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Ein Flehen für die Rohingya-Flüchtlinge, von António Guterres, 24. Juli 2018

Kleine Kinder, niedergemetzelt vor ihren Eltern. Mädchen und Frauen von Männergruppen vergewaltigt, während Familienmitglieder gequält und getötet wurden. Dörfer bis auf die Grundmauern niedergebrannt.  

Nichts hätte mich auf das Erschreckende vorbereiten können, über das ich von den Rohingya-Flüchtlingen Anfang des Monats in Bangladesch gehört habe. Die Rohingya sind vor den weitverbreiteten Tötungen und der Gewalt im Rakhaing-Staat in Myanmar geflohen.  

Ein Mann, Mitglied der meist muslimischen ethnischen Gruppe, brach in Tränen zusammen, als er erzählte, wie sein Sohne vor ihm erschossen wurde. Die Mutter des Mannes wurde brutal ermordet und sein Haus wurde niedergebrannt. Er sagte, dass er Zuflucht in einer Moschee suchte aber von Soldaten entdeckt wurde, die ihn missbrauchten und den Koran anzündeten.

Das Leid dieser Opfer, die zu Recht als ethnische Säuberung gesehen werden können, kann bei Besuchern nur Herzschmerz und Wut auslösen. Für ihre schrecklichen Erfahrungen gibt es kein  Verständnis, es ist die Realität von beinahe 1 Million Rohingya-Flüchtlingen. 

Die Rohingya werden verfolgt. Es fehlt ihnen an den grundlegendsten Menschenrechten - das beginnt schon bei der Staatsbürgerschaft ihres eigenen Landes, Myanmar. 

Systematische Menschenrechtsverletzungen durch die Sicherheitskräfte Myanmars wurden im letzten Jahr eingesetzt, um Terror in der Rohingya-Bevölkerung zu erzeugen. Ihnen blieb nur eine schreckliche Wahl: in Todesangst leben oder alles verlassen, um zu überleben. 

Nach einer erschütternden Reise in die Sicherheit versuchen diese Flüchtlinge nun, sich an die schwierigen Bedingungen im Bezirk Cox’s Bazar in Bangladesch anzupassen, die aus der weltweit am schnellsten wachsenden Flüchtlingskrise entstanden sind. 

Bangladesch ist ein Entwicklungsland mit Ressourcen, die an ihre Grenzen stoßen. Während größere und reichere Länder auf der ganzen Welt ihre Tore vor Außenstehenden schließen, haben die Regierung und die Bevölkerung von Bangladesch ihre Grenzen und Herzen für die Rohingya geöffnet. 

Das Mitgefühl und die Großzügigkeit der Bangladeschi ist vorbildlich und rettete vielen Tausenden das Leben. 

Aber die Antwort auf diese Krise muss eine globale sein. 

Ein Global Compact über Flüchtlinge wird gerade von Mitgliedstaaten der Vereinten Nationen fertiggestellt, damit Frontstaaten wie Bangladesch in ihrer Welle der Hilfsbereitschaft nicht allein gelassen werden. 

Die Vereinten Nationen und Hilfsorganisation arbeiten jetzt gemeinsam mit den Flüchtlingen und den Aufnahmegemeinschaften mit voller Kraft für eine Verbesserung der Bedingungen. Aber es werden noch mehr Ressourcen dringend gebraucht, um eine Katastrophe abzuwenden und zum Ausdruck zu bringen, dass eine Flüchtlingskrise eine global geteilte Verantwortung erfordert. 

Ein internationaler humanitärer Aufruf für fast 1 Milliarde US-Dollar ist nur zu 26 Prozent finanziert. Dieses Defizit bedeutet Unterernährung im Camp. Es bedeutet, dass der Zugang zu Wasser und Sanitäreinrichtungen weit vom Ideal entfernt ist. Es bedeutet, dass wir keine Grundausbildung für Flüchtlingskinder anbieten können. Nicht zuletzt bedeutet es unzureichende Maßnahmen, um das unmittelbare Monsun-Risiko abzuschwächen. 

Notunterkünfte, die von den Flüchtlingen hastig bei ihrer Ankunft gebaut wurden, werden jetzt durch Schlammlawinen bedroht und es erfordert dringendes Handeln, um andere Plätze zu finden und bessere Unterkünfte zu schaffen. 

Vieles wurde für diese Herausforderung schon getan, aber es gibt noch immer ein großes Risiko aufgrund der beachtlichen Dimension der Krise. 

Mit Weltbank-Präsident Jim Yong Kim reiste ich nach Bangladesch. Ich begrüße seine Führung bei der Mobilisierung von 480 Millionen US-Dollar für die Unterstützung der Rohingya-Flüchtlinge und deren Gastgeber. Dennoch wird noch viel mehr von der internationalen Gemeinschaft benötigt. 

Solidaritätsbekundungen sind nicht genug; die Rohingyas brauchen aufrichtige Hilfe. 

Trotz allem was sie in Myanmar erduldet haben, haben die Flüchtlinge, die ich in Cox’s Bazar getroffen habe, noch nicht aufgegeben. “Wir brauchen Sicherheit in Myanmar und die Staatsbürgerschaft. Und wir wollen Gerechtigkeit dafür, was unsere Schwestern, Töchter und Mütter erlitten haben”, sagte mir eine verzweifelte aber bestimmte Frau, als sie auf eine Mutter zeigte, die ihr Baby wiegte – das Resultat einer Vergewaltigung. 

Die Krise wird nicht über Nacht gelöst.  So darf es aber nicht unbegrenzt weitergehen.  

Myanmar muss die Bedingungen für die Rückkehr der Flüchtlinge mit vollen Rechten und dem Versprechen auf ein Leben in Sicherheit und Würde schaffen. Das bedeutet massive Investitionen – nicht nur für den Wiederaufbau und die Entwicklung für alle Gemeinschaften in einer der ärmsten Regionen Myanmars, sondern auch in Aussöhnung und Respekt für die Menschenrechte. 

Wenn nicht die grundlegenden Ursachen für die Gewalt im Rakhaing-Staat umfassend angegangen werden, wird das Elend und der Hass den Konflikt weiterhin schüren. Die Rohingya dürfen nicht zu vergessenen Opfern werden. Wir müssen auf ihre deutlichen Aufrufe mit Taten antworten. 

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António Guterres ist Generalsekretär der Vereinten Nationen.  

This article first appeared in the Washington Post. 

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