenannten Schwellenländer Ost- und Südostasiens beeinträchtigt. Einige dieser Länder befinden sich inzwischen in einem Stadium ihrer Entwicklung, in der weitere Exporterfolge zusehends schwieriger werden. Dies liegt im wesentlichen darin begründet, daß ihr Spielraum für eine Ausweitung der Ausfuhr von Exportgütern, die mit einem hohen Einsatz an meist ungelernten Arbeitskräften und relativ geringem Kapital- und Technologieaufwand produziert werden können, weitgehend ausgeschöpft ist. Diese Länder stehen nun vor der Herausforderung, in technologisch anspruchsvollere Produktionszweige zu diversifizieren und die Produktivität zu steigern.

Die Volksrepublik China hat erneut eine beeindruckende Wachstumsrate von fast 10% aufzuweisen und dürfte sich auch 1997 ähnlich dynamisch entwickeln. Dabei ist die Gefahr einer Überhitzung relativ gering, da die Inflationsrate auf unter 10 % gedrückt werden konnte. Die Wirtschaftspolitik hat daher die Möglichkeit, ihr Augenmerk auf strukturelle Schwachpunkte in den Bereichen Landwirtschaft und Infrastruktur zu lenken.

Im Gegensatz zu Südostasien konnte Westasien 1996 dank der günstigen Ölpreisentwicklung eine höhere Wachstumsrate erreichen als in den vorhergehenden Jahren. Auch Südasien konnte ein robustes Wachstum verzeichnen.

Der wirtschaftliche Aufschwung in Afrika setzte sich 1996 fort und erfaßte auch einige der am wenigsten entwickelten Länder der Region. Die durchschnittliche Wachstumsrate von 3,9% wurde im regionalen Vergleich nur von Asien übertroffen. Dieser Trend dürfte sich auch 1997 fortsetzen.

In 11 Ländern Afrikas betrug das Wachstum 6% oder mehr, und in weiteren 28 Ländern lag es zwischen 3 und 6%. Dieser positiven Entwicklung liegt eine günstige Entwicklung der Rohstoffpreise zugrunde, die 1996 zu beträchtlichen Zuwächsen im Agrarsektor führte. Außerdem wurde der Aufschwung in einer Reihe nordafrikanischer Länder von lebhaftem industriellem Wachstum getragen.

Obwohl sich Lateinamerika von den durch die Mexiko-Krise ausgelösten Problemen weitgehend erholt hat, blieb das regionale Wachstum 1996 bei eher bescheidenen 3,3%. Hier wird für 1997 eine Beschleunigung des Produktionszuwachses erwartet. Die wirtschaftliche Erholung in Lateinamerika ging hauptsächlich auf das Konto des Aufschwungs in Argentinien und Mexiko, die beide starke Exportzuwächse verzeichnen konnten. Auch in einigen anderen Ländern spielte der Außenhandel eine wichtige Rolle, sowohl als Folge unilateraler Handelsliberalisierung als auch aufgrund einer Verstärkung des Handels zwischen den Ländern der Region.

Allerdings war mit der wirtschaftlichen Erholung in vielen Ländern ein erheblicher Anstieg der Importe verbunden. 1996 war die Zunahme des Importvolumens in Lateinamerika mit 9,5% fast doppelt so hoch wie im vorhergehenden Jahr. Damit verbunden ist eine unvermindert starke Abhängigkeit von Kapitalzuflüssen. UNCTAD zufolge bleibt daher die Aufgabe, außenwirtschaftliches Gleichgewicht und wettbewerbsfähige Wechselkurse einerseits mit stärkerem Wachstum und Preisstabilität andererseits in Einklang zu bringen, die größte wirtschaftspolitische Herausforderung in den meisten lateinamerikanischen Ländern. Während sich also in vielen Entwicklungsländern die wirtschaftliche Situation insgesamt verbessert hat, bleibt weiterhin unklar, ob unter den gegenwärtigen Rahmenbedingungen mittelfristig ein höheres Wachstumsniveau erreicht und aufrechterhalten werden kann. Zahlreiche Länder mit erheblichen Defiziten im Außenhandel sind nach wie vor zu leicht durch abrupte Schwankungen der Kapitalzuflüsse verwundbar, stellt der UNCTAD-Bericht fest. Außerdem betont UNCTAD, daß eine zügige und flexible Umsetzung der Schuldeninitiative des IWF und der Weltbank zugunsten der hochverschuldeten armen Länder (die sogenannte HIPC-Initiative), die für viele der ärmeren Entwicklungsländer bei ihren Bemühungen zur Erreichung eines nachhaltigen Wachstums eine wichtige Rolle spielen könnte. UNCTAD warnt in diesem Zusammenhang vor halbherzigen Maßnahmen, die nur zusätzliche Kosten sowohl für die Schuldnerländer als auch für die Gläubigerländer mit sich bringen, wie die Erfahrungen mit der Schuldenkrise in den 80er Jahren gezeigt haben.

Unsicherheit in Mittel- und Osteuropa

In den meisten Transformationsländern konnte die Inflation eingedämmt werden. Die relativ hohe Wachstumsrate des Jahres 1995 (4%) wurde jedoch nicht wieder erreicht, sondern fiel auf 1,6%. Während sich einige dieser Volkswirtschaften in den letzten Jahren erholt haben, leiden andere weiterhin unter Instabilität und gesamtwirtschaftlichen Ungleichgewichten. Aufgrund der restriktiven Geld- und Finanzpolitik sind die Konjunkturaussichten dieser Länder vorläufig stark eingeschränkt. Am günstigsten sind die Aussichten derzeit für Polen, das auch 1996 wieder ein starkes Wachstum verzeichnen und damit als erstes Transformationsland sein Produktionsniveau von 1989 überschreiten konnte.

