Mittwoch, 22 November 2017
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Generalsekretär Boutros Boutros-Ghali: Die Vereinten Nationen und die globale Kommunikationsrevolution

UNIC/11

Vortrag vor der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik

BONN, 20. Juni 1996 (UN-Informationszentrum) – Der Generalsekretär der Vereinten Nationen, Boutros Boutros-Ghali, hält vor der Deutschen Gesellschaft für die Vereinten Nationen und der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik heute im alten Plenarsaal des Deutschen Bundestages (Wasserwerk) nachstehenden Vortrag:

Ich möchte heute mit Ihnen über eine der wohl mächtigsten Kräfte reden, die in unserer Welt am Werke sind: die globale Kommunikationsrevolution.

Der Traum von unmittelbarer Information und Kommunikation, die auf Knopfdruck sofort zur Verfügung stehen, ist Realität geworden. Die rasanten Fortschritte der Medien- und Fernmeldetechnik haben uns schon jetzt in ein Zeitalter des sofortigen Informationszugangs und der unmittelbaren Narichtenberichterstattung katapultiert. Die Technik macht es möglich, noch weiter zu gehen und eine echte globale Kommunikations- und Informationsgesellschaft zu schaffen.

Ich begrüße diese Unumgänglichkeit des technischen Wandels. Ist sie doch lebendiger Ausdruck menschlichen Einfallsreichtums, menschlicher Kreativität und der angeborenen Befähigung zum Fortschritt.

Die Entwicklungen in der Informationstechnik haben bereits tiefgreifende und vorwiegend positive Auswirkungen auf den Einzelnen, wie auch auf die Regierungen. Ich glaube, dass es weder möglich noch wünschenswert wäre, das Rad der Zeit zurückzudrehen. Aber es ist wichtig, Bilanz zu ziehen und die vollen Auswirkungen dieser Veränderungen auf unser Leben zu erkennen.

Für den Einzelnen bringen die neuen Technologien mehr Entfaltungsmöglichkeiten. Die Welt ist verkabelt für Töne, bald wird sie auch für Bilder sein. Rundfunk. Telefon. Satellitenfernsehen. Das Internet. Sie alle öffnen dem Einzelnen ein Fenster zu den Ideen und den Ereignissen auf unserer Welt. Sie alle bieten Wege, um der Welt die eigenen Vorstellungen zu präsentieren. Immer mehr Möglichkeiten zur individuellen Bildung und zur Teilnahme am lokalen, nationalen, regionalen und sogar am globalen Geschehen.

Das traditionelle Anliegen der Diplomatie ist die Schlichtung und diese erfordert oft Verhandlungen abseits der Öffentlichkeit.

Das Anliegen der Medienberichterstattung wiederum ist die öffentliche Information. Privatsphäre gegen Öffentlichkeit. Dieses Spannungsverhältnis ist weder neu noch unerwünscht, da beide Ziele gleichermaßen legitim und wichtig sind.

Heute bringen die neuen Medien noch zusätzliche Spannungen.

Die Presse sucht unmittelbare Aktualität. Der technologische Wandel hat den Wunsch der Öffentlichkeit nach immer schnellerer Information bis hin zur Nachricht in der „Realzeit“ entstehen lassen. Regierungen sollen sofort auf die Live-Berichterstattung reagieren, auf Beiträge, denen die Perspektive des zeitlichen Abstands fehlt, oder die vielleicht sogar falsch sind. Dennoch können es sich Regierungen, vor allem in demokratischen Ländern, einfach nicht leisten, den Einfluss der Fernsehberichterstattung auf die öffentliche Meinung zu ignorieren.

Gute Diplomatie braucht jedoch das Gegenteil. Diplomatie wird nicht mit kurzen Originaleinspielungen oder Satellitenoliveübertragungen betrieben. Diplomatie ist ein geduldiges Geschäft, oder sollte es sein. Der Einfluss von Live-Berichten, die die Regierungen sofort erreichen, kann den diplomatischen Prozess gefährdet. Und in Konfliktsituationen können sie sogar das Leben von Soldaten vor Ort bedrohen. Sogar wenn die Nachrichten vollkommen richtig sind, kann vielleicht ein besseres Ergebnis erzielt werden, wenn die Beamten und Diplomaten Zeit zum Nachdenken und zur Analyse haben.

Ich wiederhole, es gibt Spannungen. Die Medien brauchen Aktion und Dramatik; Diplomaten erkennen oft, dass Nichthandeln für den Moment der klügste Weg sein könnte, und dass, im komplexen Bereich der zwischen staatlichen Beziehungen, Langweile oft das Beste ist.

Dies führt uns zu einen dritten Spannungsfeld. Rundfunk- und Fernsehsprecher können unmöglich jedes Thema aufgreifen, oder über alle Facetten einer Meinung berichten. Der Tag hat nur 24 Stunden. Und sogar die passioniertesten Nachrichtenjäger würden unter „Informationsüberlastung“ leiden. Nachrichten müssen in eine verdauliche Form gebracht werden.