Die Vereinigten Staaten expandieren - in Europa wird der Aufschwung durch eine restriktive Finanzpolitik gedämpft

Die Vereinigten Staaten verzeichneten 1996 zum sechsten Mal in Folge ein fast inflationsfreies Wachstum (2,5 %). Trotz der Schaffung von 12 Millionen Arbeitsplätzen seit 1992 und einer Verringerung des Haushaltsdefizits auf etwa 1,5 % des Bruttosozialprodukts blieben die Preise entgegen vieler Vorhersagen stabil. Anfang 1997 lag die Arbeitslosenquote unter 5 %. Angesichts dieser Entwicklung gewinnt das bereits im Handels- und Entwicklungsbericht 1995 vorgebrachte Argument an Gewicht, daß die Zentralbanken der Industrieländer ihre Annahmen über das preisniveauneutrale Wachstums- und Beschäftigungspotential überprüfen müssen, um einer Lösung ihrer Beschäftigungsprobleme näher zu kommen.

Trotz der Erfolge seit Beginn der 90er Jahre war das Wachstum in den USA schwächer als in den 80er Jahren. Im übrigen kam es in fast jedem Jahr des anhaltenden Aufschwungs zu einer Verringerung des Durchschnittslohns. Die erzielten Produktivitätszuwächse kamen ausschließlich den Gewinnen zugute, die 1996 so hoch waren wie seit den 60er Jahren nicht mehr.

Die Prognosen für Westeuropa stehen gegenwärtig unter dem Vorzeichen großer Unsicherheit. Die durchschnittliche Wachstumsrate fiel 1996 erneut, und zwar auf 1,5 %. Von den größeren Volkswirtschaften konnte nur das Vereinigte Königreich ein zufriedenstellendes Wachstum erreichen. Einige andere Länder sehen sich jedoch weiterhin mit dem Problem zu geringen Wachstums bei hoher Arbeitslosigkeit konfrontiert. Die Regierungen dieser Länder befinden sich hier in einem Dilemma. Ihre gegenwärtig im Hinblick auf die Einhaltung der Maastricht-Kriterien für die dritte Phase der Europäischen Währungsunion praktizierte restriktive Finanzpolitik erschwert anti-zyklische Maßnahmen, die in der Lage wären das Wachstum zu stimulieren und die Arbeitslosigkeit wirksam zu bekämpfen.

UNCTAD ist jedoch der Auffassung, daß in dieser Hinsicht durchaus Raum für größere Flexibilität besteht, angesichts der Tatsache, daß - ungeachtet der noch bestehenden Abweichungen der Haushaltsdefizite von den Maastricht-Kriterien - Preis- und Wechselkursstabilität in den betreffenden Ländern bereits erreicht sind. Eine Fortsetzung der Debatte über diese Kriterien und die Notwendigkeit ihrer Erreichung könnte dagegen zu einer Verunsicherung der Finanzmärkte und zu Wechselkursschwankungen führen, die den wirtschaftlichen Aufschwung noch zusätzlich erschweren könnten.

Daher befürwortet UNCTAD ein Ende der Diskussion um die Defizitkriterien und eine Verwirklichung der Währungsunion zum vorgesehenen Zeitpunkt, unabhängig davon, ob die Maastricht-Kriterien für die Haushaltsdefizite auf den Punkt genau erfüllt werden.

Japan konnte im vergangenen Jahr mit 3.5% die höchste Wachstumsrate aller Länder der G7 erreichen, da die Exporte erheblich anstiegen, finanzpolitische Maßnahmen Wirkung zeigten und die Investitionen nach 1995 nochmals zunahmen. Allerdings sind Unternehmensgewinne und Investitionen sehr stark in den Exportsektoren konzentriert und dadurch entscheidend von der Entwicklung des Wechselkurses abhängig. Daher ist ungewiß, ob und in welchem Maße sich der Aufschwung weiter fortsetzen kann.

Risiken des globalen Ungleichgewichts für die Entwicklungsländer

Die stark unterschiedliche Entwicklung des Nachfragewachstums in den Industrieländern ist die Ursache für das zunehmende Handelsdefizit der Vereinigten Staaten und zunehmende Handelsüberschüsse in Westeuropa und Japan. Laut UNCTAD sollten Europa und Japan nachfragefördernde Maßnahmen ergreifen, damit auf globaler Ebene eine mittel- bis langfristig ausgeglichene Nachfrage- und Handelsstruktur erreicht werden kann.

UNCTAD warnt in diesem Zusammenhang, daß sich die Ungleichgewichte im internationalen Handel weiter verstärken werden und damit auch die Gefahr von Handelskonflikten weiter zunimmt, solange der Aufwertungsdruck für den Dollar fortbesteht. Für die Entwicklungsländer hätte eine solche Konstellation - Spannungen in den internationalen Handelsbeziehungen, Dollaraufwertung und daraus resultierend ein Anstieg der Zinsen - noch gravierendere Folgen als in den 80er Jahren, denn diese Länder sind heute wesentlich stärker in das internationale Handels- und Finanzsystem integriert und stärker von hochliquiden Kapitalzuflüssen abhängig.

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Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte an: Dr. Detlef J. Kotte, Division on Globalization and Development Strategies, UNCTAD, Tel.: (+41-22) 907-5837/5923, Fax: (+41-22) 907-0274, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. ; oder Carine Richard-van Maele, Senior Press Officer of UNCTAD, Tel.: (+41-22) 907-5816/28, Fax: (+41-22) 907-0043, E-Mail: Diese E-Mail-Adresse ist gegen Spambots geschützt! JavaScript muss aktiviert werden, damit sie angezeigt werden kann. . 

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