Daher müssen Medien selektiv sein. Aber das heißt, dass die Öffentlichkeit nicht immer ausgewogene Meinungen erhält, oder ein vollständiges Bild von Weltereignissen. Selektive Nachrichtenberichterstattung, die sowohl unterhalten als auch informieren will, kann Nachteile für die Diplomatie bringen.

Die Vereinten Nationen sind nicht frei von diesen Spannungen. Wir sitzen im Zentrum eines enormen Medienbetriebes – der immer eifrig bemüht ist, die Details der stillen Diplomatie, die unter UN-Führung stattfindet, offen zu legen; der immer nach einer sofortigen Reaktion auf Weltereignisse verlangt: und der unermüdlich an den friedenserhaltenden Aktivitäten der UN interessiert ist, wodurch der größte Teil der Arbeit der Vereinten Nationen oft ausgeblendet wird.

Dies überrascht mich nicht. Friedenserhaltung ist wichtig und bringt gute Schlagzeilen. Es ist aber auch richtig, dass eine selektive Berichterstattung über UN-Aktivitäten zu einer verzerrten Wahrnehmung der Rolle der Vereinten Nationen führen kann. Im besten Fall bekommt die Weltöffentlichkeit ein unvollständiges Bild der UN-Programme im Bereich Menschenrechte, der humanitären Hilfe, der Entwicklung und der Demokratisierung. So wird die Rolle der Vereinten Nationen bei der Unterstützung und Förderung des Völkerrechts und der Gestaltung eines positiven internationalen Umfeldes für Wirtschaft und Industrie wenig bis gar nicht wahrgenommen.

Bis jetzt war die Kommunikationsrevolution auch für die Vereinten Nationen sehr nützlich. Anstrengungen der Vereinten Nationen im Bereich der Sammlung von Information und der Schaffung von Bewusstsein überinternationale Themen haben davon am meisten profitiert. Dies gilt auch für das Thema Vereinte Nationen selbst. Heute erreichen die Vereinte Nationen die Weltöffentlichkeit in einem nie dagewesenen Umfang. Dies schafft nicht nur öffentliche Unterstützung. Es ermutigt auch die Träger der Vereinten Nationen – das sind die Leute der Vereinten Nationen und ihre Mitgliedsstaaten – an der Debatte über die Zukunft der Organisation teilzunehmen.

Auf allen Ebenen, die ich heute angesprochen habe – des Individuums, der Regierung, der Medien, der Vereinte Nationen – ist die von der Kommunikationsrevolution aufgeworfene Frage im Wesentlichen eine Frage der Ausgewogenheit. Die Fortschritte, die in der weltweiten Kommunikation und in den Informationstechnologien gemacht wurden, bieten Möglichkeiten, von denen man vor einer Generation noch nicht einmal träumte. Es ist auch richtig, dass wir damit beginnen, uns mit den Folgen dieser Entwicklung zu beschäftigen.

Die Vereinte Nationen selbst sind einerseits gefordert, die allgemeinen Grundsätze von Freiheit und Unabhängigkeit der Medien gegen neue Gefahren zu verteidigen, und die Entwicklung einer wirklich weltweiten Medienkommunikation zu fördern, zu der alle Nationen und Menschen Zugang haben.

Auf der anderen Seite müssen die Vereinte Nationen auf die reale Situation eingehen, dass sich die Bedürfnisse der Diplomatie und der modernen Medien von Zeit zu Zeit als unvereinbar herausstellen können. Die Vereinte Nationen müssen darauf hinarbeiten, dass die internationalen Ressourcen und Energien nicht aus Bereichen abgezogen werden, auf das Scheinwerferlicht der Medien gerade nicht gerichtet ist. Und die Vereinte Nationen müssen eng mit den Medien zusammenarbeiten, nicht um die Öffentlichkeit zu informieren, sondern auch um die internationalen Entscheidungsprozesse zu beeinflussen.

Ich glaube fest, dass Organisationen wie die Ihren – die Deutsche Gesellschaft für die Vereinten Nationen und die Deutsche Gesellschaft für Auswärtige Politik - wichtig für diese Kommunikationsaufgabe sind. Aus diesem Grund wollte ich heute unbedingt mit Ihnen zusammentreffen.

Und ich bin doppelt erfreut, dass ich Ihre beiden Gesellschaften gleichzeitig treffen kann, weil Sie ein ausgezeichnetes Beispiel dafür sind, wie Kommunikation in beide Richtungen fließen muss. Wir müssen die Vereinte Nationen genauso zu den Menschen bringen, wie die Deutsche Gesellschaft für die Vereinte Nationen der deutschen Bevölkerung die Vereinte Nationen näher bringt. Und gleichzeitig müssen auch die Ansichten der Menschen über die Vereinte Nationen und den Themen, mit denen sie sich befasst, den Vereinten Nationen und der Welt vermitteln werden, wie das von Organisationen wie der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik getan wird.

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